Beeilt euch, sonst gibt es Krawall

von Susanne

Freundin P. spricht am Telefon wirr: „Ich habe heute mein Kind in einer Krippe angemeldet.“
Freundin P. ist kinderlos.
„Welches Kind denn?“, frage ich sie.
„Das Kind, das ich nächstes Jahr bekomme.“
Hat mir meine beste Freundin gerade mitgeteilt, dass sie schwanger ist? Und wenn sie jetzt schon einen Krippenplatz hat, in welchem Monat ist sie dann? Im vierten? Wo ist der Bauch?
„Herzlichen Glückwunsch?“, sage ich. „Freust du dich?“

„Total“, sagt Freundin P. und schaltet dann trotzdem in den Fluch-Modus: „Aber die Arschgeigen in der Politik gehen mir jetzt erst recht auf den Zeiger. Ich meine, ich melde mein Kind jetzt an, damit es in anderthalb Jahren eventuell einen Krippenplatz kriegt. Haben die noch alle Tassen im Schrank?“

Ich überlege, ob ich Freundin P. sagen soll, dass unsere Familienministerin Kristina Schröder erst neulich wieder in einem Interview gesagt hat, sie sei sehr zuversichtlich, wenn es ab 2013 erst einmal für jedes dritte Kleinkind einen Krippenplatz gäbe, sei die Welt in Ordnung, weil: der Bedarf gedeckt. Nein. Ich behalte diese Information mal lieber für mich. Ich will nicht, dass P.s Kind jetzt schon zu viel vorgeburtlichem Stress ausgesetzt wird. Es wird es im Leben mit seiner politisch-radikalen Mutter eh mal schwer genug haben.

Lieber setze ich auf Deeskalation: „Weißt du, der Ude hat neulich gesagt, er wolle, dass in München viel schneller viel mehr Plätze geschaffen werden. Er glaubt, dass es locker einen Bedarf für über vierzig Prozent der Kleinkinder gibt.“
Und das glaube ich auch. Auch die Ansprüche werden mit dem Angebot steigen. Meine Mutter zum Beispiel erzählte mir mal, dass sie sich zu Ostzeiten unendlich darüber aufregen konnte, ihre Kinder schon sechs Wochen vor dem gewünschten Eintritt in eine Kinderkrippe dort anmelden zu müssen. Sechs Wochen! Was für eine unflexible Frechheit.

Aber Kristina Schröder regiert ja überhaupt mit einer latent realitätsverweigernden Art, da kann sie auch ignorieren, dass schon jetzt immer mehr westdeutsche Eltern ihr Misstrauen Krippen gegenüber ablegen. Bisher lebt der Mythos von der Mutter-Kind-Symbiose im Westen doch vor allem deshalb weiter, weil es viel zu wenige Betreuungsangebote gibt. Und so lange Krippen immer nur das Andere, das Fremde sind, kann man auch weiter den Heimkinder-Studien glauben, die „fremdbetreuten“ Kindern große emotional Defizite attestieren. Heimkinder! Die beweisen sollen, dass eine Mutter am besten drei Jahre lang 24/7 bei ihrem Kind bleibt. Selten hat sich eine so plumpe Interpretationen – ich würde sogar sagen: Manipulation – so lange als Tatsache gehalten.

„Dann soll sich dein Ude mal beeilen. Wenn ich nämlich keinen Krippenplatz kriege, werde ich Rabbatz machen“, droht die Freundin.
Ich wünschte, der rechtliche Anspruch auf einen Krippenplatz würde schon 2012 in Kraft treten. Dann könnte ich nämlich miterleben, wie Freundin P. zu Höchstform auflaufen würde: Elterninitiative, Verfassungsklage, Interviews zu den Gerichtsterminen. Ein Fest würde das werden. Ich hoffe, sie kriegt noch ein zweites Kind.
„Wann ist eigentlich der Geburtstermin?“, frage ich sie.
„Mitte Juni.“
„Das heißt, du bist jetzt …“
„In der fünften Woche.“

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne in der Taz.)




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Eintrag geschrieben: Freitag, 15. Oktober 2010 um 10:58 Uhr unter Familien_politik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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13 Kommentare

  1. Adele sagt:

    Traurig, aber wahr… Und Freundin P. kann sich glücklich schätzen, es gibt genügend Krippen, die so eine komfortable Warteliste haben, dass sie vorgeburtliche Anmeldungen erst gar nicht akzeptieren, schließlich ist die Geburt der risikoreichste Augenblick im Leben eines Menschen.
    Kannst du Freundin P. mal an mich weitervermitteln zwecks Verschwesterung beim Rabatz machen?

  2. ich mach auch mit, im osten isses nämlich auch nur bedingt besser.

  3. Judith sagt:

    Bei mir war das auch so. Auf Krippenplatzsuche für ein Reiskorn großes Embryo.

    @zahlenzauberin
    ja? Freunde von mir in Berlin konnten sich von drei verschieden Krippen, die aussuchen, wo ihnen die Erzieher und das Konzept am symathischsten waren. Und zwar als das Kind schon auf der Welt war. Neid.

  4. ich sach mal so, die geburtenrate in dresden ist unerwarteterweise exorbitant hoch, und wenn man dann, so wie wir, auf eine betreuung angewiesen für die die stadt aufkommt isses mit der wahlfreiheit nicht mehr weit her, und die wartelisten sind lang. aber was kriegen studentinnen auch kinder ;)

    und ich will ja auch gar nicht bestreiten dass es im westen noch schlimmer is.

  5. frau zauder sagt:

    ich habe – nachdem ich vom jugendamt eine liste bekommen habe, auf der diverse Tagespflege und Großtagespflegestellen stehen, von denen die meisten weder eine website haben noch wirklich in der nähe sind (30 minuten fahrtweg sind zumutbar) – beschlossen, es jetzt draufankommen zu lassen. ich melde das kind nicht vor der geburt an, weil ich weder das kind noch mich nach der geburt kenne und einfach nicht gewillt bin, neben wickeltischersteigerung, mutterschutzantrag, elternzeitüberlegungen und strickaktivitäten noch einen krippenplatz vorzubuchen. wann soll ich denn meine arbeit machen, die vor (und während) dem mutterschutz noch erledigt sein will? wann soll ich mich denn entspannen (wichtig wegen pränataler prägung usw.)? was soll ich denn noch alles regeln müssen? und ich muss jetzt mal sagen, dass ich keine mutter kenne, die nicht arbeiten gehen durfte – irgendwie fand sich immer eine betreuungslösung. schließlich brauchen die uns gut ausgebildete frauen ja (auch in den führungsschichten). vertrauen wir also. kinder haben ist doch sowieso eine große zuversichtssache. und wenn das alles nicht hilft, proben wir den widerstand. aber das sage ich natürlich wieder alles aus metropolensicht!

  6. Adele sagt:

    Liebe Frau Zauder,
    so ähnlich dachte ich auch, bis ich von Knall auf Fall mit einem 1-jährigen Kind und berufstätigen Mann zwecks eigener Berufstätigkeit ins Rheinland ziehen wollte. Kurzfristige Wohnortwechsel, die noch dazu nicht mit dem Beginn des Kindergartenjahres einhergehen, sind nicht vorgesehen in NRW… Eigentlich sind Wohnortwechsel gar nicht vorgesehen bei kommunalen Einrichtungen, weil man ohne Wohnsitz in der Stadt, in der man auf die Warteliste möchte, gar nicht auf die Warteliste kommt. Den Wohnsitz benötigt man aber bis zum Umzug an dem Ort, wo das Kind in die Krippe/KiTa geht, damit man dort Anspruch auf die kommunale Förderung hat.

    Im Bekannten- und Kollegenkreis, genauso wie hier im Muttiblog weise ich darauf bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit hin, aber ich habe das Gefühl, diese Problematik braucht eine größere Öffentlichkeit. Denn sonst ziehen sich die Verantwortlichen nämlich genau darauf zurück:

    irgendwie fand sich immer eine betreuungslösung

    Das ist ein Problem, welches die gesamte Gesellschaft verdammt noch mal was angeht und nicht durch private Lösungen im Verborgenen gelöst werden darf!

  7. jess sagt:

    dass sich der mythos, die kindliche entwicklung nehme schaden durch krippenbetreuung immer noch hält, ist nicht zu begreifen. dabei hat z.b. der kleinkindpädagoge kuno beller und sicher auch etliche andere schon vor jahrzehnten nachgewiesen, dass selbst bei den jüngsten die entwicklung durch krippenbetreuung durchaus positiv beeinflusst werden kann und wird.

  8. junaen.mama sagt:

    Ich bin froh, dieses Problem nicht gehabt zu haben. Ich hatte nämlich genug andere Probleme. Ich wußte seit der 22. SSW, daß mein Kind einen sehr schweren Herzfehler hat und niemand konnte mir sagen, wie gut die Überlebenschancen stehen. Ich hätte es niemals übers Herz gebracht, ein Kind anzumelden, das vielleicht nicht mal die ersten Tage überlebt.
    Mein Sohn ist mittlerweile 4 und hatte hier in Erfurt von der Betreuung her einen tollen Start. Bei Kindern unter 2 kann man zwischen Krippe oder Tagesmutter wählen (beides vom Jugendamt finanziert und kostengleich/ einkommensabhängig). Die Tagesmutterbetreuung kann auch verlängert werden bis 3 (wir haben das auch gemacht wegen Entwicklungsverzögerung). Für die Kita gibt es die Kita-Card mit der man sich am besten ein Jahr vorher in der Kita seiner Wahl anmeldet. Bei uns hat die Theorie in der Praxis genau so problemlos geklappt.

  9. frau zauder sagt:

    ja adele, das ist natürlich ein anderer und absolut unschöner fall und zurückziehen soll sich keine behörde auf eine individuelle betreuungslösung. so war mein satz auch nicht gemeint. in keinen fall ging es mir um eine private betreuungslösung. natürlich muss es genug angebote geben, vor allem solche, die eltern nicht in den finanziellen und nervlichen ruin treiben, lebensentscheidungen verhindern usw. ich kenne aber auch – und darauf zielte mein satz – beispiele aus andere städten außer berlin, in denen sich unkompliziert eine tolle tagesmutter finden ließ, sogar arbeitgeber waren manchmal zur unterstützung motiviert.
    will sagen, wir müssen öffentlich kämpfen und privat das vertrauen entwickeln, dass wir unser leben – wenn auch manchmal unter großen mühen – auch im rahmen unserer wünsche und erfordernisse gestalten können werden. aber vielleicht werde ich wütend bald hier schreiben, dass das alles illusionen sind.

  10. Hans sagt:

    Meiner bescheidenen Meinung nach sollten Mütter in den ersten drei Lebensjahren bei den Kindern bleiben . Oder Väter. Die Anwesenheit des Elternteils und die jederzeit spürbare Liebe der Eltern ist durch keine noch so nette Krippe wettzumachen.

  11. Neeva sagt:

    Na, dann bleib doch drei Jahre bei deinen Kindern. Niemand will dich davon abhalten.

  12. Iffe sagt:

    Judith, also als ich vor 2 Jahren auf Kripensuche in B war, bekam ich allenfalls freundliches Gelächter bei Platznachfrage zu hören, oft ein „in 12 Monaten vielleicht, wenn Studenten von der Warteliste abspringen, die es sich anders überlegen…“ ??? Freund Zufall spielte mir einen Platz zu. Und mein zweites Kind bekam ich nur durch den Geschwisterbonus unter. Aktuell fehlen in B um die 500 Krippenplätze, wenn der angemeldete Bedarf gedeckt werden soll. Von Bezirk zu Bezirk unterschiedlich stark ausgeprägt. Auf den genauen Wohnort innerhalb der Stadt kommt es hier also auch noch an…

    Gruß Iffe :)

  13. dasPossum sagt:

    Hm, ich will ja nicht sagen, daß wir hier im Osten Luxusprobleme haben, denn bei uns sind derzeit genügend durch die Gemeinde vermittelte Tagesmütter und KiTas da. Wobei es in unserer Gemeinde so gehandhabt wird, daß die Kinder erstmal zu Tagesmutter und dann ab 2 in die KiTa gehen. Was sich im Normalfall als gute Sache rausgestellt hat.

    Aber die Qualität ist nicht immer die, die man denn da gerne hätte. Teilweise sind da echte Gruselgestalten unterwegs, zu denen ich meine Kinder nicht im Traum gegeben hätte.

    Der Punkt ist doch der: Machen Eltern ordentlich Druck um eine Betreuung zu bekommen? Wenn ja, wird alles gut. Wenn nein, hat man verloren. Meine Erfahrung.

    Und für die Freundin P. hoffe ich, daß sie einen Jungen bekommt. Die werden durch den neuen Jungenplan von Frau Schröder bestimmt quotiert und damit schneller aufgenommen. *ganzsichersei*