Konsens Karneval – Ein Kostüm ist keine Einladung

von Melanie

Alaaf und Helau liebe Jeck_innen! Oder was man sonst so bei Euch ruft, wenn Karneval/Fasching ist. Als ich vor über 5 Jahren aus dem Ruhrgebiet nach Köln zog, hat mich diese Omnipräsenz des Karnevals, der hier ja schon am 11.11. beginnt, geschockt. Und wie ich – damals noch im Ruhrgebiet arbeitend – versuchte, an Weiberfastnacht mit öffentlichen Verkehrsmittel aus Köln heraus zu kommen…

Das ist aber nicht das Problem mit Karneval. Sich Verkleiden, Feiern, Fröhlich sein – ok. Gern. Und in diesem Beitrag geht es auch erst mal nicht um die militärischen/katholischen-was-auch-immer Bezüge, die Karneval hat. An dieser Stelle geht es auch nicht um Rassismus in Sachen Verkleidung. In diesem Beitrag geht es darum, dass Sexismus und sexuelle Gewalt im Karneval einer die Feierei ganz schön vermiesen können, dass Frauen* darauf achten müssen, wie sie sich verkleiden, wie viel sie trinken… also alles, was an victim blaming und rape culture auch sonst existiert, im (Kneipen)Karneval dann noch mal geballt auftaucht.

Oder kurz: Ich möchte auf meine Kampagne „KonsensKarneval – Ein Kostüm ist keine Einladung“ aufmerksam machen (hier zur facebook-Seite und zum twitter-Account). Vorbild war die Kampagne „I frog di„, die sich auf das Oktoberfest konzentriert.

Für diejenigen, die mit Karneval/Fasching eher wenig zu tun haben: Beim (Kneipen)Karneval ist es durchaus gang und gebe, dass Menschen offener als sonst auf andere Menschen zu gehen. Oder schlicht: dass diese Kontaktaufnahme dank Kostümierung und Alkohol leichter von statten geht. Hier in Köln ist das so gang und gebe, dass „Seitensprünge“ an Karneval normalisiert sind (die werden bei der Nubbelverbrennung an Karnevalsdienstag gebeichtet und gesühnt. Dafür wird stellvertretend eine Strohpuppe – der Nubbel – verbrannt. Parallelen zur Hexenverbrennung sind an den Strohhaaren herbei gezogen). Ich war auf einer Hochzeit, auf der der Pfarrer den Hochzeits-/Treueschwur „treu sein, einander lieben und ehren“ mit einem augenzwinkernden „Karneval ausgenommen“ ergänzte. Für manche Touristen ist Karneval einzig dazu da, „Sexabenteuer“ zu erleben.

Nun gut, so lange das in beiderseitigem Einverständnis erfolgt ist daran nichts falsch. Aber kommt es zu Übergriffen, wird es insbesondere den Frauen angelastet: Zu viel getrunken, zu freizügiges Kostüm und dann hat sie (™) auch noch mit einem „Bützchen“ angefangen! (Bützchen sind Küsschen auf die Wange, die gerne auch als Gegenleistung für ein „Strüßje“ erwartet werden, also Blümchen, das überreicht wird).

Hier möchte die Kampagne KonsensKarneval – Ein Kostüm ist keine Einladung ansetzen: Darauf aufmerksam machen, dass NIE die Betroffenen Schuld sind und dafür sensibilisieren, dass Vorsichtsmaßnahmen eher bei den „Tätern“ gefragt sind.

Ihr wollt mitmachen? Sehr gerne! Wenn ihr selber Karneval feiert, schickt mir Fotos von Euch in Verkleidung, die ich mit dem Text „Mein Kostüm ist keine Einladung!“ auf dem tumblr veröffentlichen werde. (WIE ihr verkleidet seid, ist völlig egal und ihr teilt mir mit, ob ihr eine Veröffentlichung mit oder ohne Namen wollt oder ob ich noch einen Balken über die Augen machen soll. Ich kann auch sehr gut nachvollziehen, wenn man KEIN Foto von sich veröffentlicht sehen möchte). Gerne könnt ihr mir auch Berichte über Erfahrungen (anonym, wenn ihr wollt) mit übergriffigen Menschen, abweisenden Beratungs-/Polizeidienststellen an konsens.karneval@gmail.com schicken. Oder ihr sammelt mit mir Ideen, wie das „Kölsche Grundgesetz“ oder Karnevalssprüche/-lieder umgetextet werden können in Sätze, die sich insbesondere an „Täter“ richten. Z.B. mit Postkarten auf denen „Darf ich Dich bütze*? (*küssen) steht und lediglich die Antwortmöglichkeiten: „Ja, aber nicht mehr“ und „Nein“ enthalten. Oder ihr teilt, liked und verbreitet einfach die Kampagne.

Ein Kostüm ist keine Einladung!




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 5. Februar 2015 um 9:00 Uhr unter Aktivismus. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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8 Kommentare

  1. Chris sagt:

    Besten Dank für die Aufklärung über die Kölner Sitten und Gebräuche. War mir als Norddeutschem in dieser Intensität nicht bekannt. Nun weiß ich umso besser, warum ich mich (als Mann) von dieser Art Brauchtumspflege fernhalte.

  2. Jane sagt:

    Ich oute mich mal: Ich mag Karneval! Ich bin dafür auch schon zweimal extra nach Köln gereist. Da mir Rassismus und Sexismus in diesem Zusammenhang nciht weniger auf den Sack gehen als sonst, finde ich es umso großartiger, dass es diese Aktion gibt. Das zeigt mir, dass man Karneval vielleicht auch ohne „Altherrentraditionen“ gestalten kann. Für Leute wie mich, die gerne ohne Angst und ungute Gefühle feiern wollen. Wär ja schön, wenn das tatsächlich in den nächsten Jahren der Normalzustand wäre..

  3. Luna sagt:

    Ich verbreite deine Aktion über den Verteiler meines FrauenLesbenZentrums, wenn das für dich in Ordnung geht.

    Danke für das Ansprechen, ich mag unter anderem genau deswegen Karneval (in Ö: Fasching) nicht.
    Das Einzige was mich aber schmunzeln lässt ist, dass hier vermehrt Männer in Stereotypfrauengewändern erscheinen. Weils ja „sonst nicht geht“… ^^

  4. Iska sagt:

    Liebe Melanie und MM,
    wie ich eben sehen musste, verlinkt FrauTV (wdr) auf Facebook diesen Beitrag und stellt als Aufmacher die Frage: „Wie denkt ihr darüber: Aufreizendes Kostüm = Einladung zum Übergriff?“
    Ich halte das für sehr sehr unglücklich gewählt als Einstieg, die Reaktionen in den Kommentaren sind leider auch entsprechend durchwachsen.

  5. accalmie sagt:

    Liebe Iska, vielen Dank für den Hinweis! Gruselig – auch, weil das offenbar als „provokante“ Clickbait-Frage gestellt wurde. Ich hoffe, dass zumindest einige derjenigen, die den Beitrag von FrauTV auf Facebook sehen, dann auch tatsächlich Melanies Artikel lesen – spätestens dann müsste sich die Frage ja erübrigen.

  6. accalmie sagt:

    Der Beitrag wurde nun editiert, FYI.

  7. Melanie sagt:

    @luna: und grade weil ich Karneval mag – und mit zwei Kindern eh nicht drum rum komme – wünsche ich mir, dass er ohne Sexismus und Rassismus auskommt. Ich glaube nicht, dass das zu meinen Lebzeiten sein wird, aber steter Tropfen…