Verfehlt: die jahrelange Panik um Gebärstreiks

„Die deutschen Akademikerinnen im Gebärstreik“ oder „Die Deutschen sterben aus“ – an reißerischen Schlagzeilen hat es in den letzten Jahren kaum gemangelt, wenn es um die „deutsche Gebärfreudigkeit“ ging. Die Frauen bekämen zuwenig Kinder so der Tenor (von den sich verweigernden potentiellen Vätern war weitaus seltener die Rede). Der Erfolg des Elterngelds wurde quasi minütlich überprüft.

Bereits 2009 wies die ZEIT auf die Unberechenbarkeit der tatsächlichen Kinderzahl im Mikrozensus hin: Mütter ohne Kinder im Haus zählten wieder als kinderlos, besonders betroffen von dieser Nichtbeachtung waren dabei studierte Mütter. Für Aussagen über (vermeintliche) Gebärstreiks seien die jahrelang verwendeten Zahlen des Mikrozensus schlicht nicht zu verwenden. Dahinter vermuteten Forscher_innen gar politische Absicht:

Es sei absichtlich verhindert worden, dass die Daten ein realistisches Bild der Kinderlosigkeit zeichnen könnten. Das konservative Familienbild mit der Mutter am Herd lasse sich eben besser aufrecht erhalten, wenn es so aussehe, dass die Familienplanung emanzipierter junger Akademikerinnen grandios scheitere.

Nach neuen Berechnungen, die sich auf Krankenhausdaten stützen, so eine AFP-Meldung gestern, stiege die Geburtenrate nun aber wieder an. Dabei stellten sie einen weiteren Faktor fest, der schon seit Jahren in der Diskussion war: Frauen werde immer später Mütter, besonders jüngere. Berücksichtigt man dies in Untersuchungen, stiege die Kinderzahl sogar auf 1,6 Kinder pro Frau.

Ob die Debatte um unsere Gebärmütter und unsere Entscheidungen darüber nun beendet ist, bleibt allerdings fraglich.

10 Kommentare zu „Verfehlt: die jahrelange Panik um Gebärstreiks

  1. @Melanie
    Frauen die jetzt jung sind werden später Mütter (glaub der schnitt is über 25) als Frauen die in den 50gern jung waren (da war der schnitt unter 25).
    Ob meine Zahlen jetzt genau stimmen weis ich nicht mehr aber ich hoff du verstehst was ich mein.

  2. Genau genommen sind diese 1,6 Kinder einfach die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau (das statistische Bundesamt nennt sie „zusammengefasste Geburtenziffer“).

    Unter Geburtenrate oder Geburtenziffer versteht man in der Demografie die Anzahl der Lebendgeborenen pro Jahr und 1000 Einwohner. Und dabei spielt es auch eine Rolle, in welchem Alter die Frauen ihre Kinder bekommen.

    Siehe auch
    http://de.wikipedia.org/wiki/Geburtenziffer
    http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Bevoelkerung/VorausberechnungBevoelkerung/Content75/Geburtenannahmen,templateId=renderPrint.psml

  3. Meine Statistik-Professorin hat uns das alles auch mal genau erläutert, mit dem Ergebnis das es keine sicheren Zahlen und keine guten Prognosen geben kann, die über die nächsten 10 Jahre hinausreichen. Woher sie das wusste? Aus der weltweiten Erfolgsquote der StatistikerInnen der letzten hundert Jahre. Fast schon ironisch^^

  4. @Nandoo – dito
    erinnert mich /ebenfalls an 1. vorlesung statistik
    //traue keiner (statistik), die du nicht selbst erstellt/verfasst hast//

    diese sog. demografischen zahlen sehe ich auch/generell mit meiner skpetischen denke.
    (//disclaimer : ich bin akademikerin und habe mich bewusst nicht fortgepflanzt. das beschloss ich, als ich ca. 17 war und habe es konsequent durchgezogen//)

    ausserdem : relevant wäre wenn dann für mich/mE die sog. Nettoreproduktionsrate, also weibliche geburten – weil wg. etc. pp.
    (alles andere ist für mich „medien-/propaganda“.
    sic @Helga)

    vgl. netzfund hierzu „was wäre wenn“ – (basierend auf den UN daten von 2010) – „the end of history and the last woman“ – englisch :
    http://theeconomist.tumblr.com/post/9296247859/daily-chart-how-long-do-countries-have-until

  5. @Angelika:

    Netter Fund! Ich muss gestehen, ich kann dieser Panikmache nicht viel abgewinnen, wenn auf der anderen Seite dieses Jahr die Weltbevölkerung 7 Milliarden erreicht hat. Wenn sich die Bevölkerung also „gesundschrumpft“ hätte ich nichts dagegen. ;)

  6. @Sabrina

    Dann sollte aber zuerst mal China und Indien schrumpfen…

    Was sind 80 Millionen gegen 2, 5 Milliarden Menschen.

  7. @ Sebastian: Diese 80 Millionen betreiben allerdings einen vielfach höheren Ressourcenverbrauch als die von dir genannten Länder, abgesehen davon, dass „wir“ seit jeher fröhlich von ihrer Ausbeutung profitieren – so gesehen würde geopolitisch betrachtet „unser“ Verschwinden eigentlich allen nur nützen.

    Ok, Klartext statt Polemik: Xenophobe Ansichten sind hier nicht wirklich erwünscht.

Kommentare sind geschlossen.

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