Lisa, 1987 in Mainz geboren und in einem kleinen Ort in der Nähe aufgewachsen. Wurde streng konservativ erzogen, was mich kritisch gemacht und enorm geprägt hat. Nun sitze ich in Berlin an meiner Masterarbeit zum Thema Veganismus und Geschlecht, weshalb ich mich sehr intensiv mit Geschlechterverhältnissen, Körper und Ernährung befasse und mir die hegemoniale Stellung der Uni dabei umso bewusster wird.
„Ich probiere jetzt mal vegan!“, verkündet mir kürzlich eine Freundin. Ich bin verwirrt. Seit zwei Jahren lebe ich vegan und habe bislang zwar Anerkennung für meine ‚Disziplin‘ erhalten, dennoch wurden meine Tierrechtsbegründungen stets von ihr belächelt und mit lapidarem „Ja… du hast ja Recht, aber…“ oder „man kann’s auch übertreiben“ abgetan. Und jetzt, von 0 auf 100? Woher kommt der plötzliche Sinneswandel? Die prompte Erklärung folgt zugleich: „Damit kann man gut abnehmen“. Ich schlucke,…ach…, so ist das jetzt also.
Vom Antispeziezismus zur Diätformel?
Vegan sein wird gesellschaftsfähig. Überall wird darüber berichtet, geschrieben und kommentiert. Der Blick in die Auslage vieler Buchläden zeigt die explosionsartige Vermehrung von Literatur, Kochbüchern und Diätbibeln, auf denen in großen Lettern „VEGAN“ stehen. Bei Titeln wie „Vegan,Schlank&Fit“ oder „Vegan for fit“ wird schnell deutlich, es geht nicht mehr um den ursprünglichen Veganismus. Nicht um eine, aus Antispeziesismus entstandene und zur Auflehnung gegen herrschende (sexistische) Gewalt- und Machtstrukturen ausgelebte Protestform. Nein, nicht dieser Veganismus. Der neue Veganismus bekommt ein maßgeschneidertes Kleid, ein Korsett, welches durch aktuelle Gesundheits- und Schönheitsvorstellungen gerechtfertigt und durch marktwirtschaftlich geleitete Interessen schön eng geschnürt und angefeuert werden kann. Konzerne wittern ein Millionengeschäft im veganen Lebenswandel, der so schön praktisch alle aktuellen Werte in Bezug auf Körper und Gesundheit in sich zu vereinen scheint. Allein 2014 stiegen die Umsätze bei Sojaprodukten und weiteren veganen Lebensmittel um durchschnittlich 25% im Vergleich zum Vorjahr.
Lebt alle vegan?
Bis vor kurzem war ich noch der Meinung, scheißegal aus welchem Grund. Lebt alle vegan! Denn dem geretteten Tier oder der Umwelt ist es egal aus welchem Grund es passiert. Mittlerweile bin ich genervt, höllisch genervt!: Die Tatsache, dass vegan sein – zumindest wenn man die Auslagen in jeder zweiten Buchhandlung glaubt – eine Figur-Wunderformel zu sein scheint. Das Ganze „Ach ist ja voll gesund! Da wird man schlank!“ stinkt zum Himmel. So erkennt mensch auch beim näheren Hinschauen, dass es bei den zig neuen Büchern, die sich um die ‚ach so gesunde‘ vegane Ernährung drehen gar nicht um Tierschutz oder einen emanzipatorischen Akt geht. Wenn es gut läuft, befindet sich vielleicht ein kleiner Satz à la „Nebenbei die Tierwelt retten“ irgendwo am hintersten Zipfel des Gesamtwerkes, den sowieso kein Mensch mehr lesen wird. Das ursprüngliche Ziel einer veganen Lebensweise, nämlich der Achtsamkeit vor jeglichen Lebewesen, ohne Unterdrückung und Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Spezies sowie durch sie einen Gegenpol zur konventionellen marktwirtschaftlichen Lebensmittelindustrie zu schaffen, gehen in dieser Illusion von der veganen Superkraft völlig verloren. Den Tieren hilft das zwar immer noch, aber die weiteren Konsequenzen sind ziemlich beschissen.
Schön und Gesund
Einziges Ziel vieler scheint es, ‚Schlank und Fit‘ zu werden, ‚vegan for fit‘ zu sein und sich dabei selbst so zu optimieren, dass mensch möglichst leistungsfähig und verwertbar wird. (Ein Dank an die neue Vegan-Literatur!) Schließlich sind wir mittlerweile vollkommen allein für unsere Gesundheit und unseren Köper verantwortlich. „Darmkrebs? Hach, selber schuld! Du bist was du isst!“. Gesundheit und Schönheit scheinen untrennbar ineinander verwoben zu sein, denn wer sportlich und schlank ist, der kann doch gar nicht krank werden, oder? Umgekehrt folgt bei Menschen die nicht diese Norm erfüllen der Schluss, die Person habe sich nicht unter Kontrolle, sei stark gesundheitsgefährdet. Die gesellschaftlichen Ideale eines konstruierten normschönen Körpers (weiß, schlank, gesund und fit) stellen stetig wachsende Anforderungen an uns sowie unseren Körper, die zugleich diskriminierend und sich stetig selbst reproduzierend wirken. Ein Weg mit solchen Kontrollverlusterfahrungen umzugehen, kann (unbewusst) über Ernährung und Körpernormierung erfolgen. Auch wenn das Ziel nicht immer ist, schlank und fit zu werden, so ist es doch interessant, dass alleine in Deutschland ein Fünftel aller Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren sich mittlerweile über das eigene Essverhalten zu normieren versucht, wie der aktuelle Pinkstinks-Protest im Zuge von Germany’s Next Topmodel #keinbildfuerheidi zeigt.
Weiblicher Veganismus?
Glaubt mensch den wenigen offiziellen Zahlen „Nationale Verzehrstudie“ oder dem Vegetarierbund, so lässt sich vegane Ernährung als eine hauptsächlich von jungen Frauen eingeschlagene Lebensweise bestimmen. Aus den Studien geht hervor, dass Frauen wesentlich häufiger auf Fleisch verzichten als Männer. Aber wieso sind so viel mehr Frauen Vegetarierinnen oder Veganerinnen? Ist es Zufall? Oder ist es vielleicht für viele eine Möglichkeit mit gutem Gewissen unter dem Deckmantel des Fleischverzichts, den aktuellen Gesundheits-und Schönheitsidealen zu frönen? Kann es sein, dass das neue Kleid des Veganismus eine kollektive, gesellschaftsfähige Diät legitimiert? Selbst in den feministischen, linken und queeren Kreisen, den sich selbst als systemkritisch und als emanzipiert verstehenden?
Körper = Tabuthema!?
Wir alle sind in diese Schönheitsideale und Normen unserer Kultur eingeboren, sie wurden uns eingetrichtert und in uns hineinsozialisiert, von klein auf. Alleine durch Bewusstwerden und Ablehnen dieser Ideale, die aus (weißer) männlicher Dominanz entstanden sind, die wir aber auch stetig weiter reproduzieren, können wir nicht viel ändern. Denn, wie auch Bourdieu mit seinen Überlegungen in „Die Männliche Herrschaft“ (2005) feststellt: Wir kommen nicht raus aus diesem Herrschaftssystem! Wir selbst sind Produkt und Teil des Ganzen. Aber dennoch müssen wir immer wieder darüber reden, aufschreien und letztendlich auch tätig werden. Uns stinken diese beschissenen Ideale? Warum spiegelt sich das nicht im Verhältnis zu unserem Körper wieder? Weil wir selbst reflektiert und angeekelt von Schönheitsidealen und Gesundheitsnormen mitmachen. Weil wir Shows wie Germany’s Next Topmodel verachten und über die steigenden Zahlen junger Frauen schockiert sind, die mit einer „Essstörung“ diagnostiziert und pathologisiert werden. Weil wir wissen, dass gesellschaftliche Verhältnisse mit verantwortlich sind, wir aber trotzdem Teil davon sind. Es schwer fällt sich von diesen Werten und Idealen frei zu machen, da wir ja selbst irgendwie auch in diesem System funktionieren wollen. Die Tatsache, dass die vegane Lebensform den Ruf hat, die schlanke Linie zu fördern und zunehmend in jeglichen Kreisen vor allem an Anhängerinnen dazu gewinnt, betrachte ich genau deshalb mit gemischten Gefühlen. Dabei frage ich mich als langjährige Veganerin selbst, welche Rolle dieser Punkt bei meiner Entscheidung gespielt hat. Keiner Person ist zu verübeln, wenn sie sich bewusst und vermeintlich gesund ernähren möchte, aber hinterfragen, was hinter diesem Wunsch steckt, darf dabei einfach nicht fehlen.
Warum so schweigsam?
Versteht mich nicht falsch, ich sage nicht, dass vegan Leben immer gleichzeitig bedeutet, dass mensch unkritisch den geltenden Schönheits- und Gesundheitsidealen folgt ohne diese zu hinterfragen. Es gibt zahlreiche Gründe, die vom Versuch Kontrolle über den eigenen Körper (zurück) zu gewinnen bis hin zum Antispeziezismus-Gedanken reichen. Im Anbetracht des öffentlich entstandenen Bildes über vegane Lebensweisen würde ich mir aber wünschen, dass zumindest darüber diskutiert wird. Denn wie auch Magda in ihrem Artikel „Die politische Dimension von fett“ schon festgestellt hat: Wir alle sind gegen fatshaming usw. aber geredet wird über das Verhältnis zum eigenen Köper kaum bis gar nicht, auch nicht in linken, queer-feministischen Kontexten. Gerade hier ist aber die Zahl an vegan lebenden Menschen besonders hoch. Kritischer und reflektierterer Kreis? Und wenn schon, es ist ein Tabuthema. Besonders die große Verschwiegenheit darüber, wie Veganismus für die Massenverträglichkeit zu einem Diät- und Gesundheits-Allheilmittel deklariert wird, ist gefährlich. Denn dieses Schweigen verläuft zu Gunsten von marktwirtschaftlichen Interessen und den damit verbundenen Schönheitsidealen, was nicht zuletzt dazu führt, dass Frauen im öffentlichen Raum so wenig Platz wie nötig einnehmen (sollen), gar objektiviert werden. Im Sinne von kleinen, zierlichen Körpern, aber auch im Sinne von nicht vorhandenen, da sie viel zu viel mit der eigenen Nahrungsaufnahme beschäftigt sind, als dass sie in politischen Debatten mitwirken könnten. Deshalb gilt es erst recht zu diskutieren und aufmerksam zu machen.

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