Vom Literaturkreis für Frauen zum Blog über die Buchbranche

von Helga

In jeder Folge der WWW Girls stellen wir euch eine Bloggerin und ihr Weblog vor. Heute:

cronenburg

Wie heißt du?
Petra van Cronenburg

Seit wann bloggst du?
Dieses Blog entstand 2006, davor gab es einige andere. Eigentlich nutzte ich schon Ende der 1990er die damals noch rudimentären kommunikativen Techniken der Plattform „geocities“. Ich erinnere mich an ein Webprojekt zum Thema „Schwarze Madonnen“, aus dem auch ein Buch wurde. Ich bat damals Frauen aus aller Welt, mir ihre Vorstellungen in Form von Bildern, Texten oder Gesprächsbeiträgen zu schicken und wir montierten das noch sehr mühsam wöchentlich in html in eine statische Website. Es gab ein Diskussionsforum und Live-Chat und die Websites waren wie Stadtviertel miteinander vernetzt. Heute nennt man das wohl Social Media…

Drei Bloggerinnen mit weißen Laptops auf denen der Venusspiegel prangt, darum der Slogan - Feminists of the WWW: unite

(c) Frl. Zucker, fraeuleinzucker.blogspot.com

Warum hast du damit angefangen?
Mitte der Achtziger gründete ich mit einer Gewerkschafterin einen Literaturkreis für Frauen auf dem Land, die es gewohnt waren, nur mit den Ehemännern auszugehen, und die oft ohne eigenes Auto völlig von allem abgeschnitten lebten. Wir lasen gemeinsam, diskutierten über unsere Lektüren und machten gemeinsame Exkursionen in Sachen Kunst und Kultur. Mit Ventura Publisher, Nadeldrucker und Handkopien fertigte ich für sie ein Buch-Fanzine und träumte von einer Technik, mit der sich noch mehr Frauen erreichen ließen. Ich war fasziniert von der Möglichkeit, Menschen vermitteln zu können, dass man Kunst und Kultur unabhängig von Bildung und Geldbeutel genießen kann und dass sie das Leben bereichern. Die Blogtechnik kam genau richtig – jetzt ließ sich das ohne geografische (und Geschlechter-)Grenzen ausweiten.

Mein jetziges Blog schätze ich aber auch als journalistische Ergänzung: Ich kann persönlicher werden, habe mehr Platz für Glossen und Kommentare, mehr Raum für Hintergründe und muss keine Rücksichten auf Anzeigenkunden nehmen. Ich fing mit diesem letzten Blog an, um besser mit LeserInnen kommunizieren zu können. Inzwischen gibt es auch ein eigenes Blog zu meinem neuen Buchprojekt über Vaslav Nijinsky, wo ich all die Informationen anbiete, die in ein Buch nicht passen.

Worüber schreibst du?
Mit dem Blog „cronenburg“ verfolge ich ein doppeltes Ziel: Auf der einen Seite bringt es mich als Buchautorin und Übersetzerin näher an meine LeserInnen. Ich erzähle also aus meinem Arbeitsleben, von dem, was das Schreiben mit mir anstellt, was professionelles Schreiben ausmacht. Auf der anderen Seite habe ich so viele Informationen aus der Buchbranche, dass ich sie gern mit Interessierten teilen möchte. Obwohl ich grundsätzlich für Menschen schreibe, interessiert mich als Frau natürlich der weibliche Blickwinkel.

Gerade unsere Branche wirft eine Menge unbequemer Fragen auf: Warum lesen angeblich fast nur noch Frauen Bücher? Warum werden im 21. Jahrhundert in der Unterhaltungsliteratur vorwiegend Manuskripte mit eher reaktionären Rollenbildern eingekauft (die „starke“ Frau sucht ja doch nur den Märchenprinz) – und zwar meist von Frauen für Frauen? Wohin und warum verschwinden die Frauen, die heute in Buchberufe strömen (80% der Auszubildenden sind weiblich), wenn es ums Karrieremachen geht? Wie kann es sein, dass in der frauenstarken Buchbranche der Gender Pay Gap bis zu 36% beträgt? Wie bekommen wir Jungen und Männer zum Lesen? Schreiben und lesen Frauen anders als Männer? Wie frei sind Schriftstellerinnen in ihren Frauenrollen im Leben wie im Beruf heute wirklich?
Mir hat vor allem die Studie „MehrWert“ von den BücherFrauen die Augen geöffnet – solche Themen möchte ich ebenfalls vertiefen.

Was dir ohne Internet nicht passiert wäre:
Es gab drei absolut prägende Erfahrungen mit dem frühen Internet: Der Mailkontakt mit einem Menschen in Papua Neuguinea – für mich vorher der Inbegriff unerreichbarer, ferner Welten. Das erste Stöbern in amerikanischen Bibliotheken mit Tonnen von Buchschätzen aus allen möglichen Jahrhunderten. Und die erste Mailinglist über prähistorische Steinsetzungen, in der ich auf Augenhöhe bekannte Historiker, Archäologen und Fachmenschen meine naiven Fragen stellen durfte. Da wurde mir klar, was „Informationszeitalter“ wirklich bedeutete.

Wovon braucht das Internet mehr:
Ich bedaure, dass es durch die an sich vorteilhafte Sprachvielfalt heute in vielen Bereichen weniger international zugeht als in den Anfangszeiten – da wünsche ich mir mehr Grenzüberschreitungen, vor allem in den Köpfen. Ich wünsche mir mehr Mut zu Qualität, Kritik, Hinterfragen, Mitmachen. Mehr Benehmen, Respekt und Achtung vor den Mitmenschen. Ich wünsche mir aber auch, dass das Internet wirklich global wird, nicht eine Angelegenheit Privilegierter und Gebildeter. Ich wünsche mir, dass alle Menschen dieser Erde eines Tages ein freies Internet ohne Zensur erleben dürfen. Das Internet ist immer nur so gut oder schlecht wie die Menschen, die es nutzen – wir haben also alles in der Hand!

Frauen im Web sind…
…genauso faszinierend und bunt wie im echten Leben. Im Web haben sie den Vorteil, dass auch die Leisen und Schüchternen eine hörbare Stimme haben, dass sie sich frei und vielfältig ausprobieren können. Frauen im Web haben die Möglichkeit, noch gezielter Gleichgesinnte zu finden und sich zu vernetzen. Frauen im Web haben – wie Männer auch – noch viel zu viele Schubladen im Kopf. Wenn ich in einem freien Medium, in dem ich sogar mein Geschlecht per Klick wechseln kann, lese, wie sich Feministinnen um die Schreibung des Binnen-I streiten und Lesben sich gegenseitig als „Schranklesben“ oder „Pseudolesben“ beschimpfen, befremdet mich das.

Deine tägliche Web-Lektüre:
Ich ziehe aus Twitter einen Querschnitt internationaler Presse und Branchennachrichten, dazu kommen ein paar Blogs in den Kaffeepausen. Ansonsten gezielt Gesuchtes, vor allem zu Recherchezwecken im Beruf. Plus Tage ohne Web – das ist mir wichtig.

Tipps und Bewerbungen für die WWW Girls an post(at)maedchenmannschaft.net.




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Eintrag geschrieben: Montag, 14. Februar 2011 um 9:59 Uhr unter Kultur, Ökonomie. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. YeRainbow sagt:

    Sehr interessant. Schätze, ich komme wieder vorbei.

    (auf meinem Blog findet sich kein Märchen, da SIE einen starken Mann, Märchenprinzen oder Bestimmer sucht… falls doch, gehts ganz realistisch schief.)

  2. das hast Du sehr treffend gesagt „mehr Mut zu Qualität, Kritik, Hinterfragen, Mitmachen. Mehr Benehmen, Respekt und Achtung vor den Mitmenschen“. Hier können wir kommunizieren und unsere Meinung kund tun, die auf ewig online bleibt. viele Menschen trauen sich aber immer noch nicht, oft auch irgendwie aus Angst, es könnte die Nachbarin, die Freundin oder gar der Arbeitgeber lesen…