[Inhaltshinweis: Beschreibungen von Gewalt]
Auch wenn in den letzten Jahrzehnten von vielen Seiten am Literaturkanon gerüttelt wurde, im Mainstream kommen kleine Errungenschaften nur langsam an. Dieselben Autoren (männlich, weiß) wie eh und je werden gefeiert und deren Lebensgeschichten zu Mythen verwoben, in denen Frauen häufig auf den Platz der liebenden Ehefrau, Muse oder Zerstörerin verwiesen werden (alles fein säuberlich in heteronormativen Vorstellungen verankert). Der Sexismus und die Misogynie in den Texten der Autoren wird im besten Fall „auf die damalige Zeit“ geschoben oder als „satirische Verarbeitung“ verstanden; die gelebte Gewalt gegen Frauen in ihren Umfeldern wird schnell zu kleinen Anekdoten. Anekdoten, die dazu beitragen, den Mythos um die jeweiligen Autoren aufrecht zuerhalten. Das Vokabular, welches dazu entwickelt wurde: Kompromisslos. Berüchtigt. Genial. Kontrovers.
Nehmen wir T.S. Eliot. Einer der bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts, wie uns die Mainstream-Literaturgeschichte erzählt, und der Aussprüche wie den folgenden traf: „There are only a half dozen men of letters (and no women) worth printing.“ („Es gibt nur ein halbes Dutzend Schrifststeller (und keine Frauen), die es wert sind, gedruckt zu werden.“) Im Jahr 1915 heiratete er Vivienne. Ihre Geschichte zu rekonstruieren ist schwierig, denn nicht nur zeitgenössische Berichte, sondern auch Rückblicke neigen zu krassesten Pathologisierungen, die die Story darunter vollkommen übermanteln. Ihre eigenen Tagebücher sind ebenfalls nicht mehr zugänglich, da die zweite Frau Eliots diese an sich nahm. Fest steht aber, dass T.S. Eliot sich 1933 von ihr trennte und von da an alles daran setzte, kein Wort mehr mit ihr zu wechseln (geschieden aber wurden sie nie). Fünf Jahr später wurde sie durch ihren Bruder in eine psychatrische Anstalt eingeliefert. Dieser gab später selbst zu Protokoll: „She was as sane as I was. What Tom [Eliot] and I did was wrong. I did everything Tom told me to.“ („Sie war genauso bei Verstand wie ich. Was Tom (Eliot) und ich gemacht haben, war falsch. Ich habe alles gemacht, was Tom mir gesagt hat.“) Sie starb 1947 unter nicht ganz klaren Umständen in der Anstalt. Ein Jahr später erhielt Eliot den Literaturnobelpreis.
Die Geschichte der Fitzgeralds ähnelt der der Eliots. F. Scott Fitzgerald wurde berühmt für seine Werke wie The Side of Paradise und The Great Gatsby. Zelda Fitzgerald wurde wieder und wieder pathologisiert. Im Gegensatz zu Vivienne Haigh-Wood Eliot aber konnte Zelda mit Save Me the Waltz einen autobiographisch gefärbten Roman im Jahr 1932 veröffentlichen. F. Scott Fitzgerald war rasend wütend darüber, dass sie aus dem gemeinsam Erlebten für ihr Buch geschöpft hatte – veröffentlichte dann aber nur zwei Jahre später seinen Roman Tender is the Night zum gleichen Stoff. Sein Werk gilt natürlich heute als ein Klassiker der englischsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Zelda Fitzgerald starb mit 48 Jahren bei einem Brand der psychatrischen Einrichtung, in die sie eingewiesen war.
Und was hatte Ernest Hemingway zu Zelda und Scott beizutragen? Im Jahr 1943 schrieb er in einem Brief:
A woman ruined Scott. It wasn’t just Scott ruining himself. But why couldn’t he have told her to go to hell? Because she was sick. It’s being sick makes them act so bloody awful usually and it’s because they’re sick you can’t treat them as you should. […] If you leave a woman, though, you probably ought to shoot her. It would save enough trouble in the end even if they hanged you.
Eine Frau hat Scott ruiniert. Es war nicht einfach Scott, der sich selbst ruiniert hat. Aber warum konnte er ihr nicht sagen, dass sie zur Hölle fahren soll? Weil sie krank war. Weil sie krank sind benehmen sie sich verdammt furchtbar und weil sie krank sind, kannst du sie nicht behandeln, wie du solltest. […] Wenn du eine Frau verlässt, aber, solltest du sie wahrscheinlich erschießen. Das würde dir einiges an Ärger ersparen, selbst wenn sie dich erhängen.
Frauen, vor allem jene, die als nicht ableisiert gelten, eingelesen werden oder zu diesen pathologisiert werden, als Untergang des Mannes. Des schrifstellenden Subjekts. Gewalt gegen Frauen als Problemlösung. Auf jeden Fall ein legitimes Mittel. Und genau in diesem Sinne wurden Autoren immer wieder bewertet. Das schreibende Genie, das unberechenbare, wo eben auch mal Gewaltausbrüche „passieren“. Norman Mailer gewann zwei Mal den Pulitzer Preis. Den ersten gerade einmal neun Jahre, nachdem er fast seine damalige Frau getötet hatte. Auf einer Party hatte Mailer Adele Morales, über die es im englischsprachigen Wikipedia heißt, sie sei am besten dafür bekannt, dass sie die zweite Frau Mailers gewesen sei, mit einem Messer erst in die Brust, knapp am Herzen vorbei, und dann in den Rücken gestochen. Eine Person, die der blutenden Morales zur Hilfe eilte, fuhr er an, dass er sie sterben lassen soll. Mailer kam ums Gefängnis drum herum, Morales zeigte ihn nicht an und er bekannte sich der Körperverletzung für schuldig. Die Kulturgeschichte ™ kann darüber hinweggehen. Norman Mailer kann viele Jahre später popkulturell als wichtige Figur inszeniert werden. So sitzt er bei den Gilmore Girls als exzentrischer älterer Herr rum, der ausschließlich Eistee bestellt. Die Folge heißt „Norman Mailer, I’m Pregnant!“ und der Titel wirkt noch gewaltverharmlosender; ruft eine_r sich ins Gedächnis, wie Adele Morales in ihrer Autobiographie, welche sie 1997 veröffentlichte, auch beschrieb, wie er sie, als sie sechs Monate schwanger war, schlug. Morales schreibt in dem Buch auch über andere, teilweise sexualisierte Gewalterfahrungen. Mailer hatte bei einem öffentlichen Vortrag übrigens mal gesagt: „A little bit of rape is good for a man’s soul.“
Adele Morales überlebte die Gewalt. Und Jahrzehnte später konnte sie zumindest ihre Geschichte selbst noch erzählen. Anders erging es der Dichterin Joan Vollmer. Sie wurde von ihrem Mann, William S. Burroughs, erschossen. Zu diesem Fall und seiner Einordnung erschien in der letzten Woche ein ausführlicher Artikel beim Bitch Magazine, dort schrieb Leela Ginelle:
This year is the hundredth anniversary of the birth of celebrated novelist William S. Burroughs. The date, as centenaries do, occasioned new biographies and appreciations.Scholars commented on Burroughs‘ paranoid, futuristic voice, his connection with Beat generation writers Jack Kerouac and Allen Ginsberg, and his noted drug habits, all of which, along with his privileged background, make up his public face. They also spoke matter-of-factly about his shooting and killing his wife Joan Vollmer, as though it was just one more eccentric, quirky footnote in the life of a „great writer.“
Dieses Jahr ist der hunderste Jahrestag der Geburt des gefeierten Schrifstellers William S. Burroughs. Das Datum, wie es Hundertjahrfeiern mit sich bringen, veranlasste neue Biographien und Einschätzungen. Wissenschaftler_innen äußerten sich zu Burroughs paranoider, futuristschen Stimme, seiner Verbindung mit den Beat-Generation-Autoren Jack Kerouac und Allen Ginsberg, und sein berühmte Drogensucht. All diese Punkte, gemeinsam mit seinem priviligierten Hintergrund, machen seine öffentliches Gesicht aus. Sie sprachen auch nüchtern über das Erschießen seiner Frau Joan Vollmer, so als wäre das nur eine weitere exzentrische, schrullige Fußnote im Leben eines „großen Autors“.
Vivienne Haigh-Wood Eliot schrieb. Zelda Fitzgerald schrieb. Adele Morales ist Malerin. Joan Vollmer war Dichterin. In der Literaturgeschichte sind sie, wenn überhaupt die „Frauen von“, diejenigen, die die wahren Kunstschaffenden abgehalten haben von der Arbeit, oder an denen die Autoren gewachsen sind. Objekte_Figuren in deren Werken. Autoren, die weiter gefeiert werden durch ein Verständnis von Literatur, welches sich um ein männliches Genie dreht.

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