Frauen müssen draußen bleiben – Neues aus Israel

von Helga

Immer stärker gerät die Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum in Israel auf die Tagesordnung. Auf der einen Seite wurde der staatliche, orthodoxe Radiosender „Kol Barama“ gezwungen, künftig auch Frauenstimmen zu senden – allerdings soll das laut Senderangaben auf eine Sendung pro Woche und „Notfälle“ beschränkt werden. Selbst Sendungen die sich an Hörerinnen richten, werden von Männern moderiert und Anrufe von Frauen nicht gesendet, berichtete DRadio Wissen.

In der taz gibt es außerdem einen Bericht über einen Wirtschaftskongreß der orthodoxen Zeitung Hamodia, der ohne weibliche Beteiligung abgehalten wurde.

Die unerträgliche Leichtigkeit, mit der es den Männern gelingt, unter sich zu bleiben, überrascht insofern, als es häufig die orthodoxen Frauen sind, die die Familie ernähren müssen, während sich ihre Männer dem Studium der Thora widmen. Gerade in den letzten Jahren initiierte das Wirtschaftsministerium in Jerusalem zahlreiche staatliche Programme, die auf die Integration der ultraorthodoxen Frauen in den Arbeitsmarkt abzielen.

Dem liberalen Wirtschaftsblatt The Marker sei dies nicht geheuer, da der verstärkte Einfluss der Ultraorthodoxen zunehmend zu Benachteiligung von Frauen führen würde.

Eine hoffnungsvolle Geschichte hat immerhin noch die FAZ: Dort gibt es ein Porträt der Israelin Ilana Hammerman. Sie schmuggelt Palästinenserinnen für Ausflüge nach Tel Aviv und besucht mit ihnen den Zoo oder am Strand.




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Eintrag geschrieben: Montag, 18. Juli 2011 um 8:54 Uhr unter Religion, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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19 Kommentare

  1. Irene sagt:

    Dem liberalen Wirtschaftsblatt The Marker sei dies nicht geheuer, da der verstärkte Einfluss der Ultraorthodoxen zunehmend zu Benachteiligung von Frauen führen würde.

    Ich hab jetzt mal gegoogelt, wie hoch der Bevölkerungsanteil der Orthodoxen eigentlich ist, und diese Seite übers Judentum schreibt, er sei konstant bei 15 %:
    http://www.israswiss.net/israswiss/landvolk/politik/religvielf.html

    Vielleicht fällt die orthodoxe Männergesellschaft im Kontrast zur Gleichberechtigung der Frauen in der restlichen israelischen Gesellschaft einfach besonders auf? Die Orthodoxen haben ja vor 30 Jahren auch nicht viel anders gelebt.

    Allerdings ohne offen schwulen Rabbi: https://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/ich-gehoere-zum-religioesen-mainstream/

    Die Formulierung

    Die unerträgliche Leichtigkeit, mit der es den Männern gelingt, unter sich zu bleiben

    … lässt mich an eine etwas panisch anmutende Mail denken, die Feministinnen aufruft, zu Google plus zu kommen, weil da fast nur Männer sind. Klappt also auch ohne Orthodoxe ganz gut.

  2. A.R. sagt:

    „Immer stärker gerät die Geschlechtertrennung im öffentlich Raum in Israel auf die Tagesordnung.“

    Wie bitte? Schon mal in Tel Aviv gewesen? Es gibt keine „Geschlechtertrennung im öffentlich Raum in Israel“. Was es gibt, sind ultra-orthodoxe Parallelgesellschaften, in denen mit allen Mitteln versucht wird, deren mittelalterliche Vorstellungen aufrecht zu erhalten, was zum Glück selbst dort immer weniger gelingt (siehe die staatlichen Integrationsprogramme).

    Da die Gruppe der Othodoxen aber insgesamt wächst (weil sie „natürlich“ eine höhere Geburtenrate aufweisen als die säkulare Bevölkerung), gilt es natürlich, deren Versuche der Einflussnahme auf die restliche Gesellschaft genau zu beobachten.

    Aber einen Text so zu überschreiben („Frauen müssen draußen bleiben – neues aus Israel“) und mit dem Schlagwort „Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum“ nahezulegen, es handle sich um in offizielle staatliche Politik oder die Situation der durchschnittlichen israelischen Frau, ist ein Witz. Oder wird die gesellschaftliche Situation italienischer Frauen neuerdings auch daraus abgeleitet, ob bei „Radio Maria“ (Vatikan) Frauen zu hören sind …?

  3. Irene sagt:

    Öffentlicher Raum ist offenbar eine etwas unglückliche Pauschalformulierung für einige öffentliche Gebäude, in denen irgendwelche Männerkongresse stattfinden.

    Was es gibt, sind ultra-orthodoxe Parallelgesellschaften, in denen mit allen Mitteln versucht wird, deren mittelalterliche Vorstellungen aufrecht zu erhalten, was zum Glück selbst dort immer weniger gelingt (siehe die staatlichen Integrationsprogramme).

    Montagsthese dazu: Leute, die in Deutschland die multikulturelle Gesellschaft wollten, haben ein Problem damit, dass Israel stellenweise eine ist.

  4. A.R. sagt:

    @Irene:
    Puh, diese „Montagsthese“ ist jetzt auch ziemlich weitgehend. Dem würde ich so pauschal nun auch nicht zustimmen.

    Aus meiner Sicht lassen sich die in dem o.a. Artikel nur halt auch genau umgekehrt lesen: Selbst in orthodoxen Kreisen fordern Frauen zunehmend ihre Rechte ein und der Staat, der sich viel zu lange nach dem Motto „die Reiligiösen gehen uns nichts an, lass die mal machen, das gibt nur Ärger“ aus allem rausgehalten hat, fängt nun zumindest teilweise an, auch in diesen Kreisen Gender Mainstreaming durchzusetzen.

    Ich denke, es ist nicht zu weit hergeholt, wenn man vermutet, dass eine „Geschlechtertrennung im öffentlich Raum“ bspw. in den ländlichen/religiösen Gebieten der Türkei deutlich stärker ausgeprägt ist als in Israel, von Saudi-Arabien et.al. ganz zu schweigen. Pauschale Aussagen über islamische Länder und Gesellschaften werden gerade hier im Blog aber immer wieder völlig zu Recht heftigst kritisiert und differenziert zerpflückt.

    Von daher hat es für mich momentan einen äußerst schalen Beigeschmack, wenn nun im gleichen Atemzug mit polemischem Tunnelblick Gender Trouble in Israel thematisiert wird. Klar, es gibt diese Kämpfe um einige Jerusalemer Buslinien. Klar, es gibt einen wachsenden politischen Einfluss der Orthodoxen als wachsende gesellschaftliche Gruppe. Klar, es gibt Defiziteim Vergleich mit den im Hinblick auf Gender Mainstreaming fortschrittlichsten westlichen Ländern. Aber es handelt sich um umkämpfte Schauplätze demokratischer Auseindersetzung und Teilhabe. Worum es sich sicher nicht handelt, ist „Geschlechtertrennung im öffentlich Raum in Israel“.

    Für meine Begriffe ist diese Formulierung derartig unscharf und überzogen-polemisch, dass sie auf mich lächerlich wirkt. Die Absurdität wäre im umgekehrten Fall (ein feministisches israelisches Blog würde über die „Geschlechtertrennung im öffentlich Raum in Deutschland fabulieren) sofort mehr als deutlich.

    Natürlich kann man sich auch hinstellen und sagen, „Geschlechtertrennung im öffentlich Raum“ fängt bei getrennten öffentlichen Toiletten an, aber dann bräuchte man nicht explizit auf Israel hinweisen, bzw. dann macht der Hinweis keinen Sinn. Ob diese begriffliche Unschärfe daraus erwächst, dass man mit Israel in Wirklichkeit noch ganz andere politische Hühnchen zu rupfen hat, vermag ich so nicht zu sagen. Aber der Bias des Artikels ist sehr erstaunlich.

  5. Irene sagt:

    Die Montagsthese bezieht sich erstens nicht auf Dich, sondern auf Leute, die mit zweierlei Maß messen, wie Du ja auch kritisierst, und zweitens heißt Montagsthese, dass sie nicht präzise montiert ist (wie in Montagsauto).

    Wachsen die Orthodoxen denn tatsächlich? Die Kinderzahl ist da ja kein verlässliches Maß, da ja ein Teil der Kinder zu einem säkularen Lebensstil wechselt.

  6. A.R. sagt:

    @Irene: Habe ich gar nicht auf mich bezogen. Uns stört an dem Blogpost ja tatsächlich mehr oder minder dasselbe, aber ich möchte der Autorin auch nichts unterstellen, was ich nicht beurteilen kann.

    Zu Deiner Frage: Ja, das ist so. Die Diskussion um den wachsenden Bevölkerungsanteil und die wachsende politische Einflussnahme der Orthodoxen tobt seit Jahren. Eine schnelle, zusammenfassende Zusammenfassung habe ich nicht gefunden, deshalb hier die zusammenfassende Zusammenfassung eines (online leider nicht mehr verfügbaren) FT-Artikels. Der Link im ersten Kommentar führt auf eine weitere Seite, die sich ausschließlich dem Thema widmet:
    http://secularright.org/SR/wordpress/2010/05/23/the-rise-of-israels-ultra-orthodox/

  7. Helga sagt:

    @A.R. Ultraorthoxen Frauen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern heißt doch noch lange nicht, damit für eine Aufhebung von Parallelgesellschaften zu sorgen. Im Text steht auch nicht, es gäbe immer mehr Geschlechtertrennung, sondern dass dies immer mehr thematisiert wird. Geschlechtertrennung in Deutschland, ob öffentlich (Toiletten) oder halb-öffentlich (Freimaurer, Studentenverbindungen, Service-Clubs wie Lions…) gibt es natürlich auch und es gehört ebenfalls öfter diskutiert.

  8. Irene sagt:

    Danke für die Links, werde ich mir ansehen.

  9. A.R. sagt:

    @Helga:
    Sorry, aber würdest einen Artikel über katholische Priesterseminare, bayerische Männerstammtische oder bestimmte salafistische Gruppen hierzulande ernsthaft mit „Neues aus Deutschland – Frauen müssen draußen bleiben“ betiteln? Wobei man sich dann noch trefflich darüber streiten könnte, ob das wünschenswert wäre, diese „Parallelgesellschaften“ alle „aufzuheben“.

    Wenn Du das genau so schreiben wüdest, bitte schön. Ich habe allerdings berechtigte Zweifel, ob ein solche Nicht-Trennschärfe beim Blick auf gesellschaftliche Zustände – gerade bei der hier im Blog sonst herrschenden sprachlichen Differenziertheit – in Bezug auf andere Länder hier so vorkommen würde.

    Deine Wortwahl suggeriert – gewollt oder nicht? – einen starken gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang zwischen orthodoxen Konferenzen, einem vermeinlicht „staatlichen“ Sender (staatlich finanziert träfe es besser) und „Neues aus Israel“. Das ist finde ich nach wie vor einigermaßen irritierend und würde es in Bezug auf Deutschland, Frankreich oder die Türkei genauso finden.

  10. Helga sagt:

    @A.R. Leider gehören die katholischen Priesterseminare mitsamt allem Ballast zu Deutschland dazu – aus dem Ausland darüber als „Neues aus Deutschland“ zu schreiben finde ich legitim. Besonders wenn es ein Blog wäre, dass Geschlechterfrgen behandelt. Selbst wenn es nicht, wie hier der Fall, noch um ein weiteres Thema geht.

  11. Irene sagt:

    Je nachdem wer eine Geschlechtertrennung anordnet, wird es unter Linken und Feministinnen ggf. auch gar nicht kritisiert. Googelt mal nach „Frauendeck“, da findet man vor allem Rechte, Liberale und Antideutsche. Und unbekannte Blogger: http://www.shining-city.de/2010/07/19/das-frauendeck/

  12. A.R. sagt:

    @Helga:
    Mag sein. Nur, dass Du bei Deiner gesamten Berichterstattung über den „arabischen Frühling“ nicht einmal in solche Termini verfallen bist.

    Im Gegenteil, Dein eigener Artikel „Neues vom arabischen Frühling“ (http://maedchenmannschaft.net/neues-vom-arabischen-fruehling/), in dem mehrfach sogar über massivste Gewalt gegen Frauen berichtet wird, trägt weder den Zusatz „Frauen müssen draußen bleiben“ noch ist von „Geschlechtertrennung im Öffentlichen Raum“ die Rede, obwohl es wie gesagt um weit krassere Folgen von „Geschlechtertrennung“ geht als bei „orthodoxen Konferenzen“.

    Auch, wenn Du in Kairo unterwegs bist (http://maedchenmannschaft.net/young-media-summit-2011-hoffnungen-und-note-agyptischer-frauen/), fallen solche Schlagworte kein einziges Mal, sondern immer wird mit äußerster Vorsicht und Genauigkeit berichtet, informiert, analysiert. Stets verlinkst Du Blogs und Stimmen aus der Region (aus dem Land) selbst. Nichts davon findet sich in dem o.a. Artikel, für den Deine eigenen Ansprüche offenbar nicht gelten.

    Gerade weil es sich um ein Blog zu Geschlechterfragen handelt, würde ich mir wünschen, dass dieser Fokus dann auch konsequent verfolgt wird und dieselben inhaltlichen und handwerklichen Ansprüche für alle Artikel gelten. Stattdessen hast Du hier einfach mal eine aktuelle „Negatives aus Israel“-Sammlung publiziert, garniert mit einer Aktivistin, die Palästinerinnen hilft, die natürlich auch vornehmlich unter israelischer Besatzung leiden und nicht unter der „Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum“ in der palästinensischen Gesellschaft.

    Du misst hier massiv mit zweierlei Maß, und zwar in Bezug auf
    a) Deinen eigenen Anspruch an sprachliche Genauigkeit,
    b) Repräsentation (wo sind die Links zu israelischen Bloggerinnen?) und
    c) die gesamte Einseitgkeit der Darstellung.

    Hintergrund ist offenbar Deine politische Haltung zum Nahost-Konflikt (so deute ich jedenfalls gerade Deinen Hinweis auf „das andere Thema“). Schade drum, denn qualitativ wird das Blog dadurch nicht besser, sondern einseitiger.

  13. Hannah sagt:

    Ich muss A.R. durchaus Recht geben. Normalerweise wird hier in der Regel sehr genau, daetailliert und vor allem gut informiert berichtet/geschrieben. Dieser Artikel ist durchaus polemisch und vereinfachend, was man von diesem blog eben nicht gewohnt ist und was ich persönlich auch sehr schade finde.

  14. chibi sagt:

    muss meine enttschäung an dieser stelle auch äußern, bis jetzt habe ich den blog gerne gelesen und ihn für sehr seriös gehalten. dass jetzt reißerisch über angebliche zustände in israel brichtet wird um dann den schmuggel von palästinänserinnen als die einzig hoffnungstragende tätigkeit für israelische frauen darszustellen, stößt mehr als nur sauer auf. hoffe es erfolgt irgendeine art der distanzierung..

  15. Irene sagt:

    A propos Nahostkonflikt: Eine Meinungsumfrage aus den palästinensischen Gebieten.

    http://www.jpost.com/DiplomacyAndPolitics/Article.aspx?id=229493

  16. hemage sagt:

    Hallo A.R.:
    Tel Aviv ist nicht Israel. Diese Stadt ist eine isolierte Blase im Staat. Das wäre, als würde man Berlin mit einem bayrischem Bergdorf vergleichen. Oder besser: Sankt Pauli ist auch kein Spiegel Deutschlands.
    Zum Artikel: Den finde ich auch etwas schwierig, weil er doch recht eindimensional und fast populistisch ist.

  17. Irene sagt:

    Tel Aviv ist nicht Israel.

    Einige Zahlen: Die Stadt Tel Aviv rund fast 400.000 Einwohner, der Bezirk Tel Aviv rund 1,2 Millionen. Das ist viel, denn Israel hat nur knapp acht Millionen Einwohner.

    Und über Haifa behauptet die Wikipedia:

    Die Stadt gilt als einer der wenigen Orte in Israel, an denen Juden und Araber heute relativ friedlich zusammenleben. Der vergleichsweise geringe Einfluss der Religion ist daran erkennbar, dass Haifa die einzige Stadt in Israel ist, in der auch am Sabbat öffentliche Verkehrsmittel fahren.

  18. A.R. sagt:

    @hemmage:
    Nein. Tel Aviv ist keine isolierte Blase, sondern halt genau das, was Berlin auch ist: Die größte, pulsierendste Metropole des Landes. Das heißt ja aber wohl nicht, dass man in Hamburg, München, Köln, Frankfurt, Stuttgart, Leipzig, Hannover, Bremen, Düsseldorf und wie sie alle heißen noch im Mittelalter lebt oder wieder dahin zurück will, oder?

    Weder in Tel Aviv, noch in Haifa, noch nicht mal in Jerusalem stellen die Orthodoxen die Mehrheit der Bevölkerung. Von den 15 größten Städten Israels (Liste hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_St%C3%A4dte_in_Israel) wird lediglich Bnei Berak mehrheitlich von Orthodoxen bewohnt – und das auch nur, weil es quasi der einzige orthodoxe Suburb von Greater Tel Aviv ist.

    Mit anderen Worten: Noch viel weniger als TA sind irgendwelche orthodoxen Heinzis mit ihren Radiosendern repräsentativ für die israelische Gesellschaft. Der Artikel macht mithin genau das Umgekehrte zu Deiner „Tel Aviv ist nicht Israel“-These: Er nimmt ein Minderheitenphänomen und tut so als sei es repräsentativ für die Gesellschaft. Das wäre so, als würde man irgendwelche Nazi-Käffer im Osten als Pars pro toto der deutschen Gesellschaft verkaufen – und das wäre in der Tat auch Unsinn.

  19. Irene sagt:

    @ A.R.: Vielleicht magst Du ja den Wikipedia-Eintrag verbessern?

    Ich hab zwar einen Account, kenne mich aber zu wenig aus.