Verlangt der Feminismus absolute Konsequenz?

von Susanne

Es ist doch so: Wer Ideale hat, dessen Leben ist nicht immer einfacher – weil so ein Ideal auch immer Konsequenz verlangt. Soll heißen: Wenn ich Feministin bin und gleichzeitig sehr gern „Germany’s Next Topmodel“ schaue, dann habe ich ein sogenanntes Konsistenzproblem, meine eine Handlung widerspricht also irgendwie meiner anderen Handlung.

Oder: Eine Bekannte von mir kämpft wo sie nur kann gegen Sexismus und stupide Rollenbilder, auch in ihrem Beruf als Journalistin. Jetzt kam aber ein gscheites Wurschtblättle für Frauen daher und will einen ihrer Texte nachdrucken. Für viel Geld. Das sie gut gebrauchen könnte. Hm, soll sie also – wegen der Notwendigkeit, ihr Leben bezahlen zu müssen – oder soll sie lieber nicht – weil das ja entgegen all dem wäre, wofür sie ansonsten so steht?

Und die grundsätzliche Frage neben diesem konkreten Dilemma ist ja dann immer noch: Kann und muss man als Feministin oder Feminist immer immer immer „richtig“, also feministisch handeln?

Klappt das bei euch? Oder habt ihr kleine dunkle Ecken, die für „kopflose“ Entscheidungen reserviert sind? Und wie rechtfertigt ihr das dann? Muss man das überhaupt rechtfertigen?

Wenn ihr Vorschläge für Grundsatzfragen habt, dann mailt sie an mannschaftspost(at)web.de.






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13 Kommentare

  1. A.M. sagt:

    Liebe Susanne,

    Du zäumst das Pferd vom Schwanz her auf. Die Frage ist nicht:“Wenn ich Feminist bin, darf ich mich dann diametral entgegengesetzt verhalten?“ Sondern:“Wenn ich mich nicht wie ein Feminist verhalte – Bin ich dann überhaupt einer?“

    Damit meine ich Folgendes: Man ist nicht Feminist, weil man sagt, man sei es, egal wie man sich verhält. Man verhält sich auf eine bestimmte Art und Weise, die dem Feminismus entspricht.

    Daher folgende Antwort auf Deine Frage: Wenn Du nicht feministisch handelst, kannst Du Dich so lange als feministisch bezeichnen, wie Du willst – Du bist es aber nicht.

  2. A.M. sagt:

    Und um auf die Grundsatzfrage der Grundsatzfrage zu antworten: Alles verlangt absolute Konsequenz. Die Frage ist immer, welches Ziel ich mir stecke. Wenn ich es aber gesteckt habe, ist die Verfolgung des Ziels mit absoluter Konsequenz geboten, sonst werde ich es nicht erreichen. Und bevor jetzt jemand mit der Aussage kommt, das würde Gewalt etc. bedeuten: Ich kann mir auch als Ziel setzen, WIE ich etwas erreichen will. Ein gutes Beispiel für absolute Konsequenz ist natürlich Gandhi.

  3. Viktoria sagt:

    Es gibt Fragen, die sich nicht in absoluter Form beantworten lassen. Vieles ist situationsabhängig. Nein, eigentlich ist alles situationsabhängig. Somit denke ich, dass es Dinge gibt, die sich nicht kategorisch verneinen oder bejahen lassen.

    Was ich mich allerdings oft, in Bezug auf mich selbst frage, eine Sache, die mir etwas im Magen liegt ist, wie es ist, wenn man Lust dabei empfindet, sich auf einer sexuellen Ebene erniedrigen zu lassen, sexuell gesehen submissiv ist. Und dennoch Feministin. Eine komplizierte Sache, wenn ihr mich fragt, mit der ich noch nicht 100%ig im Reinen bin, weil es mich etwas belastet, dass ich Dinge in sexueller Hinsicht „geil“ finde, die ich auf menschlicher und sozialer Ebene absolut verachtenswert finde.

    Ist das auch inkonsequent?

    Im Großen und Ganzen denke ich, dass man nicht immer zu allem was sagen muss, wenn es einem hinterher das Genick brechen könnte. Vielleicht bin ich etwas resigniert, aber wirklich gewinnen tut man nicht, wenn man sich ins Kreuzfeuer schmeißt. Es sollte schon verhältnismäßig sein.

    Und GNTM kann man sich aus verschiedenen Gründen anschauen. :-) Nicht weil das ja alles so schöne Mädchen mit so tollen Perspektiven sind, sondern einfach auch, weil sich gerade in diesen Sendungen so viele Abgründe auftun. Aus einem soziologischen Blickwinkel finde ich all diese Sendungen sehr interessant.

  4. Katrin sagt:

    zur konkreten Frage: Ist der Text deiner Freundin denn auch feministisch? Denn wenn ja: Umso besser, dass das blöde Blatt sie haben will, dann sehen auch die ganzen Leserinnen desselben mal, was es sonst noch so alles gibt. Das wäre ein klarer Bildungsauftrag!! Und hey: von den Bösen nehmen und Gutes tun, sag ich ja immer ;)
    Wenn sich eine Feministin aus idealistischen Gründen selbst zugrunde richtet, dann ist das dämlich, weil sie sich schwächt und damit die Sache, für die sie kämpft.
    Von den Bösen nehmen und Gutes tun! Jawoll!

  5. A.M. sagt:

    Ich verstehe gar nicht, dass Sie nicht mit sich selbst im Reinen sind. Immerhin haben Sie Ihre eigene Frage doch schon beantwortet:

    „Vieles ist situationsabhängig“. – Stimmt.

    „[…] sexuell gesehen submissiv ist.“ –> Situation: sexuell, selbst gewollt und selbst bestimmt.

    „[…] menschlicher und sozialer Ebene absolut verachtenswert […].“ –> Situation: fremd bestimmt.

    Ist es inkonsequent, als Feministin die Entscheidung zu treffen, in einzelnen Situationen submissiv zu sein, aber andererseits strikt dagegen zu sein, wenn andere Menschen meinen, entscheiden zu können, wann man submissiv zu sein hat? Ich denke nicht, wenn man Feminismus dahingehend definiert, dass der Mensch selbst entscheiden soll, was er tut. So lange es auf seiner Entscheidung beruht, kann es gar nicht gegen den Feminismus gehen.

    Daher bleibe ich dabei: Wenn man zum Ziel kommen will, muss man seinen Weg absolut konsequent gehen.

  6. christina sagt:

    Alles richtig machen geht nicht – inkonsequent zu handeln ist das Schicksal des modernen Menschen. Viele Leute bezeichnen sich als umweltbewußt und fliegen trotzdem munter in der Weltgeschichte herum oder fahren ein fettes Auto. Andere verteufeln Kinderarbeit und Sweatshops und kaufen trotzdem nur bei H&M, weil es dort so billig ist (warum wohl). Und auch beinharte Feministinnen sind vor Fehlern nicht gefeit: Alice Schwarzers BILD-Aktion ging reputationsmäßig eher nach hinten los.
    Ich glaube nicht, dass man rechtfertigen muß, warum man gerne GNTM guckt (höchstens vor sich selbst), von einer TV-Show geht die feministische Welt noch nicht unter. Letztens habe ich ein Buch über Groupies gelesen, die sich völlig selbstverständlich als Feministinnen bezeichnen, weil sie machen, was sie wollen – egal zu welchem Preis. Da muß man erstmal schlucken, aber schließlich bedeutet Feminismus Emanzipation, auch von althergebrachten Traditionen. Man sollte sich bei allem, was man tut oder nicht tut, selbst die Frage stellen: schade ich mir oder anderen Frauen? Lautet die Antwort „nein“, kann´s losgehen…

  7. Sven sagt:

    Ich denke, dass Konsequenz und Pragmatismus Hand in hand gehen können. Der Feminismus bildet eine Leitlinie, ein theoretisches Fundament, das mir die Möglichkeit verschafft, mein eignenes Handeln zu refelktieren. Wenn man für sich ausgemacht hat, was Feminismus für einen bedeutet, dann sollte man auch danach handeln – wenn das nicht möglich ist, muss man sein theoretisches Fundament überdenken.

    Um es auf das Beispiel zu münzen: Wenn der Text unverändetr rollenkritisch bleibt, spricht nichts dagegen, ihn gegen Geld zu verkaufen, außer man kann nicht damit leben oder hat irgendeine Vorstellung von Feminismus, welche nicht mit dem Handeln kompatibel wäre. Wenn der Text verändert werden würde (um ihn angeblich dem Publikum anzupassen), dann sollte man genügend Stolz aufbringen, auf das Geld zu verzichten… hungern muss man deswegen ja aller Wahrscheinlichkeit nicht…

  8. Sven sagt:

    P.S.: Ich denke übrigens, dass man Sendungen wie GNTM nicht unreflektiert gucken darf, aber das sollte man ohnehin mit keiner Fernsehsendung tun, egal ob man sich als FeministIn versteht oder nicht.

  9. access denied sagt:

    Next Topmodell ist eine reine Versklavung der Protagonistinnen. Die kriegen unterunterdurchschnittlich einen Anteil an dem, was sie an Geld reinbringen, sind gleichzeitig auf Jahre an die Verträge gebunden und die andere Partei kann diese noch verlängern ohne die Einverständniserklärung der Modells. Wer das schaut, kann sich nicht FeministIn nennen, weil das reine Ausbeutung ist.

  10. Judith sagt:

    erstmal finde ich es ja eh schon seltsam was so alles überhaupt als widerspruch zum feminismus gesehen wird. lippenstift, absätze, ausschnitte, pille benutzen, tanzen, männerlieben, rasieren, wilden sex, röcke tragen, kinder kriegen, humor, was nicht alles.

    aber was jetzt echte, richtige widersprüche angeht, so wie die beispiele von susanne – puh, schwierig.
    einzelfallabwägungen, oder?
    ich hatte letztens ein verdammt schlechtes gewissen, als ich gegenüber einem polizisten, der mich mit meinem rad beim rot über eine ampel fahren erwischt hat, die „weibchen-karte“ gezogen habe. die strategie ist aufgegangen, aber – oh gott – hab ich mich schlecht gefühlt dannach…

  11. libelle sagt:

    Just cause my world sweet sister
    Is so fucking goddamn full of rape
    Does that mean my body must always be a source of pain?
    No. No. No.

    (bikini kill – i like fucking)

  12. Matze sagt:

    @ Judith: Hmm, erstes wirklich starkes Beispiel für Widerspruch zum „Feministin sein“.
    Frage: Würdest du das in so einer Situation wieder machen? Ist das Patriarchat schuld daran?
    PS: Ich finde deine Offenheit sehr mutig.

  13. dorothée sagt:

    Wie so oft im Leben ist das von dir angeschnitte Thema ambivalent…
    Auch ich bin oft genug inkonsequent: So macht mich der Rasierterror wütend, aber ich selbst schaffe es nicht, mir die Beine nicht zu rasieren, weil ich es selbst sehr unschön finde. Gleichzeitig weiß ich, dass das nur so ist, weil ich so sozialisiert wurde. Wenigstens habe ich aufgehört, mir die Achselhaare zu rasieren, obwohl mir meine Achseln rasiert besser gefallen. Ich hoffe einfach, dass sich die Sozialisation durch Gegengewöhnung auflösen lässt, d.h. dass mir irgendwann auch die unrasierten Achseln gefallen.
    Zwei Punkte, die meiner Meinung nach dazu führen, dass wir alle oft inkonsequent handeln, sind: Bequemlichkeit und Unsicherheit. Im Falle von meinem Rasierbeispiel ist es die Unsicherheit: Ich mache mich damit angreifbar; setzte mich dem „ihh wie ecklig“ der anderen aus.
    Auch wenn man es nicht immer schafft, konsequent zu handeln, finde ich es wichtig, dass man es reflektiert und versucht, es besser zu machen.