[Triggerwarnung: Gewalt gegen Frauen*, rape culture, sexualisierte Gewalt, Tätersolidarität. Gilt auch für die Links und die Kommentare.]
Studien in Deutschland und den USA zufolge wird etwa jeder vierten Frau mindestens einmal in ihrem Leben sexualisierte Gewalt angetan. Das ist ein ziemlich hoher Prozentsatz – und die Dunkelziffer dürfte sogar noch weit darüber liegen. Trotzdem gehen die meisten Menschen davon aus, weder Betroffene noch Täter in ihrem sozialen Umfeld zu haben. Rein rechnerisch müsste jede Person aber mindestens eine, wenn nicht sogar mehrere Betroffene kennen. Bei Tätern dürfte es sich ähnlich verhalten. Für die Betroffenen gibt es viele Gründe, zu schweigen. Im folgenden soll es darum gehen, welche Rolle das soziale Umfeld spielt und wie wir alle dazu beitragen können, der Vergewaltigungskultur, in der wir leben (müssen), etwas entgegen zu setzen.
Mangelnde Solidarität
Mangelnde Solidarität mit den Betroffenen von sexualisierter Gewalt ist ein Hauptgrund dafür, dass viele Betroffene die ihnen angetanen Gewalttaten nicht öffentlich machen. Oftmals befürchten sie, nach einem Outing des Täters (einem Öffentlichmachen der Taten) noch schlechter darzustehen als ohnehin schon. Leider sind diese Sorgen auch nicht ganz unberechtigt. Das soziale Umfeld der Betroffenen – Freund*innen, (Wahl-)Familienmitglieder, Politgruppen, Wohnzusammenhänge, usw. – verhält sich oft un_bewusst tätersolidarisch. Das reicht vom Nicht-glauben oder Herunterspielen der Tat über Entschuldigungen für das Verhalten des Täters bis hin zu Schuldzuweisungen an die Betroffene oder gar offene Drohungen. All diese Reaktionen sind Bestandteil einer Vergewaltigungskultur, also einer Kultur, in der sexualisierte Gewalt weit verbreitet ist, geduldet wird und für die Täter weitestgehend ohne Folgen bleibt. Eine Betroffene, die über die Taten spricht, stört diese Ordnung und wird dafür gesellschaftlich sanktioniert (bestraft).
Die Verantwortung liegt bei uns allen
Um diese Vergewaltigungskultur zu bekämpfen, müssen Bedingungen geschaffen werden, unter denen Betroffene sich trauen die Taten öffentlich zu machen und sich Unterstützung zu holen. Diese müssen sie in dem Falle natürlich auch uneingeschränkt erhalten. Auf der anderen Seite muss (potentiellen) Tätern deutlich gemacht werden, dass sie aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, wenn sie anderen Menschen sexualisierte Gewalt antun. Es muss also eine Situation geschaffen werden, in der allen klar ist, dass sexualisierte Gewalt nicht geduldet wird. Und zwar unter keinen Umständen.
Das Ganze klingt paradoxerweise (scheinbar widersprüchlich) genauso einleuchtend wie utopisch (Utopie = Wunschtraum). Die Verantwortung liegt bei uns allen. Wie wir mit Betroffenen und mit Tätern umgehen, entscheidet mit darüber, wie leicht es Menschen fällt, sexualisierte Gewalt anzuwenden. (Was aber keineswegs auch nur einen Bruchteil der Schuld von den Tätern nimmt.)
Konsequente Solidarität – Täter ausschließen
Auf High on Cliches ist letztes Jahr ein Beitrag erschienen, der seitdem beständig zu den Beiträgen gehört, die ich am häufigsten verlinke. Er gehört einer (sehr lesenswerten!) Serie mit dem Titel „You can stop r***“ („Du kannst Vergewaltigungen stoppen“) an, und wirft die scheinbar einfache Frage auf: „Warum seid ihr noch Freunde?“. Das Fazit, dem ich mich anschließen möchte, lautet:
Grenzüberschreitendes Verhalten hält nicht nur an, weil es Menschen gibt, die Grenzen überschreiten. Es hält an, weil eben diese Menschen keine Sanktionen zu erwarten haben. […] Also merke: Menschen, die Grenzen verletzen, sind nicht deine Freunde. Oder du bist mitschuld.
Der offene Ausschluss eines Täters erfordert jedoch eine Positionierung, die viele Personen lieber umgehen würden. Während der Ausschluss der Betroffenen stillschweigend erfolgt, muss im Falle des Auschlusses des Täters klar Stellung bezogen werden. Das mag für einige nicht einfach sein – verglichen mit dem, was die Betroffene durchmachen musste und muss, sollte sich der Blickwinkel jedoch etwas verschieben. Wichtig zu bedenken ist hierbei immer: Nicht die Betroffene ist es, die durch das Outing des Täters die vermeintliche „Harmonie“ stört. Dies hat der Täter längst selbst getan, indem er einem anderen Menschen Gewalt angetan hat. Das ignorieren der Tat macht sie nicht ungeschehen.
„Er hat sich doch schon dafür entschuldigt“
Forderungen der Betroffenen werden, wie bereits angesprochen, von Vielen als störend empfunden. Umso erleichterter ist das Umfeld oftmals, wenn der Täter sich entschuldigt, Reue zeigt und vielleicht sogar an sich arbeiten möchte (im letzten Fall werden teilweise sogar – völlig unangebrachter Weise – Kekse verteilt (Redewendung: unangebrachtes Lob für etwas, das selbstverständlich sein sollte)). In diesem Fall wird die Betroffene oft implizit (unausgesprochen) oder auch explizit (ausgesprochen) unter Druck gesetzt, die Entschuldigung anzunehmen, um „die Harmonie wiederherzustellen“ (sic!). Überraschung: auch das ist Bestandteil der Vergewaltigungskultur. Wer es einer betroffenen Person (im schlimmsten Fall ungefragt) nahelegt, eine solche Entschuldigung anzunehmen, verhält sich tätersolidarisch.
Kein Vergeben, kein Vergessen?
Die Vorstellung, dass sexualisierte Gewalt etwas ist, was auch das Leben des Täters nachhaltig beeinflussen soll, ist für viele Menschen unerträglich. Sie sprechen dann davon, dass Menschen die Chance gegeben werden sollte, sich zu ändern. Vielleicht sprechen sie sogar von Fairness. Mich erinnert das ein bisschen an die Berichterstattung im Fall Steubenville; statt darauf einzugehen, was die Taten für das weitere Über_Leben der Betroffenen bedeuten, wurde in erster Linie davon gesprochen, dass der Prozess die Leben der beiden Täter „zerstört“ hätte. Auch hier wieder: So funktioniert eine Vergewaltigungskultur.
Was also tun?
Wenn also die meisten von uns – ob gewollt oder nicht – mit zum Fortbestehen einer Vergewaltigungskultur beitragen, bedeutet das im Umkehrschluss auch, dass wir genauso daran mitwirken können, ihr etwas entgegenzusetzen. Ein wichtiger Schritt hierzu ist die bedingungslose und uneingeschränkte Solidarität mit den Betroffenen. Ein betroffenensolidarischer Umgang beinhaltet für mich den konsequenten Ausschluss von Tätern aus Politgruppen und Wohnprojekten. Auch dann, wenn der Täter sich entschuldigt hat und auch, wenn die Tat schon Jahre zurück liegt. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass alles andere zu weiteren Ausschlüssen führt. Und zwar von Betroffenen, die sich – aus Gründen! – nicht vorstellen können, mit Tätern zusammen zu arbeiten oder zu leben. Die vermeintliche Kompromisslösung: „Er darf mitmachen, bis eine Betroffene etwas anderes fordert“ halte ich hierbei für wenig praktikabel (umsetzbar). Zum einen erfordert eine solche Vereinbarung schon wieder die Initiative (Anregung) von Betroffenen. Es bedeutet einen weiteren Kraftakt von Menschen, deren Kraft oftmals längst erschöpft ist. Zum anderen halte ich es für wenig realistisch, dass ein Täter, der vielleicht schon seit Jahren in einer Politgruppe aktiv ist/ in einem Wohnprojekt lebt/… wirklich rausgeschmissen wird, wenn eine neu hinzugekommene Person das fordert. Ganz abgesehen davon, dass eine Person, die neu in ein Umfeld tritt, eine solche Forderung wohl in den wenigstens Fällen stellen würde. Räume zu schaffen, in denen Betroffene sich wohl fühlen können, halte ich für wichter, als einen Täter dafür zu belohnen, dass er sich mit seinen Taten auseinandersetzt. Und ich sehe auch nichts unfaires daran, wenn Täter die Folgen ihrer Taten auch nach Jahren noch zu spüren kriegen – denn das tuen die Betroffenen auch, in ihrem Falle nur leider unverschuldet.
Zeichen setzen
Ein derart konsequenter Umgang würde Zeichen setzen, und zwar sowohl in Richtung der Betroffenen als auch in Richtung der (potentiellen) Täter. Wenn (potentielle) Täter damit rechnen müssen, die Konsequenzen ihrer Taten ein Leben lang zu tragen, wird das die Hemmschwelle hochsetzen und auf Dauer dazu beitragen, dass weniger Menschen zu Tätern werden. Für Betroffene hingegen wird es die Hemmschwelle senken, das Schweigen zu brechen und sich Unterstützung zu holen. Der konsequente und dauerhafte Ausschluss von Tätern würde somit einen Schritt weg von der Täter- und hin zur Betroffenensolidarität bedeuten. Und könnte einen ersten Riss im Fundament unserer Vergewaltigungskultur bewirken.

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.