Nach dem Sturm. Migrationsforscher_innen bieten eine andere Perspektive auf die N-Wort Debatte in der ZEIT.

von Gastautor_in

Der offene Brief an DIE ZEIT von Onur Suzan Kömürcü Nobrega und Anna Boucher liegt jetzt dank der Übersetzungsarbeit von Martina Priessner und Maike Koschorreck auch auf Deutsch vor:

Als Stipendiat_innen des PhD Programms für Migrationsstudien der ZEIT-Stiftung haben wir die gegenwärtige Medienkontroverse bezüglich der Entfernung rassistischer Begriffe aus Kinderbüchern mit großer Besorgnis verfolgt. Wir sind Migrationsforscher_innen aus einer Vielzahl von Ländern und akademischen Disziplinen. Wir leben alle in Ländern, die von Migration und Multikulturalität auf vielfältige Weise geprägt sind. Unsere Biographien sind mit unterschiedlichen Formen der Migration verwoben und umfassen häufig mehrere Generationen und Länder. Einige von uns sind aus Deutschland oder haben dort für eine Zeit lang gelebt. In Solidarität und mit einer Stimme sprechen wir hier. Wir haben alle ein Interesse an dieser kontroversen Debatte, weil sie die Frage aufwirft, wie Diversität und wie die Stimmen rassifizierter und marginalisierter Individuen und Gruppen im öffentlichen Diskurs dargestellt werden sollten. Da wir täglich mit diesen Themen beschäftigt sind, sie erleben, erforschen und diskutieren, möchten wir eine andere Perspektive auf diese Debatte anbieten, die für Sie und ihre Leser_innen interessant sein könnte.

Vor dem Hintergrund der verschiedenen Formen der Migration in das Nachkriegsdeutschland, hat die Bundesrepublik Deutschland, nach jahrzehntelanger ritualisierter Verneinung, formal anerkannt, dass es ein Einwanderungsland ist. Heute ist es das Land mit der größten »ethnischen« Diversität innerhalb Europas, was eine öffentliche Auseinandersetzung zu Fragen des Umgangs mit ethnischer Vielfalt und rassistischer Ungleichheit durch öffentliche Institutionen und die Mitglieder dieser Gesellschaft erfordert. Wie wir alle wissen, sind Medien, einschließlich Zeitungen und Verlagshäuser, ein wichtiger Teil des sozialen Gefüges einer Gesellschaft und nehmen Einfluss auf die öffentliche Meinung. In diesem Zusammenhang begrüßen wir den Erfolg der progressiven Initiative von Mekonnen Mesghena, Leiter der Abteilung »Migration und Diversity« der Heinrich-Böll-Stiftung, sowie die Entscheidung des Kinderbuchautors Otfried Preußler und des Thienemann Verlages, rassistische Sprache aus dem Kinderbuchklassiker »Die Kleine Hexe« zu entfernen.

Unsere Freude über diese Entwicklung wird jedoch überschattet von der Nachricht, dass Mekonnen Mesghena regelmäßig Briefe und Anrufe mit rassistischen Hasstiraden und Drohungen erhält, seitdem die Nachricht von der Zustimmung des Thienemann Verlages bezüglich Mesghenas Bitte, um die Entfernung rassistischer Begriffe, die Mainstream Medien erreicht hat. Wir glauben, dass es nicht nur die Verantwortung eines Verlages, sondern auch einer führenden Zeitung wie der ZEIT ist, die Debatte um ethnische Vielfalt und rassistische Diskriminierung in einer sensiblen und sachkundigen Weise zu vermitteln. Die Redaktion der ZEIT ist jedoch in dieser, ihrer besonderen Verantwortung, im Januar 2013 gescheitert. Die Veröffentlichung einer Titelgeschichte (17.01.2013) mit rassistischen Bildern und einer bevormundenden Sprache in der Titelzeile »Kinder, das sind keine Neger!«, gefolgt von dem Untertitel, »Unsere beliebtesten Kinderbücher werden politisch korrekt umgeschrieben – ist das ein Fortschritt?«, zeugen von einem populistischen Konservatismus, den wir angesichts Deutschlands multiethnischer Realität und Zukunft als hinderlich und unangemessen beurteilen. Zwei (von drei) Artikeln in dem ZEIT Dossier vom 17.01.2013 sind besonders problematische Beiträge zu der Debatte über die Anerkennung, Neubetrachtung und hieraus resultierende Entfernung von rassistischer Sprache: namentlich Axel Hackes »Wumbabas Vermächtnis« und Ulrich Greiners »Die kleine Hexenjagd«.

Der spöttische Ton, den Axel Hacke wählt, um über seine Erfahrungen mit der Kritik der antirassistischen Media Watch Organisation »Der braune Mob« und der Organisation »LesMigraS« (Lesbische/bisexuelle MigrantInnen und Schwarze Lesben und Trans*Menschen), zu berichten, informiert uns vor allem über sein Selbst-Bild als »rationaler weißer Mann«. Er bedient sich dabei einer rassifizierten Schilderung, die ein positives Urteil über weißes, männliches Verhalten (als rational, entspannt, nicht urteilend, überrascht von der Kritik eines anderen weißen Mannes), und ein negatives Urteil über migrantische und antirassistische Aktivist_innen (of Color) und deren Verhalten (als irrational, gewaltsam, verurteilend) impliziert. Hackes Mangel an historischem Wissen und kritischer Reflexivität hinsichtlich des kolonialen Erbes seines imaginären weißen »Wumbabas« sind bestürzend statt aufschlussreich. Das N-Wort war und ist kein unschuldiger Begriff, sondern muss im Kontext von Kolonialismus, Eugenik, Unterdrückung, Ausbeutung, Vernichtung und Versklavung betrachtet werden. Wenn die Auseinandersetzung mit Deutschlands kolonialer und faschistischer Geschichte und multiethnischer Gegenwart verweigert wird, wie kann man dann die Komplexität von »Wumbabas Vermächtnis« verstehen? Man kann es nicht. Man kontrolliert. Man versucht sein Selbstbild zu schützen und die ZEIT publiziert es – leider!

Ulrich Greiners Beitrag zu der Debatte beinhaltet Argumente, die von ihm auf den Kopf gestellt wurden. Ungeachtet der Tatsache, dass der Autor Preussler und der Thienemann Verlag freiwillig entschieden haben, zukünftige Editionen der »Kleinen Hexe« anzupassen, reichen die Vorwürfe von Zensur bis hin zu einer Verknüpfung des Begriffes der »politischen Korrektheit« und Orwells Kritik am Totalitarismus in seinem Roman »1984« mit eindeutig falschen historischen und zeitgenössischen Zuschreibungen gegenüber der antirassistischen politischen Linken. Darüber hinaus empfehlen wir gerne Ulrich Greiner wie auch Hartmut Kasten, Professor der Psychologie an der Universität Hamburg (Interview mit Tanja Stelzer, DIE ZEIT; 24.01.2013), die Lektüre wissenschaftlicher Studien international renommierter Entwicklungs- und Sozialpsycholog_innen, die im »Handbook of Race, Racism, and the Developing Child« (bei Wiley & Sons, 2008) veröffentlicht wurden, um die Prozesse und Effekte der Sozialisation entlang sozialer Konstrukte von Rasse und Ethnizität (im Englischen: racial socialisation) zu verstehen. Die Heranziehung wissenschaftlicher Forschung, die eindeutig nachweist, dass Rassifizierungsprozesse in einem jungen Alter beginnen und die Identitätsentwicklung eines Kindes, nicht nur entlang rassifizierter und ethnischer Deutungen von einem »Selbst« und von »Anderen«, sondern auch die Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Gruppen in multiethnischen Gesellschaften beeinflussen, wäre sicherlich in dieser Debatte von Vorteil gewesen. Wir empfehlen zudem, dass Medien wie DIE ZEIT, anstelle der Veröffentlichung von Meinungsartikeln, wissenschaftliche Expert_innen wie beispielsweise Maisha Eggers, Professorin für Diversity Studies an der Universität Magdeburg-Stendal, oder Grada Kilomba, Professorin für Geschlechterstudien an der Humboldt Universität zu Berlin – um nur zwei in Deutschland verortete Akademiker_innen zu nennen – einladen, da sie zu der Debatte auf eine wesentlich sachkundigere Weise beitragen könnten.

Keines der Länder, in denen wir leben, ist frei von Rassismus. Rassismus und Spannungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen existieren auf der ganzen Welt. Die Frage ist nicht, ob Rassismus existiert, sondern wie damit von jenen in Positionen gesellschaftlicher Macht umgegangen wird, darauf kommt es an. Wir bitten Medien und kulturelle Institutionen in Deutschland und die Redakteur_innen der ZEIT um eines ganz besonders: Bitte berücksichtigen Sie, dass einseitige Debatten, die Deutschen mit Migrationshintergrund, Deutschen of Color und Schwarzen Deutschen eine gleichberechtigte Stimme verweigern und Ungleichheiten aufrechterhalten, große Teile ihrer Leser_innenschaft verprellen, das Verhältnis zwischen Medienmacher_innen und Publika belasten, sowie den Glauben an die gemeinsamen Fortschritte, die diese Gesellschaft als Einwanderungsland macht, trüben.

Autorinnen: Onur Suzan Kömürcü Nobrega und Anna BoucherÜbersetzung: Martina Priessner und Maike Koschorreck

Unterzeichner_innen:

Anna Boucher – Department of Government and International Relations, University of Sydney (Australia)

Ahmed Dailami – Faculty of Oriental Studies, St Antony’s College, Oxford (United Kingdom)

Onur Suzan Kömürcü Nobrega – Department of Media and Communications, Goldsmiths College, University of London (Germany/United Kingdom)

Maike Koschorreck – Bremen International Graduate School of Social Sciences, Universität Bremen (Germany)

Noora Lori – Department of Political Science, Johns Hopkins University (United States of America)

Muhammad Arafat Bin Mohamad – Department of Anthropology, Harvard University (United States of America)

Sanjeev Routray – Department of Sociology, University of British Columbia (Canada)

Stephen Ruszczyk – Graduate Center, City University of New York (United States of America)

Nazgül Tajibaeva – Bielefeld Graduate School in History and Sociology, Universität Bielefeld (Germany)

Emrah Yildiz – Department of Anthropology, Harvard University (United States of America)




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 28. Februar 2013 um 11:14 Uhr unter Gewalt, Ideen - Theorien. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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