Das Zeit Magazin präsentiert in dieser Woche ein wichtiges Thema: Bezugnehmend auf die berühmte Stern-Kampagne von 1971, in der 354 Frauen bekannten, eine Schwangerschaft abgebrochen zu haben, macht das Heft im selben Layout und Titel auf. „Wir haben abgetrieben“, bekennen mehrere Männer. Besser gesagt, sie waren irgendwie dabei, als ihre Partnerinnen abtreiben ließen. Fast alle Beziehungen sind heute getrennt, die Männer leiden noch immer unter den Abtreibungen. Ausführlich wird dann die Geschichte eines Betroffenen gezählt, dessen Frau sich nach drei Kindern entschließt, die vierte Schwangerschaft abzubrechen. Gegen seinen Wunsch.
Ein Auszug:
Nicht einmal jede vierte Frau, die wegen einer Abtreibung eine Beratungsstelle aufsucht, wird von einem Mann begleitet, das bestätigt eine Statistik von Pro Familia in Köln aus dem Jahr 2005. Das Gesetz, das die Beratungen regelt, hat die Väter praktisch vergessen: Es listet auf, welche Experten man hinzuziehen könnte, Ärzte und Sozialarbeiter, erst ganz am Schluss erwähnt es den „Erzeuger“. Thomas Schramm [der Betroffene], ein bloßer Funktionsträger der Fortpflanzung? Es ist die alte Abtreibungsdebatte, der berühmte Satz „Mein Bauch gehört mir“, der so schwer und wuchtig klingt wie aus einem Geschichtsbuch, durch den er sich als Mann so an die Wand gedrängt fühlt.
Linda nennt das Argument, das ihn an meisten ärgert: Das Geld würde nicht reichen für ein viertes Kind. Wie kann sie so kalt sein, ein Leben mit Materiellem aufzurechnen? „Notfalls würde ich Sozialhilfe beantragen“, sagt er. Die Beraterin zählt ruhig weitere staatliche Hilfen auf, Mutterschaftsgeld, Erziehungsgeld, Kindergeld, aber für ihn klingt es, als erfülle sie nur ihre Pflicht. Dann fragt sie: „Würden Sie es Ihrer Frau übel nehmen, wenn sie abtreibt? Würden Sie es ihr später mal vorwerfen?“ Thomas ärgert sich. Die Frau gibt ihm das Gefühl, er sei hier das Problem. „Ich weiß es nicht“, antwortet er patzig. „Die Situation hatten wir ja noch nie.“
Ist Abtreibung ein Thema, das auch Männer etwas angeht? Das hat in der Mädchenmannschaft für große Diskussionen gesorgt:
Einerseits:
Wenn wir von einer normalen, dauerhaften und durchschnittlich gesunden Beziehung ausgehen (eine Abtreibung nach Vergewaltigungen, Missbrauch, etc. ist noch einmal eine andere Geschichte), dann sollte der Mann ein Mitspracherecht haben. Mitsprache beginnt damit, dass sie ihm sagt, dass sie schwanger ist, so dass er sagen kann, was er dazu denkt.
Doch was heißt Mitspracherecht am Ende, wenn es nur noch darum geht, wer entscheiden darf? Nur die Frau, gesetzlich gesichert? Und der Mann ist zuvor beim Beratungsgespräch, gesetzlich verpflichtet dabei? Sollte zusätzlich gesondert Beratungsangebote für Männer geben? Schwierig wird es, wenn wie im obigen Artikel geschildert: Der Mann, der gerne das Kind hätte, das die Frau abtreiben will. Oder er kein Kind will, sie aber schon.
In einer solchen Situation müssen beide ernst genommen werden. Der Wunsch des Mannes darf nicht mit: „Mein Bauch. Meine Entscheidung. Geht dich nichts an!“ abgebügelt werden. Denn gehen wir von einer gleichberechtigten, normalen Beziehung (s.o.) aus, ist er ja auch gleichberechtigt an der Schwangerschaft beteiligt. Also muss man intensiv darüber reden – und das vielleicht unter Anleitung von (psychologischen) Beratern. Das kann natürlich dazu führen, dass man zu unterschiedlichen Einschätzungen gelangt. Was dann?
Dazu folgende Überlegung: Wenn Thomas aus dem obigen Artikel meint, es sei doch kein Problem, noch mehr Kinder zu haben, nimmt er vielleicht Lindas Lage nicht richtig wahr. Vielleicht hätte Linda ihre Meinung geändert, wenn er ihr versprochen hätte, dass sie ihren Job ganz normal weitermachen kann, weil er zu Hause bleibt (komplett!), das Kind nicht gestillt wird usw. Dieses Angebot hat er ihr ja offensichtlich nicht gemacht, sondern unausgesprochen vorausgesetzt, dass es so läuft, wie davor auch immer: Sie kriegt das Kind, stillt und bleibt wieder zwei Jahre aus dem Beruf. Versteht er, was das für sie bedeutet?
So einfach das klingt, so schwer ist das: Es sollte versucht werden, Verständnis füreinander zu erlangen – obgleich man vielleicht anderer Meinung bleibt.
Andererseits:
Zurück zur Entscheidung: Diese fällt am Ende die Frau. Niemand – also wirklich NIEMAND – darf einer Frau vorschreiben, was mit ihrem Körper passiert. Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht. Wenn eine Frau ein Kind im Bauch hat, das sie nicht möchte, darf ihr niemand vorschreiben, dass sie es bekommen soll, weil sie damit völlig instrumentalisiert würde, nämlich: Als Gebärmaschine aus nicht freiem Willen. Das ist im Grunde gegen die Würde des Menschen. Sie wäre quasi Leihmutter für ihren Partner.
Problematisch am vorliegenden Artikel bleibt, dass vernachlässigt wird, dass es eine doch recht starke und aktive Lobby gegen Abtreibungsrecht gibt. Die sich in der Hauptsache gegen die abtreibenden Frauen wendet – und nicht gegen die Männer. Der Tonfall des Textes ist einem flammenden Plädoyer für die Sprachlosen angemessen, doch wird die Sprachlosigkeit, die eben oft zwischen Geschlechtspartnern herrscht, kaum eingeordnet oder benannt. Der Autor geht davon aus, dass Männer in der Debatte stets zurückgedrängt wurden und meint, er müsse den diskursiven Spieß nun einfach umdrehen: indem er die Frauen nicht zu Wort kommen lässt. Auch in der Form ist die Aufbereitung des Themas nachlässig. Die Kurzprotokolle, in denen die Erfahrungen der zehn Abtreibungsmänner zusammengefasst sind, werden der Komplexität einer Situation, in der sich eine Frau gegen ein Kind entscheidet, mitnichten gerecht. Dadurch bedient der Text ein altes Vorteil gegen Frauen – nämlich, dass sie leichtfertig abtreiben würden. Und eine einseitige Parteinahme für jene Männer, die gegen die Abtreibung ihrer Partnerinnen waren/sind, lässt sich allzu leicht mit den Parolen der Abtreibungsgegner vermischen – wie hier geschehen.
Das gilt es zu verhindern – deswegen wollen wir eine feministische Diskussion darüber führen, wie das verständliche Verlangen der Männer, in Sachen Abtreibung mitreden zu dürfen, ernst genommen und eingebunden werden kann. (Aus unserer Erfahrung bei anderen Diskussionen zum Thema Abtreibung möchten wir euch darum bitten, mit Bedacht zu posten. Wir werden hier noch genauer als sonst mitlesen und eventuell auch stärker als sonst moderieren, sollten wir Anlass dazu haben. Deswegen geht bitte respektvoll mit den anderen und deren Meinungen um. Danke!)

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