„Wir wollen kein größeres Stück vom vergifteten Kuchen”

von Magda

Dies ist ein Bericht von der Tagung „Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren“. Insgesamt waren sechs Bloggerinnen auf der Tagung und haben von ihren Eindrücken berichtet – alle Berichte findet ihr auf gender-happening.de.

Rund 80 Interessierte haben sich am Samstagmorgen in der Werkstatt der Kulturen zu der Tagung „Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren“ eingefunden und verfolgen im großen Saal die Performance der ersten Künstlerin des Tages: Joy Harders künstlerische Intervention “Ökonomie und Kunst: Recherche I” erntet so einige Lacher, während sie auf quietschenden Gummienten und mit Salatblättern um den Kopf gewickelt patriarchalische und gewinnorientierte Regeln (nicht nur) in der Kunst in Frage stellt.

Ich bin noch mit dem Ankommen beschäftigt, freue mich über Saft, Obst und Kekse und darüber, dass hier Menschen unterschiedlichen Alters zusammengekommen sind. Kurz vor 11 beginnen die Workshops und Vorträge im Bereich “Konzepte”, in dem grundlegende Ansätze und Richtungen der feministischen Ökonomie(kritik) behandelt werden.

Ausgestattet mit einem Kaffee und einer Handvoll Kekse setze ich mich in den Workshop der Kulturwissenschaftlerin und Kommunikationstrainerin Deborah Ruggieri zu „Zukunftsmusik. Warum Ökonomie die Genderperspektive braucht“. Ich saß schon einmal in einem Vortrag von Ruggieri und freue mich auf die charismatische Trainerin, die nach eigenen Aussagen in Gremien und auf Mainstream Ökonomie-Tagungen die „Dame sei, die die Genderfahne hochhält“.

Wir sind knapp 20 Teilnehmende mit sehr unterschiedlichen Wissensständen, wie sich nach einer kurzen Vorstellungsrunde herausstellt: Hier sitzen u.a. Jurist_innen, Germanist_innen, Gender Studies Student_innen und Ökonom_innen. Viele Teilnehmer_innen kommen aus der Wissenschaft oder haben zumindest studiert, nur wenige arbeiten im weiblich dominierten und schlecht bezahlten Bereich der Sorgearbeit. Unbezahlte Sorgearbeit leisten die meisten von uns, aber nur ein Bruchteil der Teilnehmenden verdient das täglich Brot in der marktbasierten Dienstleistung.

So fällt an der Zusammensetzung dieser Gruppe auf: Wichtige Expert_innen-Meinungen aus der Praxis zu prekären Arbeitsbedingungen, Niedriglöhnen und zunehmenden Effizienzdenken in der bezahlten Sorgearbeit fehlen somit leider. Ich frage mich, ob das nur in diesem Workshop so ist oder ein generelles Charakteristikum der Tagung.

Feministische Ökonomie als Forschungsfeld

Eine zentrale Frage dieses Workshops ist, ob sich Kritik an den hiesigen Strukturen orientieren sollte oder lieber von Anfang an außerhalb des heute vorstellbarem theoretisiert werden müsse. Klar ist, dass solche riesigen Fragen kaum in 90 Minuten geklärt werden können, aber es ist eine gute Frage für den Hinterkopf, wenn mensch an politischen Ideen werkelt.

Ruggieri gab uns nach der Vorstellungsrunde einen Überblick über die feministische Ökonomie als Forschungsfeld, welche von unterschiedlichen Ansätzen und Ideen geprägt ist. Wichtige feministische Interventionen in Mainstream-Ökonomie bestehen zum einen darin Geschlecht als Analysekategorie überhaupt sichtbar zu machen und zum anderen das Konzept des männlich-kapitalistisch geprägten ‘Homo Oeconomicus’  zu kritisieren, welches klassischen ökonomischen Konzepten zu Grunde liegt. Die Vorannahme, dass wir alle „egoistische Nutzenmaximiererinnen und -maximierer“ seien, die nach bestimmten Modellen und Berechnungen agieren, sei ein Menschenbild, welches kaum der Realität entspräche und so auch dazu führe, dass die Geschlechterperspektive außen vor bleibt, so Ruggieri.

„Man kann immer schneller Autos produzieren, aber nicht schneller pflegen oder Kinder aufziehen“ (Mascha Madörin)

Eine dritte wichtige Forderung feministischer Ökonom_innen bestehe darin, die soziale Reproduktion – also unbezahlte Sorgearbeit – in die Betrachtung der Ökonomie mit einzubeziehen – eine Arbeit, die in der Mehrheit von Frauen* geleistet wird und keine Rolle spielt, wenn es darum geht, gesellschaftlichen Wachstum zu messen (dieser wird durch das Bruttoinlandsprodukt gemessen).

Eine Teilnehmerin erzählt in diesem Zusammenhang davon, wie Millionen von Euros in Forschungen zur Effizienzsteigerung im Bereich Sorgearbeit investiert werden, ganz nach der Logik: Welche Handlungen können automatisiert ablaufen, wo kann Zeit gespart werden? Eine andere Person merkt an, dass dies ja bereits durch den Begriff Care Economy veranschaulicht wird und kritisiert die stetig steigende Ökonomisierung von Sorgearbeit. Eine dritte Teilnehmerin bestätigt diesen Trend und erzählt von ihrem Beruf im Bereich Pflege, in dem sie jeden einzelnen Vorgang aufschreiben muss, z.B., wenn sie mit einer Patientin auf die Toilette geht.

Ruggieri verweist in ihrem Input darauf, dass es alternative Ansätze zu diesem Trend der Ökonomisierung von Sorgearbeit gibt, die unter dem Sammelbegriff “people-centered development“ zusammengefasst werden, was so viel heißt wie: nach den Bedürfnissen von Menschen ausgerichtete Konzepte. In diesen Ansätzen werden „Armuts- und Diskriminierungsbekämpfung, Verteilungsgerechtigkeit, soziale Inklusion und Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten“ als Ziele makroökonomischer Politik formuliert.

„Dass das nicht selbstverständlich für alle ist, kann ich einfach nicht verstehen!” ruft eine Teilnehmerin daraufhin ungläubig. Im Laufe des Workshops stellte ich mir diese Frage mehrmals: Ist das nicht alles total logisch, was wir hier besprechen? Ich habe zwar die meisten der Theorien überhaupt nicht gelesen und würde wahrscheinlich auch einiges nicht auf Anhieb verstehen, aber dass Kapitalismus enorm von geschlechtlicher Arbeitsteilung und von diversen Formen der Diskriminierung profitiert, ist so sicher wie die Tatsache, dass ich nach dem Workshop einen zweiten Kaffee brauche.

„Wir wollen kein größeres Stück vom vergifteten Kuchen” (Devaki Jain)

Das Fazit des Workshops klingt für viele wahrscheinlich banal, aber einige von uns fangen auch gerade erst an, sich eingängig mit feministischer Ökonomie(kritik) zu befassen: So sind sich eigentlich alle sicher, dass konsequenter die Machtfrage gestellt werden muss. Frauenpolitische Forderungen wie z.B. die Quote oder das bloß Hinzuaddieren von geschlechtersensiblen Politiken in klassische ökonomische Theorien scheinen erste Schritte zu sein, aber in der Konsequenz zu wenig: In Anlehnung an Jains Zitat geht es eher darum, einen neuen Kuchen zu backen, als sich mit der Hälfte des vergifteten zufrieden zu geben.




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 14. November 2012 um 9:37 Uhr unter Ökonomie. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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4 Kommentare

  1. Miria sagt:

    Find ich auch, also das mit dem vergifteten Kuchen. Hatte ja auch schon mal in einem anderen Kommentar geschrieben, dass einfach vielen Menschen nicht passt, wie die heutige Arbeitswelt strukturiert ist (60h Stunden woche für manche Führungspositionen), wäre gut, wenn man da was ändern könnte.

    „Die Vorannahme, dass wir alle „egoistische Nutzenmaximiererinnen und -maximierer“ seien, die nach bestimmten Modellen und Berechnungen agieren, sei ein Menschenbild, welches kaum der Realität entspräche und so auch dazu führe, dass die Geschlechterperspektive außen vor bleibt, so Ruggieri.“

    Vielleicht verstehe ich diese Annahme einfach anders, aber nach meinem Verständnis würde ich Ruggieri hier widersprechen. Ich verstehe das so, das die Nutzenmaximierung nicht im monetären liegen muss. Es kann für einen persönlich auch ein Nutzen sein, wenn man Freude in anderer Menschen Augen sieht (daher auch meine Annahme, dass selbst ehrenamtliche Arbeit letztendlich wieder aufgrund egoistischer Motive gemacht wird). Und nach meinen Überlegungen ist das wirklich, das was hinter jeder Handlung liegt. Das Problem ist nur, dass manche Menschen nicht ihre wirklichen Bedürfnisse befriedigen, sondern häufig fälschlicherweise nur monetäre Ziele haben.

  2. John Dean sagt:

    Jede Handlung zielt auf die Erzielung von Nutzen?
    Jede Handlung zielt auf den eigenen Vorteil?
    Jede Handlung ist einem Nutzenkalkül unterworfen?

    Ich glaube das nicht.

    Ich glaube eher das:

    Sogar viele Handlungen im Bereich „Wirtschaft“ folgen nicht immer zu 100 Prozent einem egoistischen Nutzenkalkül. Menschen sind nicht immer berechnend, Menschen sind nicht immer egoistisch, Menschen sind nicht immer rational. Nicht alle Menschen sind gleich.

    Es gibt Menschen, die tatsächlich in fast alle ihre Handlungen an einer (pseudo)ökonomischen Rationalität und einem egoistischen Kalkül orientieren. Ich halte das für eine Minderheit, und in der zugespitzten Form (z.B. egoistische Manager, Kapitalmarktbetrüger usw.) für eine Sonderform und sogar eher für eine psychologische Auffälligkeit (-> asoziales Verhalten, besonders von Männern) als etwas, welches das allgemeine Wesen von Menschen beschreibt.

    Die Vorstellung eines homo oeconomicus ist mitunter für theoretische Überlegungen zum wirschaftlichen Verhalten von Menschen vereinfachend und unsofern nützlich (gleichwohl: eine Vereengung und eine Ideologisierung).

    Vielleicht aber ist diese Verengung menschlicher Motivationen (wirtschaftlichsorientierten Verhaltens) aber Ausdruck einer doppelten Schieflage: Einerseits nämlich

  3. John Dean sagt:

    Ausdruck eines männlich und von Konkurrenzdenken dominierten Diskurses über wirtschaftliches Verhalten (also auch eine Genderschieflage), andererseits Ausdruck einer Klassenschieflage, bei der Herrschaftsinteressen (eben auch: ökonomische Herrschaft bzw. die Interessen von Gutsituierten) das wissenschaftliche Programm von Wirtschaftswissenschaften bis in das Menschenbild hinein bestimmten.

    Es gibt seit einigen wenigen Jahrzehnten ein Aufblühen von experimentell orientierten Wirtschaftswissenschaften. Wer sich dafür interessiert, findet auch hier reichhaltige und ausgesprochen fundierte Kritik am Verhaltensmodell eines homo oeconomicus.

    Im Übrigen ist die Ökonomisierung sozialer Begrifflichkeiten oft problematisch, beispielsweise, wenn Tätigkeiten (z.B. Beschäftigung mit Freunden oder dem eigenen Kind) ausschließlich als „Arbeit“ gewertet werden.

    Mit der einseitigen Ökonomisierung von Verhalten gehen ganz allgemein viele wichtige Interdependenzen flöten. Was im Übrigen nicht dagegen spricht, Verhalten auch unter Berücksichtigung von Nutzenkalkülen zu analysieren. Auch! Aber eben nicht ausschließlich.

    Imho.

  4. Miria sagt:

    @John Dean: Du hast mich nicht verstanden. Mehr kann ich dazu einfach nicht sagen. Vielleicht liest du nochmal, was ich geschrieben habe. Ich rede weder von der Wirtschaft noch habe ich irgendwo geschrieben, dass alle Menschen berechnend und egoistisch sind.