Ende Juni startete eine vom „Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V.“ (AKF) initiierte „Kampagne zur Senkung der Kaiserschnittrate in Deutschland“, der Anstoß ging aus vom Runden Tisch „Lebensphase Elternwerden“. Dieser veröffentlichte eine Stellungnahme zu Kaiserschnittgeburten, mit der Forderung, die Kaiserschnittrate in Deutschland auf ein „medizinisch notwendiges Maß“ zu senken.
Nele Tabler, deren beide Kinder Anfang der Achtziger mittels Kaiserschnitten zur Welt kamen, reagierte auf diesen Aufruf mit einem wütenden Blogtext. Wir haben mit Nele gesprochen und sie gefragt, warum sie mit der Kampagne des AKF unzufrieden ist und was sie sich stattdessen wünschen würde.
Nele, warum hat dich der Aufruf des AKF so geärgert?
Darüber habe ich selbst ein paar Tage nachdenken müssen und ich muss dafür ein bisschen ausholen.
Ein Nebenprodukt der Frauenbewegung in den Siebzigern ist die so genannte „sanfte Geburt“ gewesen. Weg mit der Herrschaft der vorwiegend männlichen Ärzte über gebärende Frauen, zurück zu den „weisen Frauen“, den Hebammen.
All das lief darauf hinaus, dass Kinder sanft geboren und ewig gestillt werden sollten und es irgendwie immer das Problem der Frauen war, wenn etwas davon nicht funktionierte. Die Frauen nicht entspannt genug waren, sich nicht so gut/intensiv vorbereitet hatten, wie es ihnen empfohlen worden war. Sie ihre unbewussten Ängste nicht richtig bekämpft hatten und was weiß ich noch alles.
Aber bei manchen hat das mit der „sanften Geburt“ doch sicher geklappt und zu schöneren Geburtserlebnissen geführt?
Alle Frauen, die ich kannte, alle Verfechterinnen der sanften Geburt, alle von der Theorie überzeugt, haben dann in der Praxis „versagt“. Eine Frau warf ihren Mann irgendwann aus dem Kreißsaal, nachdem er versucht hatte, mit ihr korrekt nach Lehrbuch zu atmen. Jahre später bezeichneten beide dieses Ereignis als den Punkt, an dem ihre Beziehung den ersten irreparablen Knacks bekam. Sie fühlte sich von ihm und der Hebamme regelrecht terrorisiert, während er die Welt nicht mehr verstand.
Ich war auch von den sanften Geburten überzeugt gewesen, u.a. weil ich beruflich und in der Verwandtschaft viel „Ärztemurks“ gesehen hatte. Doch nachdem das erste Kind bereits drei Wochen „übertragen“ war, die Herztöne „komisch“ wurden, all die Hausmittelchen, die Hebammen empfahlen, keinerlei Wirkung zeigten, blieb nur noch die Wahl, zwischen künstlicher Einleitung mit der Gefahr von Zange oder Saugglocke oder ein Kaiserschnitt.
Und es wurde der Kaiserschnitt?
Ja. Danach ließ mir leider von der „Sanften Geburt Seite“ einreden, ich hätte zu früh aufgeben, mich von den Ärzten verunsichern lassen. Also sollte es beim zweiten Kind „besser“ laufen. Ich habe mich solange gegen medizinische Maßnahmen gewehrt, bis das Kind irgendwo feststeckte und es zum Kaiserschnitt in allerletzter Minute kam. Diese Geburt haben wir beide nur knapp überlebt.
Dass meine Kinder nicht nur leben, sondern auch ohne Geburtsschaden zur Welt kamen, ist den Kaiserschnitten zu verdanken. Erst im Laufe der Jahre hat sich meine Dankbarkeit für diese Methode mit anderen Gefühlen vermischt.
Was meinst du damit?
Je länger es zurückliegt, desto mehr habe ich den Eindruck, in meinem Leben fehlt etwas, mir ist entscheidende Erfahrung entgangen: Ich habe nicht wirklich bewusst erlebt, wie meine Kinder auf die Welt gekommen sind. Je nach Gemütszustand kommen dann noch Gedanken auf wie „Alle anderen Frauen funktionieren richtig, was ist bei dir bloß falsch?“. Dinge, die ich vom Verstand her natürlich richtig einordnen kann und die mich trotzdem manchmal richtig depressiv machen. So schalte ich schon seit Jahren bei Geburtsszenen den Fernseher aus, weil ich sonst zu heulen anfange.
Aber warum kritisierst du die Kampagne dann so scharf? Genau diese psychischen Belastungen werden doch dort angesprochen?
Nein, denn meine Gefühle werden nicht allein dadurch verursacht, dass meine Kinder Kaiserschnitte waren. Ich bin der Meinung, dass die „Sanfte Geburt Bewegung“ letztendlich den Frauen ebensolchen Druck macht, wie die „technischen Ärzt_innen“. Es geht nicht um die Frauen oder die Kinder, sondern um Ideologien. Hätte ich trotz der Kaiserschnitte Zuspruch von der „Sanfte Geburten Fraktion“ bekommen, würde ich vielleicht heute nicht so depressiv auf die Erinnerung reagieren. Deren Vorhaltungen verletzen ebenso wie die Vorwürfe der „Techniker_innen“, nachdem zum Beispiel in einem Geburtshaus etwas falsch gelaufen ist.
In den Kommentaren auf der Seite zur Kampagne wird in einigen Beträgen ziemlich deutlich zwischen „richtigen“ und „falschen“ Geburten, also zwischen vaginalen Geburten und Kaiserschnitten unterschieden.
Es ist wie immer: Anstatt, dass Frauen und ihre Selbstbestimmungsrechte gestärkt werden, macht man ihnen Vorwürfe und baut Druck auf. Als wäre eine schwangere Frau nicht sowieso schon allen möglichen „Ratschlägen“ ausgesetzt, was sie tun und lassen soll und alle meinen, ihr etwas vorschreiben und ihr Verhalten bewerten zu dürfen. Am Ende kann sie es nur falsch machen.
Der AKF hat sich in den Kommentaren deines Blogeintrages zu Wort gemeldet. Dort heißt es, dass man Mütter stärken wolle und es vor allem darum gehe, dass Frauen nicht mit Horrorszenarien zu einem Kaiserschnitt gedrängt werden sollen, die ihn gar nicht wollen.
Wenn wie bei dieser Kampagne Frauen bis ins kleinste Detail erklärt wird, welche Schäden Kaiserschnitte bei den Kindern angeblich/möglicherweise anrichten, nützen hinterher entschuldigende Erklärungen wie „das trifft ja nicht auf medizinische Fälle zu“ gar nichts mehr. Sie sind einfach nur heuchlerisch, denn wie soll denn die Psyche, der Körper eines Menschen später zwischen einem medizinischen und einem „unnötigen“ Kaiserschnitt unterscheiden? Diese Argumentation ist absurd.
Abgesehen davon denke ich, man könnte für jede Geburtsmethode entsprechend gruslige Studien über Folgeschäden erstellen. Für Kinder, die sich beinah selbst mit der Nabelschnur erwürgt haben. Für Kinder, die sich stundenlang durch den engen Geburtskanal quälen mussten. Für Kinder, deren Gehirn mit einer Zange geschädigt wurde. Und, und, und … ich bezweifle, dass sich viele der dort beschriebenen Folgen wirklich so eindeutig, wie es suggeriert wird, auf das Geburtserlebnis zurückführen lassen.
Trotzdem, das Grundproblem, das in der Kampagne angesprochen wird, bleibt ja bestehen: Frauen werden häufig aus verschiedensten Gründen zu unnötigen oder gar unfreiwilligen Kaiserschnitten gedrängt. Und wie es um die Hebammen als Vertrauenspersonen und eventueller Gegenpol zur Krankenhausmaschinerie steht, wissen wir ja. Was also tun?
Jede Schwangerschaft, jede Frau, jedes Baby hat ganz eigenen Rhythmus, in der Regel dauert es um die vierzig Wochen, mal etwas länger, mal etwas kürzer, bis Mutter und Kind für die Geburt bereit sind. Kaiserschnitte zu Zeitpunkten, die medizinischem Personal gerade am besten in ihre Terminkalender passen, sollten wirklich verboten werden. Bei einer solchen Kampagne wäre ich ganz vorne mit dabei. Aber nicht bei einer, die mit Schuldgefühlen und Halbwahrheiten arbeitet. Das sind die gleichen Strategien wie die der Kaiserschnittfraktion in den Krankenhäusern und die werdenden Mütter werden dazwischen zerrieben.
*************************************************
Hier kann der Aufruf des AKF online gezeichnet werden.
Wer Unterstützung dabei sucht, eine Kaiserschnittgeburt zu verarbeiten oder deswegen Kontakt zu anderen Frauen sucht, kann sich zum Beispiel an das Kaiserschnitt-Netzwerk wenden, dort gibt es auch ein Verzeichnis von Beratungsadressen. Beratung für Frauen in Niedersachsen und weiterführende Links und Literatur findet Ihr bei der Kaiserschnittstelle. Das Netzwerk Geburtsverarbeitung richtet sich allgemein an Frauen, die mit ihrem Geburtserlebnis hadern. Frauen, die an einer postpartalen Depression leiden oder vermuten, sie könnten eine haben, finden Hilfe bei Schatten & Licht e.V.
Außerdem ist die begleitende bzw. die Nachsorgehebamme eine passende Ansprechpartnerin. Sie ist nicht nur in der körperlichen, sondern auch der psychischen Betreuung und Beratung von Kaiserschnittmüttern ausgebildet.

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.