Vor etwa zwei Wochen beklagte sich die Stammbesetzung des Ausbildungsschiffes Gorch Fock in einem offenen Brief an Verteidigungsminister zu Guttenberg über den mangelnden Rückhalt, den sie angeblich in der Bundeswehr erfahre. Nach dem Tod von zwei Kadettinnen auf dem Schiff waren Vorwürfe von Misshandlung und sexueller Belästigung gegen die Ausbildungsoffiziere laut geworden. Als Reaktion hatte zu Guttenberg den Kommandanten der Gorch Fock suspendiert, das Schiff ist nach Deutschland zurück beordert worden. Laut Medienberichten will der Verteidigungsminister als Zeichen des guten Willens das Schiff demnächst besuchen.
Nele Moehlmann studiert an der Universität Mainz und arbeitet gerade an ihrer Magistraarbeit zum Thema „Gender Aspekte von politischer Militärdienstverweigerung.“ Sie kommentiert den Brief der Besatzung.
Der Brief der Stammbesatzung der Gorch Fock befasst sich unter einer Zwischenüberschrift auch mit den Vorwürfen der sexuellen Belästigung von Soldatinnen an Bord – und weist diese entschieden zurück. Dieser Reflex entspricht zweier Bilder; dem der Gesellschaft „an sich“ und dem der Institution Militär. „Nur Sprüche“ seien es gewesen, dazu noch „lapidar geäußerte“ und selbstverständlich gab es hier auch sofort Maßregelungen, verspricht der Brief, „nämlich eine Musterung mit deutlichen Worten des Kommandanten an die Soldaten“, so der militärische Fachjargon, der den ganzen Brief durchzieht. Zu keiner Zeit hätte es im Übrigen verbale oder körperliche Übergriffe gegen Soldaten gegeben – und das ist nicht witzig, dass hier die nur die männliche Form benutzt wird, das ist tragisch (auch wenn es sicherlich auch Sinn machte, sich mehr mit Homophobie im Militär-Kontext zu beschäftigen, so ist das im Brief an dieser Stelle wohl nicht so gemeint…). Doch es passt so gut ins Bild eines Militärs, das sich eben auch in Deutschland erst vor elf Jahren – und auf Druck – für Frauen geöffnet hat (Kreil-Entscheidung des EuGH am 11.1.2000). So schnell ist nun mal kein gesellschaftlicher Prozess, dass das tradierte Bild des kämpfenden männlichen Soldaten einfach verschwindet. Eine maskulin geprägte Institution wie das Militär hatte (ihrer Meinung und auch der der sogenannten Mehrheitsgesellschaft nach) gute rationale Argumente, als Männerbund zu fungieren. Diesen Argumenten andere, bessere, vor allem aber faire gegenüber zu stellen, braucht leider Zeit. Aber auch Einsicht – an Land und auch an Bord, wie sich an diesem Fall wieder zeigt.
Übrigens:
Die Bundeswehr selbst hat 2008 eine Studie veröffentlicht zur Integration von Frauen, „Truppenbild mit Dame“, heißt der meines Erachtens an sich schon problematische Titel. Der Bericht kommt jedenfalls zu dem Ergebnis, dass die Integration noch längst nicht abgeschlossen sei, dass es z.B. vielen Männer schwerfiele, Soldatinnen überhaupt als gleichwertig zu akzeptieren. Und dann berichten auch prompt 58,2 % der befragten Frauen von sexistischen Bemerkungen (S.76), um nur ein Beispiel zu nennen. Was vor allem auffällt ist, dass es bei allen Fragen zu diesem Komplex einen hohen Anteil auch von Frauen, aber vor allem von Männern gibt, die nicht etwa „mir nicht bekannt“ ankreuzten, sondern das sehr viel entschiedenere „nein“, womit sie das Phänomen sexuelle Belästigung an sich per se ausschlossen. Wahrnehmung und Realität liegen hier – wie so oft in Fällen von Diskriminierung – weit voneinander entfernt.
Links:
Den Bericht „Truppenbild mit Dame“ findet ihr hier
Die taz zum Thema
Der offene Brief der Gorch Fock Stammbesatzung

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.