Hilfe, die Twitterinnen kommen.

von Helga

Wenn eine diffuse Angst und Unverständnis neuer Kommunikationswege auf guten alten Seximus trifft, kommen immer wieder Perlen des Journalismus zustande. Heute: Vermeintlich talentfreie Frauen, die auch noch twittern.

Twitter hat seine eigenen Regeln. Jede_r kann jeder_m folge, also zum Follower werden, jede_r kann soviel twittern wie das Herz begehrt. Inzwischen twittern Firmen Sonderangebote, Blogs ihre Feeds und selbst die oft lamentierten Belanglosigkeiten sind vielen Menschen wichtig, um Bekanntschaften zu pflegen und sich auszutauschen. Im „realen Leben“ nennt man das small talk oder Klönschnack. Die Vanity Fair macht nun in einem Artikel über America’s Tweethearts eine neue Art von „Star“ aus: Die Twilebrity. Nicht so beliebt wie die „echten Stars“ Ashton Kutcher oder Ellen DeGeneres, die bereits über 3 Millionen Follower haben, haben sie zwischen 25.000 und 1,7 Millionen Follower (Zahlen von 12 Uhr). Weitere Voraussetzungen scheinen laut Vanity Fair zu sein: sie sind weiblich, vor Twitter völlig erfolglos und das zu Recht, denn die Tweets beschränkten sich auf die eigene Meinung zu „Twilight“ und solche Highlights wie

“getting highlights before class,” “I hrd u had fun!,” “Wah, missing my twittr time!”

Auf Deutsch: „lasse mir vor dem Unterricht Strähnchen färben“ „Ich hr Du httst Spß!“ „Wah, vermisse meine twttr zeit!“

Außerdem führe Twittern zum Vernachlässigen von Freunden und Ehemännern, so der Artikel. Oh, die modernen Zeiten in denen Frauen ihre Meinung sagen und das über das Internet nun auch noch aller Welt mitteilen können. Dass die Vorwürfe, außer dem Twittererfolg nichts vorweisen zu können, nicht mal stimmen, wie Geekweek aufzeigt, ist da fast schon Nebensache:

Never mind the fact that Felicia Day wrote, created, acted, produced in one of the most successful online projects of all time. Never mind that she re-invented and legitimized web television. NEVER MIND. What is important is her „elfin“ good looks […]

Auf Deutsch: Vergiss einfach, dass Felicia Day eines der erfolgreichsten Online-Projekte aller Zeiten (The Guild) schrieb, erfand, produzierte und darin mitspielte. Vergiss einfach, dass sie Web-Fernsehen neuerfand und revolutioniert. Vergiss es. Das wirklich Wichtige ist ihr „elfengleiches“ gutes Aussehen […]

Ein Muster bleibt bestehen – erst heißt es, Frauen machten bei einer neuen Technologie nicht mit. Dann fällt auf, dass Frauen langsam 52 Prozent der Teilnehmer_innen stellen, aber keine_r kennt sie. Die Frauen, die Berühmtheit erlangen, werden in die „Nicht ernst zu nehmen“-Schublade gesteckt und stattdessen über ihr Aussehen diskutiert. Von den ersten Internetnutzern, über Computerspiele bis hin zu Blogs und Twitter – diese Rhetorikschleife kommt jedes einzelne Mal wieder. Schließlich fällt irgendjemandem auf, dass man den Frauen auch etwas verkaufen könnte und es beginnt die Pinkifizierung. Ich zähle dann mal die Tage, bis jemand Twomen – Twitter for women oder so was startet.

Fun Facts am Rande: Vanity Fair zählt neben der Überschrift stolz die Retweets auf und bittet am Ende des Artikels, ihnen auf Twitter zu folgen. Mit 49.000 Followern und einer Auflage von rund 1,17 Millionen Heften sind sie dann gleich 3 der vorgestellten Twilebrities unterlegen.

(Über @kaffeebeimir)




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Eintrag geschrieben: Montag, 11. Januar 2010 um 12:59 Uhr unter Medienkritik, Netz(kultur). RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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8 Kommentare

  1. hn sagt:

    der artikel wurde übrigens von einer frau geschrieben, die sonst afaik eher durch guten journalismus aufgefallen ist. daraus mag man jetzt was ableiten, aber „internalisierung des patriarchats“ sollte schon vorkommen

  2. jj sagt:

    „Jede_r“

    Ist „_“ jetzt besser als „/“ oder Binnengroßschreibung? Oder ist das Mode?

  3. stadtpiratin sagt:

    haben wir hier nicht in größerem maßstab das selbe wahrnehmungsproblem wie bei der deutschen bloggerinnendebatte? sad story, liebe vanity fair. wer twittert, sollte aus erfahrung wissen, dass ins netz geblasener blödsinn keine geschlechtergrenzen kennt. und den erfolg weiblicher netzpersönlichkeiten allein an ihrem aussehen zu messen ist ohnehin mehr als arm. fehlanalysen, die zweite. danke für den lesenswerten post.

  4. ip sagt:

    „Ich hr Du httst Spß!” = Ich hörte du/ihr hatte(s)t Spaß oder?

  5. […] ich diese Woche fest, dass das intermediale Phänomen bereits auf webjunkies best friend Twitter übergreift – trauriges Denkmal dafür der Artikel “Americas Tweethearts” in der Vanity Fair. […]

  6. Helga sagt:

    Felicia Day hat übrigens auch zum Thema gebloggt:

    Well, despite the overwhelming insinuation, these women ALL of them are self-made, business entrepreneurs. They aren’t skating by on their good looks, they have businesses. In some of their cases, with professional sports teams and major brands, they help steer the online presence of empires. They are a new kind of savvy business person, cutting the middle man out. Carving and creating new professions. Most importantly, in this celebrity culture of “Jersey Shore” fame, they aren’t just “famous” for being “famous” as the article implies. They have influence in an emerging and important arena. I guess that just wasn’t an interesting angle? I mean, we’re practically naked in trench coats, who needs MORE zing?!

    I am especially sad that in the same issue, Vanity Fair featured 7 very young emerging actresses (most of whom are tied to large corporations like Disney and Nickelodeon) and treated them with much more respect than they gave us. I feel like an opportunity was missed to celebrate a new kind of independent and liberated woman. Yes, I’m pretty naive, haha.