Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört der grün-klebrige Schleim der Ghostbusters. Hilfreich dabei war wahrscheinlich auch der gleichnamige Hit von Ray Parker, Jr., der auch heute noch Glücksgefühle in mir auslöst. Deshalb habe ich mich riesig gefreut, als ich hörte, dass in diesem Jahr ein Remake erscheinen soll. Und bitte festhalten, denn dieses Mal soll es nicht vier Helden, sondern vier Heldinnen geben. Das hat ziemlich viele Leute (hust, hust, Typen) aufgeregt, weil die Kindheitserinnerungen nun anscheinend entheiligt würden. Jetzt wollen Frauen auch noch Ghostbusters sein!!!1 Was bleibt da noch übrig für die Jungs? Traurig, aber wahr: Kein anderer Trailer in der Geschichte von YouTube erhielt mehr Dislikes. Die Jungs sind sauer.
Gestern habe ich dann endlich Ghostbusters geschaut, seit über einer Woche läuft er in den deutschen Kinos. Überraschend fand ich den erstaunlich leeren Kinosaal. Wie kann es denn sein, dass so viele den Titelsong nachts um drei besoffen auswendig schmettern können – den Film also sehr wohl kennen – aber keinen Bock haben in den Remake reinzugehen? Sind weibliche Hauptfiguren für die deutschen Befindlichkeiten zu boring? Wahrscheinlich, denn der deutsche Trailer gibt der männlichen Nebenrolle eine echt große Bühne, während der englische Trailer darauf verzichtet und ausschließlich mit den vier Hauptdarstellerinnen glänzt: Kristen Wiig, Melissa McCarthy, Kate McKinnon und Leslie Jones.
Eine umfassende Rezension kann ich leider nicht bieten (dazu bin ich zu wenig Film-Nerd), aber zwei Aspekte, die ich erwähnenswert finden, möchte ich gerne anreißen: Zum einen die Rolle von Patty (gespielt von Leslie Jones) und zum anderen das queere Potential des Films. Es folgen ein paar kleinere Spoiler.
Zuerst: Ich habe den Film sehr gerne gesehen. Er ist unterhaltsam, hat lustige und interessante Darstellerinnen und glänzt mit Knaller-Sätzen wie “No woman should walk around unarmed.” („Keine Frau sollte unbewaffnet rumlaufen“). Eine Tatsache nervt allerdings gewaltig: Während die drei weißen Darstellerinnen jeweils einen Doktortitel aufweisen und Forscherinnen sind, ist Patty Tolan – die einzige Schwarze Hauptdarstellerin – ohne Doktortitel, dafür mit lautem Organ und viel „Straßenwissen“ ausgestattet. Das ist ein bekanntes Bild: Weiße können mit akademischen Wissen glänzen und Schwarze Menschen werden als street-smart und mit einer großen Klappe dargestellt. Hier wurde meiner Meinung nach ein großes Potential verschenkt und auf ein rassistisches (und langweiliges) Stereotyp zurückgegriffen.
Patty Tolan (gespielt von Leslie Jones) steht den drei anderen Charakteren aber in nichts nach und gehört neben Dr. Jillian Holtzmann (gespielt von Kate McKinnon) zu meinen Favoritinnen. Die Rolle von Holtzmann war für mich eine echte Überraschung und der eigentliche Star der Vierer-Gang. Sie erfreut mit den besten Mimiken und Jokes und wird nicht ohne Grund von Queers gefeiert. Es gibt viele subtile und nicht-so-subtile Hinweise darauf, dass Holtzmann sich für alles und jede_n (Forschung, Geister, hotte Wissenschaftler_innen) interessiert, unabhängig von Geschlecht. Auch ihr Style ist leicht queer einlesbar.
Und genau hier, so glaube ich, wird es interessant: Holtzmann wird aus diesen Gründen als „die Queere“ des Vierer-Gespanns eingelesen und ich frage mich, warum wir uns mit *einer* queeren Person zufrieden geben. Keine der Protagonistinnen führt eine romantische (Heten-)Beziehung (zumindest bekommen die Zuschauer_innen das nicht mit); nur eine der Protagonistinnen schwärmt für einen Typen, was aber zu keiner bedeutenden Love Story wird. Ohne zu viel verraten zu wollen, gibt der Film viiiele Hinweise darauf, dass die vier untereinander in der Vergangenheit angebandelt haben bzw. aktuell miteinander flirten. Vielleicht ist das für ein heteronormatives Auge nicht so leicht erkennbar.
Für mich sind alle Leute queer bis sie mich vom Gegenteil überzeugen (was häufig recht schnell passiert, but well…). Die Ghostbusters-Protagonistinnen sind coole, unabhängige Frauen, die gerne auch miteinander flirten und erfolgreich gegen böse Geister kämpfen. Typen spielen eine untergeordnete Rolle bzw. werden meist eher als „trottelig“ dargestellt. Wieso werden trotzdem mindestens drei der Protagonistinnen selbstverständlich als Heten gelesen? Alle vier könnten queer begehren und/oder kein wirkliches Interesse an romantischen Beziehungen haben. Alle vier! Eine queere Girl Gang, why not?

Ein Extra-Lob gibt es für die Tatsache, dass kein einziger dickenfeindlicher Witz gemacht wurde. Ja, das hebe ich hervor, weil es nicht selbstverständlich ist, insbesondere, weil zwei der Protagonistinnen (Melissa McCarthy und Leslie Jones) nicht schlanken bzw. weißen Köper- und Schönheitsnormen entsprechen und dies üblicherweise in Filmen durch schlechte Witze thematisiert wird. Mein dicker Daumen zeigt nach oben!
(Abschließend sei gesagt, dass dieses ganze queer reading nur nötig ist, weil Hollywood sich nicht traut, queere Romanzen Blockbuster-gerecht zu vermarkten. Ich mag die Idee der queeren Ghostbusters Girl Gang, auch wenn diese nicht für alle offensichtlich ist. Wäre ja auch nicht verkehrt gewesen, in der Abschlussszene einen zarten Kuss zwischen zwei der Protagonistinnen zu zeigen…).
A girl can dream!

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