Hilfe, mein Hirn stirbt!

von Stephanie

Ein Absurditätenkatalog zum Thema Frauenquote

Wenn’s um die Quote geht, bittet mein Kopf häufig darum, nach bestimmten Argumenten gegen die Wand geschlagen zu werden. Vielleicht liegt’s an meinem Logikfaible oder an etwas anderem. Beurteilt selbst, hier mein „Best of“:

Platz 1: Terror!!!
Neulich im Gespräch mit einem SPD-Genossen fiel ich lachend von der Bank… zum Unverständnis meines Gegenübers, der mir gerade voller Ernst zu erklären versuchte, warum es in der SPD nur eine 40%-Frauenquote gäbe: „Weil sonst die Herren zuviel Terror machen.“
Das dies in einer Demokratie ein nicht besonders überzeugendes Argument ist, ist hoffentlich wenigstens für den Rest der Welt offensichtlich, denn wenn „Terror machen“ in einer Demokratie ein probates Mittel zur Durchsetzung wäre, könnten wir die Parlamente gleich dicht machen. Wir bräuchten nur einen Verwaltungsapparat, der misst, wer am lautesten schreit. 

Platz 2: Testphase abgelaufen, Projekt gescheitert
Sehr schön ist auch das „Testphase abgelaufen, Projekt gescheitert“ Argument, zuletzt vernommen unter „Eine Erfolgsbilanz sieht anders aus.“ von Antje Schrupp.
Dieses Argument baut darauf auf, dass es einen festsetzbaren Zeitraum gibt, in der ein Projekt wie die Quote entweder nennenswerten Erfolg haben muss und falls nicht, auch keinen Erfolg mehr haben wird. Es mag Experimente geben, die sich in dieser Form auswerten lassen, aber gerade bei gesellschaftlichen Entwicklungen erscheint „vergangene Zeit“ ein unsicherer Faktor sein. Die Aufklärung ist dafür ein gutes Beispiel: Zwischen ihrem Beginn als geistige Bewegung und der Entkoppelung von Herkunft und Schulabschluss in der Gesellschaft liegen noch viele Jahre.

Weniger philosophisch ausgedrückt: Die von Antje Schrupp zugestandene Testphase von 30 Jahren Frauenquote bei den Grünen hätte ihres Erachtens inzwischen dazu führen müssen, dass die Quote zumindest weniger gebraucht wird. 30 Jahre verbraten jedoch nicht mal eine gesamte Generation, d.h. diejenigen die sie eingeführt haben, leben noch. Es gibt noch keine Generation die mit der Quote als Selbstverständlichkeit erzogen wurde und die politische Parteiführung übernommen hat. Dieser selbstverständliche Umgang damit ist jedoch gerade die Vorraussetzung, um zu dem Punkt zu kommen, dass quasi unbewusst geschlechtergerecht gewählt wird.

Kurz gefasst: Wer zum Teufel bestimmt den Testzeitraum? Eine Eintagsfliege?

Platz 3: Ist doch eh nur eine Minderheit…

Zu guter Letzt’ noch das „Machtscheiße-für-Wenige“-Argument. Ein gutes Beispiel ergab sich dafür auf der Podiumsdiskussion „Altfeministinnen – Jungfeministinnen. Wohin geht der Weg?“ in Gießen. Dort wurde unter anderem die Frage erläutert, ob aus feministischer Perspektive die Hebammenvergütungsfrage oder die Quote für Aufsichtsräte wichtiger ist. Abgesehen davon, dass ich diese Fragestellung für großen Bockmist halte – als müssten wir uns für eine Forderung entscheiden – war eine weit verbreitete Auffassung, dass es bei der Quote für Aufsichtsräte a) nur um „Machtscheiße“ handele und b) nur Wenige davon profitieren. Daher wäre die Hebammenvergütungsfrage relevanter.
Ob es nun Machtscheiße ist oder nicht und wie feministisch mit Machtscheiße umgegangen werden könnte, lasse ich hier mal bei Seite und beschränke mich auf „Profit für Wenige“.

Ich glaube, kein_e Feminist_in dieser Welt würde bezweifeln, dass es Feminismen auch um Gerechtigkeit bzw. Fairness geht und das Gerechtigkeit/Fairness sich nicht auf Mehrheiten beschränken kann. Wenn also Feministinnen gerechtere Gestaltungen unserer Gesellschaft für Minderheiten als weniger wichtig abtun – weil’s eben nur wenige Plätze im Aufsichtsrat gibt – flüstere ich mir beruhigende Worte zu. Sonst, fürchte ich, drückt mein Hirn den „Not-Aus“ Schalter.





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Eintrag geschrieben: Dienstag, 9. November 2010 um 8:25 Uhr unter Ökonomie. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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14 Kommentare

  1. An Neka sagt:

    Gestern vernommen: „Wenn mehr Frauen in den Gremien sitzen, dann sinkt die Qualität“… In einem SPD Ortsverein in Münster (Wir versuchen hier gerade eine sogenannte harte Quote zu beschließen). Da kann ich meine Gewaltphantasien manchmal nur schwer zurückhalten.

  2. Mens sagt:

    Sehr schön.
    Ein Argument, welches bei mir immer wieder Brechreiz auslöst, ist folgendes:
    Die Einführung oder generell Nutzung einer Quote ist die Kapitulation des Staates, es anders nicht hinzubekommen. Sollen doch die Frauen ohne Quote beweisen, was sie können, dann bekommen sie auch die jeweiligen Stellen in den höheren Ebenen und somit auch diejenigen den Job, die die Leistung dafür zeigen.
    Liegt es an mir, dass ich mir darauf immer denke, irgendwie hast du das Problem nicht erkannt?

  3. GwenDragon sagt:

    Zu Platz 3:
    Wieso diese Unterscheidung nach Nutzen und Macht bei Quoten?
    Die eine Frau ist förderungswürdiger als die andere?
    Warum nicht beide? Der eine Beruf sinnvoller als der andere?
    Die schwarze Frau bekommt eher die Quoten-Förderung als die Rollifrau? Wo endet das? Wer bestimmt den Nutzen einer Quote?

    Solange bestimmte Tätigkeiten von Frauen als wichtiger angesehen werden als die der anderen, wird meines Erachtens zu stark separiert und möglicherweise (ab)wertet.

    Ich finde das unbehaglich, auf Grund einer Wertung gefördert zu werden, und sei sie noch so feministisch begründet.

    Könnte ich aber auch im Beitrag falsch gedeutet haben.

  4. kathy sagt:

    mein Highlight:
    „möchtest Du etwa die Quotenfrau sein?“ respektive „keine Frau möchte die Quotenfrau sein!“ respektive (etwas direkter in der mittransportierten Bedeutung): „möchtest Du den Job etwa nur aufgrund des Geschlechts anstatt aufgrund Deiner Leistungen bekommen?“
    –> Subtext (bisweilen auch explizit geäußert): die Quote führt dazu, dass überall total unterqualifizierte Frauen in Positionen sitzen, die sie leistungsmäßig gar nicht verdient haben
    wenn die Frage nach der Quotenfrau kommt, nein: wenn nur das Wort fällt, da möchte ich meinen Kopf gegen die Wand schlagen!

  5. GwenDragon sagt:

    Meine Erfahrungen als Quotenfrau (gehässig gesagt: Krüppelquote) in einigen Firmen waren absolut grottenschlecht.
    Das kann auch mal so aussehen: Frau + Informatik + irgendeine Art Quote => Ärger + Ignoranz der Leistung + Mobbing

    Wie Kathy schon schreibt: Der Subtext. Eine wird nicht mehr nach den Fähigkeiten beurteilt sondern nach was ganz anderem.

    Solange die Quote nicht von den Firmenstrukturen positiv mitgetragen wird, ist sie Müll für die gequotete Frau.

  6. christiane sagt:

    zum Argument „Testphase abgelaufen – Projekt gescheitert“:

    Da könnte man auch die Mauer wieder aufbauen und die Wiedervereinigung rückgängig machen, denn nach 20 Jahren sind Ossis und Wessis auch noch nicht wirklich EIN Volk ….

  7. Nansen sagt:

    Funktionieren kann eine Quote schon. Langfristig.

    Letztlich kommt es „nur“ darauf an, das Rollendenken der Menschen – was nun einen Chef ausmacht – zu verändern. Und das schaffen die Quotenfrauen.

    Als Beispiel: Wenn 10 von 10 Führungspersonen einen Mercedes fahren, dann gilt das Fahren eines Mercedes in diesen Kreisen – für die Gesellschaft, wie auch für die Führungspersonen selbst – als Usus. Wenn aber nur 5 von 10 einen Mercedes fahren, sieht die Sache bald anders aus.

    Wichtig ist, dass Frauen als Frauen solche Ämter übernehmen. Wenn sie meinen, ihre Stärke nur durch das Ablegen ihrer vermeintlichen Schwächen erlangen zu können (sie letztlich aber durch Nachahmung männliche Züge annehmen), wird man nicht viel erreichen. Das Denken ändert sich nicht, wenn am Schluß doch alle 10 wieder einen Mercedes fahren.

  8. Stephanie sagt:

    @Mens
    Genau, der Staat funktioniert halt irgendwie. Also nicht durch Strukturen, Gesetze usw. sondern irgendwie anders… Also Quote kann kein „staatliches“ Mittel sein, sondern ist eine Kapitulation, weil… arrrgh.

    @GwenDragon
    Ich verstehe nicht, was Du verstanden haben könntest bzgl. Deines ersten Kommentars…

    @christiane
    Oder z.B. die Sklaverei in den USA (s. Diskriminierung), die Demokratie (s. Wahlbeteiligung, Gleichberechtigung im Grundgesetz…

  9. let sagt:

    @ „Profit für Wenige“
    Also entschuldige, aber als jemand der die Kritik an der Präsenz des Managerinnenthema teilt und diesen Beitrag hier als ziemlich oberflächlich empfindet möchte ich mich hier mal dazu kurz äußern:

    Es geht ja nicht unbedingt um „Profit für Wenige“, sondern eher um „Profit für wenige Privilegierte“. Wenn man in Zeitschriften etwas über Gleichberechtigung im Zusammenhang mit dem Berufsleben liest, dann betrifft das meiner Erfahrung nach fast immer Managerinnen oder Frauen in MINT-Studienfächern. Und da liegt schon ein ziemlich starker Fokus auf sowieso schon privilegierten Schichten.

    Kritik daran jetzt als Kritik an den Interessen von Minderheiten zu verkaufen ist doch ziemlich pervers. Besonders deshalb weil es nämlich auch unprivilegierte Minderheiten gibt. Migrantinnen, Selbständige Handwerkerinnen, Servicekräfte und so weiter. Und auch diese sind Vorurteilen und Ungerechtigkeiten im Berufsleben ausgesetzt. Aber seltsamerweise habe ich z.B. noch nie von Forderungen nach einer Quote für Zugfahrerinnen und Polizistinnen gehört.

    Dass die Quote immer exklusiv für Führungspositionen gefordert wird ist doch schon etwas hinter dem ich die Pferdeäpfeltheorie vermuten würde. Gibt man den Pferden genug Hafer, dann scheißen die auch genug, damit die Spatzen sich da was raus picken können…

  10. Stephanie sagt:

    @let
    Dir geht’s um die mediale Präsenz, mir nicht. Dir geht es um Aufmersamkeit für die Ungerechtigkeiten der finanziell nicht gut gestellten, mir nicht.

    Und mit „mir nicht“ ist nicht gemeint, dass ich dies generell nicht für ein Thema halte. Es ist schlicht hier nicht Thema, denn die Form des Arguments kannst Du für jede Beliebige Gruppe auf die es zutrifft einsetzen.

    Und bitte setz „Profit“ nicht mit finanziellem Profit gleich. Die Verwendung des Begriffs in meinem Text kommt von dem Verb profitieren.

  11. let sagt:

    @Stephanie
    Bitte unterstell Du mir nicht Dinge die ich nicht geschrieben habe. Von finanziellem Profit habe ich nirgends geschrieben. Gesellschaftlich marginalisierte Gruppen sind weit mehr als einfach nur arm! Dass Du das hier verleugnest ist doch nur ein weiteres Zeichen ihrer Marginalisierung.

    „Es ist schlicht hier nicht Thema, denn die Form des Arguments kannst Du für jede Beliebige Gruppe auf die es zutrifft einsetzen.“
    Verstehe ich nicht?

    Worums mir geht ist, dass das Minderheitenargument an sich wertlos ist, wenn man nicht parallel betrachtet wie privilegiert eine Person ist. Schließlich sind Königinen auch extreme Minderheiten, aber deswegen verdienen sie noch lange nicht ausergewöhnlich viel Aufmerksamkeit im feministischen Diskurs.

  12. PetraK sagt:

    „Letztlich kommt es “nur” darauf an, das Rollendenken der Menschen – was nun einen Chef ausmacht – zu verändern. Und das schaffen die Quotenfrauen.
    […]
    Wichtig ist, dass Frauen als Frauen solche Ämter übernehmen. […]“

    Hm – ist das nicht übelster Seximus, der davon ausgeht, dass Frauen auf Grund des Geschlechts die besseren und für Führung von anderen ( im Falle der SPD also mehrheitlich von Männern ) geeigneteren Menschen sind?

  13. Nadine sagt:

    @PetraK

    Beiträge absichtlich falsch zu verstehen, ist ziemlich öde. Es ging darum, Führungsetagen vielfältiger zu machen und andere Perspektiven zuzulassen, nicht einen weiblichen, vermeintlich besseren Führungsstil zu etablieren bzw. den bisherigen abzuschaffen.

    Bisher herrschen in Führungsetagen männlich konnotierte Normen, die andere Perspektiven ausschließen oder marginalisieren. Frauen in den gleichen Positionen sind daher gezwungen diese Norm anzunehmen, oder eben den viel besprochenen „weiblichen“ Führungsstil zu pflegen. In beiden Fällen muss frau damit rechnen, bestimmte Rollen und Verhaltensmuster zugesprochen zu bekommen, die eben umgekehrt für Männer nicht gelten.

    Ergänzend hierzu: http://www.taz.de/1/zukunft/wirtschaft/artikel/1/was-will-die-frau-mit-macht/

  14. Stephanie sagt:

    @let
    Kann sein, dass ich Dich falsch verstanden habe. Deine Beispiele erschienen mir auf Berufsgruppen mit nicht 6-stelligen Jahresgehalt zu beziehen und Du erschienst durchaus zwischen marginalisierten und privilegierten Minderheiten zu differenzieren.
    Was genau ist Deine Kritik daran, dass ich es als schlechtes Argument empfinde, es für weniger wichtig zu halten, einer Minderheit/kleinen Gruppe – ob nun privilegiert oder marginalisiert – eine Chance auf Fairness zu geben?

    Zu Deinem zweiten Punkt:
    Ich fänd’s schon besser, wenn’s vor ein paar hundert Jahren eine „regierende Königinnen“-Quote gegeben hätte.
    Die Quote für Aufsichtsräte ist nur ein Beispiel, bei der eine Gruppe, weil sie klein ist, der Anspruch auf Fairness abgesprochen wird. Das ist genauso blöd, wenn’s um Gleichstellung in anderen Berufen geht.