Bezahlte Reproduktion: Politische Kämpfe und Organisierung von illegalisierten Arbeiter_innen

von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 12 von 15 der Serie Ökonomie_Kritik

Wir freuen uns über diesen Gastbeitrag von Emilia Roig, die mit uns ihre Eindrücke eines Workshops aus dem vergangenen Jahr teilt. In diesem ging es um politische Kämpfe und Organisierung von illegalisierten Arbeiterinnen im Care-Sektor. Wir veröffentlichen diesen Beitrag anlässlich der heute und morgen stattfindenden Tagung „Deutschland im Pflegenotstand – Perspektiven und Probleme der Care-Migration“, auf der Emilia als Referentin vertreten ist. Leider kommt die Tagung ohne Beteiligung der Menschen aus, um die es geht: migrierte Pfleger_innen und Pflegebedürftige. In diesem Zusammenhang weisen wir außerdem auf die Care Revolution Konferenz in Berlin hin, die dieses Wochenende stattfindet.

Emilia wrote this article in English, so please scroll down for the English version!

Am 9. November 2013 organisierten die Gruppe Respect und die Gender-AG von Attac einen Workshop mit dem Titel „Do you want to build a fairer world, but don’t know how?“ [deutsch: Möchtest du eine gerechtere Welt aufbauen, aber du weißt nicht wie?].
Im Flyer war es als ein „Workshop von und für Frauen, die arbeiten“ angekündigt. Im Rahmen des Workshops tauschten sich Frauen, die so genannte reproduktive Arbeit – Reinigen, Kinderbetreuung und Altenpflege – ausüben, über ihre Erfahrungen aus, suchten nach Handlungsstrategien und entwickelten Lösungen. Der Workshop war in drei Gruppendiskussionen aufgeteilt: die erste eröffnete einen Raum, um mögliche Alternativen zu Reproduktionsarbeit für Frauen mit einem ungesicherten Aufenthaltsstatus zu reflektieren; die zweite Diskussion sollte nach Lösungen für eine bessere Organisation von Kinderbetreuung und häuslichen Reinigungstätigkeiten suchen; und die dritte hatte das Ziel über politische Kämpfe von Arbeiter_innen, die von ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen betroffen sind, zu sprechen.

Diese Diskussionsräume waren mit Kreativität, Selbstreflektion, politischem Aktivismus und Visionen gefüllt. Es ging nicht darum zu jammern oder die eigene Frustration in die Gruppe zu tragen. Stattdessen wurden Viktimisierung und Selbstmitleid in Austausch, Solidarität und Empowerment verwandelt. Ideen, Fragen und Kommentare strömten aus allen Richtungen auf spanisch (castellano), englisch, französisch und deutsch, entweder als direkte Redebeiträge oder als Übersetzungen. Frauen aus Peru, Chile, Ecuador, Kenia, Benin und weiteren Ländern haben seit einigen Jahren über gemeinsame Erfahrungen eine Community aufgebaut. Women in Exile, eine selbstorganisierte Gruppe von Flüchtlingsfrauen in Brandenburg-Berlin mit einem Fokus auf die spezifischen Themen von asylsuchenden Frauen und Flüchtlingsfrauen in Deutschland, teilten ihre Erfolge und Strategien und trugen Hoffnung und Motivation in die Gruppe, die zu politischen Kämpfen arbeitete.

Aufgrund der großen Herausforderungen und Schwierigkeiten für illegalisierte Frauen auf struktureller und institutioneller Ebene und aufgrund ihres ungesicherten Statuses kann politischer Aktivismus überfordernd sein. Restriktive Politiken, diskriminierende Praktiken und unmenschliche Gesetze entmachten sehr und erschweren kontinuierliche und koordinierte Aktionen. Angst vor Abschiebung, einbehaltene Löhne, erniedrigende Arbeits- und Wohnverhältnisse, Machtmissbrauch, Unsichtbarmachung und Rassismus sind die Themen, zu denen politische Aktionen organisiert werden. Das praktische Organisieren von Kinderbetreuung und Reinigungsarbeiten/Putzen wurde ebenfalls diskutiert, die Gruppe stellte die Frage: „wer betreut unsere Kinder und reinigt unser Zuhause, während wir andere Kinder betreuen und das Zuhause von anderen reinigen?“, weil die meisten Frauen im Workshop keinen Zugang zu staatlicher Kinderbetreuung und anderen staatlichen Dienstleistungen haben. Während nach alternativen Lösungen gesucht wurde, schlug die Gruppe vor, ein Rotationssystem zu starten, in dem jede Frau einmal die Verantwortung für einige Kinder übernehmen würde.

Candy*, eine der Teilnehmerinnen, suchte nach einem Ort, wo sie sich mit anderen Frauen in einer ähnlichen Situation und mit ähnlichen Problemen vernetzen konnte. Ihre ständige Angst, ihre Arbeit zu verlieren, produziert belastende Machtdynamiken mit ihren Arbeitgeber_innen, die manchmal ihren Lohn einbehalten oder ihr nur die Hälfte des vereinbarten Betrags zahlen. Um ihre Lebenssituation zu verbessern, wäre eine Lösung, sich Papiere zu beschaffen, wie sie sagt; aber auch, dass sich politischer Aktivismus sich für mehr einsetzen muss als nur für Papiere und bezieht sich dabei auf eine ihrer Freund_innen, die noch immer auf der Arbeit ausgebeutet wird, obwohl sie eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hat.

Der Mangel an Informationen über vorhandene Rechte, der Mangel an Unterstützungsnetzwerken und der Mangel an Arbeitsmöglichkeiten wirkt sich auf eine große Zahl an Migrant_innen und Refugees aus, nicht nur jene ohne gesicherten Status. Candy hat das „schöne Gefühl von Unterstützung durch gegenseitigen Respekt” mit Gruppen wie Respect oder dem „Women Space” in der Schule in der Ohlauer Straße, wo sie zur Zeit wohnt. Wenn sich ihre eigene Situation verbessert und sie mehr Zeit und Energie für andere Tätigkeiten hat, dann möchte Candy politischen Aktivismus für die Rechte von Geflüchteten weiterverfolgen, mit einem Fokus auf Frauen und Kinder.

Llanquiray Painemal, eine langjährige politische Aktivistin aus Berlin, ist eine der wichtigsten Aktivist_innen und Sprecher_innen der Gruppe Respect. Als einzige Moderatorin of Color, die selbst Erfahrungen als illegalisierte Arbeiterin gesammelt hat, ist Llanquiray eine wichtige Ressource für die Gruppe, besonders wenn es um das Erfüllen der konkreten Bedürfnisse von illegalisierten Frauen geht. Diese Position beinhaltet auch Herausforderungen und bedeutet, dass Machtdynamiken und Hierarchien immer wieder in der Gruppe ausgehandelt und angepasst werden müssen, ebenso wie zwischen Moderator_innen und Teilnehmer_innen. Llanquiray setzt sich für gesellschaftliche Veränderung ein, aber ist gleichzeitig nicht durch Idealismus verblendet. Ein Dilemma in ihrer Arbeit mit Respect zeigt die Widersprüche in solch einer politischen Arbeit. „Aus einer feministischen Perspektive, wäre es notwendig, bezahlte reproduktive Arbeit abzuschaffen, aber wenn wir pragmatisch denken, ist es in der gegebenen Situation unmöglich, weil diese Art der Arbeit eine der wenigen Optionen ist, die illegalisierten Frauen bleibt”, beklagt sie. „Wenn also eine Frau, die verzweifelt nach Arbeit sucht, zu mir kommt und mich fragt, ob ich eine Person kenne, die jemanden sucht, die ihr Haus reinigen könnte, bin ich in einer schwierigen Situation”, führt sie fort.

Auch wenn Llanquiray zwischen langfristigen Zielen und kurzfristigen Notwendigkeiten gefangen ist, glaubt sie weiterhin an ihren Aktivismus und sagt, dass der kleine graduelle Fortschritt, den sie wahrnimmt, seit sie bei Respect angefangen hat, sie optmistisch macht. Die größte Schwierigkeit in ihrer Arbeit besteht darin, Kontakte mit illegalisierten Frauen herzustellen und ihnen einen geschützten Raum anzubieten. Isolation, Sprachbarrieren, Argwohn, Unsichtbarmachung und kontinuierliche Angst vor Abschiebung machen es schwer, Frauen zu einem gemeinsamen Thema zu mobilisieren. Aber die Tatsache, dass einige Frauen durch Respect politisch aktiv wurden, motiviert sie.

* Der Name wurde geändert.

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ENGLISH VERSION

On November 9th, the group Respect and Attac’s gender working group organized a workshop entitled “Do you want to build a fairer world, but don’t know how?” This was a “workshop by and for women who work”, the flyer said. In this space, women engaged in so-called reproductive work – cleaning, child and elderly care – exchange experiences, create opportunities, and develop solutions. The workshop was divided into three group discussions: the first provided a space to reflect on possible alternatives to reproductive work for women with precarious immigration status; the second was meant to seek solutions for the better organization of childcare and cleaning tasks at home; and the third was geared towards political organizing among workers affected by exploitative working conditions.

These spaces were filled with creativity, self-reflection, political activism and vision. It was not about complaining or channeling one’s frustration into the group. Instead, victimization and self-pity were transformed into exchange, solidarity, and empowerment. Ideas, questions, and comments were streaming in from every direction in Castilian, English, French and German, either in the form of direct conversations, or through translation. Women from Peru, Chile, Ecuador, Kenya, Benin and yet other countries have been building a community around common experience for several years now. “Women in Exile”, a Brandenburg-Berlin based self-organized group of refugee women addressing the specific issues faced by female asylum seekers and refugees in Germany, contributed their successes and strategies, infusing hope and motivation to the group working on political organizing.

Since the main challenges and difficulties faced by undocumented women are of structural and institutional nature, and due to their precarious status, political activism can be overburdening. Restrictive policies, discriminatory practices, and inhumane laws are greatly disempowering and impede continued and coordinated action. Fear of deportation, retained wages, degrading working and housing conditions, abuse of power, invisibilisation and racism are the issues around which political action is organized. The practical organization of childcare and cleaning was also discussed, the group asked the question: “who takes care of our children and cleans our home when we are caring for other children and cleaning other homes?”, as public childcare and other services provided by the state are out of reach for most of the women present in the workshop. While searching for alternative solutions, the group suggested to initiate a rotating system where each woman would be in charge of several children at a time.

Candy*, one of the participants, was looking for a place to connect with other women in similar situations facing the same problems. Her constant fear of loosing her work creates toxic power dynamics with her employers, who sometimes retain her wages or pay her half of the agreed amount of money. Thinking of ways on how to improve her life, she says that a solution would be to obtain papers, but recalling the situation of one of her friend who still faces exploitation at work even though she obtained a residency permit, she says that political activism needs to achieve more than just papers.

The lack of information on available rights, of supportive networks and of work opportunities affects a large number of migrants and refugees, not just those without a legal status. Candy finds a “nice feeling of support through mutual respect” with groups like Respect or the “Women Space” at the school in Ohlauer Strasse where she currently lives. When her own situation improves, leaving her time and energy to engage in other activities, Candy wishes to pursue political activism for the advancement of refugee rights, with a focus on women and children.

Llanquiray Painemal, a Berlin-based political activist since many years, is among the key organizers and spokespersons of the group Respect. As the only facilitator of Color, who herself experienced life as an undocumented worker, Llanquiray is an important resource for the group, especially when it comes to meeting the concrete needs of undocumented women. This position also entails challenges, it means that power dynamics and hierarchies constantly need to be negotiated and adjusted within the group, and between the facilitators and the participants. Llanquiray is an advocate for change, but is at the same time not blinded by idealism. A dilemma she faces in her work with Respect shows the paradoxes attached to such political work. “From a feminist perspective, it would be necessary to abolish paid reproductive work, but if we think pragmatically, it is impossible to do so in the current state of things as this type of work remains one of the only options available to undocumented women”, she deplores. “So when a woman who is desperate for work comes to me and asks if I know of a person looking for someone to clean their house, then I’m in a tricky situation”, she continues.

Even though Llanquiray is caught between long-term goals and short-term imperatives, she continues to believe in her activism, stating that ever since she started to volunteer with Respect, the small gradual progress she has seen made her optimistic. The biggest difficulty of her work consists in establishing contact with and providing a safe space for undocumented women. Isolation, language barriers, suspicion, invisibilisation and constant fear of deportation make it difficult to rally women around the same cause. But the fact that some women become politically active through Respect is motivating her.

* The name has been changed.




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Eintrag geschrieben: Montag, 10. März 2014 um 11:48 Uhr unter Aktivismus, Ökonomie. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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Ein Kommentar

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