„Ich bin es leid, möglichst viel von meinem Körper zu verstecken“

von Magda
Dieser Text ist Teil 25 von 41 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Alex kommt aus dem Ruhrgebiet, lebt zur Zeit in Heidelberg und besucht seit März eine Modeschule in Mannheim, um Mode­designerin zu werden. Nebenbei bloggt sie auf ihrem Blog Some Girls Are Bigger Than Others, auf dem es um Plus Size Fashion und Fat Acceptance geht. Auf der Mädchenmannschaft durften wir im letzten Jahr ihren kritischen Artikel zu der Mode-Fernseh­sendung Shopping Queen veröffentlichen. Mit Alex sprach ich über Plus Size Mode, mangelnde Repräsentation von dicken Menschen in der Mode­industrie und inspirierende dicke Bloggerinnen.

Zu Mode und Shopping fallen mir als Modefan mit Größe 46/48 so einige Anekdoten ein – viele davon ganz schön nervig. Wie sieht’s bei dir aus?

miss templeMode hat für mich lange Zeit vor allem eines bedeutet: Frust. Als dicker Teenager in den 90ern gab es praktisch nichts, was mir wirklich gefallen hat. Ich habe oft zu schlabberigen Shirts und Jeans gegriffen. Eine Weile habe ich praktisch in einem riesigen schwarzen Kapuzen­pulli gelebt. Erst im Netz fand ich Dinge, die mir gefallen haben. In die Stadt zu fahren und dort zu stöbern, etwas anzuprobieren und es dann zu kaufen, ist fast nicht möglich. Hier in der Innenstadt gibt es nur drei Geschäfte, die in größerem Umfang meine Größe führen. Deprimierend, oder?

Mittlerweile heißt Klamotten zu shoppen zum Glück nicht mehr nur Frust. Online sieht es mittler­weile wesentlich besser aus. Es gibt ein paar aus­gesuchte Shops, die teil­weise richtig aktuelle Mode anbieten, wenn auch für meinen Geschmack oft nicht zeitnah genug und häufig (vor allem in Deutschland) werden Trends zwar auf­gegriffen und beworben, aber sind in der Umsetzung so zahm und angepasst, dass sie eigentlich nichts mehr mit dem ursprüng­lichen Thema zu tun haben. Es ist schon besser geworden, aber wir haben immer noch einen weiten Weg vor uns.

Dank des jahrelangen Darbens bin ich übrigens mittler­weile zu einer Art Kleider­drachen mutiert und sitze auf vielen geliebten Kleidungs­stücken, die ich wie einen Schatz horte.

Deine Liebe zu Mode hat dich und andere Bloggerinnen dazu veranlasst, die Fatty Fashion Fun Challenge ins Leben zu rufen, wo Menschen ab Größe 46 jeden Monat zu einem anderen Thema Fotos von sich und ihren Lieblings­outfits online stellen können. Ich verstehe solche Aktionen auch als Reaktion auf eine Modeindustrie, die sich nur für bestimmte Körper interessiert. Getreu dem Motto: Wenn die Mode­industrie uns nicht repräsentiert, machen wir das einfach selbst. Was hat dich dazu bewegt, dich trotzdem in das Feld Mode zu bewegen, obwohl wir oft nicht mit­gedacht werden?

FFFC_HeaderIch glaube, ich war es irgend­wann einfach leid, dass ich kaum schöne Kleidung gefunden habe und dass von mir als dicke Frau erwartet wird in Sack und Asche zu gehen und möglichst viel von meinem Körper zu verstecken. Oder mich zumindest möglichst „vorteilhaft“ zu kleiden.

Als ich mein Modeblog 2010 gestartet habe, war das zum Teil auch eine Herausforderung, die ich mir selbst gestellt habe. Am Anfang war es mir noch ziemlich unangenehm zu posen und überhaupt Ganz­körper­fotos von mir machen zu lassen. Aber ich wollte mir und der Welt beweisen, dass Dicke modisch sind, dass wir auch das Recht haben, uns selbst gut zu finden und uns nicht verstecken müssen. Ein Aspekt, der meiner Meinung nach häufig unterschätzt wird, ist der Effekt, die Kleidung, in der eins sich gut fühlt und die gefällt, auf eine_n haben kann. Gerade wenn ich etwas trage, dass mir gefällt, fühle ich mich besonders wohl und selbst­bewusst. Ich finde es so schade, wenn sich eine Person etwas nicht anzuziehen traut, weil es zu auffällig/bunt/kurz/eng/ärmellos/ausgefallen ist und ich hoffe, dass ich als Bloggerin da vielleicht meinen Teil dazu beitragen kann, solche von Gesellschaft und Medien ein­zementierten Vorstellungen etwas auf­zubrechen.

Wenn ich die Modeschule beendet habe, möchte ich da übrigens auch gern ansetzen und Plus Size Mode entwerfen. Ich weiß auf jeden Fall schon sehr genau wie meine Mode nicht aussehen soll.

Was sind deine bisherigen Erfahrungen in dem Studium: Ist der Anspruch da, für verschiedene Körper und Körper­formen Mode zu designen oder stehst du damit eher allein da?

Die Standardgröße am Anfang ist eine 38. Das heißt wir arbeiten an einer Schneider­puppe in Größe 38 und auch die Berechnungen und Schnitte, die wir anfertigen, sind zunächst zumeist in dieser Größe.

Allerdings arbeiten wir bereits jetzt schon auf unseren eigenen Maße und da bin ich dann sozusagen mein eigenes Versuchs­kaninchen. Ansonsten fürchte ich, dass da auch viel Eigen­initiative gefordert ist. Wir lernen natürlich die verschiedenen Größen zu bedienen, aber wie viel Zeit bleiben wird, um genauer auf verschiedene Körper­formen einzugehen, kann ich noch nicht recht abschätzen, bisher lernen wir ja noch die Grund­lagen.

Gerade versuchst du etwas Geld für eine Reise nach Paris zu sammeln. Erzähl uns ein bisschen was davon.

An der Schule gibt es regelmäßig Exkursionen, u.a. zu Messen in Städten wie Florenz oder Paris. Im September findet nun nächste Exkursion statt und es geht zu einer der größten Stoff­messen der Welt, die halb­jährlich in Paris statt findet. Ich würde unheimlich gern mitfahren. Nicht nur, dass es dort viel zu sehen und zu lernen gibt, Paris ist natürlich auch noch klassischer­weise die Mode­haupt­stadt schlecht­hin und zufällig eine meiner Lieblingsstädte.

Leider habe ich nicht die finanziellen Mittel, um so eine Reise aus eigener Kraft zu bezahlen und so kamen spontan gleich mehrere meiner Twitter­followers auf die Idee mich zu crowdfunden. Ich dachte zuerst, dass das nicht klappt, aber dann wollte ich es zumindest probieren, habe einen relativ ausführlichen Beitrag auf tumblr gepostet und einen Paypal-Spendenbutton auf mein Blog gestellt. In den darauf­folgenden Tagen haben viele unheimlich nette Menschen bereits ein paar Euro gespendet. Damit hätte ich nie gerechnet und ich hatte öfter Tränen der Rührung in den Augen.

Ich hoffe, dass das Geld für die Reise zusammen­kommt! Zuletzt würde ich mich noch über einige Tipps von dir freuen: Wo können Menschen jenseits Größe 42 modische Inspiration bekommen?

Eine meiner allerliebsten Lieblings­bloggerinnen ist Katrin von Reizende RundungenSie hat einen wunderbaren eigenen Stil, Zuckerwattehaare und ist neben ihrer generellen Awesomeness auch noch sehr engagiert was Body & Fat Acceptance angeht.

Eine Bloggerin die mittlerweile zwar weniger Outfits auf ihrem Blog zeigt, dafür umso nach­drücklicher wichtige Themen wie Fat Shaming oder die Fixierung der Gesell­schaft auf das Gewicht dicker Menschen aufgreift ist die australische Bloggerin Kath von Fat Heffalump.

Erst Anfang des Jahres habe ich zufällig die großartige Isabell von Dressing Outside The Box kennen gelernt. Sie hat (noch zufälliger) dieselbe Mode­schule besucht wie ich und arbeitet jetzt als Designerin in einem bekannten Mode­haus und haut mich mit ihrem Stil immer wieder absolut um. Ich liebe jedes einzelne ihrer Outfits!

Rachele ist eine feministische Fat-Aktivistin, die Dinge wie den „How to be a fat bitch“ E-Course gestartet hat. Sie fertigt tolle Portraits von überwiegend dicken Menschen an und kämpft momentan dagegen an, dass ihre Fotos miss­bräuchlich für Diät­kampagnen als „Vorher-Foto“ oder für fetten­feindliche Memes verwendet werden.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 13. Mai 2014 um 9:02 Uhr unter Körper, Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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Ein Kommentar

  1. Reality Rags sagt:

    […] Mädchenmannschaft stellt Alex vor, Modebloggerin und in der Ausbildung zur Modedesignerin. Ein Gespräch über Plus […]