Hin zu einer differenzierten feministischen Diskussion über Venezuela

von Gastautor_in

Was passiert eigentlich zur Zeit in Venezuela? Keine von uns könnte das so gut erklären wie Verónica Bayetti Flores Deren Text, der zu erst bei Feministing erschien, dürfen wir hier in Übersetzung veröffentlichen. Ihr könnt ihr auch auf Twitter folgen.

Falls du den internationalen Nachrichten Aufmerksamkeit schenkst, mag dir aufgefallen sein, dass etwas in Venezuela passiert. Abhängig davon, welche Medien du verfolgst, kann es sein, dass du vollkommen unterschiedliche Dinge hörst. Was du aber wahrscheinlich nicht hörst, ist eine nuancierte Perspektive, die weder die sozialistische Regierung meines Heimatlands verwirft noch glorifiziert. Also versuche ich das mal zu schreiben.

Um ehrlich zu sein spreche ich öffentlich nur ziemlich zögerlich über venezuelanische Politik. Ich habe erlebt, dass die Reaktionen sehr polarisiert sind und dass das Thema für mich zu persönlich ist um es einfach abzutun. Die letzten Woche aber waren so brutal und die Berichterstattung so mangelhaft, dass es sich zwingend notwendig anfühlt die Angst zur Seite zu packen und das kleine Stück zu teilen, welches ich beitragen kann. Ich bin besonders interessiert an dem Vermögen linker Bewegungen linke Regierungen zur Rechenschaft zu ziehen wenn deren Handlungen repressiv sind und an unserem Vermögen eine differenzierte Unterhaltung zu haben über die Art und Weise wie die Leute, die wir als Held_innen hochhalten, uns im Stich lassen. Und ich möchte darüber sprechen wie, selbst angesichts eines Totalausfalls hinsichtlich wichtigster Fragen der Geschlechtergerechtigkeit (gender equity and justice), linke Projekte weiterhin die Lieblinge in den Augen unserer sozialen Bewegungen bleiben.

In der letzten Woche haben Venezolaner_innen massenhaft in Städten überall im Land demonstriert. Je nachdem woher du deine Informationen bekommst, protestieren die Menschen, weil sie reiche Gören sind, die wütend sind, da sie nicht mehr den offiziellen Wechselkurs für ihre Auslandsurlaube bekommen, oder die Menschen protestieren gegen eine extrem instabile Wirtschaft, ein Mangel an Grundgütern wie Grundnahrungsmittel und Toilettenpapier, und endemische Gewalt. Die Wahrheit ist, naja, beides. Es stimmt, dass wohlhabendere Venezolaner_innen wütend sind. Während der letzten 15 Jahre, seit der Wahl von Hugo Chavez, gab es massive Vermögensumverteilung  – ohne Frage eine positive Sache in einer extrem unebenen und ungleichen wirtschaftlichen Landschaft. Die reichen Venezolaner_innen waren darüber ziemlich verärgert, sie mochten irgendwie ihr ganzes Geld. Während dieser Zeit ist ganz klar, dass sich die materielle Lage der armen Venezolaner_innen in beträchtlichem Ausmaß verbessert hat. Diese Dinge , zusammen mit dem Charisma, Mut und zu gleichen Teilen beißenden und urkomischen politischen Kommentaren des verstorbenen Hugo Chavez haben  das linke Projekt Venezuelas – jetzt von Chavez weit weniger charismatischen Nachfolger Nicolás Maduro geführt – zum Liebling der linken Bewegungen weltweit gemacht. Es hat Venezuela aber auch zu einem großen Ziel ungerechtfertigter und undemokratischer politischer Interventionen der USA werden lassen, welche Teil einer langen Geschichte der politischen Intervention in Südamerikas linke Regierungen sind.

Aber jetzt zu diesem Zeitpunkt sind nicht nur wohlhabende Venezolaner_innen unzufrieden mit der Regierung. Tatsache ist, dass dieser Sozialismus (naja, „Sozialismus“ – vielleicht eher Staats-Kapitalismus, falls du über ökonomische Systeme rumnerden möchtest) nicht nur aus Regenbögen und Glitzer besteht. Die Wirtschaft ist am Boden. Das Jahr 2013 endete mit einer offiziellen Inflationsrate von 58%, bei der Inflation auf dem Schwarzmarkt, an den sich immer mehr Venezolaner_innen wenden, liegen die Raten fünf- oder sechsmal so hoch. Denk eine Sekunde darüber nach. Was Leute letztes Jahr im Januar verdient haben? Der Wert ist um 60% – 300 % gesunken. Falls sie es geschafft haben ein wenig Geld zu sparen, tja, dann war das ein schlechter Zug, da es jetzt viel weniger Wert ist. Das ist ein nationales Phänomen, was alle aber tatsächlich am meisten arme Menschen betrifft. Viele wohlhabendere Leute mit Jobs in multinationalen Unternehmen haben es hinbekommen, dass sie jetzt in Dollar bezahlt werden. Für sie ist es also ein sweet deal. Diese Realität ist auch Teil des Kontexts der Proteste.

Feministische Projekte hatten durchmischten Erfolg in Venezuela. Während mit Sicherheit einiges Wichtiges erreicht wurde, hat diese Regierung Feminist_innen mit vielem zu wünschen zurück gelassen. Trotz der Tatsache, dass, ähnlich wie fast überall, ein Mangel an Zugang zu sicheren und legalen Möglichkeiten für einen Schwangerschaftsabbruch vor allem Frauen mit niedrigem Einkommen betrifft, bleiben Abtreibungen illegal. Während den letzten 15 Jahren hat es keine große Anstrengung gegeben um dieses sehr häufig medizinische Verfahren zu legalisieren, und in der Tat wurde es kaum je erwähnt. Ich habe ordentlich Zeit mit den Abschriften von jedem einzelnen Aló Presidente verbracht , schabend nach Erwähnungen von Abtreibung, aber nichts. Noch war jemals die Rede von der erschreckend hohen Rate von Morden an trans Frauen, ganz zu schweigen von Taten dagegen. Schutz für queere Menschen ist quasi nicht existent, und lassen Sie uns nicht vergessen, dass in der Mitte seiner Präsidentschaftskampagne , Nicolás Maduro seinen politischen Gegner Henrique Capriles eine T*nte nannte, seiner Führungsfähigkeit in Frage stellte aufgrund seines Mangels an einer Ehefrau.

Während der Proteste der letzten Woche war Nicolás Maduros Regierung extrem repressiv. Venezuelas regierungskontrollierten Medien waren seltsam ruhig hinsichtlich der Proteste, welche landesweit mit tausenden Venezolaner_innen stattfinden. Der einzige Kanal, der über die Märsche berichtet hat, wurde abgeschaltet. Twitter hat bestättigt, dass die Bilder von venzuelanischen User_innen blockiert wurden und es gibt Berichte von taktischen Internetabschalten und -verlangsamungen durch die staatliche Telekommunikations-Firma, wodurch virtuelle Blackouts hergstellt werden. Die Polizei und die Nationalgarde haben gewalttätig reagiert, es sind mindestens vier Menschen gestorben. Der Anführer und Anstifter der Proteste, Leopoldo Lopez, wurde festgenommen und wegen Terrorismus angeklagt. Jetzt teile ich nur sehr wenige politische Ansichten mit Leopoldo Lopez, sowie eine gute Anzahl der Demonstrant_innen, aber ich werde nie staatliche Gewalt , Zensur und politische Unterdrückung verteidigen, und ich bin ehrlich gesagt schockiert, wie bereit einige der Leute in meiner  radikalen Gemeinschaft sind, ihre Politiken zu verwässern, wenn es im Dienst einer linken Regierung ist. Ich wünschte, ich könnte ähnlich Schock darüber ausdrücken, dass die Linke in der Lage ist , eine Regierung zu verteidigen, für die Feminismus nicht einmal ein ferne Priorität hat; aber die Fantasie habe ich schon lange aufgegeben.

Was die Medien über Venezuela nicht verstehen ist, dass nicht alles schwarz und weiß ist. Ja, die Rechte – die nicht damit umgehen kann, dass diese Regierung wieder und wieder demokratisch gewählt wurde – organisiert diese Proteste und ja, sie wollen Nicolás Maduro mit allen nötigen Mitteln vertreiben. Ja, die Polizist_innen sind repressiv und gewalttätig, der Staat zensiert wichtige Informationen. Ja, die Wirtschaft ist am Boden und alle sind wütend. Und lasst nicht vergessen, dass die letzte Wahl nur sehr knapp gewonnen wurde, also knapp die Hälfte der Bevölkerung ist die Richtung der aktuellen Regierung ziemlich Leid. Und da sind nicht jene Leute mit eingerechnet, die ebenfalls die aktuelle Regierung Leid sind, aber sie trotzdem gewählt haben, da sie in der jüngsten Vergangenheit die einzige venezuelanische Regierung waren, die sich auch nur annähernd um Venezuelas Arme gekümmert hat. Die Venezuelaner_innen sind aus vielen Gründen sauer, und sie marschieren gemeinsam aber mit sehr unterschiedlichen Politiken. Überall haben Leute sehr komplexe Beziehungen zu Politik, ihren Regierungen, ihren Ländern, und trotzdem erkennen die Medien dies nicht für Venezolaner_innen. Während der rechte Flügel Diktatur-Behauptungen ausspeit und Maduro damit beschäftigt ist einen bevorstehende US-gestützten Putsch zu beschreien- was, um fair zu bleiben, mit ziemlicher Sicherheit im Jahr 2002 passiert ist, und es ist durchaus möglich , dass die USA weiterhin in eine Destabilisierung des Landes investiert – marschieren die Menschen für Zugang zu Nahrung, für  eine gewisse wirtschaftliche Stabilität. Menschen marschieren für ihr Überleben. Viele von ihnen sind wütende Bürgerliche, viele von ihnen sind auch Leute, die es sich nicht leisten können, Mägde zu schicken, um vier Stunden lang in einer Warteschlange zu stehen um Grundnahrungsmittel auf dem Tisch zu bekommen, Leute, die begrenzten Zugang zu Strom und Wasser haben.

Verdreht das niemals: die wirtschaftliche Instabilität und Gewalt, die Venezuela durchrüttelt, beeinflusst am meisten Venezuelas Arme. Und es gibt noch eine MENGE Venezolaner_innen, die arm sind, auch nach verbesserten Bedingungen auch nachdem eine neuen bürokratischen Elite aufgestiegen ist. Arme Menschen sind trotz vieler Lippenbekenntnisse von der Regierung über die Beiträge der indigenen Völker und Afro- Venezolaner_innen, überproportional indigen und von Afro-Herkunft. Diese Übel betreffen Venezolaner_innen auf Arten und Weisen die klar gegendert sind. Und die Zurückhaltung der amerikanischen Linken mit diesen Verletzungen umzugehen, mit dem gemischten Erbe des venezolanischen Sozialismus, ist atemberaubend. Ich verstehe zwar den Impuls, ein Projekt, das die US-amerikanische imperialistische und anti- sozialistische Agenda routinemäßig untergräbt zu verteidigen, aber wir müssen dies besser tun als so.

Ich habe vieles mit eigenen Augen und durch die Augen meiner Familie gesehen. Ich habe die großen Wohnsiedlungen für die zuvor prekär Untergebrachten gesehen . Ich habe meine Familie politisch geteilt gesehen – zunächst sehr viel entlang vorhersehbarer Klassenlinien, obwohl zunehmend alle ihre Hoffnung für diese Regierung verlässt. Ich habe gesehen, wie sie Zugang zu kostenloser Gesundheitsversorgung haben, und ich habe gesehen, was es für sie bedeutet, in einem System zu leben, in dem ihr Gehalt jeden Tag schrumpft während die Kosten steigen. Ich habe von Freund_innen und Familie gehört über die Zeit(en), wo sie eine Pistole am Kopf hatten, und ich bin in der Mitte eines Raubüberfalls mit Scharfschützen geraten. Mein Cousin wurde vor ein paar Wochen erschossen. Es ist eine sehr deutliche Art von Schmerz aus der Ferne zu sehen wie dein Land zerbröckelt, zu sehen wie deine politischen Träume langsam abgebaut und beschädigt werden. Und es ist eine sehr deutliche Art von Schmerzen nicht Informationen erhalten zu können, die die nuancierten Realitäten, von dem was geschieht, widerspiegelen.

So, Angst vor dem mannarchistischen Backlash zur Seite – ihr habt keine Ahnung, wie gern mir weiße Männer mein Land erklären! – habe ich hier meine Gedanken veröffentlicht in der Hoffnung, dass Leute die soetwas suchen auch etwas finden können.




Tags: , , ,

Eintrag geschrieben: Dienstag, 25. Februar 2014 um 9:04 Uhr unter Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



Anzeige



8 Kommentare

  1. Frl. Urban sagt:

    Vielen dank für diesen artikel! In deutschland bekomme ich wirklich kaum etwas über venezuela mit.

  2. Maiki* sagt:

    Ebenfalls danke, ich hab tatsächlich bisher nur sehr einseitige Berichte gelesen.

  3. femmeinista sagt:

    Hoffentlich verstehen die Leute, dass nicht alles Schwarz / Weiß ist. Ich als Lateinamerikanerin weiß genau wie es ist wenn Leute versuchen dein Land zu erklären obwohl jenes Wissen nur aus Theorien aus Vorlesungen bestehen und wenn nicht genug versuchen die einem zu diskreditieren, weil wer sich so ausdrücken kann ist bestimmt aus der Oberschicht oder sonst was. Der Text ist einfach toll, weil alle Perspektive zeigt und nichts verteufelt. Am Ende sind immer die Minderheiten die die am meisten verlieren und dies zeigt sich leider ganz deutlich dieses Mal in Venezuela.

  4. trippmadam sagt:

    Von wem stammt denn die Übersetzung, bitte?

  5. Charlott sagt:

    Ich habe die angefertigt.

  6. trippmadam sagt:

    Ah, danke. Man sollte die Übersetzerin immer nennen, schließlich lebt so manche davon ;-)

  7. kami sagt:

    Danke für den Artikel. Es kotzt mich auch regelmäßig an, dass es im linken Lager so etwas wie Nibelungentreue gibt, in der man zu auch den übelsten Regimen steht, wenn diese nur Feind des eigenen Feindes sind. Die Rechten werden natürlich nicht besser durch die repressive Politik der venezolanischen Regierung und umgekehrt heiligen die rechten Bemühungen um einen Systemwechsel auch nicht das brutale Vorgehen der Regierungskräfte.

  8. Annette sagt:

    Vielen Dank für den ausgezeichneten Bericht aus Venezuela.