Qualifikation: kinderlos, wünschenswert: totale Verfügbarkeit

von Melanie

Dieser Text erschien kürzlich bereits auf Melanies Blog glücklich scheitern.

so, der erste monat arbeitslosigkeit ist rum. ich hab es mir nicht einfach vorgestellt, als mutter auf dem arbeitsmarkt, aber ein paar knüller, mit denen ich nicht gerechnet habe, gab’s trotzdem. nachdem ich mich von der vorstellung, was nettes an der uni zu finden (also nett im sinne von: nicht perfekt, nicht in der nähe, schon gar nicht unbefristet oder vollzeit, aber immerhin) innerlich schon getrennt habe, schaue ich inzwischen auch wieder in den bereich, den ich in meinem ersten leben verfolgt habe: sozialpädagogik. da, sollte man meinen, gibt es sie bestimmt: die teilzeitstellen im pendelbereich.

erste stellenanzeige, bei der ich dachte: super, klingt toll. aus der lokalzeitung, darum wenig informationen, nur dass es eine – theoretisch – feministische einrichtung ist, 25 std. pro woche arbeitszeit, aufgabe – betreuung von kindern und jugendlichen. ich ruf also an, um – so das vorhaben – mich über inhalte, vertragsdauer, tarif und so zu informieren.

ich: guten tag, ich rufe an wegen der ausgeschriebenen stelle. da steht 25 std., wie verteilen die sich denn so?

antwort: auf montags bis freitags von 9 bis 17 uhr.

ich: (rechne) – das sind aber 40 stunden?

antwort: ja, das sei nicht immer so vorhersehbar. manchmal müsste man auch bis in die abendstunden bleiben.

ich: und dann an allen fünf tagen? ich frage weil ich einen kleinen sohn habe. kinderbetreuung sei nicht das problem (hust), ich würd nur gern wissen, an wievielen tagen und wie lange ich welche bräuchte.

antwort: ja, hm, also meine kollegin hat grade gekündigt, weil sie einen zwei jahre alten sohn hat. also das glaub ich nicht, dass das geht. die einrichtung ist ja auch ein bisschen außerhalb…

ich: ???

——
stellenanzeige nr. 2, wohneinrichtung für menschen mit behinderung, 50- oder 80%stelle. auch hier wenige informationen, aber ich schicke eine schriftliche (ausgedruckt! mit mappe! ohne zu erwähnen, dass ich ein kind habe!) bewerbung hin, weil ich hoffe, direkt beim gespräch meine fragen loszuwerden. ich werde auch recht kurzfristig per mail gebeten, mich vereinbarung eines vorstellungsgesprächs telefonisch ans sekretariat zu wenden und mache einen termin aus. ich komme an, werde ins büro der heimleiterin gebeten und darf platz nehmen.

heiml: ja, fangen wir direkt an, wollen sie 50% oder 80%?

ich: (überrumpelt. dachte ich hör erst mal was zur einrichtung, oder werde nach meiner motivation und qualifikation gefragt). tja, theoretisch hätt ich gern die 80% (in der stellenanzeige stand genau genommen 50 BIS 80 %, was auch immer das hätte heißen sollen), aber aufgrund der tatsache, dass ich ein kleines kind habe und annehme, man wird hier schichtdienste machen (ging aus der anzeige nicht hervor) seien 50% besser.

heiml: (wühlt in meinen bewerbungsunterlagen) ah, kind. ja ist so, bei 50% wären das zwei bis drei spätdienste pro woche und ein wochenende im monat.

ich: ja, ok.

heiml: ja wissen sie, bei uns wollen alle mütter in den frühdienst, von acht bis eins. wenn da jemand ausfällt, wollen alle rein.

ich: …

heiml: ich suche schon jemanden der zuverlässig ist.

ich: jaja, ich habe schon damit gerechnet, dass man hier schichtdienst arbeitet.

heiml: hm, das hätte man telefonisch vielleicht schon gleich abklopfen können.

ich: ??? (das ganze gespräch war insgesamt 10 minuten lang. ich habe noch nach tarif gefragt, den sie mir nicht nennen konnte, aber zuschicken würde. ach ja, und nach meinem aufgabenfeld. ob die heimleitung noch fragen hätte – nein – und tschüss…)

—————-

wow. das macht mich wütend. sowas von! ja, die stellen wären von der zeit her nicht optimal gewesen. aber welche stelle ist momentan für mich schon optimal? aber ich habe bis vor einem monat auch gearbeitet, und bin zwei bis dreimal die woche nach bochum gependelt, was bis zu 4 stunden fahrtzeit pro bürotag war. wie ihr an den diaologen fest stellen könnt, kam die frage zu meinen qualifikationen gar nicht erst auf – klar, man arbeitet ja nur mit menschen. hauptsache verfügbar. und ich kann noch so sehr betonen, dass ich das hinkriege. mein partner und ich haben uns die elternzeit 50/50 geteilt, würd ich auf einer halben stelle arbeiten, würden wir es weiterhin so halten, dass an meinen arbeitstagen er im falle des kinderkrankseins zu hause bleibt bzw. jemand organisiert der sich ums kind kümmert, ich an den anderen tagen. egal wie sehr wir also im 21. jahrhundert ankommen, auf die arbeitgeber trifft das nicht immer so zu.

ich kann deren perspektive sogar ein bisschen nachvollziehen: erstens sind es beides frauen gewesen, ob mütter weiß ich nicht. aber die wissen auch, das oft eben die realität ist, dass sich die mütter um die kinder kümmern, also ausfallen wenn kind krank oder kita zu (obwohl ich überzeugt bin, dass ausfälle derlei art seltener vorkommen als angenommen. schon weil man sich so viele plan bs bis zs überlegt für den fall des falles). und in sozialen (sic!) einrichtungen ist der personalschlüssel auch meistens eher mau. aber was denken die sich eigentlich, wer sich auf halbe stellen bewirbt?

die heimleiterin hatte sich dann in einer email noch fürs vorstellen bedankt und mir den haustarif zugeschickt. sie würde sich freuen, wenn ich hospitierte. mein bauchgefühl sagt nichts gutes. vor allem weil ich ihr nicht beweisen müsste, dass ich gut arbeite. sondern dass ich gut funktioniere. ich wünsche ihr die teilzeitkraft, die sie verdient.




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Eintrag geschrieben: Montag, 10. September 2012 um 9:00 Uhr unter Ökonomie. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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8 Kommentare

  1. Alana sagt:

    Das hört sich ja echt frustrierend an. Schade, dass es nicht einmal von den weiblichen Chefs eine neue Ausrichtung und neue Impulse in Sachen Arbeitszeitmodell gibt. Natürlich haben auch sie ihre Vorgaben und Ziele, wenn aber nie jemand anfängt in neue, andere Richtungen zu denken und handeln, wird sich doch nie was ändern.
    Wenn auch kein Trost für dich, aber auch für die Kinderlosen (wie mich) und verheiratet ist das auch nicht einfacher. Einen Wechsel brauche ich gar nicht in Erwägung ziehen – unter 30, verheiratet, kinderlos – da ist ja quasi die „Geburtsgefahr“ schon vorprogrammiert. Mega-frustrierend.
    Wird sind jetzt im 21. Jahrhundert und es gibt immer noch nur das „eine“ Arbeitsmodell (Vollzeit, permanent im Büro verfügbar) wie vor 100 Jahren.

    Wünsch dir alles, alles Gute bei der Jobsuche! Du findest sicher noch eine tolle Stelle.

  2. […] der Mädchenmannschaft hat Melanie eine Zweitausgabe ihres Artikels „Qualifikation: kinderlos, wünschenswert: totale Verfügbarkeit“ veröffentlicht, welchen ich im Ganzen gar nicht kritisieren möchte – vor allem, da sie den […]

  3. Andreea sagt:

    Boah da geht mir die Hutkrempe hoch – das ist Alltag leider. Und wenn man verschweigen würde dass frau Kinder hat? Der Job wäre trotzdem eine Katastrophe und die zeitliche Verfügbarkeit, nun ja, könnte man sich überlegen aber nicht bei dem miserablen Gehalt bzw bei einer halben Stelle und halbes Gehalt, wo aber Vollzeit erwartet wird. Und ja, es trifft wieder nur die Frauen… Kotz!

  4. […] hat hier von Bewerbungsgesprächen berichtet, wo es ähnliche Vorurteile gegen Mütter gab. Dass es aber in […]

  5. […] Qualifikation: kinderlos, wünschenswert: totale Verfügbarkeit […]

  6. Melanie sagt:

    Vielleicht sollte ich mal eine Link-Zusammenstellung machen, von Posts, in denen Mütter* von solchen oder ähnlichen Situationen berichten. Damit unsere Familienministerin mal sieht, wie ‚emanzipiert wir selber‘ sind. Hilftnurleidernix…aber: Danke für die aufbauenden Worte!

  7. drehumdiebolzeningenieur sagt:

    @Melanie: Das hab ich gestern abend auch wie ein Mantra im Kopf gehabt „Danke, ich kann so emanzipiert sein wie ich will, aber warum zum Teufel lässt man mich nicht!!!!“

  8. […] hat hier von Bewerbungsgesprächen berichtet, wo es ähnliche Vorurteile gegen Mütter gab. Dass es aber in […]