Der Artikel ist zuerst in der aktuellen Ausgabe von Analyse & Kritik erschienen
Die weltweite Slutwalk-Bewegung hat seit vergangenem Jahr auch hierzulande große Wellen geschlagen – und ging am Ende doch unter. Eine Spurensuche.
Die Gründungserzählung der Slutwalk-Bewegung hat sich eingebrannt: Ein Polizist erklärt Teilnehmerinnen eines Sicherheitstrainings an einer Universität in Toronto, sie mögen sich bitte nicht wie „Schlampen“ kleiden, wenn sie sich nicht sexualisierter Gewalt aussetzen wollen. Wenige Wochen später gehen tausende Menschen in Toronto und danach weltweit auf die Straße um gegen sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungsmythen zu protestieren.
Der Polizist aus Kanada ist kein tragischer Einzelfall, sexualisierte Gewalt und ihre Verharmlosung bis hin zur Normalisierung sind massenmedial verhandelte Phänomene, wie das aktuelle Spiegel-Interview mit Jörg Kachelmann und seiner Ehefrau zeigt. Es sind Effekte eines patriarchalen wie sexistischen Machtgefälles, welches die Gesellschaft nach wie vor bedingt und formt. Insofern ist es nicht überraschend, dass die Slutwalks international unzählige Nachahmungen fanden.
Eineinhalb Jahre später gibt es die Slutwalks immernoch, allerdings ist die Beteiligung an den Demonstrationen im Vergleich zum vergangenen Jahr stark zurückgegangen, auch die mediale Präsenz des Slutwalks und seinen transportierten Botschaften ist spürbar gesunken. Wer nicht in bestimmten feministischen und frauenpolitischen Kontexten unterwegs ist, hat vielleicht sogar verpasst, dass hierzulande Menschen gegen sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungsmythen auf die Straße gegangen sind.
Zeitgemäßer feministischer Widerstand?
Die Slutwalks stellen sich in eine radikalfeministische Tradition der Kritik an der patriarchalen Reglementierung weiblicher Körper und Sexualität. Verknüpft wurde diese Tradition mit politischen Ausdrucksweisen des sogenannten „Dritte Welle“-Feminismus, der Erzählungen und erkämpfte Grundsätze aus früheren feministischen Bewegungen aufgreift, einen statischen wie engen Politikbegriff aufbricht und kulturelle Erzeugnisse wie selbstironisierende Performances in die eigene Vermittlungsarbeit einbezieht. Die Riot Grrrl Bewegung, die oft als Beispiel für diesen „Feminismus der dritten Welle“ genannt wird und im Zuge derer sich bereits vor 20 Jahren die damalige Bikini Kill Frontfrau Kathleen Hannah das Wort „Slut“ auf den Bauch schrieb, um den voyeuristischen Blick auf ihren eigenen Körper umzudrehen, fand sich auch in den Slutwalks wieder. Insofern stehen Slutwalks für zeitgemäßen feministischen Widerstand. Nur was bedeutet diese Aktualität letztendlich? Und zu welchem Preis passiert dieser Widerstand? Die an den Slutwalks geäußerten und nach wie vor bestehenden Kritiken konstatieren nicht viel Positives.
Wenige Wochen nach den ersten Demonstrationen im nordamerikanischen Raum im letzten Jahr wurde feministische Kritik an der Form und Zusammensetzung der Slutwalks laut, die bis heute in großen Teilen ungehört zu bleiben scheint. Kritisiert wurden nicht nur der Name und die damit einhergehende Aneignungs- und Umdeutungspolitik, die mit den Begriffen „Slut“ und „Schlampe“ zunächst vollzogen werden sollte, sondern auch der Slutwalk selbst, der in Nordamerika und Westeuropa hauptsächlich von weißen, gut situierten, in der Mehrzahl heterosexuell lebenden Frauen initiiert und getragen wurde.
Wunsch vieler Organisator_innen war es stets, Slutwalk als gemeinsamen Kampf zu begreifen, der sich über nationalstaatliche Grenzen und Differenzen unter Feminist_innen hinwegzusetzen vermag. Reichlich naiv ist daher die Vorstellung, dies könne durch ein Label verwirklicht werden, dem Ausschluss und Verletzung zu Grunde liegen. Denn neben der Kritik, der Begriff könne gar nicht die vielfältigen Formen sprachlicher Erniedrigung von unterschiedlich sozial positionierten Frauen reflektieren, ging mit der Aneignung und gewollten Aufwertung des Begriffes durch die Organisator_innen und Aktivist_innen in der Konsequenz eine Abwertung und Entsolidarisierung von all jenen einher, die sich nicht durch einen entsprechenden Habitus oder den Ruf nach sexueller Befreiung von diesem Label mindestens temporär freisprechen können.
Mitglieder der Sexarbeiter_innen-Selbstorganisation Hydra e.V. und forderten von den Organisator_innen des letztjährigen Berliner Slutwalks, sich mit dem paternalistischen und herabwürdigen Blick vieler Feminist_innen auf Sexarbeiter_innen auseinanderzusetzen. Sie wünschten sich nicht nur eine oberflächliche Adressierung ihrer Interessen, sondern konkrete Maßnahmen zur aktiven Einbeziehung von Sexarbeiter_innen in die Kämpfe des Slutwalks. Die Antidiskriminierungsorganisation LesMigras wies im gleichen Atemzug auf die fehlende Sensibilisierung hinsichtlich der Überlagerung von sexistischen und rassistischen Strukturen hin.
Auf diese konkreten Kritiken wurde unzureichend oder gar nicht reagiert. Die Organisation eines städteübergreifenden Slutwalks an einem festgelegten Datum genoss beispielsweise höhere Priorität als der Umgang mit selbstverschuldeten Ausschlüssen.
Sichere Räume versus mediale Aufmerksamkeit
Obwohl in diesem Jahr also die Kritik an der Begrenztheit des Labels „Slut“ bzw. „Schlampe“ nicht nur aus dem US-amerikanischen Raum bekannt war, nannten die Organisator_innen eine Soli-Party für den aktuellen Berliner Slutwalk schmerzbefreit: „Alles Schlampen – auch Mutti“. Ironischerweise wird damit nicht nur die fortwährende Kritik am Begriff komplett ignoriert, sondern gleichzeitig wiederholt, was eigentlich Gegenstand der Kritik von Demonstrierenden war und ist: Die Zurückweisung von sexistischen Beleidigungen und Fremdbezeichnungen. Auf der Veranstaltung selbst kam es mehrfach zu sexualisierten Übergriffen von Partygästen. Die Veranstalter_innen distanzierten sich später von den Vorfällen. Obwohl die unzureichende Awarenesspolitik an dem Abend, die es Tätern ermöglicht habe, sich sanktionsfrei an anderen Partyteilnehmer_innen „zu bedienen“, mehrfach bemängelt wurde, war bei den Organisator_innen von Verantwortungsübernahme nichts zu spüren.
Ähnliche Bedenken wurden vor dem Münchener Slutwalk geäußert, nachdem bekannt wurde, dass die Demonstrationsroute direkt am Gelände des Oktoberfestes entlang führen werde. Der Wunsch nach einem halbwegs sicheren Raum für alle potentiellen Teilnehmer_innen des Slutwalks wurde mit der Begründung, es gäbe dadurch viel mehr Aufmerksamkeit für den Walk, vom Tisch gefegt. Mögliche retraumatisierende Erlebnisse oder sexualisierte Übergriffe stellten für die Veranstalter_innen kein Argument dar.
Offenbar ist es vielen Veranstalter_innen der Slutwalks sowie Demonstrationsteilnehmer_innen wichtiger, nicht als „Opfer“ zu gelten, deren Handlungsfähigkeit und Bewegungsfreiheit durch patriarchale Strukturen eingeschränkt wird, denn einen möglichst breit aufgestellten und nachhaltigen Protest zu ermöglichen. Die Sichtbarmachung als Betroffene von Sexismus, die solch eine Demonstration zwangsweise mit sich bringt, reicht schon, um antifeministische Klischees der ewig nörgelnden Emanze zu reproduzieren und sich von Menschen abzugrenzen, die nicht Handlungsfreiheit und Schutz gegeneinander ausspielen wollen.
Historische Konfliktlinien feministischer Kämpfe
Die vielfältigen Kritiken an den Slutwalks mögen auf den ersten Blick vielleicht als ein ausschließlich von identitätspolitischen Ansprüchen getriebener Interventionsversuch erscheinen. Allerdings zeigen die Demonstrationen, ihre massenmediale Verhandlung und der Umgang der einzelnen organisierenden Slutwalk-Gruppen mit diesen Kritiken deren elementare Bedeutung: An den Slutwalks werden Verwerfungslinien, die sich durch die Historie feministischer Kämpfe ziehen, sichtbar. Die Fragen nach Solidarität, Bündnispolitik, Utopien, reformistischer oder radikaler Gesellschaftskritik stellen sich im Feminismus immer wieder neu, weil Gesellschaft nicht statisch einfach nur „da ist“, sondern sich widersprüchlich und prozesshaft verhält. Deshalb sollten diese Fragen von Feminist_innen immer wieder aufgegriffen und verhandelt werden. Allerdings halten es viele Aktivist_innen schlicht nicht mehr für nötig, sich mit innerfeministischen Kritiken auseinanderzusetzen, die seit jeher Anstoß und Motor feministischer Ideen und Widerstandsstrategien gewesen sind.
Ein positives Beispiel zeigt die Gruppe „enter_the_gap!„, die aus der Organisationsstruktur des vergangenen Hamburger Slutwalks hervorgegangen ist. „Uns ist bewusst geworden, dass unsere eigene Perspektive Mittelpunkt der bisherigen Arbeit darstellte – und dass wir somit ein ‚feministisches WIR‘ produziert haben, was in dieser Form nicht existiert. Das wollen wir ändern, vor allem durch Fragen wie ‚wer spricht?‘ und ‚wer spricht für wen?‘ bei der Organisation unseres Protests“, erklärten zwei Mitglieder der Gruppe vor einigen Wochen in einem Interview und ließen den großen Worten Taten folgen: Ende August fand eine Aktionswoche mit Workshops unter anderem zu Intersex, Antisemitismus, Sexarbeit, Porno und Rassismus statt. Am 8. September folgte eine Demonstration mit mehreren Kundgebungen durch die Hamburger Innenstadt. Damit reagieren „enter_the_gap!“ nicht nur produktiv auf innerfeministische Kritiken, sie verhalten sich zudem verantwortungsvoll gegenüber feministischen Kämpfen, in deren Tradition sie sich stellen. Hoffentlich bleiben sie hierzulande zukünftig keine Ausnahme.

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