Einträge der Rubrik ‘Sex_ualität’


„Und was sagen die Kinder dazu?“ Kinder lesbischer, schwuler und trans-Eltern kommen zu Wort

8. Februar 2016 von Magda
Dieser Text ist Teil 116 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Normalerweise reagiere ich eher gereizt, wenn über Lesben_Trans_Schwule gesprochen wird, so nach dem Motto: „Ist das eigentlich normal, kann mensch das Kindern antun, Familie ist Mutter-Vater-Kind, Untergang des Abendlandes, bla bla bla…“.

Buchcover von: "Und was sagen die Kinder dazu? Zehn Jahre später! Neue Gespräche mit Töchtern und Söhne lesbischer, schwuler und trans* Eltern.Das Buch „Und was sagen die Kinder dazu? Zehn Jahre später! Neue Gespräche mit Töchtern und Söhnen lesbischer, schwuler und trans* Eltern“ (Querverlag, 2015) nimmt Bezug auf diesen Diskurs, bietet alternatives Wissen (besonders für diejenigen, die mit dem Thema bisher weniger zu tun hatten) und lässt in erster Linie die Kinder zu Wort kommen: Es ist eine kluge Idee der Autorinnen Uli Streib-Brzic und Stephanie Gerlach, mal diejenigen zu befragen, um deren Wohl sich deutsche Konservative stets sorgen: jene Kinder und Jugendliche, die in Elternhäusern aufwachsen bzw. aufgewachsen sind, die nicht der heternormativen Norm entsprechen.

2005 erschien die erste Version des Buches, damals mit Erfahrungsberichten von Kindern schwuler und lesbischer Eltern. Vor wenigen Monaten – zehn Jahre später – erschien das Nachfolgebuch. Die Kinder von damals wurden erneut interviewt, hinzugekommen sind neue Gespräche mit Kindern von trans-Eltern. Insgesamt 34 Kinder vom Grundschulalter bis ins junge Erwachsenenalter berichten über ihr Aufwachsen, eigene Lernprozesse, über Kämpfe in Schulen und im Freund_innenkreis, erzählen von Krisen sowie von schönen, stärkenden Momenten. Die größte Gruppe der interviewten Kinder sind in Deutschland geboren und haben lesbischen Eltern. Besonders spannend finde ich das Buch, weil die aktuellen sowie die damaligen Interviews abgedruckt sind. Das gibt den Kindern und jungen Erwachsenen die Möglichkeit, auf ihre damaligen Aussagen Bezug zu nehmen und zu reflektieren.

Beeindruckt war ich von der Ehrlichkeit und dem Reflexionsvermögen vieler Kinder (vielleicht bin ich aber auch zu selten mit Kindern zusammen, um zu wissen, dass viele Kinder diese Eigenschaften pflegen und dann im Prozess der Älterwerdens verlieren…?). Viele der Kinder können die Kommentare ihrer (cis-hetero-) Lehrer_innen, Mitschüler_innen, Verwandten oder der Eltern anderer Kinder sehr gut als das einordnen, was sie sind: diskriminierend, verletzend, ungerecht. Auffällig ist, dass viele Kinder sensibilisiert sind für unterschiedliche gesellschaftliche Normen: „Was heißt denn schon ’normal‘?“ ist keine seltene Frage. Und doch wird ab und zu die eine oder andere normative Aussage mit Vehemenz vertreten. Widersprüchlichkeiten bleiben.

Einige der Kinder machen sich viele Gedanken um ihr eigenes Begehren, möchten sich nicht festlegen und erkennen es als selbstverständlich an, dass Menschen unterschiedliche Partner_innen verschiedener Geschlechter in ihrem Leben lieben können. In den einzelnen Interviews werden Strategien sichtbar, wie Kinder mit der Tatsache umgehen, dass ihre Eltern stets als „anders“ oder „besonders“ betrachtet werden. Manche sind sehr offensiv und wehren sich gegen nervige Kommentare, andere sprechen ungern mit Außenstehenden über ihre Familie, wobei deutlich wird, dass dies weniger mit Scham, sondern mehr mit der Unlust zu tun hat, sich ständig mit den diskriminierenden Kommentaren der Umwelt zu befassen. Nur wenige richten ihren Zorn gegen ihre Eltern und machen deren Begehren dafür verantwortlich. Die meisten sind dankbar, von ihren Eltern sehr früh gelernt zu haben, dass die Welt komplexer ist, als das Durchschnittskinderbuch mit Mutti-Vati-Kind vermuten lässt. Abgerundet wird das Buch mit einem kurzen Überblick zum wissenschaftlichen Diskurs zum Thema LGBTQ-Elternschaft und einer Literaturliste, u.a. mit Büchern für Kinder und Jugendliche.

Die Lektüre des Buches macht Mut. Deutsche Konservative sollten sich weniger um das Wohl der Kinder sorgen, sondern sich eher darauf gefasst machen, dass mehr und mehr pfiffige Kids heranwachsen werden, die traditionelle Ideen vom Miteinander leben und lieben in Frage stellen.


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Heldinnen des L(i)ebens – Lesbische Schweizerinnen über siebzig erzählen…

14. September 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 109 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu Corinne Rufli: Seit deser Nacht war ich wie verzaubert. Frauenliebende Frauen über siebzig erzählen.

Wie es sich vor der Frauen- und Lesbenbewegung als frauenliebende Frau lebte, mit welchen Selbstbildern, gegen welche Widerstände, mit welchem Alltag und wie es sich anfühlte, darüber ist herzlich wenig bekannt. Corinne Rufli hat nun ein wunderbares Buch veröffentlicht, das elf frauenliebende Frauen – nicht alle verwenden für sich die Bezeichnung lesbisch –, die heute allesamt über siebzig sind, zu Wort kommen lässt. Sie leben in der Schweiz, sind mehrheitlich auch dort aufgewachsen (teils auch in Süddeutschland), erlebten ihre Jugend in den 1950er Jahren.

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Es gibt unglaublich viel zu lernen – und Lesbischsein bzw. Frauen lieben ist ‚nur‘ ein Aspekt, um den sich das Erzählte dreht. Die Züricherin Liva Tresch, heute zweiundachtzig, berichtet davon, wie es war, in den 1950er Jahren in der Schweiz aufzuwachsen – als uneheliches Kind, bei Pflegefamilien, auf einem Bäuer_innenhof, mit diversen Jobs, äußerst prekär, und sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Greifbar wird eine massive Herabwürdigung von Mädchen und Frauen, eine alltäglich erlebte patriarchale Gewalt und Freiheitsbeschränkung; dies gilt erst recht für jene, die ‚aus der Landwirtschaft‘ stammten und zusätzlich mit klassenbezogener Herabsetzung und ökonomischer Ausbeutung konfrontiert waren.

Was ebenso nachfühlbar wird, ist die fast schon als vollkommen zu bezeichnende Unsichtbarkeit lesbischen Lebens und eine massive Stigmatisierung, die nicht ohne Folgen blieb für das eigene Selbstwertgefühl. Wie es sich dennoch und im Verlauf der Jahrzehnte zunehmend besser – in den neu entstehenden Szenebars und politischen Gruppen – lesbisch leben ließ, auch das zeigen die Erinnerungen Treschs. Sie lebte Liebesbeziehungen mit Frauen und erschloss sich die entstehende Züricher Homosexuellen- und Frauenszene. Sie nahm die Arbeit in einem Fotogeschäft auf – ein erster Schritt auf dem Wege zu ihrem Erfolg als Szenefotografin, als die sie Berühmtheit erlangte. Die Stärke der Erzählerin, die ihr Leben in die eigenen Hände nahm, immer wieder neu, beeindruckt und macht Mut.

Grundlage für die elf von Corinne Rufli aufgezeichneten Geschichten lieferten Oral-History-Interviews. Die von der Autorin verfassten Texte wurden mit den interviewten Frauen nachbearbeitet; dies lässt auf eine wertschätzende Arbeitsweise schließen, die das ganze Buch atmet. Die so entstandenen autobiografischen Aufzeichnungen sind spannend, zutiefst berührend, sie sind erschreckend, ermutigend, sie machen lachen und weinen. Die Interviewten arbeiteten als Verkäuferinnen, Politikerinnen, als Haushaltshilfen und „Laufmädchen“, Künstlerinnen oder Lehrerinnen, sie kommen aus Arbeiter_innenfamilien, von Bäuer_innenhöfen oder aus dem Bildungsbürgertum. Ebenso vielfältig ist der Bezug der Seniorinnen zur Lesbenbewegung, zur Homosexuellenbewegung und zur Frauenbewegung, den es gibt oder eben nicht. Und hinsichtlich ihrer Identitätsentwürfe und Lebenskonzepte: ob sie sich als Lesbe bezeichnen, ob sie einen Mann heirateten, ob sie lesbische Sexualität und Partnerschaften leb(t)en.

Die Interviewten und die Autorin liefern mit diesem spannenden Buch einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Schweiz (und Süddeutschlands) und zur Lesben- und Frauengeschichte: Sie berichten vom Leben, Lieben und Arbeiten als Frau und als Lesbe seit den 1950er Jahren, von Klassenunterschieden, von Diskriminierung und Gewalt, von Widerstand und Veränderung. Informativ und berührend, voller schmerzhafter wie auch schöner Erinnerungen erzählen sie davon, ob und wie das gehen kann: in einer Welt, die bestenfalls ignorant, schlimmstenfalls gewaltvoll agiert, als Lesbe und als Frau selbstbestimmt und in Würde leben zu können.


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Pick Up Feminism: Aufruf zur Protestaktion in Hamburg am 7. Mai 2015

5. Mai 2015 von Gastautor_in

Dies ist ein Gastbeitrag des Bündnis‘ „Pick Up Feminism – Take down RSD“ (Die Firma „Real Social Dynamics“). Weitere Infos zum Bündnis Pick Up Feminism und „Flirten ohne Creepen“ findet ihr bei Facebook und bei Feminismus 101.

Am Donnerstag, den 7. Mai, soll in Hamburg ein „Schnupperabend“ (Freetour) für sogenannte Pick Up-Artists stattfinden. Dabei soll Männern beigebracht werden, wie sie am besten Frauen* aufreißen können. Veranstalter der Freetour ist die Firma RSD (Real Social Dynamics), zu deren Pick Up-Methoden neben sexueller Übergriffigkeit auch ein Bild von Frauen* als Objekte gehört, die es zu manipulieren gilt um sie gegebenenfalls auch zu sexuellen Handlungen zu nötigen.Bekanntestes Mitglied von RSD ist Julien Blanc, der mit seinen sexistischen, rassistischen und gewaltverherrlichenden Aufreißtipps letztes Jahr negative Schlagzeilen machte. In verschiedenen Ländern erhielt er nach massiven medialen Protesten Einreiseverbot.

Wir, das Bündnis „Pick UpFeminism – Take Down RSD“, wollen diese sexistischen Praktiken und Verherrlichungen einer Rape Culture nicht dulden! Deshalb laden wir alle, denen es genauso geht, ein mit uns gegen das Pick Up-Seminar von RSD vorzugehen. Wir treffen uns am Donnerstag, den 7. Mai um 17:30h am Hamburger HBF (Heidi-Kabel-Platz gegenüber vom Schauspielhaus) für eine gemeinsame Anreise zum Tagungsort der vermeintlichen Pick Up-Artistsum unseren Protest dagegen auszudrücken. Wir wollen dabei auch Passant_innen, Hotelbetreiber_innen und Presse klar machen, dass wir solche Schnupperabende und Seminare in Hamburg oder anderswo nicht dulden werden. Kommt zahlreich und sagt es weiter! Die Aktion ist offen für alle Geschlechter.

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„Masters of Sex“ – oder wie Sex emanzipieren kann

16. April 2015 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 18 von 27 der Serie Die Feministische Videothek

Inna studiert Philosophie und Soziologie in Rostock und versucht dabei Philosophinnen zu entdecken, anstatt sich von der Männerdominanz in beiden Fachrichtungen entmutigen zu lassen. Am liebsten schreibst sie über Serien, Filme und Menschen, die sie auf verschiedenste Weise bewegen. Der folgende Beitrag erscheint demnächst auch im Rostocker Studierendenmagazin Heuler.

„Frauen denken oft, dass Sex und Liebe dasselbe sind, aber das muss nicht so sein, das kann man auch voneinander trennen“, sagt die emanzipierte und selbstbewusste Virginia Johnson (Lizzy Caplan) zu Beginn der TV-Serie Masters of Sex. Als  Forschungsassistentin, die durch ihr besonders unkonventionelles Denken im Jahr 1956 für diesen Posten geeignet erscheint, erforscht sie mit dem renommierten Gynäkologen William Masters (Michael Sheen) das menschliche Sexualverhalten.

Basierend auf den realen Leben von William Masters und Virginia Johnson, spielen Michael Sheen und Lizzy Caplan die Geschichte zweier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch gemeinsam jegliche Erkenntnisse über  menschliches Sexualverhalten revolutionieren. Eine wichtige Feststellung dabei lautet, dass es keinen Unterschied gibt zwischen vaginalen und klitoralen Orgasmen. Es zeugt von einer gewissen Ironie und ist auch gleichzeitig paradox, dass es letzten Endes ein Mann ist, der den Frauen sagt, dass sie sich auch selbst befriedigen können.

Die Serie ist von gegensätzlichen Verhältnissen geprägt. William Masters, ein Mann, der beweisen will, dass Frauen sich auch ohne Männer gut und gerne befriedigen können, ist gleichzeitig ein frauenfeindlicher, ignoranter Kontrollfreak mit einem gigantischen Ego. Dabei ist der Gipfel der fragilen Verflechtungen von Paradoxien die Tatsache, dass er aus Stolz seiner Frau Libby (Caitlin Fitzgerald) nicht sagen kann, dass nicht sie der Grund ist, weshalb sie (bislang) kein Kind bekommen konnte, sondern er.

Virginia ist hingegen ihrer Zeit weit voraus. Den Höhepunkt stellt dabei ihr überaus erfülltes Sexleben dar, was in Kombination mit der Tatsache, dass sie eine zweifache, alleinerziehende, unverheiratete Mutter und Sexualforscherin in den 60er Jahren ist, nur skandalös sein kann. Es geht bei dieser Serie offensichtlich um mehr als nur Sex oder das Beobachten von Menschen beim Masturbieren oder Koitus, während sie mit Aufzeichnungsgeräten verkabelt sind. Rollenbilder werden hinterfragt, Vorreiter_innen geschaffen und Sex auf eine Art und Weise emanzipiert, auf die es auch tatsächlich allen Beteiligten Spaß machen darf und kann!

„Der Sex war immer eine Art Vehikel, um Diskussionen über wirklich schwierige Themen führen zu können“, sagt Produzentin Michelle Ashford in einem Interview. Es gibt in der Serie zwei weitere zentrale Themen: Die zu diesem Zeitpunkt in den USA vorherrschende Segregation zwischen Schwarzen und weißen Menschen und der Kampf dagegen, den Masters Frau Libby – bis dato unscheinbar und naiv – beginnt zu unterstützen. Zum anderen spielt das Thema Homosexualität beispielsweise für die ehemalige Prostituierte Betty DiMello (Annaleigh Ashford) eine Rolle, da sie sich mit einer Gesetzeslage konfrontiert sieht, die sog. Homosexualität bis 1962 in allen Staaten unter Strafe setzte. Auch danach wurden homosexuell lebende Personen in der Gesellschaft weder akzeptiert, noch gleichwertig behandelt.

2015 hat die Serie kaum an Aktualität verloren. In Zeiten von rassistischen Spaziergängen, sexueller Gewalt in Werbungen und Videos, die als witzig und harmlos empfunden wird, und homophoben Regierungen kann ich die Serie als kurzen Wink mit dem Zaunpfahl gar nicht genug empfehlen.

Die zweite Staffel ist gerade auf ZDF.neo angelaufen.


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Mehr Zwang und Kontrolle statt Selbstbestimmung in der Sexarbeit – Union und SPD einigen sich auf Reform des Prostitutionsschutzgesetzes

4. Februar 2015 von Nadine

Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung und sogenannte „Zwangsprostitution“ sei durch das 2002 von der rot-grünen Regierung verabschiedete Prostitutionsschutzgesetz nicht eingedämmt, sondern befördert worden. So zumindest die Meinung der Regierungskoalition von Union und SPD. Bereits im vergangenen Sommer hatten sich die Parteien auf eine Novellierung des Gesetzes verständigt, das in seiner geplanten Änderung unter anderem eine Anmeldepflicht für Sexarbeiter_innen, eine Kondompflicht für Freier, eine Heraufsetzung des Mindestalters von 18 auf 21 für Sexarbeiter_innen und Zwangsuntersuchungen vorsah. Zum damaligen Zeitpunkt gab es bereits Kritik am Eckpunktepapier, z.B. vom Berufsverband Sexarbeit und dem Deutschen Juristinnenbund und vor kurzem einen Offenen Brief von Verbänden und Beratungsstellen an die Bundesregierung. Offensichtlich ohne großen Erfolg.

Gestern Abend haben sich Vertreter_innen der Koalitionen geeinigt. Die „angenehmen“ Ergebnisse zuerst: Es wird keine Zwangsuntersuchungen geben und das Mindestalter wird auch nicht heraufgesetzt. Trotzdem sind die Pläne mit Pferdefüßen versehen. Statt der verpflichtenden gesundheitlichen Untersuchungen, müssen sich Sexarbeiter_innen nun einmal jährlich zu einer gesundheitlichen Beratung melden. Und es gibt Sonderauflagen für unter 21-Jährige, die in der Sexarbeit beschäftigt sind. Sie müssen doppelt so häufig zu den Beratungen, die gleichzeitig Voraussetzung für die Anmeldung sind. Während sich jüngere jedes Jahr neu anmelden müssen, ist dies für über 21-Jährige alle zwei Jahre vorgesehen.

Betreiber_innen von Bordellen und Clubs, die kostenpflichtige sexuelle Dienstleistungen anbieten, benötigen in Zukunft nicht nur einen Gewerbeschein, sondern eine besondere Erlaubnis zum Betrieb. Damit soll nach Meinung der Regierung sichergestellt werden, dass an diesen Orten kein Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung stattfindet und sichere Arbeitsbedingungen vorherrschen. Selbstorganisationen, Aktivist_innen und Verbände kritisieren allerdings, dass noch völlig unklar ist, welche Arbeitschutzrichtlinien gelten sollen oder ob es einen Bestandsschutz für bestehende Wohnungsbordelle geben wird. Außerdem täten Menschenhändler alles dafür, einen legalen Eindruck zu erwecken, zur Prostitution gezwungene Menschen würden ordnungsgemäß angemeldet und führten Steuer ab, heißt es von Seiten der Verbände.

Weiterhin wird eine Kondompflicht für Freier eingeführt, die nicht mit Bußgeldandrohungen für Sexarbeiter_innen verbunden sind. Trotzdem ist unklar, wie Verstöße kontrolliert und sanktioniert werden. Die Bundesregierung will die Umsetzung des Gesetzes komplett in die Verantwortung der Länder übergeben.

Cornelia Möhring, frauenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Linken, fand heute deutliche Worte:

„Unter dem Vorsatz, den Menschenhandel zu bekämpfen, hat die Koalition sich auf Kernpunkte eines Prostituiertenschutzgesetzes verständigt, das diverse Maßnahmen vorsieht, um den staatlichen Zugriff auf den Bereich sexueller Dienstleistungen auszuweiten. SexarbeiterInnen werden durch das Gesetz nicht etwa geschützt, sondern vielmehr entrechtet und in ein Schattendasein zurückgedrängt, in dem sie verstärkt Ausbeutung und Gewalt ausgeliefert sind. Die vorgesehenen Maßnahmen sind Ausdruck der fortdauernden Stigmatisierung von Prostituierten“

Fraglich bleibt, ob das Gesetzesvorhaben in seiner jetzigen Form überhaupt legal ist. In den Niederlanden scheiterte die Anmeldepflicht für Sexarbeiter_innen am Datenschutz. Auch der Deutsche Juristinnenbund äußerte Bedenken, ob die Pläne der Regierung überhaupt verfassungskonform seien (siehe Stellungnahme und Offener Brief oben).

In den Diskussionen um die Neuerung des „ProstSchG“ von 2002 hatten Sozialarbeiter_innen, Sexarbeiter_innen und Aktivist_innen immer wieder betont, dass Zwang und Kontrolle zu einer weiteren Verschärfung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen führt, die in der Sexarbeit tätig sind, egal ob freiwillig, legal oder per Zwang und/oder illegalisiert. Der Ausbau von und die finanzielle Ausstattung freiwilliger Angebote, Beratungsstellen, aufsuchender Sozialarbeit, Notunterkünfte und soziale wie rechtliche Absicherung von in der Sexarbeit tätigen, müssten im Vordergrund stehen.


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Heterosexualität verstehen like it’s 1998

30. Januar 2015 von Nadine

Ich hab letztens meine alten Tagebücher wiedergefunden und ein bisschen darin herumgeblättert. Manchmal random ein paar Einträge gelesen. Bei einem bin ich länger verweilt. Er ist von 1998. Es war kurz vor meinem 13. Geburtstag.

Ich war noch völlig mit der Vorstellung im Einklang, dass ich ein pubertierendes Mädchen bin, das früher oder später einen Typen toll finden muss. Dass da irgendwie nie welche waren, die mich interessiert hätten – who cares? Dass ich mit den Mädchen in meinem Alter nie wirklich wohl fühlte? Pfff…Schwamm drüber.

Und dann war da dieser Eintrag, der irgendwie alles erklärte, obwohl ich darin überhaupt nicht über mich oder mein Erleben schrieb. Nur über meine Beobachtungen. Ich kann über junge Menschen, die 2015 12 oder 13 Jahre alt sind wenig sagen, aber 1998 war es jedenfalls noch so, dass es in diesem Alter anfing, unangenehm zu werden, was den ganzen Hetenkram anging. Die “Iiiieh Jungs”-Phase neigte sich dem Ende zu, das eigene Aussehen (im Sinne von “Attraktivität”) und das anderer wurde permanent bewertet und zu regulieren versucht. Nicht für sich, sondern in erster Linie für die gleichaltrigen oder älteren Typen und im Treten nach unten mit vermeintlichen “Konkurentinnen” oder “Schwächeren/Uncoolen”. Wer in der basisdemokratischen stillschweigenden Mehrheit mit dem Label “cool” getackert wurde, galt als begehrenswert. Dieses “cool” orientierte sich zu “meiner Zeit” (hach…) an klassischen heterosexuellen und zweigegenderten Stereotypen. Slutshaming ging los und Femininitätsfeindlichkeit war genauso am Start wie Homophobie und sexistische Sprüche für diejenigen, die zwei-Gender-Normen durch ihre Performances verließen.

Zwar schrieben mir meine damaligen Mitschüler vier Jahre später nach dem Ende der 10. Klasse hauptsächlich die Kommentare “du siehst gut aus” und “du bist witzig” (LOL) auf mein Abschiedsplakat (jede_r musste bei jeder_m was auf’s Plakat schreiben), doch hatte ich bis dahin nur lächerliche kurzweilige Nicht_Beziehungen mit Jungs, die super unangenehm für beide waren und in die wir halt so reingequatscht wurden, damit der Schulhof-Gossip bei Laune bleibt.

Heterosexualität hat mir meine Beziehungen zu Typen schon frühzeitig versaut, muss ich zugeben. Bis dahin waren sie meine liebsten Spielgefährten, weil sie sich öfter für Dinge interessierten, die mich interessierten, weil ich als “Mädchen”, die auf “Jungskram” steht, anerkannt wurde und weil dieses zweigenderwerdenaneinandergekettet-fuckup einfach auch mal Welten trennt, die eigentlich locker miteinander ko- und in sich oder ganz anders existieren könnten. Als es zusehends um Sexualität und Begehren über ein nicht-sexualisiertes_romantisiertes Hingezogenfühlen hinausging, wurde es eigentlich unmöglich die zuvor lockeren und kumpeligen Beziehungen zu Typen aufrecht zu erhalten.

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Fat Girl Casualness

10. Dezember 2014 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 32 von 42 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Katrin bloggt bei Reizende Rundungen über Plus Size Fashion, Fat Acceptance und alltäglichen Flitterkram, und twittert auch unter @fresheima. Mit ihrer freundlichen Genehmigung dürfen wir ihren Blogpost hier zweit-veröffentlichen.

Die Abbildung zeigt einen Ausschnitt aus einer Fotografie eines auf der Seite liegenden Körpers. das Bild ist von vorn aufgenommen. Die abgebildete Person ist offenbar bekleidet mit einem Slip und einem Sweatshirt.

(c) Katrin Lange

Wer kennt nicht diese hübschen Tumblr-Bildchen von dünnen, meist weißen Mädchen, mit wilden Haaren, als wären sie grade aus dem Bett gekommen. Kein Make-Up und schlodderige Kuschelpullis. Sie sind süß und zart und wunderschön, sie sind „effortless“ und natürlich, sie sitzen mit Tea und Buch den ganzen Tag im Bett oder haben eine Katze aus dem Schoß. Draußen regnet es uns alles ist irgendwie ein kleines bisschen mystisch.

Irgendwann letzte Jahr habe ich mal ein Foto bei tumblr gepostet (das da oben), dazu schrieb ich, dass ich grade im Bett liege und den ganzen Tag nur Supernatural gucke. Darauf hin erreichten mich 3 anonyme Tumblr Nachrichten darüber, dass ich meine Zeit lieber im Fitness Studio verbringen sollte, und es nicht verdient hätte nichts zu tun, so wie ich aussehen würde.

Worauf ich damit hinaus will ist, dass ich als fette Frau das Gefühl habe, dass ich immer so aussehen muss, als hätte ich jede Menge Zeit und Muße für mein Aussehen aufgewendet. Dieser Gedanke kommt nicht weniger von Außen als auch von einer selbst. Schon bevor ich einen Blog führte oder mich wirklich für Mode interessierte ging ich fast niemals ungeschminkt aus dem Haus. Das hat natürlich zum einen was damit zu tun, dass ich meine eigene Unsicherheit verdecken wollte, zum anderen war es für mich ein Muss, weil ich so zeigen konnte, dass, obwohl ich fett bin, ich mich nicht hängen gelassen habe. Ich habe schon oft darüber geschrieben, dass Mode für mich der erste Schritt zu einem befreiterem Leben war, der erste Berührungspunkt mit Fat Acceptance und mit einem besseren Selbstwertgefühl. Trotzdem kann ich nicht verleugnen, dass lange Zeit der Gedanke bestimmend war, dass ich, wenn ich hübsch angezogen und nett geschminkt bin, doch jetzt bestimmt besser behandelt werden müsste, anders wahrgenommen werden sollte, weil ich nach außen zeige, dass ich mir Mühe gebe. (mehr …)


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Samstagabendbeat mit wurzelfrau

27. September 2014 von Magda

„Alles was es uns schwermacht, durch die Straßen zu gehen, ist euer Heteronormativitätsproblem. Und ich halt deine Hand und ich lass sie nicht los. Unsere Liebe ist schön, unsere Liebe ist groß.“

wurzelfrau bloggt, podcastet und musiziert auf wurzelfrau.de


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Blau ist eine warme Farbe

23. April 2014 von Magda
Dieser Text ist Teil 78 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Eine Begegnung, ein Lächeln – um die Schülerin Clementine ist es geschehen. Doch wer eine kitschige Liebes­geschichte mit flatternden rosa Herzen erwartet, wird von „Blau ist eine warme Farbe“ auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

blau ist eine warme farbe

Die Graphic Novel der französischen Zeichnerin Julie Maroh ist düster und beklemmend. Nur ab und zu sticht das Blau durch die sonst farblich gedeckten Zeichnungen – die blauen Haare von Emma, das blaue Tage­buch von Clementine. Die Kunst­studentin Emma wird zu Clementines großer, einziger Liebe; die Tage­buch­einträge führen durch ihre Geschichte, die rück­blickend erzählt wird. Als Emma am Anfang der Erzählung Clementines Tage­buch in der Hand hält, sind bereits viele Jahre seit der ersten Begegnung ver­gangen und Clementine bereits gestorben.

Das Original „Le Bleu est une couleur chaude“ wurde 2010 ver­öffentlicht und seitdem in elf Sprachen übersetzt. Es ist eine einfühlsame, ehrliche Erzählung über zwei junge Frauen, die ohne beschönigende Schnörkel auskommt: Unsicher­heiten, Verzweiflung, kurze Momente des Glücks, Verletzungen, Erwachsen­werden und Homofeindlichkeit. Im Mittelpunkt steht der Alltag junger Menschen, die jenseits von hetero begehren, inklusive der harten Realität des Verstoßen­werdens von den eigenen Eltern, Mobbing in der Schule. Aber da sind auch die wichtigen Momente des Zusammen­halts, der Freund­schaft.

Ich habe die englisch­sprachige Version des Buches in wenigen Stunden verschlungen. Es ist ein bedrückendes Buch, weil der Tod und der Schmerz so dominieren. Aber es berührt, gerade weil Zuneigung in diesem Buch so komplex, so ehrlich beschrieben wird.

Die Graphic Novel unterscheidet sich im übrigen sehr vom gleich­namigen Film, der im letzten Jahr in Cannes die goldene Palme gewann. Julie Maroh, die in ihrem knapp 160-seitigem Werk nur auf wenigen Seiten explizite sexuelle Handlungen darstellt, kritisiert auf ihrem Blog die heteronormative Ästhetik der wohl an ein hetero-Publikum gerichteten langen und ausgiebigen lesbischen Sex­szenen im Film.


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Jenseits von „choosing my choice“ und „käuflichem Geschlecht“ – feministische Debatten über Sexarbeit

1. November 2013 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 56 von 59 der Serie Meine Meinung

Es ist ein feministischer Dauerbrenner: das Thema Sexarbeit, sex work, Prostitution. Auch wenn wir hier im Blog etwas dazu schreiben oder auch nur verlinken, ist ein überdurchschnittlich hohes Kommentaraufkommen vorprogrammiert.  Die Kommentare sind oft sehr ausführlich, sehr meinungsstark, nicht selten auch emotional engagiert – das Thema bewegt. Und meistens prallen dabei relativ schnell zwei gegensätzliche Auffassungen aufeinander, unter denen in feministischen Kontexten über den emanzipatorischen Wert, die Schädlichkeit oder die Daseinsberechtigung von Sexarbeit diskutiert wird. Manchmal in Anwesenheit, häufiger in Abwesenheit von (ehemaligen) Sexarbeiter_innen, die – welch Überraschung! –  zu diesen Gelegenheiten nicht immer mit einer Stimme sprechen.

Auf der einen Seite findet sich eine Position wie die Alice Schwarzers.  Diese hat gerade, supportet von inzwischen an die 1700 teilweise prominenten Mitstreiter_innen, einen „Appell gegen Prostitution“ verfasst, wo unter anderem zu lesen ist:

Doch genau das tut Deutschland mit der Prostitution: Es toleriert, ja fördert diese moderne Sklaverei (international „white slavery“ genannt). […] Das System Prostitution degradiert Frauen zum käuflichen Geschlecht und überschattet die Gleichheit der Geschlechter. Das System Prostitution brutalisiert das Begehren und verletzt die Menschenwürde von Männern und Frauen – auch die der sogenannt „freiwilligen“ Prostituierten.

Allein dass Schwarzer sich dafür entschieden hat, Prostitution pauschal als „moderne Sklaverei (international „white slavery“ genannt)“ zu bezeichnen, spricht Bände: ahistorischer, verharmlosender und ignoranter kann wohl selbst die Axt im Walde nicht zu Werke gehen.  „White slavery“ – laut Wikipedia „A term for sexual slavery, used to distinguish it from the system of slavery that had been imposed on black people in the Americas“. Das ist in etwa zu übersetzen mit  „ein Ausdruck für sexuelle Sklaverei, der verwendet wird, um diese von dem System der Sklaverei zu unterscheiden, welchem Schwarze Menschen auf dem amerikanischen Kontinent unterworfen wurden“. Diese Definition sowie Schwarzers Bezug auf diesen Begriff sind bezeichnend und strotzen nur so vor white supremacy, denn sexualisierte Ausbeutung und Gewalt stellten einen Grundpfeiler des Systems der Sklaverei in den Staaten der heutigen USA (und sicher genauso anderswo) dar – nachzulesen z.B. aktuell in Akiba Solomons Filmbesprechung zu “12 Years A Slave”. Und als ob sowohl  heutige Sklaverei und Menschenhandel als auch Sexarbeit nur weiße Personen betreffen würden… Als ob eine Gleichsetzung von Sklaverei und bezahlter Arbeit überhaupt Sinn ergeben könnte. Abgesehen davon, wie geflissentlich ignoriert wird, dass Sexarbeiter_innen weltweit sich immer wieder gegen eine solch undifferenzierte Darstellung aussprechen. (mehr …)


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