Auf entlegenen Wegen
In veregneten Städten
Nach vernebelten Feten
In zertreten Beeten
An beschädigten Theken
Auf ungezählten Planten
Im täglichen Leben
Könnt ihr schwulen Mädchen begegnen
Ich dachte, was Fettes Brot über „Schwule Mädchen“ singen, sei der künstlerischen Freiheit geschuldet. Dass uns schwule Mädchen und Frauen, sogenannte Girlfags, tatsächlich im täglichen Leben begegnen, weiß unsere Leserin Ili. Selber eine Girlfag will sie für mehr Aufklärung und Präsenz sorgen – damit über den Suchbegriff „Schwule Mädchen“ eben nicht nur der Song von Fettes Brot auftaucht. Auf ihrer Internetseite schreibt sie:
Ich möchte mit dieser Seite die Frauen erreichen, die „schwul fühlen“ und sich (auch sexuell) zu schwulen/bisexuellen Männern hingezogen fühlen.
Das heißt: Nicht Frauen, die einfach „nur“
– Schwule heiß finden und/oder gerne Schwulen-Pornos sehen
– sich einen schwulen besten Freund wünschen oder die es
schade finden, dass ihr bester Freund schwul ist, weil „Schwule
die besseren Männer“ sind. Für eine GirlFag sind Männer oft nicht
interessant, obwohl sie schwul sind, sondern eben weil sie es
sind. (es ist also nicht „schade“, dass er schwul ist, sondern
gerade das Interessante!)
Der Mädchenmannschaft hat sie ein paar weitere Fragen beantwortet Zum Weiterlesen bitte klicken
Wie hast du gespürt, dass du eine girlfag bist?
Ich habe ziemlich bald gemerkt, dass mich die Vorstellung von zwei schwulen Männern irgendwie anzieht, dass ich es interessant finde, z.B. solche Filme zu sehen. Aber irgendwann fing ich an, gezielt m/m(also schwule)-Bücher und – Filme zu konsumieren. Das war aber natürlich nicht alles – viele Mädels schauen sich gerne so etwas an, ohne eine GirlFag zu sein. Für mich war da immer irgendwie mehr… ich fand die Vorstellung einer Liebesbeziehung zwischen zwei Männern so romantisch, die Vorstellung einer sexuellen Beziehung so erotisch… viel mehr als zwischen Mann und Frau. Ich beneidete homosexuelle Gleichaltrige schon darum, dass sie sich outen konnten. Ich hätte mich auch so gerne geoutet. Aber als was denn? Ich stand nun mal ausschließlich auf Männer – daran war nichts zu rütteln. Als ich 17 war bezeichnete ich mich in einem Tagebucheintrag als „schwulen weiblichen Hetero“ – und stellte selbst fest, dass das doch viel zu verrückt war. Oft spielte dieses Gefühl „irgendwie schwul“ zu sein für mich keine Rolle; man denkt schließlich nicht ununterbrochen über seine sexuelle Orientierung nach (v.a. wenn sie nach landläufiger gesellschaftlicher Definition doch „völlig normal“, also hetero, war) doch dann kamen wieder Phasen, wo ich überhaupt nicht wusste, was mit mir los war, wo ich mich einfach nur stockschwul fühlte und nicht wusste, wie ich es verorten sollte. Eine dieser Phasen ging meinem „GirlFag-Erwachen“ im Herbst 2007 voraus. Irgendwann hat es plötzlich „klick“ gemacht und ich dachte mir: „Natürlich! Du BIST einfach schwul! Das ist eben so! Du bist der lebende Beweis, dass Frauen schwul sein können!“
Und was geschah dann?
Anfangs habe mich niemandem gegenüber geoutet. Wie hätte ich es auch tun sollen? Die Vorstellung, mich meinen Freunden gegenüber mit den Worten „Übrigens, ich bin schwul“ zu outen, fand ich selbst fast albern. Und dann ste stieß ich vergangenes Jahr im Internet auf einen Artikel von Uli Meyer über „Schwule Frauen und Schwule Transgender“ – über GirlFags und Trans*Fags. Das wars! Das war ich – und damit war dann eigentlich alles besiegelt. Ich nahm Kontakt mit Uli Meyer auf, wurde auf amerikanische GirlFag-Communities verwiesen und etwa einen Monat später hatte ich die Idee, eine deutsche Homepage zu erstellen.
Ich habe meinen Freunden den Artikel von Uli geschickt, mit der Bitte, ihn zu lesen. Da sie alle sich (und mich) schon gefragt haben, warum ich mich so für „Schwule und Schwules“ interessierte, konnte ich ihnen endlich eine Antwort geben – die ich für mich selbst schon etwa ein halbes Jahr zuvor gefunden hatte, sie eben nur nicht vermitteln konnte.
Wie prägt das Schwulsein deinen Alltag?
Wenig, ich gehe wie zuvor gerne auf Schwulen-Partys und auf den CSD und treibe mich auf queeren Internetseiten herum.
Meine Freunde wissen zwar Bescheid, aber ich bin nicht sicher, ob sie es mit letzter Konsequenz begreifen oder nicht doch nur denken, ich sei Hetero mit einem Faible für Schwule. Aber ich muss sagen, dass ich damit im Großen und Ganzen leben kann. Ausführliche Gespräche darüber habe ich selten geführt und ich gestehe, dass ich ihnen oft auch aus dem Weg gehe, weil ich spätestens bei der Frage „Was bist Du dann eigentlich genau?“ oder „Was ist anders als bei hetero?“ an die Grenzen des Erklärbaren stoße.
Für mich hieß die Erkenntnis, eine GirlFag zu sein, in erster Linie große Erleichterung, endlich zu wissen, dass es mich so geben kann, wie ich mich fühle und dass es mehr „von meiner Sorte“ gibt. Womit allerdings nicht gesagt ist, dass sämtliche Identitätskrisen vorüber sind. Gerade wenn wieder Phasen aufkommen, in denen das Thema in meinem Leben weniger akut ist (wie es sie auch schon vorher manchmal der Fall war), denke ich oft: „Stimmt es eigentlich? KANN eine Frau schwul sein?? Ist das möglich? Oder habe ich es mir nur eingebildet?“ Aber dann kommen doch wieder Phasen, wo ich mich stockschwul fühle. Interessanterweise haben diese Krisen auch andere GirlFags nach der anfänglichen Euphorie. Ich glaube, sie werden nie wirklich aufhören. Aber damit muss man wohl leben.
Welche Klischees werden Girlfags zugeordnet – oder gibt es keine, weil sie gesellschaftlich nicht wahrgenommen werden?
Wirkliche Klischees gibt es nicht. Gesellschaftlich sind GirlFags nicht existent, also werden ihnen auch noch keine Klischees zugeordnet. Das einzige vielleicht: GirlFags werden gerne mit FagHags verwechselt. Wenn ich in einer Schwulendisco bin, werde ich dort automatisch als FagHag wahrgenommen. Und ich glaube, dass auch viele GirlFags sich für FagHags halten, weil sie von der Existenz von GirlFags noch nichts wissen. Oder anders gesagt: Viele FagHags sind wohl eher GirlFags.
Wie sieht es mit Community in Deutschland aus?! Oder ist deine Internetseite eins der ersten Lebenszeichen?
Soweit ich weiß, ist meine Seite überhaupt die erste deutsche Homepage, die sich mit dem Phänomen befasst. Auch auf Englisch gibt es nicht viel mehr als die Seite von Clare. Fast alle Treffer, die man in Suchmaschinen beim Stichwort „GirlFags“ findet stehen in Zusammenhang mit Clares Seite oder der meinen. Eine Community gibt’s es also (noch) nicht. Das Problem dabei ist vielleicht auch, dass viele GirlFags ja eigentlich nicht unter sich bleiben wollen, sondern Teil der queeren Community werden möchten, wo sie sich so wohl und gut aufgehoben und vor allem zugehörig fühlen.
Zum Abschluss: Kennst du einen passenden „Schwule Mädchen“-Song, der nicht von einer norddeutschen HipHopBand stammt?
Mein „GirlFag-Song“ ist „2 guys 4 every girl“ von Peaches

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