Einträge mit dem Tag ‘Frauen mit Behinderungen’


ohne Inspirationporn bleibt nur die Geduld (?)

22. Mai 2017 von Hannah C.

„Hannah hatte ja selbst gesagt, dass sie nie gelernt hat freundlich zu sein – dann soll sie es jetzt mal langsam lernen.”.

Natürlich hatte Hannah das nicht gesagt.
Hannah hat gesagt, dass sie soziale Kommunikation nicht gut lesen, verstehen, performen kann und deshalb oft nicht so wirkt, als wäre sie an Freundschaften oder Kontakt interessiert.
Aber sei’s drum.
Nerviges Wörtergeklaube. Rumgewühle. Gekratze. Voll autistisch, ey.

Nur für etwas Wahrheit.
Wen kümmerts. Außer mir.
Uns*.

Geduld beginnt da, wo man glaubt, man hätte keine mehr.
Das ist ein guter Satz.
Ich habe ihn aus einem Video, in dem ein Poetry Slam–Text [YT-Link] vorgetragen wird, den ich erst lustig und dann schräg an der 10 von 10 Punktemarke vorbeifliegen sah.
Er beginnt als slice of life mit einem Geschwist, das behindert ist wird und einem Moment, in dem die Person mit dem Wort “behindert” als Synonym für “mag ich nicht/scheiße/wertlos/schlecht/verachtenswert” konfrontiert wird.
Es endet mit dem gleichen Sermon aus: „Wir hier – die da – das muss doch nicht sein – guckt doch mal, wie toll die sind und was wir uns nehmen, wenn wir uns so von ihnen abschotten…” wie ich ihn schon so oft gehört habe.

Ich habe Geduld mit diesem Poetry Slammer.
Ich habe Geduld mit meinen Mitschüler_innen.
Ich habe Geduld mit meinen Lehrer_innen.
Ich habe Geduld für all die Menschen, die welche Rolle auch immer in meinem unserem Leben spielen.
Obwohl ich jeden Tag glaube, keine mehr zu haben.
Und von Zeit und Zeit auch keine mehr aufbringen will.

Manchmal überflutet mich die Selbstverständlichkeit mit der die Norm nicht hinterfragt wird, sondern einfach lieber gleich abgeschafft und für irrelevant erklärt werden will. Mir – uns, dem Fremden, Anderen, Behinderten – zu liebe. Natürlich immer uns zu liebe und dem, was wir mit den Menschen teilen. Das macht man immer nur für uns, weil es für niemanden sonst wichtig erscheint – man selbst passt ja hinein. Leidlich bis üblich.

Neulich hatte ich einen Moment mit eine Freundin, die uns auf einen Text, in dem wir uns mit der Behinderung in unserem Leben befassten, sagte, dass ja alle Menschen anders seien.
Und ich war geduldig. Ihr zuliebe. Unserem Kontakt zuliebe.
Wie soll ich denn formulieren, dass ich nicht “wie andere Menschen, aber mit diesem einen kleinen Extra bin, das ja dann doch aber jede_r irgendwie ein bisschen hat”, ohne an etwas zu rühren, was nicht mit ganz grundlegender Definition von Norm, Andersartigkeit und auch Behinderung und Menschsein zu tun hat. Mal eben so.

Obwohl es nur in diesem einen Moment wehgetan hat. Nur an dieser Stelle irgendwie macht, dass ich mich fern, fremd, allein, ungesehen … behindert fühle und denke: Geduld. Atmen. Es ist egal. Das ist es nicht wert.
Mein Fühlen ist es nicht wert. Das so viel kaputt geht.

Letzte Woche hatten wir ein Gespräch mit der Klasse, bei dem mein begleitender Unterstützer versuchte näher zu bringen, was Autismus bedeutet.
In diesem Gespräch fiel der Satz, mit dem ich diesen Artikel begonnen habe und der mir schmerzhaft aufzeigte, wie viel mehr Geduld noch von mir aufgebracht werden muss.

Ich verließ das Gespräch und dachte, dass es gut so wäre. Denn eigentlich ist dieses Gespräch nicht für mich passiert. Natürlich sehen das die Lehrer_innen und Schüler_innen anders. Und wer weiß noch.

Aber.
Wäre es um mich gegangen, wäre ich mit mehr als dem Wissen dort rausgegangen, dass allein meine Anwesenheit und das Nichtverschweigen von etwas reicht, um Angst und Fremdheitsgefühle auszulösen, die mit Ausschluss belegt werden.
Wäre es um mich gegangen, dann hätte man mir mehr gezeigt, als die Ansprüche, die man an mich stellt, weil man sie an sich selbst stellen kann.

Wäre es um mich gegangen, hätte man sich bei mir entschuldigt und mich in meinem Sein und Fühlen als in Ordnung, als üblich, als auch normal anerkannt.

Aber nein.
So läuft das nicht.
In diesem Spiel geht es darum, sich möglichst lange nicht zu widmen. Möglichst lange meine Fremdheit zu markieren, ohne je zu sehen, dass das eine Art negative Wirkung haben könnte.
Nämlich die, dass ich sie immer weiter aus meiner Norm herausdefinieren kann.
Nur ohne ihre Möglichkeiten und Chancen, das aufzulösen.

Es gibt so viel Wissen um das Fremde – aber über die allgemein akzeptierte Norm verliert kaum jemand ein Wort.
Und doch erwarten alle ™, dass man sie kennt, ihr folgt, mit ihr umgehen kann.
Ich bin geduldig über diese Dissonanz.
Suche einfach weiter. Stelle meine kleinen Feldforschungen nicht ein. Wachse. Verstehe. Begreife.
Langsam – aufreibend langsam.
Aber stetig.

Die Lehrer_innen sagten nach dem Gespräch, dass sie nicht aufgeben wollen. Der unterstützende Begleiter will weiterhin unterstützen und helfen, wo es sinnvoll erscheint.
Ich bin neidisch auf ihre Ressourcen.
Will das auch gerne können. Geduldig sein und die Hoffnung nicht verlieren.

Daneben frage ich mich, was ich denn eigentlich will. Warum es mir immer noch so wichtig ist, nicht aufzuhören und diesen Weg weiter zu gehen.
Was haben sie mir denn zu geben. Diese Menschen, die so ganz anders aufgebaut sind als ich. Wir.
Was haben sie mir mehr zu geben, als ein Stück ihrer Macht über Ausschluss und Gruppenstärke.

Mir fällt spontan nichts ein.
Ich kann mich nicht irgendwo hinstellen und sagen, mir ginge so wahnsinnig viel wichtig wertvolles verloren, hätte ich nicht mehr so viel mit Menschen zu tun, die anders sind als ich.

Mich inspiriert es nicht, zu beobachten, wie sie sich durchs Leben bewegen. Mich ermutigt es nicht, zu sehen, was sie in einer Welt, die von ihnen für sie gemacht ist, für sich herausholen oder erreichen. Mir verlangt es keine Hochachtung ab, zu erfahren, wie der Lebensweg von Anneliese Müller ohne Gewalterfahrungen, ohne durchgehende Diskriminierungen und so weiter ausgesehen hat. Ich wüsste nicht, was ich für sie erstreiten, erkämpfen, erschaffen müsste, damit ihr Leben, die gleichen Chancen und Qualitäten wie meins haben kann.

Die ganze Schose mit der für den Umgang und die Gleichberechtigung für behinderte /Menschen/ mit Behinderung geworben wird, funktioniert für mich nicht am Leben von Menschen, die anders gebaut sind und anders leben als ich.

Wo ist er also. Mein Anreiz. Meine Motivationsquelle.
Meine Ressourcen für Geduld und Hoffnung.

Wo wenn nicht in dem Wunsch, dass es irgendwann auch mal aufhört, überwiegend Kampf, Schmerz, Zwang, Verletzung, Kränkung… Not zu sein.

 

 

*Steht hier für mich, als ein Mensch, di_er sich als viele begreift.


Facebook | |


Am ersten Tag des Neubeginns

29. August 2016 von Hannah C.

Es waren die drei besten scheiße anstrengenden Tage seit Monaten für mich: Ausbildungsbeginn an einem Berufskolleg

Ja, ich habe einen Ausbildungsplatz. Ich.
Die mit dem Schwerbehindertenausweis, dem Assistenzhund und dem 9 Jahre großen Loch im Lebenslauf.
In den nächsten 3 Jahren, werde ich dieses Kolleg besuchen und am Ende einen Beruf erlernt haben. Als Abschiedsbonbon gibts ein Fachabitur dazu.
Was für ein geiles Privileg!

Vor gut drei Wochen feierte ich meinen dreißigsten Geburtstag. Meine Mitschüler_innen ihren sechzehnten, siebzehnten, achtzehnten.
Sie kommen von Real- und Gesamtschulen in der Umgebung, dürfen ganz frisch “feiern gehen”, haben buntbunte Gedanken und mit mir den ersten näheren Kontakt mit einer behinderten Person, die einen Assistenzhund mit sich führt.

Für mich ist diese Situation nicht neu – und doch ist sie so noch nie gewesen.
Ich kenne das, wenn Menschen meine Hündin und mich auf der Straße sehen. Kenne das unbeholfene Gewühle nach Worten, wenn man versucht mich zu fragen, “was ich denn habe”. Ich spüre die Veränderung im Gesprächsklima, wenn ich ohne meine Hündin an der Seite sage, dass ich eine behinderte Person bin.
Was ich nicht so gut kenne, ist Akzeptanz. Anerkennung. Zugeständnisse von zusätzlichen Schleifen, Kraftaufwendungen, Erklärungen und Nötigkeiten.
Den Raum, mir die maximale Barrierefreiheit zu ermöglichen.

Das erklärte Ziel der Lehrenden ist der erfolgreiche Abschluß für alle Schüler_innen gleich und das spüre ich im Kontakt mit meinen Lehrer_innen. Nicht als Retterpose. Nicht als political-correctness-Feigenblatt für ein eigentlich peinliches Einzelprojekt.
Auch das kenne ich ziemlich gut. Menschen, die vor allem für sich selbst “Gutes tun” und “mit gutem Beispiel vorangehen”, statt sich damit auseinanderzusetzen, was genau sie dort eigentlich tun und warum.

So bewegte ich mich nun also durch den Einschulungstag mit meinem Begleitermenschen neben mir und meiner Hündin an der Leine.
Und fühlte mich so wundergut beliebig.

Für viele Menschen ist der erste Schultag furchtbar, weil sie niemanden kennen. Ganz allein sind. Gar nichts wissen und sich nicht auskennen. Für mich ist das die Zeit, in der ich am meisten mit meinen neuen Mitschüler_innen gemeinsam habe. In der ich mit allem, was ich tue und habe, genauso fremd bin, wie die Personen um mich herum, die ihre Behinderungen vielleicht weniger sichtbar kompensieren können und auch wie die Personen, die keine dauerhaften Behinderungen kompensieren müssen.

Natürlich war ich “anders fremd” als alle anderen. Natürlich war ich “auffällig”. Aber es hat nicht weh getan und das ist, was mir das Gefühl gab, austauschbar in der Fremdheit zu sein.
Wäre ich nicht da gewesen, wäre da eine Person mit „mega vielen“ Pickeln “anders fremd” gewesen. Oder eine mit einer „verunglückten“ Frisur. Oder eine mit „komischer“ Stimme.

Am ersten Tag des Neubeginns sind alle Menschen gleich “anders fremd”.

Es tut mir gut, solche Momente im Leben zu haben und ich steige so tief in sie hinein, wie es geht.
Ich weiß, dass wir mit unterschiedlichen Er_Lebensweisen leben. Dass uns etwas trennt, was wir einander mitteilen, doch nie jeweils ganz erfassen können. Ich weiß, dass mir meine nicht dauerhaft behinderten Mitschüler_innen im Laufe der nächsten Wochen immer weiter weg erscheinen werden. Dass uns nicht viel verbindet. Dass meine Limits so sehr viele Dinge verunmöglichen, dass wir wenig Zeit und Raum außerhalb der Schule miteinander gestalten werden.
Ich weiß, was an sie herangetragen wird, wenn sie mich und meine Assistenzhündin irgendwo hin begleiten. Es gib so viel behindertenfeindliche Scheiße, der auch die Freunde, Helfer- und Begleiter_innen von sichtbar eine Behinderung kompensierenden Menschen, nicht entgehen können und der sich zu stellen nicht immer einfach ist.

Aber der Moment war da.
Und ich habe ihn genossen.

Und den anderen Moment auch.


Facebook | |


#BlackLivesMatter, erzwungene Sterilisation und Gerüchte über Geflüchtete – kurz verlinkt

27. Juli 2016 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 322 von 365 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links
Vielfältige, empowernde Spielzeuge und Bücher gibt’s bei Diversity Spielzeug.

Junge Frauen in ihrem gesellschaftlichen und politischen Engagement zu stärken und bei ihrer beruflichen Orientierung zu unterstützen – das ist das Ziel von  It´s Our Turn! Teilnehmen können Mädchen und junge Frauen zwischen 16 und 20 Jahren. Die Hälfte der Plätze ist für junge Frauen mit Fluchtgeschichte reserviert.

Mit dem Anne-Klein-Frauenpreis ehrt die Heinrich-Böll-Stiftung Frauen, die mutig und hartnäckig für Menschenrechte, Gleichberechtigung und sexuelle Selbstbestimmung eintreten. Bis zum 15. September können Kandidatinnen vorgeschlagen werden.

Seitdem Sharon Dodua Otoo den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat, ist sie viellerorts in den Medien präsent und gibt wunderbare Interviews. Beim boersenblatt sprach sie über das Vorlesen in Klagenfurt, Schreibpläne und die Nicht-Existtenz von apolitischer Kunst. „Wir können sprachlich viel mutiger sein“, sagt sie zu dem in einem wirklich schönem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über emanzipatorische und diskriminierende Sprachformen, den Literaturbetrieb und die Rolle von Aktivismus.

Tove Tovesson schreibt beim Missy Magazine über „die Frage nach einem transfreundlichen Leben in einer transfeindlichen Welt„.

Gerüchte über Geflüchtete gibt es an jeder Straßenecke oder aber auch in Reden von Politikern wie Thomas de Maizière. Der Bayrische Rundfunk sprach mit Medienpädagogin Dr. Sabine Schiffer vom Institut für Medienverantwortung und Karolin Schwarz von hoaxmap über die Enttstehung dieser Gerüchte, wie diese gezielt zur Stimmungsmache eingesetzt werden und mit welchen Folgen.

Magda Albrecht stellt in ihrem Instagram-Account die Broschüre „Wir stehen alleine da“, eine Infobroschüre, die sich mit antisemitischen Ideologien und Alltagserlebnissen befasst, vor.

Noch bis zum Ende der Woche kann sich auf den Nachwuchsförderpreis des Ökonominnen-Netzwerks efas beworben werden.

englischsprachige Links

In der letzten Woche fand in Berlin eine weitere #BlackLivesMatter-Demonstration statt. ADEFRA veröffentlicht Prof. Maisha Auma Eggers Statement, in dem sie unter anderem daran erinnert, dass die Gründer_innen der #BlackLivesMatter Bewegung drei queere Schwarze Frauen sind: „We must stop erasing that! We must stop erasing crucial parts of Ours and Each others Lives! If any of Us Black Folks is not free, then we are all not free.“

Autostraddle stellt zehn Frauen mit Behinderung und deren Aktivismus vor.

Für Kunstliebhaber_innen und solche, die es werden wollen, lohnt sich ein Blick auf den Twitter-Account womens art, auf dem mehrfach täglich Künstlerinnen und ihre Werke vorgestellt werden.

AlJazeera berichtet über ein Theaterstück, in dem Roma Frauen über Erfahrungen mit erzwungener Sterilisation sprechen.

Long Read, der die investierte Zeit sehr lohnt: Kwe Today schreibt über koloniale Rechtstraditionen, Federal Missing and Murdered Indigenous Women and Girls Inquiry, Sexarbeit, indigene feministische Rechtstheorie und mehr.

Termine

Vor zwei Tagen startete die „Women in Exile-Sommerbustour durch Deutschland„. Die nächsten Termine sind: 28.07 in Leipzig, 29. und 30.07. in Nürnberg, 31.07. in Frankfurt/Oberursel, 01.08. Oberursel und 02./03.08. in Köln.

01.08. in Berlin: Das nächste Treffen des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung findet statt.

06.08. in Berlin: Eröffnung der Ausstellung „WELCOME TO FUTURISTAN„. (FB-Link)

25.-27.08. in Berlin: Unter dem Jahresmotto #hegemoniehacken findet die diesjährige Linke Medienakademie mit besonderem Fokus auf Gender und Medien statt.

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?


Facebook | |


Feministischer Nachtmarsch in Istanbul, Kinderbuchempfehlungen und Inter*pride – kurz verlinkt

9. März 2016 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 311 von 365 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

Am 06. März löste die Polizei in Istanbul eine Demonstration anlässlich des Internationalen Frauentags gewaltvoll auf und schoss u.a. mit Gummigeschossen auf die Demonstrant_innen, berichtet die taz. Doch auch am 8.März wagten sich tausende Demonstrant_innen auf die Straße bei einem ungenehmigten „Nachtmarsch“. Bilder und Bericht davon findet sich auf bianet (Englisch). Und bei der NZZ heißt es „Frauen zeigen Erdogan die lila Karte„.

Die Initiative Intersektionale Pädagogik hat eine Liste mit Kinderbuch-Tipps zusammengestellt.

Die Thüringer Allgemeine spricht mit Rechtsanwalt Thomas Walther, der zwei Nebenkläger im Prozess gegen Auschwitz-Sanitäter Hubert Zafke in Neubrandenburg vertritt: „Auch kleine Rädchen gehörten zur Mordmaschine“.

Das aktuellen an.schläge-Magazin widmet sich hauptsächlich lesbisch_queeren Politiken. Intersex-Aktivist_in Hida Vilora wird interviewt zu politischen Zielen und möglichen Allianzen. Elisabeth Löffler schreibt in „If I could get in I would come out“ über ihre Frauenbewegung und Frauen mit Behinderungen. Außerdem gibt es ein Interview mit der Aktivistin Zimasa Mpemnyama zu Student_innenprotesten in Südafrika und Dekolonisierung.

englischsprachige Links

telesur hat mit Emine Aslan, Hengameh Yaghoobifarah und Nadia Shehadeh über den medialen und politischen Diskurs nach Köln gesprochen.

Die indigene Umwelt-Aktivistin Berta Cáceres wurde in Honduras ermordet. Democracy Now schreibt über ihr wichtiges Engagement.

Melissa Gira Grant empfiehlt auf dem Blog von Verso Books anlässlich des International Sex Workers Rights Day fünf Bücher, die sich mit Sexarbeit auseinandersetzen.


Facebook | |


Gutmenschen, behinderte Mütter und nicht befragte NSU-Zeugen – kurz verlinkt

13. Januar 2016 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 307 von 365 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

„#ausnahmslos – ein neuer Aufschrei nach Köln“, berichtet die Süddeutsche Zeitung und interviewt dazu Kübra Gümüşay.

„Gutmensch“ ist das Unwort des Jahres 2015, „weil es das Engagement für „Geflüchtete“ diffamiert,“ so tagesschau.de. Ebenso gibt es dort einen Artikel über die Bildung rassistischer, sexistischer „Bürgerwehren“ durch (extrem) rechte Männer nach den sexualisierten Gewaltübergriffen in Köln und anderen Orten an Silvester.

In Neukölln wurden zwei junge Migranten erschossen. Die Familien klagen die Ermittler an, rassistischen Motiven unzureichend nachzugehen,“ schildert die taz.

In einem spannenden Interview der beiden behinderten Mütter Franziska und Mareike geht es um Familienalltag mit Behinderung und professionelle Elternassistenz. (Der Artikel ist auch als Hörversion hinterlegt.)

Das lesbische Stadtmagazin „weird“ hat Julia Maria Zimmermann aus Luxemburg ausführlich zum Thema „Asexualität“ interviewt.

Lioba Hirsch, Jamie C. Schearer und Sinthujan Varatharajah haben das Institute of Contemporary Diasporas gegründet. Auf ihrer Webseite könnt ihr nachlesen, was sie vorhaben. Außerdem könnt ihr ihnen bei Twitter und Facebook folgen. (Einen ersten Text des Instituts durften wir diese Woche auch bei der Mädchenmannschaft crossposten: „Zur Medienreaktion auf die sexuellen Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof in der Nacht auf den 1. Januar 2016„.)

„Mit Informationen des V-Manns “Tarif” hätte sich womöglich die NSU-Serie verhindern lassen. Seine Akte wurde geschreddert. Nun verzichtet das Gericht auf die Möglichkeit, den Mann selbst zu befragen.“, berichtet die ZEIT.

Des weiteren zu rechtsextremer Gewalt in Deutschland: Der Tagespiegel schreibt über aktuelle Statistiken und vermeldet, dass die „Zahl rechter Gewalttaten um 40 Prozent gestiegen“ sei. Unterdessen heißt es beim Spiegel: „Hunderte Neonazis wurden im vergangenen Jahr per Haftbefehl gesucht – aber nicht verhaftet. Offenbar verschwinden immer mehr rechte Straftäter im Untergrund.“ und bei neues deutschland geht es um extreme Rechte in Hessen, die sich immer mehr bewaffnen.

englischsprachige Links

Bei The Feminist Wire erklärt Christine Asseta, warum der sogenannte „All Lives Matter Act“ in Missouri, der auf die Illegalisierung von Abtreibungen zielt, vor allem ein Angriff auf Schwarze Frauen dieses Bundesstaates ist.

Das Unternehmen Intel verspricht, sich stärker gegen Online-Belästigung zu engagieren als Teil seines Diversitäts-Programms für die Technologie-Branche, schreibt Venture Beat.

Über kalifornische Heimkinder, die aus teilweise hahnebüchenen Gründen (und den üblichen Gründen wie Rassismus und all jenen anderen *ismen, denen bedürftige junge Menschen ausgesetzt sind) über Jahre hinweg mit Medikamenten „behandelt“ wurden, gibt es ein sehr lesenswertes Longread bei mecurynews.

Termine in Weinheim und Berlin

15.01. 2016 in Weinheim: Die Amadeu-Antonio-Stiftung veranstaltet die Fachtagung „Rechtspopulistischen und rechtsextremen Mobilisierungen entgegentreten, Willkommenskultur für Flüchtlinge und Asylsuchende etablieren.“ Hier könnt ihr euch anmelden und findet ebenso das Programm.

18.01. bis 22.01.2016 in Berlin: Die Alice Salomon Hochschule veranstaltet eine Fokuswoche zu Flucht, Migration, Rassismus und Inklusion mit Diskussionen, Wokshops, Filmen und mehr.

24.01. 2016 in Berlin: „Lust auf Regler schieben und Technik verkabeln? Hier lernt ihr wie ein Mischpult funktioniert, ihr Bands abmischt und Technik für ein Konzert aufbaut!“ FLTI* Tontechnikworkshop für Einsteiger_innen – zur Anmeldung geht es hier entlang.


Facebook | |


mein mutiges Inklusionsprojekt

10. Dezember 2015 von Hannah C.

Eine meiner letzten Vortragsfolien hatte den Titel “ewige_r Abweichler_in oder Erklärbär_in?” und während ich mich auf den Vortrag vorbereitete, dachte ich darüber nach wie traurig es ist, dass mir tatsächlich keine dritte Option eingefallen war. Weil die dritte Option an der Stelle “der normale Mensch” gewesen wäre und das eine kackscheißige Option gewesen wäre. Normativ. Anti-inklusiv.
N_orrrrrr_male Ausweichmöglichkeit derer, die glauben möchten, man könne seine Behinderung ab und anschalten, je nachdem was man tut oder nicht tut oder wie sichtbar man damit umgeht. Ein Leben mit Behinderungen hängt aber nicht davon ab, wie man sich entscheidet oder welche Einstellung man selbst hat – es hängt davon ab, welche grundlegenden Einstellungen das Umfeld gegenüber Menschen mit Behinderungen/Behinderten und dem Miteinander allgemein hat.

Grundlegende Einstellungen sind übrigens etwas anderes als Vorurteile.
Während Vorurteile in der Regel sehr bis extrem starre, irrationale und negative Einstellungen sind, die sich jedweder Beeinflussung widersetzen, handelt es sich bei grundlegenden Einstellungen um einen Rahmen aus positiven und negativen Bewertungen, gefühlsgebundenen Haltungen und Handlungsoptionen in Bezug auf soziale Objekte.

Heißt: die meisten Menschen haben eher eine schwierige Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderungen/Behinderten und brauchen mehr oder weniger viel Kontakt und Auseinandersetzung mit dem Thema, wenn es darum geht ein respektvolles Miteinander entstehen zu lassen.
Aber was bedeutet das konkret?

Ich merke oft, dass Menschen meine Behinderungen woanders verorten als ich selbst und, dass es häufig dieser Umstand ist, der mich vor der Wahl “Abweichler_in” oder “Erklärbär_in” stehen lässt.
Ich bin eine durch organisierte Gewalt komplex traumatisierte Autistin*, die auf Hartz 4 lebt, einer religiösen Minderheit angehört, als weiblich kategorisiert wurde und Krampfanfälle hat.
Für mich sind das alle meine Behinderungen. Viele Menschen in meiner Umgebung denken aber, dass es die Krampfanfälle – vielleicht noch die Traumafolgen und der Autismus – sind, die mich behindern.

Es gibt verschiedene Modelle zur Definition von Behinderungen. Manche gehen davon aus, dass die Behinderung immer in einer Eigenschaft der Person verankert sein muss. Weil die Person irgendetwas “nicht kann” und so der Schluß ist: “Ja klar behindert Nichtkönnen beim Leben.”.
Dann gibt es das Modell, das sagt, dass die Behinderung in den Bedingungen der Umwelt verankert ist, nach der eine Person auch Dinge nicht “können” müssen bräuchte, um am gesellschaftlichen Leben zu partizipieren. Dort entsteht der Schluß: “Eine Rampe muss her, damit Rollstuhlnutzende nicht draußen warten müssen.” oder auch “Wir starten jetzt ein mutiges Inklusionsprojekt und bauen alle Vorurteile ab – dann wird das alles schon.”.

Eine soziologische Definition (Cloerkes 1988,87) sagt unter anderem aber: “Ein Mensch ist “behindert”, wenn erstens eine unerwünschte Abweichung von wie auch immer definierten Erwartungen vorliegt und wenn zweitens deshalb die soziale Reaktion auf ihn negativ ist.”.
Na? Kommt irgendwie vertraut vor, oder?

Erwartungen speisen sich aus verschiedenen Aspekten menschlichen Lebens und bilden die Haltung mit der Menschen letztlich auch aufeinander treffen.

Ich habe vor ein paar Tagen beschlossen meine Erwarten gegenüber Menschen, die sich als nicht behindert erleben, zu verändern. Mein mutiges Inklusionsprojekt ist, mich mehr und mehr an Menschen anzunähern und mit ihnen zu sein.
Ich frage mich, ob es für mich irgendwann mal üblich und unspektaktulär sein kann mit anderen Menschen zusammen zu sein und sie weder als Abweichler_innen meiner inneren Normen und Wahrnehmungen, noch als Erklärbär_innen einer mir so fremden Welt zu erleben.


Facebook | |


eine unsichtbare Barriere

18. September 2015 von Hannah C.

In meinem Blog kann man lesen, dass ich eine nicht sofort sichtbare Behinderung in mein Leben integriere. Was man da seltener lesen kann ist, was wann in meinem Umfeld für mich zur Barriere wird und was die Folgen sind.

Ich werde bemitleidet, wenn ich sage, dass ich nur selten ausgehe. Mein fast ausschließlich übers Netz stattfindendes Sozialleben wird bedauert. Man spricht von einer “Einsamkeit der Opfer”, von Isolation und, dass meine Depressionen vermutlich genau daher kommen, dass ich teilweise tagelang keinen einzigen Menschen treffe. Das “Krieg doch einfach den Arsch hoch” – das “Red doch einfach mit Leuten” – das “Mach doch einfach, was ich immer mache/was andere mit deiner Problematik machen/was ich dir vorschlage”, schwingt dabei jedes Mal wie eine Keule auf mich zu und oft genug trifft es mich auch.

Das Problem ist in dem Fall häufig nicht einmal Ignoranz oder Empathielosigkeit, sondern schlicht das Denken, dass ich für die Dinge, die mich daran hindern, Dinge zu tun, verantwortlich bin, weil sie in mir liegen bzw. von mir wahrgenommen werden und für mich ein Problem sind.
Für mich ist das Neoliberalismus.
Aber Alltag. Haken dran und weiter machen.
Ich habe nicht die Kraft jedes Mal darauf aufmerksam zu machen. Und mein Umfeld ist meist dann doch heimlich schon längst davon genervt, dass ich “schon wieder irgendwas habe”, was niemand versteht.

Manchmal sind Menschen ehrlich und sagen, dass sie mein Problem nicht verstehen. Das tut weh und ich fühle mich wie ein Alien – aber immerhin weiß ich so, dass mein Gefühl allein mit einem Problem zu sein, begründet und nicht eingebildet ist. Hmyeay?

Schwierig: Ich kann folglich nicht sagen, dass sich an der Stelle eine Barriere für mich auftut. Denn wenn es nur für mich ein Ding ist, dann ist es subjektiv. Subjektivität wird gern abgewertet und nicht ernst genommen.
Ich bin in der Erfassung und auch der Begradigung von Barrieren des zwischenmenschlichen Umgangs davon abhängig, dass auch andere Menschen diese ernstnehmen und als solche betrachten. Erst wenn zwei drei vier … Menschen das Gleiche sehen und darin übereinkommen, was man tun kann, ist die von mir benannte Barriere wahrhaft im Sinne von objektiv.

In meinem Leben ist es so, dass so richtig niemand glauben kann oder mag, was für mich alles ein Ding ist.
Nicht einmal ich selbst mag wirklich darüber nachdenken, weil mir darüber mit einer schmerzlichen Wucht meine Probleme und Barrieren im Alltag bewusst werden, und ich gleichzeitig weiß: “Ich kann die nicht wegmachen. Es gibt (im Augenblick) keine Möglichkeit für mich diese zu umgehen.”.

Ich wäre ja oft gerne cooler, up-to-dater, offener, lockerer, sozialer – einfach mal nicht so verkrampft, auf der Hut, überanstrengt und nach Kontakt mit Menschen einfach einmal nicht so furchtbar überladen – aber, was ich dafür brauche, kann ich nicht einfordern, wenn die Barrieren dahin gar nicht erst verstanden werden und heimlich auch eigentlich nur Abnerv darüber in den Menschen auftaucht.

Mir tut es leid, dass ich nie über Popkultur mitreden kann. Dass mich Essen nicht auf die gleiche Art interessiert wie andere. Dass ich Spielfilme in aller Regel nicht aushalte. Dass ich keine Beziehungskistenserien lange durchhalte. Dass es schlicht kein einziges Thema, das (auch) die intuitive Einschätzung sozialer Interaktion nötig macht, beherrsche. Und es tut mir leid, dass ich nicht die Kraft habe, den Menschen in meinem Umfeld klar zu machen, wieviel von dem, was sie tun, völlig unabhängig davon wie es ihnen geht, immer auch etwas von ihnen erfordert, das sie intuitiv können und ich eben nicht.
Das Wort für dieses Nichtkönnen ist neu in meinem Leben. Das Wort ist: “Autismus”.
Dieses Wort bedeutet genau wie meine Traumafolgen: Man sieht es nicht und alle Wahrnehmung ist subjektiv. Immer. Bei allem.

Schwierig ist der Selbstbezug, den ablierte Menschen versuchen, wenn sie sich mit behinderten Menschen auseinandersetzen wollen.
Manche überlegen sich, wie das wohl wäre, wenn sie als Nichtrollstuhlnutzer_innen immer und immer einen nutzen müssten. Der Fehler in diesem Denken liegt schon darin, sich über bestehende bzw. nicht bestehende Funktionen in die subjektive Er-Lebensrealität anderer hineinversetzen zu wollen – und nicht über das, was mit Funktion bzw. Nichtfunktion einhergeht oder über das, was Funktion voraussetzt. Zum Laufen braucht man nicht nur Beine, sondern auch die Fähigkeit sie zu bewegen und diese Bewegung zu kontrollieren und manche Menschen brauchen vorrangig überhaupt einen für sie echten Anlass irgendwohin zu laufen.

Ich verstehe Menschen nicht. Menschen haben mich gedemütigt, verletzt und ausgebeutet. Menschen überreizen mich. Menschen verstehen mich nicht. Menschen machen mir Angst. Menschen überfordern mich mit ihrer Normalität.
Und trotzdem versuche ich jeden einzelnen Tag irgendwie mit einigen davon zu interagieren.
Nicht zuletzt auch deshalb, weil ich im Gegensatz zu ihnen merke, wie abhängig ich von einem Anteil ihrer Fähigkeiten und der daraus resultierenden Handlungsmöglichkeiten bin.

Diese Abhängigkeit nicht anzunehmen, nicht an sich zu reflektieren und mich dafür allein verantwortlich zu machen, ist für mich eine der größten unsichtbaren Barrieren im zwischenmenschlichen Interagieren. Sie erfordert ein Handeln von mir, dass ich aufgrund meiner Behinderung (und meiner Anpassungen aufgrund von Lebenserfahrungen noch) nicht kann und ermöglicht ablierten Menschen einen Raum der Ignoranz und des Vermeidens, der so viel bequemer ist, als die anstrengende Interaktion mit jemandem, den man nicht versteht.

Von mir wird oft erwartet eine verzehrfertige Lösung zu servieren.
Ich habe keine.
Ich kann nur darum bitten, weniger genervt zu sein. Mitzudenken. Sich auseinanderzusetzen. Weniger Eskapismus vor unbequemen Themen zu versuchen. Weniger mit Schuld und Verantwortung für Dinge zu arbeiten, die völlig außerhalb von Schuld- und Verantwortungsdynamiken passieren. Fragen zu stellen. Zuzuhören. Sich zu widmen. Ehrlich zu sein, wenn man all das nicht möchte.


Facebook | |


Lebenswert behindert sein

23. Juli 2015 von Hannah C.

Monica Lierhaus sagte in einem Interview, dass sie heute verschiedene Entscheidungen anders treffen würde, als vor ein paar Jahren noch. Wäre Frau Lierhaus nicht behindert, würde diese Aussage angehört und wieder vergessen.

Als Person aber, der eine Operation das Weiterleben ermöglichte und als Person, die in der Folge behindert ist, hat sie diese Entscheidung gefälligst nicht (öffentlich) zu bereuen und schon gar nicht hat sie ihr Leben danach als weniger lebenswert zu empfinden, weil das die Öffentlichkeitsarbeit anderer Behinderter untergräbt. So lese ich zumindest den Kommentar von Christiane Link in ihrem Blog. Frau Link schreibt, dass sie öfter hört, Menschen könnten oder wollten an ihrer Stelle nicht leben und setzt dies in einen, vielleicht richtigen, vielleicht aber doch auch unvollständigen Kontext mit Bewunderung.

Und ich stehe (mit anderen) neben diesem Disput und denke darüber nach, wann es denn erlaubt ist zu äußern, dass man sein Leben als behinderte Person nicht als lebenswert empfindet. Darf man es äußern, wenn man nicht prominent ist? Darf man es äußern, wenn ein kleiner tragbarer Motor das eigene Herz ersetzt und man jede Woche zur Dialyse muss? Oder wenn der fünfte Versuch einer Behandlung mit Psychopharmaka zu massiven körperlichen Veränderungen und emotionaler Schmalspur verholfen hat? Oder einfach nie, weil das Leben so unfassbar kostbar wichtig ist, dass es, ohne jede Reflektion, jeden Preis kosten darf – und muss und soll?

Darf ich, wenn ich äußere, dass ich mein Leben als nicht lebenswert empfinde noch bitte selbst definieren was “Leben” und was “Wert” für mich ist? Darf ich bitte über meine Er-Lebensrealität und ihre Bewortung noch selbst bestimmen und nicht andere Menschen? Darf in einer Zeitung auch mal eine beschissene Selbstansicht von Behinderten über sich selbst und ihr Leben stehen?

Warum ist es so wichtig, aus einer Behinderung etwas zu machen, was tragbar ist und, was das eigene Leben ja eigentlich nicht dann doch nicht behindert oder beeinflusst? Manchmal ist sie das eben nicht. Manche Barrieren und (Vor-) Urteile in Bezug auf das Leben mit Behinderungen gibt es auch im Kopf der Behinderten selbst und Interviews, wie das von Frau Lierhaus und auch der Text von Frau Link – genau wie meiner hier – tragen dazu bei, sie sichtbar zu machen.

Ich habe die abfällige Bezeichung “die Sonnenscheinbehinderten” für Menschen, die sich öffentlich ausschließlich so äußern, als wäre ihre Behinderung bzw. ihre chronische Erkrankung eigentlich gar nicht so schlimm. Und eigentlich auch gar kein Problem. Nie und nirgends und wenn doch: nicht lange und schon gar nicht unaushaltbar. Für mich ist es so, dass ich mir an der Stelle denke: “Ah, okay cool – schön für diese Personen. Schade, dass ich es nicht auch so einstufen/erleben kann.”. Was in etwa der gleiche Gedanke ist, wie ich ihn habe, wenn ich von hochbegabten Kindern in umfänglichen Förderprogrammen höre; von traumatisierten Menschen erfahre, die austherapiert mit ihrer selbstgegründeten Familie und halbwegs gesichertem Leben in den Sonnenuntergang schauen und von Menschen, die ihre Depressionen mit einer Tablette täglich als erträglich empfinden können.

Ich frage mich, was an mir falsch ist, dass ich nichts davon auch habe. Nicht mal nah dran bin. Ich frage mich, was ich übersehe, welche Energie ich wo falsch hinpumpe, dass ich das nicht habe. Ich schaue in unsere Gesellschaft und frage mich, was läuft da falsch, dass ich mich nicht glücklich optimieren kann– wo ist denn dieser verdammte Sonnenschein, der andere Behinderte in die Fernsehkamera lächeln lässt?!

Und was genau ist eigentlich der Lebenswert von dem da dauernd gesprochen wird? Wenn Leben so preislos anzunehmen ist – braucht es dann noch eine zusätzliche Aufladung mit Wert? Steht Leben dann nicht eigentlich absolut darüber und sollte gar nicht erst in einer Wortkombination mit “wert” erscheinen?

Mein Leben ist nicht wertvoll für mich und das habe ich schon im Alter von 9 Jahren verstanden. Man kann mich im Kopf erneut zum Opfer von Gewalt machen und sagen, in meinem Lebensumfeld hätte ich ja auch keinen Anlass gehabt davon auszugehen, dass das anders ist. Man kann mir aber auch glauben, dass ich durchaus auch von Menschen umgeben war, die mir vermittelt haben, dass es okay ist, dass es mich gibt.
Man darf mir auch zuhören und verstehen, dass es nicht andere Menschen sind, die mir definieren, was mir mein Leben wertvoll oder auch “lebenswert” macht.

Leben ist einfach, für mich. Leben will nichts und Leben braucht nichts. Es ist einfach nur da. Und, ob man sich damit verbindet oder nicht und wie man es für sich be_wert_et oder füllt, liegt an den Personen selbst und dem Umfeld, in dem sie leben.

Für den Lauf der Dinge (das Leben) ist es irrelevant, ob es mich gibt oder nicht. (mehr …)


Facebook | |


Gleichstellungolympiade

6. Mai 2015 von Hannah C.

“Hallo.
Ich bin Hannah, 16 Jahre alt und ich würd gern hier mitspielen…”
Seit 3 Tagen schreibe ich mal wieder in alle möglichen Richtungen Bewerbungen oder Vorstellungsschreiben. Mal hier ein Wettbewerb, mal da eine Veranstaltung. Die Antwortquote liegt bei unter 10%  – die positiven Rückmeldungen gibt es in etwa 1%  der Antworten.

Mein Bemühen um dieses ominöse “Weiterkommen im Leben™” ist olympionikisch – olympiardisch? –ohh Lymp…hozyten dieser Welt vereinigt euch, mich Fremdkörper in dieser Welt, aufzuessen! – äh ja – Faden? Ach ja: Bewerbungen und Selbstdarstellung. Schon wieder voll verkackt – wie kann ein Kopf allein nur solche Sprünge haben machen?

Wie ich hier so sitze, in meinem Destroy Fascism – T-Shirt ohne Kragen, neben dem Bett mit beulig durchgelegener Matratze vor einem Fenster, das auf ein Dach zeigt, komme ich mir vor, wie jemand, der allen Grund hat, sinnlose Selbstdarstellungstexte mit Wertlack anzusprühen und davon zu träumen, wie das wohl wäre… 2000€ für diesen Preis – zack! alle Schulden weg. 10.000€ für jenen Preis – zack! Sektchen mit Kolleg_innen und jede Menge Ausbaumöglichkeiten, die ganz ganz ganz nah rücken, greif und nutzbar werden. Lobbyarbeit galore – eine Stimme für alle – hörbar werden, angehört werden, weil man plötzlich ein bisschen mehr ist wie die, die schon weiter gekommen sind. Boooyah!

Die meiste Zeit über motiviere ich mich zum Hoffen und merke mit jedem Mal mehr, wie viel Druck hinter Hoffnung ist. Es ist ein Privileg einfach immer das Beste hoffen zu können. Es ist eines dieser Privilegien, das einem anderen Privileg folgt: nämlich dem, Zweifel an die Seite von einem Order: “Guck, was schon alles geklappt hat” stellen zu können. Und das bedeutet wiederum, dass man es schon x-fach geschafft haben muss.
In aller Regel meint das: dass man schon weitergekommen sein muss im Leben ™.

Eigentlich weiß ich nicht mehr, wieso ich mich noch bewerbe. In den letzten Jahren tue ich es eigentlich nur noch, damit ich mein Schreiben über Hartz 4 – Realitäten und meinen eigenen Inklusionsaktivismus vor mir selbst rechtfertigen kann. Ich muss es bereits überall um mich herum verteidigen bzw. mindestens erklären– logisch muss ich es auch vor mir selbst.
Einfach loslegen – einfach machen und nicht drauf achten, was andere sagen, meinen, tun – das ist ein Privileg, derer, die andere Menschen nicht brauchen bzw. in Arten der Abhängigkeit sind, die dieses Handeln nicht bedroht. Einfach das Beste hoffen, ist das Privileg derer, die keine alles andere verzehrende Kraft aufwenden müssen, um ein Bestes zu tun.

“Hannah, wir haben 2015 – du bist nicht mehr 16. Änder das mal!”, rempelt mich etwas von innen an.
Ich drücke lange auf die Löschtaste. Und noch länger. Und noch eine ganze Weile.

Ich öffne meine Emails und lese, dass heute, der 5. Mai, der europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen ist.
Bei Twitter trendet die Re:publica.
Meinen Vortrag zur Inklusion und Selbstbestimmung von Personen, die zu Opfern von Gewalt wurden, wurde als irrelevant abgelehnt.

Draußen scheint die Sonne.
“Hei. Ich tue so, als wäre ich Hannah und an manchen Tagen weiß ich nicht, wo ich eigentlich die Kraft hernehme, noch auf irgendetwas zu hoffen.”, tippen meine Finger in die Open Office Textvorlage “Bewerbungsanschreiben” von 2008.
Man muss ja schließlich weiterkommen.
In diesem Leben™.


Facebook | |


das B-Wort

19. März 2015 von Hannah C.

Es gibt immer dieses kleine Zucken in meinem Gegenüber, wenn ich das B-Wort sage.
Es gibt kein Zucken, wenn ich davon spreche, dass ich mit Krampfanfällen, einem blinden Auge, einem spezifischen Cluster aus dissoziativer Selbst- und Umweltwahrnehmung lebe. Das ist irgendwie spannend. Ein bisschen komisch. “Aber irgendwie gehts ja. Ist ja kein Problem. Sie kommt ja klar”, denken manche nicht behinderte Menschen.
Doch das B-Wort verändert alles.

Für mich ist es wichtig geworden, mich auch als behinderte Frau* zu bezeichnen und die Symptome bzw. die Folgen meiner Gewalterfahrungen auch als die Behinderungen zu benennen, die sie für mich heute darstellen. Einfach, weil es noch viel zu wenig behinderte Frauen* gibt, die das tun (können).
Mir ist wichtig geworden meine Behinderung in den sozialen Kontext zu stellen, in der sie mir angetan wird und wurde.
Das wirkt sich in etwa so bequem aus, wie es das B-Wort für manche nicht behinderte Menschen ist.

BEHINDERUNG ist mit Wertungen belegt. Mit Bildern, die wiederum Bilder und Stereotype von (Menschen mit) Behinderungen in die Köpfe einbringen und einer bestimmten Haltung. BEHINDERUNG ist “sozial”, ist “etwas Gutes tun”, ist “menschlich”, ist “Barrieren wegschaffen”, ist “Förderung”, ist “irgendwas mit Power, Mut und ganz viel TROTZ.DEM”. Natürlich ist Behinderung auch “Leiden” und “an den Rollstuhl gefesselte Leute”, aber das sagt man heute nicht mehr oft, ohne dass an die Leidmedien verwiesen wird.
BEHINDERUNG ist für manche nicht behinderte Menschen aber vor allem: DIE ANDEREN

Auch für mich sind manche Menschen, die mit einer der mehreren Behinderungen leben, oft “die Anderen”, weil ich nicht mit dem geboren wurde, was sich später als meine Behinderung darstellte. Ich erlebe mich als besonders sozial und wohltätig, als menschlich stützend und Barrieren abtragend gelabelt, wenn ich auf dem Weihnachts-Oster-Partystand der Behindertenwerkstätten, handgemachte Topflappen kaufe. Nicht etwa, weil ich direkt mit den Menschen zu tun hätte oder eine Rampe gezimmert und ein ordentliches Blindenleitsystem in der Stadt installiert hätte, sondern, weil mein Handeln von den nicht behinderten Personen, die dieses Topflappenkaufen ermöglichen, in diesen Kontext gesetzt wird.
Letztlich sind sie es wieder, die besonders sozial, stützend und Barrieren abtragend sind, denn sie könnten ja auch alle Gelder für sich behalten. Könnten ihre Unterstützung einfach sein lassen.

So einen Verkaufsstand oder eine andere Aktion mal ganz ohne Nichtbehinderte machen? Kann klappen – wenn man weiß, wie es geht. Wenn man das Geld hat. Wenn man genug Power, Mut und ganz viel TROTZ.DEM in sich hat.
“Hab ich das?”, frage ich mich. “Muss ich das?”, frage ich in die Gesellschaft hinein.
Warum muss mein Engagement als behinderte Frau, mit so besonders viel Mut und Power und – wenn ich dann irgendwie ein bisschen dem Fuß in der Tür habe – ganz viel TROTZ.DEM einhergehen, um nicht von nicht behinderten Personen in meinem Handeln und seiner Wirkung abhängig zu sein?
Warum reicht es eigentlich nicht, wenn ich den Mut aufbringe, meine soziale Umwelt um Hilfe und Rücksicht zu bitten?

(mehr …)


Facebook | |



Anzeige