Anders ist schwul. (K)ein Skandal beim WM-Dritten

von Nicole

Zu den zahlreichen Schilderungen der sportlichen Leistungen der deutschen Fußballnationalmannschaft der Männer bei der gerade zu Ende gegangenen WM kommen mindestens ebenso zahlreiche Ausdeutungen ihrer kulturellen, sozialen und politischen Performance hinzu: von der Kleidungswahl des Trainerteams über die gelungene „Integration“ einer Generation von Einwandererkindern bis zu den flachen Hierarchien im Team, das seine vermeintlich unersetzbare Führungskraft Michael Ballack noch vor dem ersten WM-Spiel verlor. In diese Reihe gehört auch ein Essay im aktuellen Spiegel von Alexander Osang über „Neue deutsche Männer“. Dieser Text allerdings sorgte für (hoffentlich nur kurzzeitige) Aufregung, weil es dort fast wie am Rande – oder aber eben auch nicht, das ist schwer zu sagen – auch um ein einige Zeit zurückliegendes Gespräch mit Michael Ballacks Berater Michael Becker geht. Der, so Osang, hätte, obwohl sein Klient damals noch nicht verletzt war, sondern sich mit vielen Werbeverträgen ausgestattet auf die WM freuen durfte, lauthals hergezogen über die „Schwulencombo“ beim DFB, über schwule aktuelle Nationalspieler und das bevorstehende Outing eines ehemaligen. Skandal! Bild und Hamburger Morgenpost machten das Thema einer „homosexuellen Verschwörung“ umgehend zum alleinigen Inhalt des Textes, die Süddeutsche immerhin recherchierte noch etwas ums Thema herum, stellte die Frage, ob die Aussagen seines Beraters Ballack selbst nicht vielmehr schaden als nützen werden und bezeichnete sie zudem als das, was sie sind: „schwulenfeindlich“.

Der eigentliche Punkt von Osangs Text, den er auch mit diesen Passagen unterstreicht, taucht in den Reaktionen der anderen Medien jedoch nicht mehr auf, was sehr zu bedauern ist. Er besteht nämlich darin festzuhalten, dass Becker selbst und möglicherweise auch sein Klient Ballack wenn schon nicht dem Alter nach, so zumindest im Denken keine neuen, sondern alte deutsche Männer seien, deren Zeit vorbei ist. Wunderbar verdichtet sich das in dieser Schilderung:

Als ich ihn fragte, ob denn ein Spieler, der etwas überraschend nominiert worden war, seiner Meinung nach auch schwul sei, sagte Becker nur: „Der ist halbschwul“, und ich begriff, dass das alles ein Synonym war für etwas, was Becker nicht mehr verstand.

Ja, mag sein, dass schwule Profifußball oder auch -trainer mit Scheinehefrauen, Heimlichkeiten und Doppelleben ein verkrampftes Verhältnis zu sich selbst, zu ihrer Umwelt und ihrer Sexualität haben. Dies aber mit wesentlich mehr Anlass und Berechtigung als Menschen wie Becker, Comedian Oliver Pocher oder Radiomoderator Jan Böhmermann von 1Live, deren homophobe Bemerkungen und Witze vor allem etwas über die Begrenzung der eigenen Welt aussagen. Wie auch Wolfgang Hettfleisch in einem Kommentar in der Frankfurter Rundschau anmerkt: „Man kann gar nicht so viel Earl Grey trinken, wie man kotzen möchte.“

Und zum Schluss noch eine Nachricht, die vielleicht optimistisch stimmen könnte: Fußball-Deutschland hat seine erste offen homosexuelle aktive Nationalspielerin: Europameisterin und Pokalsiegerin Uschi Holl, Torhüterin beim FCR Duisburg, hat sich in Köln verpartnert. Am Tag eines deutschen WM-Spiels, mit Blumen und in Weiß.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 13. Juli 2010 um 11:51 Uhr unter Gewalt, Medienkritik, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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5 Kommentare

  1. drikkes sagt:

    Wolfgang Hettfleisch? Der Name ist doch erfumdem!

  2. […] und die grandiose mädchenmannschaft hat natürlich auch noch etwas dazu zu sagen. « […]

  3. Patrick sagt:

    Hm, optimistische Nachricht? Ich freue mich natürlich für die Nationalspielerin, aber sind Frauenfußballerinnen in den Augen von solch „alten“ Leuten nicht ohnehin alle Lesben? Da sollte sich lieber der Schweini oder Boateng oder sonst ein Kerl verpartnern.

  4. Nadine sagt:

    @Patrick

    es ist insofern besonders optimistisch, da sich bis jetzt keine einzige Fußballerin geoutet hat. Zumindest nicht im sportlichen Bereich. Privat leben die wohl alle out, sobald es aber um den Profisport geht, versuchen sie alles, um nicht als lesbisch wahrgenommen zu werden, da das „ja eh alle denken“. Eine Stigmatisierung von Homosexuellen ist nicht weniger problematisch oder homophob, wenn sie angenommen und zugeschrieben wird und letztlich auf verkommenen Geschlechterklischees beruht. Ich habe dazu mal was bei Missy geschrieben:
    http://missy-magazine.de/2010/06/14/homophobie-im-fusball-alles-eine-frage-von-geschlechterinszenierungen/

  5. […] interpretiert hat den Osang-Beitrag das „grrrls_team“ Spiegel / SZ / werkself.de / maedchenmannschaft.net (Osang hatte sein Gespräch mit Becker schon im Mai in diesen Spiegel-Artikel einfließen lassen […]