Queere Tracks

10. März 2010 von Verena
Dieser Text ist Teil 40 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek

Neulich las ich im Missy Magazine in einer Filmkritik das Stichwort Camp. Tiefes Wühlen in meinem popkulturellen Gedächtnis: 60er Jahre, Andy Warhol, Susan Sontag fielen mir ein. Nicht besonders viel. Doris Leibetseder weiß da mehr. In „Queere Tracks. Subversive Strategien in der Rock- und Popmusik“ folgt die Gender-Wissenschaftlerin queeren Spuren in der Rock- und Popmusik, die mit Ironie, Mimikry oder eben auch mit Camp Pfade jenseits der heterosexuellen Orientierung schaffen.
Dabei setzt die Autorin den Ansatz voraus, dass queere Elemente in der Rock- und Popmusik kaum existieren und wenn, dann im Mainstream oft aus medial aufmerksamkeitsgenerierendem Interesse eingesetzt werden. Leibetseder will aber Beispiele nennen, in denen queere Elemente politische Relevanz besitzen.

Da Leibetseder ihre Untersuchungen als Dissertation veröffentlicht, ist die Lektüre entsprechend weniger unterhaltungs- als analyseorientiert. Die Österreicherin bedient sich sowohl der Methoden der gender als auch cultural studies und bröselt ihre Vorgehensweise in etymologische und philosophisch-kulturelle Bedeutungszusammenhänge auf. Damit folgt sie unter anderem Judith Halberstams Methodik der „queeren Methodologie“. Popkulturell interessierte LeserInnen, denen das Editorial in der Spex schon zu bedeutungsschwanger erscheint, werden in „Queere Tracks“ keine unterhaltende Befriedigung finden.  (weiterlesen …)


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Lust für Frauen

2. Februar 2010 von Verena
Dieser Text ist Teil 39 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek

Weißes Titelbild des Buches X (prangt groß in pink in der Mitte) - Lust für Frauen von Erika Lust (klein, ebenfalls in pink über dem X) Diese Buch lässt man sich besser vorlesen. Weil man beide Hände braucht, um entweder an sich herum zu spielen, oder um schon mal die Kamera in Stellung zu bringen. Denn „X – Lust für Frauen“ liefert nicht nur eine umfangreiche Anleitung zum Pornokonsum, auch macht es schlicht Lust auf Sex, Begehren und Sinnlichkeit.

Die eigene Vorstellung von Sex im Porno zu verarbeiten, das ist das Ziel der Autorin und Produzentin Erika Lust. Weil sich die Schwedin selbst im herkömmlichen Porno kaum repräsentiert fühlte – zu stereotyp, mit billiger Deko, schlechter Musik und unfreiwilliger Komik – folgt sie nun ihrer eigenen visuellen Vorstellung, ohne dabei den Weichzeichner zu bemühen. Stattdessen: Weg vom Mainstream-Gerammel, in denen Frauen auf die Rollen der lüsternen Lolita oder aufs Fieberthermometer geilen Krankenschwestern reduziert werden. Weg von den auch auf Männer projizierten Klischees der Zuhälter, Multimillionäre oder „megamuskulösen Sexmaschinen“. Hin zu mehr Vielfalt und weiblicher Definitionsmacht darüber, wie Pornographie aussehen kann. Denn das ist bei einer aktuell mehrheitlich von weißen heterosexuellen Männern dominierten Branche auch dringend notwendig.

„Informierte Masturbatorinnen“ nennt Lust ihre Zielgruppe; Frauen, die herausfinden wollen, was sie sexuell anspricht und erregt. Schlapplachen ist nicht. „Wir werden ihn schöner“ machen, verspricht Lust zu Beginn und das klingt gefährlich nach weiblicher Stereotypisierung, immer alles hübsch und schön anzusehen haben zu wollen.
Aber keine Sorge, die Autorin lässt eigentlich alles gelten und will keinerlei Beschränkungen auferlegen. Was zählt ist das, was jede_r Einzelne_r für sich entdecken will. Lust liefert dafür nur die theoretisch reichhaltigen Grundlagen. (weiterlesen …)


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Handlungsräume für Feminismus

6. Januar 2010 von Helga
Dieser Text ist Teil 38 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek

Weißes Cover mit lila-roter Aufschrift: Anne Lenz · Laura Paetau - Feminismen und »Neue Politische Generation«Mit „Feminismen und »Neue Politische Generation«” bringen die Autorinnen Anne Lenz und Laura Paetau ihre gemeinsame Abschlussarbeit als Buch heraus, statt sie im Bibliothekskatalog verstauben zu lassen. Ihnen geht es um die Erforschung aktueller feministischer, politischer Praxis, herauskommen soll dabei ein Handbuch zur Organisierung.

In acht Kapiteln beschreiben sie Handlungsoptionen und Wirkungsfelder verschiedener Aktivist_innen, sowie die dahinter stehenden Theorien. Für das Buch haben Lenz und Paetau Aktivist_innen aus sechs linken Berliner Gruppierungen interviewt, sowie eine Hacktivistin und mit Sabine Hark eine Expertin für feministische Theorie. Die Interviews werden auf verschiedene Aspekte untersucht, u.a.: was bedeutet „feministisch”, was ist die Abgrenzung zu Sexismus und wo greifen Intersektionalitäten? Drei der Interviews werden im Rahmen einer Typologisierung näher ausgewertet, die politischen Stratgien herausgearbeitet und beispielhaft dargestellt.

Neben der Erklärung des Forschungsaufbaus wird auch der theoretische Hintergrund der Neuen Politschen Generation erläutert und auf den Einfluss der Neuen Deutschen Frauenbewegung, der zweiten Welle, eingegangen. Die Kapitel zur Forschung wechseln sich dabei mit denen zur Theorie ab. Ein Leser_innenguide erleichtert die Orientierung und zeigt Möglichkeiten zum Querlesen auf.
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Plädoyer für die emanzipierte Familie

7. Dezember 2009 von Susanne
Dieser Text ist Teil 37 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek

ortgies_heimspielWarum halten wir privat immer noch an einem überkommenen Lebensmodell fest, das nicht nur für Frauen direkt in Frust und Altersarmut führt, sondern auch Männer zum Ernährer-und-sonst-Zuschauer degradiert? Dieser Frage geht die Journalistin und Fernsehmoderatorin Lisa Ortgies in ihrem Buch “Heimspiel. Plädoyer für die emanzipierte Familie” nach.

Am auffälligsten an diesem Buch ist die Gliederung der Themen, die sie wählt: Väter, Haushalt, Mütter, Kinder. Richtig gelesen: Haushalt. Was soll man dazu schon schreiben?, fragt sich da vielleicht die Leserschaft, aber nach der Lektüre von Ortgies’ Haushaltskapitel ist klar: Unendlich viel. Denn der Haushalt ist Quell von Frustration, gescheiterten Emanzipations-Anstrengungen, er zementiert alte Rollen, ist ein Schutzschild vor anderweitigen Ambitionen und und und.

Das Wichtigste vielleicht gleich zuerst:

“Nach wie vor spricht man dem [...] Ideal der romantischen Liebe eine uneingeschränkte Macht über die Banalitäten des Alltags zu.”

Soll heißen: Verliebte, und das sind ja meistens diejenigen, die sich entschließen, ihre Leben zusammenzulegen, zu heiraten oder Kinder zu kriegen oder alles zusammen, genau die verschließen gern die Augen vor den Problemen, die der Alltag so mit sich bringt. Über den Alltag, vor allem den Haushalt redet man nicht. Das wäre der Liebe nicht angemessen. Oder so. Und deswegen erwischen die meisten Paare die entsprechenden Widrigkeiten dann eiskalt:

“[...] Experten kommen zu dem Schluss, dass die Frauen schon vor der Ehe mutmaßten, mehr Aufhaben übernehmen zu müssen, während die Männer umgekehrt damit rechnen, entlastet zu werden. Und genauso ergibt es sich dann auch – womit wir wieder bei der selffulfilling prophecy wären.”

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Liebe im Kopf

26. Oktober 2009 von Verena
Dieser Text ist Teil 36 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek

LovemeorLeavemeLove me or leave me – was wäre das Leben einfach, wenn sich solche Pauschalregeln durchsetzen ließen. Doris Guth und Heide Hammer haben aber mit der gleichnamigen Aufsatzsammlung niemandem ein Ultimatum stellen wollen. Vielmehr geben sie elf AutorInnen die Gelegenheit „Liebeskonstrukte in der Populärkultur“ aufzudecken. In der Einleitung schreiben die Herausgeberinnen:

In der Perspektive des Cultural Studies verfolgen wir die changierenden Bewegungen zwischen dem überaus intimen, persönlichen Bereich der Liebesbeziehungen und ihren gesellschaftlichen wie medial vermittelten Faktoren.

Dabei können die Konstruktionen so leicht enttarnbar sein wie in deutschen Lifystylezeitschriften oder der us-amerikanischen Serie „The L-Word“, in deren Mittelpunkt eine lesbische FreundInnen-Community“ steht. Oder sie stellen feministische Grundthesen in Frage, wie die Annahme, Frauen in liberalen Gesellschaftssystemen wären durch die Schaffung „privater“ (weiblicher) und „öffentlicher“ (männlicher) Räume stärker benachteiligt als Frauen eines kommunitaristischen Gemeinwesens. Die Anthropologen Eva Illouz und Eitan Wilf belegen ihre Thesen anhand einer vergleichenden Studie us-amerikanischer und israelischer Frauenzeitschriften. Andere AutorInnnen konzentrieren sich auf den eigenen Kulturkreis und untersuchen zum Beispiel die Liebesdiskurse im deutschsprachigen Rap.

Was als rein wissenschaftliche Lektüre beginnt, erweitert sich im weiteren Verlauf des Sammelbandes zur populärkulturtypischen Diskursanalyse eines Diedrich Diederichsen. Wen das in seinem auf Stringenz gepolten akademischen Denken verunsichert, den dürfte Stephanie Kiesslings Beitrag auflächeln lassen. In „These foolish things remind me of you – eine kleine Verschwörungstheorie der Dinge“ gibt sie – begleitet von wunderbaren Illustrationen – dem Begehren des Sammelns einen emotionalen Fetisch-Anstrich als Zeichen romantischer Liebessehnsüchte.

Ähnlich unkonventionell nähert sich Sissi Szabó literarischen Liebeskonstrukte. Ihr „automatischer copy-paste-Schreibworkshop“ zeigt in der ihr eigenen Sprache alltägliche Kommunikationskanäle von Liebenden auf.

Mit „Love me or leave me“ setzen die Herausgeberinnen Guth und Hammer ganz bewusst auf die individuellen Formate ihrer AutorInnen. Dadurch entsteht ein vielseitiger Blick auf die unterschiedlichen Herangehensweisen, die von der Populärkultur begünstigten Konstruktionen zu hinterfragen. Die gleiche Wirkung erzielt die Wahl der behandelten Medien, die von Zeitschriften und Musik, über Fernsehen und Film bis hin zur Literatur reicht. Dass auch internationale Perspektiven – nicht zuletzt in Ruby Sicars Beitrag über die Queerness in südasiatischen Filmen – eine Rolle spielen, ist ein weitere Pluspunkt für die Sammlung.
„Love me or leave me“ wird auch diejenigen ansprechen, die bisher eher wenig Berührung mit dem Hinterfragen gängiger „Liebes-Codes“ in der Populärkultur hatten, oder gerade erst anfangen, sich damit zu beschäftigen. Für alle anderen halten die teilweise originellen Forschungsansätze sicher trotzdem neue Erkenntnisse bereit.

Erschienen bei Campus, 231 Seiten, 24,90 Euro

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Vom Leben im Patriarchat

5. Oktober 2009 von Verena
Dieser Text ist Teil 35 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek

Titelbild HerrschaftszeitenAls wir uns entschlossen, „Herrschaftszeiten!“ in der feministischen Bibliothek zu besprechen, lautete der Untertitel des Sammelbands noch: „Vom Leben im Patriarchat“. Nun steht „Vom Leben unter Männern“ auf dem lilafarbenen Einband – hm, na sowas…

Dabei geht es in den Berichten der 85 Frauen aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport genau darum: Um ihre Erfahrungen im patriarchalisch gefärbten Alltag. Das sind kurzweilige und unterhaltsame Anekdoten wie die der ehemaligen Nachrichtensprecherin Dagmar Berghoff, die der ständigen „Fräulein“-Anrede ihres Chefs ein trotziges „Pascha“ entgegen setzte. Oder Schwimmweltmeisterin Petra Dallmann, die eine Diskobekanntschaft aufgrund ihrer sportlichen und akademischen Erfolge in die Flucht schlug. Aber auch nachdenkliche Beiträge, wie die von Moderatorin Dunja Haylali oder Ingrid Mühlhauser, Professorin für Gesundheitswirtschaft, die die Unterdrückung der Frau im medizinischen Diskurs darstellt.
Und dann sind da die zahlreichen Frauen aus Politik und Wirtschaft, die die bekannten Fakten aufzählen: Frauen verdienen 23 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen; Frauen haben die besseren Schul- und Uniabschlüsse, machen aber trotzdem weniger Karriere; Frauen sind in Führungspositionen sämtlicher Branchen unterrepräsentiert.

Die ehemalige Artdirektorin und heutige Professorin für Visuelle Kommunikation Friederike Girst hat ein Buch herausgegeben, das ein Sammelsurium an Meinungen, Erfahrungen und Strategien bereit hält. Egal ob als zynische Fiktion, informative Analyse oder grundsätzlicher Rundumschlag, gemein ist allen Portraitierten die Auffassung, egal wie sehr die Emanzipation der Frau das Patriarchat bereits zurück gedrängt hat, nach wie vor besteht Handlungsbedarf. Neben Texten der Portraitierten gibt es zahlreiche Bilder und Collagen diverser Künstlerinnen, in denen das Thema des Buches visuell verarbeitet wird.

(Geschlechts)-Uhren umstellen, zum Kuckuck! - Die Künstlerin Rosalie hat eine eindeutige Bildsprache

(Geschlechts)-Uhren umstellen, zum Kuckuck! - Die Künstlerin Rosalie hat eine eindeutige Bildsprache

Das Spannende an Girsts Buch: Die Portraitierten stammen aus unterschiedlichen Altersklassen und Berufen – und sind keineswegs überzeugte Feministinnen. Viel eher finden sich Texte, in denen die Urheberin anfangs erklärt, sie hätte eigentlich nie eine Benachteiligung erfahren, bis auf, ja vielleicht… und dann springt der Gedankenmotor an und es finden sich doch noch einige Belege patriarchaler Alltagsstrukturen. Herrschaftszeiten“ erfordert Offenheit und Toleranz beim Lesen. Denn jede Frau wird sich hier angesprochen, dort widersprochen fühlen. Aber so vielseitig weibliche Lebensentwürfe und -Realitäten sind, so vielfältig sind auch die feministischen Ansätze. Neben den „üblichen Verdächtigen“ Thea Dorn, Iris Radisch oder Silvana Koch-Mehrin kommen auch Frauen zu Wort, die in den aktuellen Feminismus-Diskussionen sonst keine Rolle spielen.

Diese zeitweilige Unvoreingenommenheit macht die Lektüre ungemein abwechslungsreich und spannend. Gleichzeitig stellt sie aber auch die Frage, was tun mit all diesen Eindrücken? Und lohnt es sich, dieses Buch von vorne bis hinten „durchzuackern“, oder reicht der ein oder andere unverbindliche Blick auf diese oder jene Episode. Und wo die LeserIn gerade noch herzhaft über den absurden Witz Katja Kullmanns lachen musste, fordert der nächste Beitrag schon wieder stirnrunzelnde Betroffenheit. Denn bei der allgemeinen Kurzweiligkeit der Portraits, ein Text wie der von Jutta Ditfurth über die Biografieverfälschung Ulrike Meinhofs, liest sich in diesem Sammelsurium irgendwie fehl am Platze. Und das zeigt eine mögliche Schwäche des Buches, der Kritik am Ungleichgewicht von Frauen und Männern nicht genügend Kanonenfutter zu liefern: Denn in der Fülle aus Humor und Fakten, Anspruch und Schulterzucken geht die inspirierende Konsequenz schon mal unter.

Wer das aber im Hinterkopf behält, der wird ein gut durchmischtes Buch lesen können, das viele unterschiedliche Gesichtspunkte und Herangehensweisen aufzeichnet und sich vor allem für diejenigen eignet, die bei den Begriffen „Feminismus“ und „Patriarchat“ sonst dankend abwinken. Nach einigen Seiten aus diesem Buch dürfte sich manche voreingenommne Meinung ändern.

Erschienen bei DuMont, 312 Seiten, 16,95 Euro

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Jenseits der Gleichberechtigung

27. September 2009 von Barbara
Dieser Text ist Teil 34 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek

“Weit über Gleichberechtigung hinaus …” heißt ein Bändchen von Ina Praetorius, das vor kurzem im Christel Göttert Verlag erschienen ist. Untertitel: “Das Wissen der Frauenbewegung fruchtbar machen”. Es geht Ina Praetorius unter anderem darum, dass Feministinnen mehr fordern als nur Gleichberechtigung, dass Gleichberechtigung eigentlich als pars pro toto, als Teil des Ganzen, und somit als Mittel zum Zweck gesehen werden kann. Das Streben nach Gleichberechtigung sieht Praetorius sogar als hinderlich. Sie schreibt:

Was Feministinnen unter Weltgestaltung verstehen, haben sie schon in unzähligen Texten erläutert. Aber dieses Wissen, das uns eigentlich längst zur Verfügung steht, wird immer wieder vergessen. Warum? Weil wir immer noch zu sehr mit dem Kampf um Gleichberechtigung beschäftigt sind? Weil wir noch nicht aufgehört haben, das “Höhere Männliche” anzubeten, das sich heute kaum mehr “Herrgott”, sondern zum Beispiel “Wallstreet” oder “Eliteuniversität” oder “FAZ” nennt? Und weil Weltgestaltung anstrengend ist?

Ina PraetoriusAnstrengend ist ein gutes Stichwort, das die Bemühungen einer jeden Feministin treffend beschreibt. Es ist anstrengend, auf Sexismen hinzuweisen, gegen Diskriminierung zu kämpfen – und dabei nicht schlecht gelaunt, sarkastisch und verbittert zu werden.

Doch dass das Streben nach Gleichberechtigung auch Schattenseiten hat, damit gebe ich der Autorin recht, wenn sie nur vermeintlich naiv betrachtend schreibt, “… es ist nicht angemessen, lebenswichtige Dinge wie Kochen, Reinigen, Zuhören oder Kinderhüten für minderwertig zu erklären. Genauso wenig realistisch ist es zu meinen, das, was man ‘Karriere’ oder ‘öffentliche Positionen’ nennt, sei grundsätzlich interessant”. Was interessant oder nicht ist, hat immer auch mit gesellschaftlichem Druck zu tun. Doch dass Gleichberechtigung hinsichtlich geteilter Macht nach wie vor ein Thema für die Frauenbewegung ist, hat sehr treffend Petra Steinberg kürzlich in der SZ geschrieben:

Warum wollt ihr die Macht überhaupt, fragen manche Männer. Und was wollt ihr mit ihr? Sie ist nichts, die Macht, sie macht höchstens krank, dick und Magengeschwüre. Das mag sein. Aber man muss sie erst einmal ausprobieren können, um sich denn vielleicht gegen sie zu entscheiden.

Dagegen entscheiden kann auch bedeuten, etwas Neues zu finden. Dass Begriffe wie Karriere oder Macht mit neuen Inhalten befüllt werden, fern von 60-Stunden-Woche oder Machtmissbrauch – etwas, dass das Leben von Frauen und Männern verbessern könnte.  Auch Ina Praetorius weiß darum und schließt deshalb mit dem hoffnungsvollen Gedanken eines gleichberechtigten Denkens:

… viele Männer haben sich durch die Politik des weiblichen Separatismus daran gewöhnt, dass unser Wissen sie nichts angeht, glauben vielleicht sogar, Frauen wollten nur zu Frauen sprechen und daher seien ihre Aussagen nicht wichtig fürs Ganze. Doch diese Männer hätten trotzdem die vielen Bücher lesen können, die aus den Räumen des Frauenwissens kamen. Warum haben sie es kaum getan? Weil sie von den Attacken der revoltierenden Frauen thematisiert sind? … Eins aber ist sicher: Es gibt auch Männer, die feministische Bücher lesen… Mit ihnen ist zu rechnen, wenn wir uns aufmachen in eine Zukunft, die, weit über Gleichberechtigung hinaus, wohnlich sein wird. Für alle.

Ina Praetorius Buch ist eine mögliche Antwort auf die Frage “Wo sind wir gerade in der Frauenbewegung”, sie ruft Errungenschaften ebenso wie noch zu Erringendes in Erinnerung. Und vergisst dabei nicht den gesunden Menschenverstand.

Ina Praetorius, “Weit über Gleichberechtigung hinaus … Das Wissen der Frauenbewegung fruchtbar machen”. Christel Göttert Verlag, 2009. 80 Seiten, broschiert. 5 EUR.


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Die ständige Arbeit am Körper

23. September 2009 von Susanne
Dieser Text ist Teil 33 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek

Susie Orbachs “Bodies” ist mit seinen gerade mal 145 Seiten so dicht und grundlegend, dass es nicht nur zu einem Klassiker wie ihr Buch “Fat is a Feminist Issue” werden wird, sondern es einem auch richtig schwer macht, wo man jetzt anfangen soll beim Empfehlen. Deswegen greife ich mir einfach mal ihre zentralen Thesen heraus:

“Our bodies no longer make things.”
Dass unsere Körper nichts mehr wirklich tun, mag erst mal nur eine schlichte Feststellung sein, für Orbach ist sie allerdings einer der zentralen Gründe, warum das Verhältnis zwischen uns und unseren Körpern immer gestörter wird. Beziehungsweise Störungen wie die verschiedenen Body Image Disorders zunehmen. Denn weil unsere Körper nicht mehr für unsere tägliche Arbeit funktionieren müssen, wir unseren Körper nicht mehr bei körperlich anstrengenden Arbeiten z.B. auf dem Feld oder in der Fabrik spüren, wird unser Blick – quasi aus Langeweile – auf unseren Körper ein anderer. Er wird vom Subjekt zum Objekt:

“Our bodies are and hace become a form of work. The body ist turning from being the means of production to the production itself.”

“Our body is our calling card, vested with showing the results of our hard work and watchfulness or, alternatively, our failure and sloth.”
Was sich wirklich zum Massenphänomen ausgeweitet habe, so Orbach, dass wir unseren “natürlichen” Körper nur als vorläufige Version wahrnehmen (“Biology need no longer be destiny”). Schon ganz junge Mädchen und auch Jungen lernen den Blick auf ihren Körper, der danach schaut, welche Stellen ein Makeover vertragen könnten. Dieser Blick orientiert sich am gängigen Schönheitsideal und je näher jemand diesem kommt, desto “erfolgreicher” sehen wir seine Arbeit am Projekt Körper. Der wird zum Wert an sich, ihn nicht zu verschönern, wird als Versagen oder sogar als unanständig angesehen:

“The individual is now deemed accountable for his or her body and judged by it. ‘Looking after oneself’ is a moral value. The body is becoming akin to a worthy personal project.”

“For the democratic idea has not extended to aestetic variation.”
Obwohl Schönheitschirurgie und die Arbeit am Körper zu einer “demokratischen Idee” geworden ist, sich also jeder irgendeine Art leisten kann, an sich zu “arbeiten” – oder sich einen Kredit nehmen kann für die neuen Brüste, die Fettabsaugung, die Lidstraffung -, pendele sich paradoxerweise das, was wir als schön empfinden, auf einen immer kleineren Nenner ein. Das wiederum schließt immer mehr Menschen als “nicht schön” aus, die sich dann überlegen können, sich ebenfalls per ärztlicher oder Trainer-Nachhilfe dem Ideal versuchen anzunähern. Es könnte also tatsächlich so etwas wie einen Schönheitsstrudel geben, der sich immer schneller dreht und immer mehr Menschen mit sich zieht.

“…, there has never been an altogether simple, ‘natural’ body. There has only been a body that is shaped by ist social and cultural designation.”
Orbach erklärt, welchen großen Einfluss unser soziales Umfeld auf unsere Körperwahrnehmung hat. Und das heißt nicht nur, dass wir uns an den Bildern sehen, die wir jeden Tag in den Medien sehen. Sondern vor allem bezieht sie sich auf das persönliche Umfeld, auf den “imprint of the familial bosy story”, alsoder Einfluss unserer Familie, vor allem der Eltern auf das eigene Körpergefühl. Besonderes Augenmerk legt sie dabei auf Mutter-Tochter-Beziehungen und die Tatsache, dass die meisten Mädchen heute mit einer Mutter aufwachsen, die sie dabei beobachten können, wie sie vor dem Spiegel kritisch in ihre Fettpolster kneift. Außerdem gäbe es da auch noch grobe Unterschiede zwischen dem Aufwachsen in einem männlichen und in einem weiblichen Körper:

“Studies showed that boys were breastfed for longer, that each feeding period was lengthier, that they were weaned later, potty-trained later and even held more than girls; and this confirmed the emotional experience of the feminine psychology. (…) it is clear that the historical training of girls to be demure and boys to be adventurous affected their bodies’ structures.”

“… the ‘right’ food and the ‘right’ size now signify one’s membership in modernity.”
Der Körper, das zeigt die Autorin, hat viel von einer Visitenkarte (s.o.) und die gestalten Menschen heute so wie sie gern gesehen werden möchten – sowohl den angestrebten sozialen Status soll der Körper darstellen, es geht auch darum, sich über die Arbeit am Körper seines Geschlechts zu versichern – er ist Teil des doing gender.

“As we perform our exercises, do our hair, put on our clothes, we are underpinning how we wish to be seen and how we see ourselves. We prepare with pleasure. Our bodily practices don’t come to us from on high as a prescription to follow like some catechism.”

Susie Orbach untersucht unser merkwürdiges Verhältnis zu unseren Körpern von allen Ecken und Enden, nähert sich dem Zeitgeistphänomen durch Erfahrungen aus ihrer Praxis als Psychoanalytikerin und -therapeutin und ist vor allem reflektiert und an vielen Stellen selbstkritisch. Das alles liest sich sehr spannend und gräbt in Tiefen, in die sich die allgemeine Berichterstattung über “Magermodel” und Schönheits-OPs so gut wie nie begibt. Deswegen: Extrem lesenswert.

Erschienen bei Profile Books, 145 Seiten, 17 Euro.

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Eine mutige Frau

27. August 2009 von Barbara
Dieser Text ist Teil 32 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek
Anna Boom / DVA

"Das Leben der Anna Boom" / DVA

Dieses Buch erzählt die Geschichte einer Frau, die im Zweiten Weltkrieg vielen Menschen geholfen hat, vielen Menschen das Leben gerettet hat. Die Niederländerin Anna Boom ist heute eine alte Dame. Aufgewachsen als behütete Tochter einer Witwe steht ihre Gesundheit während ihrer Kindheit und Teenagerzeit im Vordergrund. Und auch ihre Mutter ist omnipräsent, die die einzige Tochter so gut wie nie alleine lassen möchte. 1942 reist Anna Boom dann 22-jährig ohne die Mutter nach Budapest  –  wegen der Liebe zu einem verheirateten Mann. Und ihrem immer drängenderen Wunsch nach Emanzipation.

In Ungarn, Bündnispartner von Nazi-Deutschland, arbeitet sie dann eher zufällig als geplant für den schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg. Sie überbringt Dokumente, fälscht Pässe, versteckt Menschen und deren Wertsachen. Später hilft sie auch im Krankenhaus bei der Versorgung der Kriegsopfer. Sie erlebt dabei Grauenhaftes – Menschen, die verschleppt werden, vor ihren Augen misshandelt werden und sterben. Als die russische Armee Budapest einnimmt, stellt sie sich gegen russische Soldaten und versucht, zwei Mädchen vor Vergewaltigung und Tod zu retten.

Doch in ihren Erinnerungen ist nicht nur Schrecken, sondern auch Alltägliches. Vom Winter 1944 weiß Anna Boom noch:

“Morgens war sie noch beim Zahnarzt gewesen. Daran konnte sie sich später erinnern, an dieses lächerliche, belanglose Detail. Hauptsache, die Zähne sind gesund! Sie kam sich vor wie ihre eigene Mutter … Die Russen waren nicht mehr weit – wenn auch niemand genau wusste, wo sie sich befanden. Womöglich würde schon bald der Kampf um Budapest ausbrechen, und sie dachte nur daran, ihr Gebiss kontrollieren zu lassen, solange es noch möglich war.”

Was für ein Mensch ist diese Frau, diese “mutige Frau”, die in größter Not an ihre Zähne denkt? Vielleicht ist es genau das, was ihren Mut ausmacht. Sie hat Prinzipien und Ansprüche, aufgrund ihrer Herkunft. Traut sich deshalb auch etwas zu – einmal herrscht sie Soldaten voller Selbstbewusstsein an und entkommt so einer Verhaftung. Sie spricht mehrere Sprachen, was natürlich auch ein Privileg ist, das ihr nutzt. Ihr Mut entspringt auch ihrer Unruhe. Denn ihr ganzes Leben über will Anna Boom etwas tun, lernen, verstehen, feiern, reisen. Sie bleibt nicht gerne am selben Ort, sondern ist am liebsten unterwegs – etwas, das sie durch ihre Mutter, die selbst ständig reiste, kennen und schätzen gelernt hat. Doch Anna Booms Reisen erinnert an ein Auf-der-Flucht-Sein – was wohl auch eine Folge des Krieges ist, den sie miterlebt hat.

Vielleicht liegt es auch an der Erzählweise des Buches, das über Anna Boom in der dritten Person spricht: Man kann man sich dieser Frau nur schwer nähern, sie schwer zu fassen kriegen. Und das entspricht auch dem, was sie tut: Sie ist “flüchtig”, sowohl in ihrer Reise- und Unternehmungslust als auch in ihrer Bindungsbereitschaft – obwohl sie andererseits ihren Lieben eine treue Freundin ist. Aber nur so weit sie ihr ihre Unabhängigkeit lassen. Die Ehe mit einem Mann, der ihre Freiheit beschneiden wollte, funktionierte nicht. Obwohl es nur schwer nachzuvollziehen ist, warum sie ihn überhaupt heiratete, wo er doch schon vor der Hochzeit in einem Brief alles klarstellte:

“Auf alle Fälle würde ich Dir nie erlauben, mit anderen Leuten (Ungarn etc.) während der Arbeitszeit, das heißt, wenn ich nicht dabei sein kann, auszugehen. Du hast selbst einmal gesagt, Du willst eine schöne Ehe haben, aber dann musst Du meinen Willen in dieser Hinsicht respektieren, sonst geht es nicht, verstehst Du das?”

Im Alter kommt Anna Boom dann doch noch zur Ruhe. Und diese Ruhe bedeutet keineswegs, dass sie domestiziert wird – kein “taming of the shrew”!  Sie trifft nach mehreren Beziehungen den richtigen Partner, einen Mann, der sie loslässt und damit halten kann. Durch sein nachhaltiges Interesse an ihr und ihrer Vergangenheit findet sie einen Weg für sich, ihre Kriegserinnerungen aufzuarbeiten, die sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verdrängt hatte. Und auch ihren Frieden zu machen mit dem verheirateten Mann, der sie 1942 nach Budapest reisen ließ.

Judith Koelemeijer, “Das Leben der Anna Boom. Die Geschichte einer mutigen Frau”. DVA, 2009. 288 Seiten, gebunden.

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Theoretischer Handspiegel

13. August 2009 von Verena
Dieser Text ist Teil 31 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek

Vulva CoverWas der Handspiegel für die Praxis ist, ist dieses Buch für die Theorie: Die Sichtbarmachung des weiblichen Geschlechts. Die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu M. Sanyal legt mit „Vulva – Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ ein Grundsatzwerk vor, das definitiv keine Lektüre für nur eine Nacht ist.

Ausgehend von der These, dass das, was keinen Namen hat, auch nicht existiert, rekonstruiert die Autorin die Geschichte eines Genitals, dessen Offenbarung einst Böses abwehrte und Dämonen in die Flucht schlug, bevor es der christliche Diskurs von der Bildfläche verdrängte und zum Schweigen verdammte. Diese Prozesse sperrten nicht nur die Vulva in den Keller, sondern nahmen Frauen auch sonst jegliche Repräsentationsfläche. Auf den Zusammenhang zwischen nicht vorhandenem Geschlecht und mangelnder Artikulationsmöglichkeit von Frauen, weist Mithu Sanyal wiederholt hin.

Gleich zu Beginn erläutert die promovierte Kulturwissenschaftlerin, dass der Begriff Vulva auch im heutigen Sprachgebrauch mit Vagina, Möse, Muschi etc. gleichgesetzt wird; eine Bezeichnung, die sich aber bloß auf die Scheide bezieht und andere Bestandteile des Genitals wie die Klitoris oder die Schamlippen ausschließt. Die Konzentration auf das weibliche Geschlecht als Wahrnehmung eines „Lochs“ beschränkt demzufolge der Blüte voller Pracht und begünstigt den phalluszentrierten Blick auf das weibliche Genital als die Abwesenheit eines Penisses, was nicht nur von Freud als eklatanter Mangel gewertet worden war.
Schlimmer noch wird der vermeintlich körperliche Mangel, ein Loch anstelle eines Glieds zu haben, als patriarchalisches Argument benutzt, Frauen eine Daseinsberechtigung über die Fortpflanzung hinaus zu verweigern. Wer nichts hat, hat auch nichts zu melden.

Sanyal aber setzt ihre Forschungen in einer Zeit an, in der Frauen sehr wohl noch ihr Genital einzusetzen durften. Ausgehend von der anatolisch-griechischen Göttin Baubo, deren Vulva rituell verehrt wurde, zieht die Autorin den Bogen zu anderen Kulturen, in denen die Darstellung der Vulva als Trost und Lebensretter vermittelt wurde.
Bis ins Mittelalter hinein zierten vulvaeske Symbole religiöse Kultstätten, sogar Kirchen und Klöster. Hier lösten die Sheela-na-gigs-Figuren die Baubo-Darstellungen ab. Mit dem Erstarken des Christentums und der Anbetung der jungfräulichen Maria tritt die lebensfrohe und lustvolle Vulva in den Hintergrund. Den Rest kennen wir…
Nach Aberkennung des Gesehenwerdens und des Drübersprechens ist der medizinische Diskurs der einzig verbleibende – und wenig verlockende – Zugang zur Öffentlichkeit.

good pussy - bad pussy. Gestickte Moral zu Großmutters Zeiten

good pussy - bad pussy. Gestickte Moral zu Großmutters Zeiten

Sanyal verfolgt das Schattendasein der Vulva weiter über die biblischen Interpretationen in Kunst, Tanz und Theater bis Anfang des 20 Jahrhunderts, bis hin zum frühen Striptease und Burlesque. Auch sehr interessant ist das Kapitel über die weibliche Künstlergeneration der 60er mit Carolin Schneemann, Valie Export oder Judy Chicago, deren explizite Vulva-Darstellungen Entsetzen hervorriefen, während die phallistische Symbolik ihrer männlichen Kollegen umjubelt wurde. Nicht zu vergessen die wunderbare Annie Sprinkle, deren „Public Servix Announcement“ die Zuschauer einlud, per Spektulum einen persönlichen Blick auf Sprinkles Gebärmutter zu werfen.

Das poppig aufbereitete Cover des Buches, in pink und mit lustigem Gespreizte-Beine-Bild, sowie der Klappentext, der eine „freche“ und „lustvolle“ Erzählung verspricht, täuschen über den Detailreichtum hinweg, den Sanyal hier angehäuft hat. Eine Fülle, der die Autorin bisweilen nicht Herrin wird, wenn sie thematische Sprünge wagt, die die LeserInnen durch die Jahrhunderte katapultiert. Bisweilen ist der hohe Informationsgehalt derart fordernd, dass nur ein stetiges Hin- und Herblättern ein Verständnis der komplexen Zusammenhänge ermöglicht. Halt so, wie man das von wissenschaftlichen Stoffen gewohnt ist. Die zahlreichen Abbildungen entschädigen allerdings für besonders trockene Textstrecken.

Aber egal, wer von „Vulva“ nicht gerade in der U-Bahn oder der Mittagspause ein paar Kapitel lesen will, den erwartet ein spannendes und aufschlussreiches Buch, das genügend Querverweise beinhaltet, um noch tiefer in die Materie zu dringen.

Als prima Zusammenfassung, auch für die U-Bahn geeignet, empfehle ich übrigens den Epilog Mithu Sanyals, in dem sie schildert, wie ihr Blick zwischen die eigenen Beine die Entstehung dieses Buches anstieß: Etwas, von dem sie nicht sicher war, wie genau es aussah und über das auch in Büchern nichts rauszufinden war, außer man schlug Geschlechtskrankheiten nach, das bedurfte näherer Betrachtung als bloß dem Blick in den Handspiegel.

Mithu M. Sanyal: Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Sachbuch. Verlag Klaus Wagenbach , 2009. 236 Seiten, 19,90 Euro .

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