Kurz nachdem die Soldatin Sarah Seele bei einem Klettermanöver von der Takelage des männlichen Marineausbildungsschiffes Gorch Fock zu Tode stürzte, feierte die Besatzung angeblich eine Party. War nämlich Karneval. Diese Meldung macht jetzt schon seit ein paar Tagen ihre Runden durch die Medien, der Stern hat nun einen Ausbilder zu den Vorwürfen befragt. Sven K. bestreitet, dass es sich bei den Feierlichkeiten um eine Party handelte, denn:
Wir haben nicht nackt auf den Tischen getanzt, wie es üblich ist, wenn wir eine Party feiern. Es war definitiv keine Party.
Schön, dass Sven K. offenbar in so eine launige Stimmung gekommen ist, als er sich an die Nicht-Party, sechs Tage nach dem Tod der Soldatin, erinnerte.
Vielleicht ist das Zitat auch zusammengekürzt, wer weiß. Aber auch andere Aussagen aus dem Interview zeigen, dass bei der Besatzung der Gorch Fock offenbar eine anti-empathische, frauenfeindliche und gleichzeitig hypersexualisierte Grundgesinnung herrschte:
Wir sind sechs Wochen an Bord, davon vier auf See. 20 bis 30 Frauen bei 150 Männern, da ist es normal, dass es zu sexuellen Spannungen kommt“, sagt Marinesoldat Sven K. Zu sexuellen Übergriffen könne es aber eigentlich nicht kommen, das sei kaum machbar. Auf dem 90 Meter langen Schiff seien 220 Leute an Bord – da bekomme jeder alles mit.
Äh, „machbar“? Fragt sich nur, ob sich bei so viel Normalität und so wenig Privatsphäre irgendjemand gegen sexuelle Übergriffe geschützt fühlen kann.
Mehr noch: Die kleine Minderheit der Frauen auf dem Schiff war dort offensichtlich nicht willkommen.
Sven K. gibt zu bedenken, dass es bis vor 20 Jahren noch keine Frauen auf deutschen Marineschiffen gab. „Seefahrt ist nicht für Frauen gemacht, sie haben nicht die physische und psychische Stärke, um so lange auf See zu bleiben.“ Es gäbe zwar Ausnahmen, aber man höre ja nicht von ungefähr, dass sich Anwärterinnen vor Überanstrengung in den Schlaf geweint haben. „Frauen müssen dieselbe Leistung bringen wie jeder Mann, sonst brauchen sie sich nicht bei der Marine zu melden.“
Es ist nicht schwer sich vorzustellen, was für ein Klima an einem Ort herrscht, wo die Führungsriege einer ganzen Gruppe gegenüber eine solche Verachtung entgegen bringt. Dass auf irgendwelche Bedürfnisse oder Schwächen eingegangen würde, war hier nicht zu erwarten, schließlich:
Wir sind nicht das Müttergenesungswerk.
Deutlicher kann man es nicht sagen: Die Gorch Fock ist ein zutiefst menschen- und frauenfeindlicher Ausbildungsplatz. Und die pure Anwesenheit von Frauen scheint diesen Zustand noch verstärkt zu haben.
Geschenkt, dass ein rauer Umgangston im Militär normal ist – normal ist übrigens nicht immer gut. Geschenkt auch, dass keine der Frauen auf dem Schiff dazu gezwungen wurde, sich in der Marine ausbilden zu lassen. Doch die Hartherzigkeit, das gefühls- und schwächefeindliche Menschenbild das hier deutlich wird, lässt schaudern, von den dümmlich-ekligen Einschätzungen der „Frauen“ an sich mal ganz abgesehen.
Es wird, aus den Ereignissen und den Aussagen, immer offensichtlicher: Die Gorch Fock war bislang ein Ort, an dem Frauen nicht willkommen waren. Als junge Frau – und vermutlich auch als junger Mann, der nicht nackt auf Tischen tanzen mag – begab man sich dort nicht unter ein faires Kommando, man begab sich in eine Zone, die psychisch und physisch lebensgefährlich war. Wo Schlafentzug als Routinestrafmittel eingesetzt wurde. Wo Männer unter sich sein wollten und sich gegen die ungeliebte Modernisierung ihrer Welt mit ihren Kruppstahlklischees und drakonischem Verhalten wehrte. Wenn sie schon Frauen an Bord akzeptieren mussten, dann würden sie ihnen eben das Leben so schwer wie möglich waren. So klingt das jedenfalls.
Es gibt eine grundsätzliche Sache: Einiges deutet daraufhin, dass sich in Deutschland derzeit ein Normalisierungsprozess vollzieht, was die Bundeswehr und deren Ort in der Gesellschaft betrifft. Der politische Wille dazu ist unbestreitbar, die Entscheidungen der letzten Jahre, aber auch die Diskussion darüber, ob das was in Afghanistan passiert jetzt Krieg ist oder nicht und selbst die Personalie Guttenberg (der schnieke Minister, der darauf angesetzt ist, den militärischen Diskurs zu verändern) sind eindeutige Signale.
Schon lange gab es in Deutschland keinen prominenten Vorfall, der so deutlich zeigte, welche grausamen, tödlichen Folgen strukturelle Frauenfeindlichkeit haben kann. Die Marine hat ihn nun geliefert. Das bedeutet für alle, denen die zivile Gesellschaft wichtig ist, die keine Rückschritte wünschen und Wert auf Menschlichkeit legen, dass wir aufmerksam bleiben müssen.
Es ist nicht harmlos, wenn jemand sagt: Frauen haben nicht die Stärke für diese und jene Aufgabe, also werden wir ihnen zeigen, wie wir sie mürbe und klein machen. Hier gilt auch kein „Das ist nunmal so beim Militär“. Nein, das Militär ist eine Institution, die der Zivilgesellschaft untersteht. Es ist eine Einrichtung, in der Menschen tätig sind und diese Menschen verdienen eine Mentalität, die den menschlichen Umgang, auch mit Schwächen, für selbstverständlich hält.
Danke an Leserin Laura für den Hinweis!

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