Es ist ein feministischer Dauerbrenner: das Thema Sexarbeit, sex work, Prostitution. Auch wenn wir hier im Blog etwas dazu schreiben oder auch nur verlinken, ist ein überdurchschnittlich hohes Kommentaraufkommen vorprogrammiert. Die Kommentare sind oft sehr ausführlich, sehr meinungsstark, nicht selten auch emotional engagiert – das Thema bewegt. Und meistens prallen dabei relativ schnell zwei gegensätzliche Auffassungen aufeinander, unter denen in feministischen Kontexten über den emanzipatorischen Wert, die Schädlichkeit oder die Daseinsberechtigung von Sexarbeit diskutiert wird. Manchmal in Anwesenheit, häufiger in Abwesenheit von (ehemaligen) Sexarbeiter_innen, die – welch Überraschung! – zu diesen Gelegenheiten nicht immer mit einer Stimme sprechen.
Auf der einen Seite findet sich eine Position wie die Alice Schwarzers. Diese hat gerade, supportet von inzwischen an die 1700 teilweise prominenten Mitstreiter_innen, einen „Appell gegen Prostitution“ verfasst, wo unter anderem zu lesen ist:
Doch genau das tut Deutschland mit der Prostitution: Es toleriert, ja fördert diese moderne Sklaverei (international „white slavery“ genannt). […] Das System Prostitution degradiert Frauen zum käuflichen Geschlecht und überschattet die Gleichheit der Geschlechter. Das System Prostitution brutalisiert das Begehren und verletzt die Menschenwürde von Männern und Frauen – auch die der sogenannt „freiwilligen“ Prostituierten.
Allein dass Schwarzer sich dafür entschieden hat, Prostitution pauschal als „moderne Sklaverei (international „white slavery“ genannt)“ zu bezeichnen, spricht Bände: ahistorischer, verharmlosender und ignoranter kann wohl selbst die Axt im Walde nicht zu Werke gehen. „White slavery“ – laut Wikipedia „A term for sexual slavery, used to distinguish it from the system of slavery that had been imposed on black people in the Americas“. Das ist in etwa zu übersetzen mit „ein Ausdruck für sexuelle Sklaverei, der verwendet wird, um diese von dem System der Sklaverei zu unterscheiden, welchem Schwarze Menschen auf dem amerikanischen Kontinent unterworfen wurden“. Diese Definition sowie Schwarzers Bezug auf diesen Begriff sind bezeichnend und strotzen nur so vor white supremacy, denn sexualisierte Ausbeutung und Gewalt stellten einen Grundpfeiler des Systems der Sklaverei in den Staaten der heutigen USA (und sicher genauso anderswo) dar – nachzulesen z.B. aktuell in Akiba Solomons Filmbesprechung zu “12 Years A Slave”. Und als ob sowohl heutige Sklaverei und Menschenhandel als auch Sexarbeit nur weiße Personen betreffen würden… Als ob eine Gleichsetzung von Sklaverei und bezahlter Arbeit überhaupt Sinn ergeben könnte. Abgesehen davon, wie geflissentlich ignoriert wird, dass Sexarbeiter_innen weltweit sich immer wieder gegen eine solch undifferenzierte Darstellung aussprechen.
Auch der positive Bezug auf Deutschland als einen „aufgeklärten, demokratischen Staat“, für den es „doch undenkbar [sei], die Sklaverei zu tolerieren oder gar zu propagieren“, verwundert – zumal Alice Schwarzer doch sicher weiß, dass es sich bei einer solchen „Undenkbarkeit“ eher um einen Fall von globalem Outsourcing denn um konsequente Ächtung bestimmter Arbeits- und Produktionspraktiken handelt.
„Käufliches Geschlecht“ – weil das „Geschlecht“, und zwar genau eines, durch die sexuelle Handlung definiert wird? Wo beginnt in einem gesellschaftlichen System der kommerzialisierten Sexualität und des sexualisierten Kommerzes diese „Käuflichkeit“ und wo endet sie, welche Tätigkeiten sind da mitgedacht, welche nicht? „Überschattet die Gleichheit der Geschlechter“ – weil ohne Sexarbeit gäbe es diese Gleichheit? „Das System Prostitution brutalisiert das Begehren“ – weil ohne Sexarbeit gäbe es keine Gewaltförmigkeit in (heterosexuellen) Liebesbeziehungen, keine finanziellen Abhängigkeiten (Stichwort „Versorgerehe“), keine sexualisierte Gewalt, keine gegenderte sexuelle Doppelmoral und kein slut shaming, keine gegenderte Objektifizierung, Rassifizierung und Exotisierung, keine rape culture? Prostitution betrifft ausschließlich Männer und Frauen? Gesetzliche Reglementierung, Repressalien inklusive, soll es richten? Positiv bezogen wird sich dabei auf „die skandinavischen Länder“, Kritik am schwedischen Modell fällt komplett unter den Tisch. Und die Anführungszeichen um „freiwillig“ reichen nicht aus, da muss auch noch ein „sogenannt“ davor, damit deutlich wird, wie absurd es ist, ein Konzept wie Selbstbestimmtheit hier auch nur ansatzweise gelten zu lassen?
Nadia schrieb dazu kürzlich in einer Diskussion auf der Facebookseite ihres Blogs Shehadistan:
An dem Schwarzer-Brief ist sooo vieles falsch und problematisch […] dass man darüber fast eine ganze Doktorarbeit schreiben [könnte]. […] Der Schwarzer-Brief ist in der Tat sowas wie der (wiederholte) Anfang vom langen Ende des EMMA-Feminismus, weil er mal wieder Frauen gegeneinander auspielt und sich als Advokaten wieder mal so prominente Nullchecker_innen gesucht wurden.“
So weit, so schlecht. Das ist jedenfalls schonmal nicht der Rahmen, in dem ich Diskussionen um Sexarbeit führen möchte.
Die andere Seite der eingangs erwähnten Medaille ist es jedoch ebenso wenig: Nämlich unterkomplexer „I choose my choice“-Feminismus, welcher bestehende Machtverhältnisse ausblendet und jede Kontroverse auf eine Frage der „Freiwilligkeit“ eindampft. Die Idee, dass alles was Frauen tun, dufte, empowernd und immun gegen Kritik ist, solange sie es „sich so ausgesucht“ haben, ist für feministische Analysen nämlich auch nicht unbedingt weiterführend. Und allzu anschlussfähig für neoliberale Individualisierungs- und Kommerzialisierungsdiskurse, die in der Konsequenz keinen Raum für Systemkritik und Solidarität mit weniger privilegierten Akteur_innen lassen.
Zum Beispiel bringen rassistische Strukturen wie in Deutschland es mit sich, dass Personen ohne deutschen Pass in Sachen berufliche Wahlfreiheit und Selbstbestimmung oftmals andere Bedingungen vorfinden als z.B. Menschen, die sich prinzipiell um einen gesicherten Aufenthaltsstatus, Zugang zum Bildungssystem, die Anerkennung ihrer Berufsqualifikation oder eine Arbeitserlaubnis keine Sorgen machen müssen. Soviel dann übrigens auch nochmal zum Thema „white slavery“.
Ein differenzierter Umgang mit dem Freiwilligkeitsbegriff bedeutet keinesfalls automatisch das Absprechen von Agency. Bloggerin Sina, nach eigenen Angaben seit mehreren Jahren als Sexarbeiterin tätig, fordert im weiter oben verlinkten Artikel:
Missstände in der Sexarbeit müssen angesprochen und bekämpft werden. Dafür ist es jedoch nicht notwendig, Sexarbeiterinnen in prekären Situationen als durchwegs hilflose, naive Opfer, die „innerlich tot“ sind und deshalb keine Entscheidungen treffen können, darzustellen. Eine solche Darstellung reproduziert nur die Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen, und übt Druck auf sie aus, Missstände zu verschweigen, um in der Öffentlichkeit nicht als Opfer bevormundet zu werden.
Die Bedingungen, unter denen Sexarbeit ausgeübt wird, sind divers, sie rangieren offenbar zwischen deluxe und mies. So unterscheiden sich beispielsweise der jeweilige Verdienst, öffentliches Image (mediale Glamourisierung vs. Stigmatisierung), das Ausmaß zu dem ein_e Sexarbeiter_in ihre_seine Arbeitsbedingungen den eigenen Vorlieben und Bedürfnissen entsprechend (mit)gestalten kann, das Ausmaß in dem ein_e Sexarbeiter_in sich an öffentlichen/politischen Diskursen beteiligen kann oder das Ausmaß in dem den Akteur_innen Alternativen zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes zur Verfügung stehen. Alles übrigens Faktoren, die – zumal unter globalisierten (post)kolonialen kapitalistischen hetero_cis_sexistischen rassistischen klassistischen ableistischen Bedingungen – auch bei der Bewertung jeder anderen Form der Erwerbstätigkeit eine Rolle spielen.
Sexarbeit ist kein machtfreier Raum, denn weder Sex noch Arbeit stehen außerhalb von Machtstrukturen. Weswegen es aus feministischer Perspektive nicht allzu weit führt, die eigene Position zum Thema ausschließlich am Narrativ der Freiwilligkeit auszurichten. Was natürlich im Umkehrschluss nicht dazu führen darf, über die Köpfe von Betroffenen hinweg unmittelbaren Zwang, Gewalt und Abhängigkeit zu bagatellisieren.
Ein besonders heikler Punkt bei Versuchen der Solidarisierung mit Sexworker_innen: Manchmal macht es stutzig, wie an Orten, wo normalerweise Kritiken an patriarchalen Verhältnissen und hegemonialen Männlichkeiten auf einem relativ fortgeschrittenen Level betrieben werden, in Debatten um Sexarbeit auf einmal von „natürlichen Bedürfnissen“, „ihnen geben was sie brauchen“, „total normalen und netten Menschen, die Frauen überhaupt nicht unterdrücken wollen“ die Rede ist, wenn es um Kunden sexueller Dienstleistungen geht. Und wenn die Frage beleuchtet wird, warum der Markt erotischer Services sich ganz überwiegend an heteromännlichen Bedürfnissen ausrichtet, wird vielfach biologistisch argumentiert.
Die Bauchschmerzen, die sich in solchen Momenten einstellen, werden umso stärker, wenn man sich in dem Bestreben nach Solidarität mit Sexarbeiter_innen plötzlich Seite an Seite sieht mit mehr oder weniger offenen Ich-bin-Freier-und-das-ist-auch-gut-so-Dudes, die sich in erster Linie für ihr bedarfsorientiertes Entitlement stark machen. Besonders gruselig in dem Zusammenhang: das Argument, Prostitution verhindere/reduziere Vergewaltigungen.
Warum sollten ausgerechnet die Kunden sexueller Dienstleistungen und deren Handlungen nicht im Kontext Patriarchat – Kapitalismus – Kolonialismus – Hegemonie/Kyriarchie betrachtet werden? Ich kann durchaus eine kritische Perspektive auf die Inanspruchnahme konkreter Dienstleistungen richten (und das gilt für alle möglichen Dienstleistungen und Produkte), ohne die Erbringer_innen dieser Dienstleistung zu kritisieren, abzuwerten oder zu entmündigen.
„Mein“ Feminismus bedeutet, gegen die Stigmatisierung und Kriminalisierung von Sexarbeiter_innen einzutreten und für die Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen, für ein Höchstmaß an sozialer, gesundheitlicher, medizinischer und jeglicher gewollt seiender Absicherung. Das bedeutet aber nicht, dass ich hetero_cis_sexistisch Privilegierten einen uneingeschränkten Anspruch auf Konsum jeglicher gewünschter Dienstleistung per default zubilligen muss. Die „Bedürfnisse“ von Freiern sind aus meiner Sicht kein relevanter Bezugspunkt für feministische Debatten um Sexarbeit – jedenfalls nicht in affirmativer Weise und schon gar nicht herausgelöst aus Diskursen über soziale und kulturelle Herstellung und Verhandlung von Bedürfnissen, Rollenerwartungen, Ressourcen oder Moralvorstellungen. (Ebenso wenig ist ein solcher Bezugspunkt für mich „die heilige weibliche Sexualität“ an und für sich, die – notfalls gegen ihren Willen – vor Kompromittierung geschützt werden muss weil wegen ist so.)
Die genannten Punkte machen es nicht immer ganz einfach, sich z.B. Gegenbewegungen wie dem auf Schwarzer et al. gefolgten „Appell FÜR Prostitution“ vorbehaltos anzuschließen, auch wenn deren Forderungen wie z.B. Beteiligung von Sexarbeiter_innen an politischen Prozessen, die sich mit dem Thema Prostitution befassen; Aufklärung statt Zwang und Verbot, staatlich geförderte Weiterbildungsangebote für Sexarbeiter_innen oder Bleiberechte, Entschädigungen und umfassende Unterstützung für Betroffene von Menschenhandel ohne wenn und aber mitgetragen werden. Zumal diese offenbar vorgebracht werden von Leuten, um deren Lebensrealitäten es hier geht.
Wie Nadia auf Facebook weiter schrieb:
Ich hoffe, dass Gegenbewegungen die Kraft haben, ohne evolutionäre Phrasen à la „ältestes Gewerbe der Welt“ (seit Urknall) und fragwürdige Allies sich gegen den EMMA-Appell zu stellen, ohne unsichtbar zu machen, dass sämtliche Arbeitsverhältnisse (die auch in diesem Rahmen sehr divers sein werden) eben keine „natürlichen“ Voraussetzungen unserer Gesellschaft sind, sondern eben immer auch in diverse Machtstrukturen eingebunden sind.
Dass die Lebensrealität vieler Sexarbeiter_innen und ihr Verhältnis zu ihrem Job komplexer ist als es ein schlichtes Täter-Opfer-Narrativ hergibt, sollte jedenfalls inzwischen auch bei Alice Schwarzer und ihren Anhänger_innen angekommen sein. Ich fände es daher sinnvoll, in feministischen Kontexten, zumal unter nichtsexarbeitenden Personen, weniger darüber zu debattieren, ob/unter welchen Bedingungen sexuelle Dienstleistungen an sich abwertend oder schädlich oder unmoralisch sind oder nicht. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass sonderlich viele Leute, die praktische Erfahrung mit Sexarbeit (und der damit einhergehenden Stigmatisierung) und dementsprechendes Expert_innenwissen haben, Interesse haben, sich an eher theoretischen Diskussionen unter solchen Vorzeichen zu beteiligen – und zum Beispiel Einblick gewähren, was für sie wirklich eine Unterstützung wäre, welche Art der Solidarität sie selbst als nützlich und hilfreich beurteilen, ob und wo sie Hilfebedarf sehen.
Wodurch kann ich als Feministin Sexarbeiter_innen unterstützen/Solidarität zeigen – und zwar gleichermaßen jene die sagen, dass sie ihren Job gern machen und keinen anderen wollen; jene die sagen, dass sie ihren Job zwar nicht sonderlich toll finden, es für sie aber aus Gründen ihr Weg zum Geldverdienen ist; jene die sich um eine Alternative zur Prostitution bemühen; und besonders auch jene die von unmittelbarem Zwang und Gewalt betroffen sind? Und das erstmal ganz unabhängig von der Frage, ob und aus welchen Gründen ich eine Gesellschaft ohne Prostitution grundsätzlich für wünschenswert halte oder nicht? Ich würde mir wünschen, dass ein solcher Ansatz immer als Prämisse über Debatten stünde, wie wir sie hier führen.
Edit: Zum Weiterlesen hier noch ein paar Links, wiederum mit Verweisen auf andere Quellen – Danke an Sonja für die Hinweise!
How To Be A Feminist Ally To Sex Workers

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