Am Prenzlauer Berg verstopfen Rinder die Gehwege, verstellen mit ihren Kinderwagen die Cafés und holen ihre unbedeckten Euter heraus, um ihre Kinder zu stillen. So steht es in einem Vorabdruck in der Taz von „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter“ – ein soeben erschienenes Buch der Journalistin Anja Maier. Im Untertitel behauptet die Autorin über Edel-Eltern und ihre Bestimmerkinder zu schreiben. Tatsächlich sind ihr Feindbild aber die P-Berger Mütter. Obwohl ihre Fakten nicht stimmen, ihre Beschreibungen von altbekannten Klischees strotzen, erfährt sie erstaunlich viel Zuspruch. Warum dieser Mütter-Hass?
(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Anja Maier spricht nicht selbst in dem Kapitel, das die Taz druckte, sondern lässt eine Kaffeehausbetreiberin über die schwäbischen „Rinder“ herziehen, die alles bio und antiallergisch wollten, ihre Kleinkinder zum Chinesisch-Unterricht schickten und ihre Ehemänner für all das zahlen ließen, weil sie selbst mindestens drei Jahre Babypause machten.
Die Tirade der Wirtin hat einen heftige Diskussion in der Kommentarspalte der Taz hervorgerufen und Betrachtungen des Problems in zahlreichen Zeitungen. Interessant daran ist, dass die meisten den Ost-West-Konflikt sehen: Alt-Ostberliner gegen zugereiste Schwaben. Nur wenigen fällt auf, dass die Beschreibung von Müttern als Rinder, die ihre Euter herausholen, wohl so ziemlich die übelste sexistische Beschimpfung von Frauen ist, die einem in den letzten Jahren jenseits von Mario Barth untergekommen ist.
Haben unsere Mütter nicht in den Siebziger Jahren dafür gekämpft, dass sie in der Öffentlichkeit stillen durften? Richtig: Das war in Westdeutschland. Und frau könnte sich im Sinne der Ostberliner Wirtin fragen, ob denn öffentliches Stillen so eine tolle Errungenschaft ist, wenn die Mütter den ganzen Tag im Café sitzen, sich nur um die Blagen sorgen und dem Mann auf der Tasche liegen, der derweil mit der Sekretärin knutscht.
Das Problem an diesem Bild ist, dass es nicht stimmt. P-Berger Mütter sind überwiegend berufstätig. Das hätte Anja Maier merken können, wenn sie ihr Manuskript auf logische Widersprüche untersucht hätte. So moniert sie etwa im ersten Kapitel steuerfinanzierte Elternschaft, bedauert, dass die Mütter ihren Beruf für ihre Kinder aufgeben und behauptet nur einen Absatz weiter, dass diese Typen, die irgendwas mit Medien machen, Fantasiemieten zahlen können (Seite 14). Wie man irgendwas mit Medien machen kann, teure Miete zahlen und auch noch Partner und Kinder durchfüttern, würde ich mir gern mal verraten lassen! Dass sich die P-Berger Eltern Bioessen und teure Mieten leisten können, liegt eben genau daran, dass die Frauen sich nicht von Männern durchfüttern lassen. Dass die stillenden Mütter schon 40 sind, wie Anja Maier mehrfach verächtlich bemerkt, widerspricht ihrer Behauptung sie sähen ihre Rolle nur als Mutter und in ihren Kindern den einzigen Lebensinhalt.
Entgegen aller polemischen Beschreibungen sind die Spielplätze am P-Berg an Werktagen leer. Für voll halten könnte sie nur, wer nicht weiß, dass so ein Spielplatz am Wochenende nicht fünf sondern 50 Kinder fasst. Bis vor kurzem hat der Vater meiner Kinder dort gewohnt, ich im angrenzenden Wedding. Unsere Kinder gingen in eine Kita auf halbem Weg – und das war im P-Berg. Dort gab es genauso viele Gruppen für unter Drei-Jährige wie für Kindergartenkinder; die meisten blieben bis 16 Uhr, viele auch länger. Wer keine Berufstätigkeit nachweisen kann, bekommt solche Kita-Plätze gar nicht.
Wie Anja Maier sind wir inzwischen an den Stadtrand gezogen. Im Gegensatz zu ihr haben uns allerdings nicht die verzogenen Gören der Nachbarn vertrieben: Im P-Berger Altbau meines Freundes gab es nur drei Kinder. In meinem Weddinger Sozialbau indes 27 auf fünf Etagen. In diesem Zahlenverhältnis offenbart sich ein weiterer Mythos, den Anja Maier verbreitet, obwohl er schon vielfach widerlegt wurde. Der P-Berg ist tatsächlich weit weniger kinderreich als die migrantisch geprägten Kieze.
Aber auch uns begann das Wohnumfeld zu nerven. Wir fanden es bedenklich, als der Bioladen dichtmachen musste, weil die Betreiberin die Miete nicht mehr zahlen konnte und stattdessen das zigste thailändische Restaurant dort einzog. Als dann der Ballettschule im Hinterhof gekündigt wurde, weil dort Eigentumswohnungen hinein sollten, war außer dem Späti nichts mehr übrig, was man gebrauchen konnte. Es gab nur noch Designer-Läden und Restaurants. Mit diesen Sorgen fielen wir natürlich gänzlich in Anja Maiers Klischee der schwäbischen Rinder. Aber diese Wirklichkeit zeigt auch, dass ihr Buch schon veraltet ist: Gekämpft mit der Attitüde „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter“ habe ich nicht gegen Ostberliner, sondern gegen geführte Touristengruppen, die auf meinem Weg zur Kita Gehsteig und Fahrradstreifen versperrten – und das war nicht erst gestern, sondern schon vor drei Jahren so.
Anja Maier behauptet also eine ganze Menge Zeugs, was nicht stimmt. Ihre Hasstiraden auf Mütter können nicht damit gerechtfertigt werden, dass sie schlicht eine tragische Wahrheit aussprechen würde, auch wenn dass die Mehrzahl der Kommentatoren unter dem Taz-Artikel behauptet.
Warum also dieser Hass? Die Väter kommen als gutverdienende Schlappschwänze dagegen relativ gut weg. Ganze zwei Kapitel von über 40 sind ihnen gewidmet. Das ist erstaunlich. Denn während die Mütter sich wahrscheinlich wenig von anderen Mittelschichtsmüttern in jeder x-beliebigen deutschen Stadt unterscheiden, findet man solche Väter sonst nur in Enklaven. Sie schieben Kinderwagen vor sich her und engagieren sich im Kitaelternrat. Viele von ihnen tragen noch ihre Studentenkluft und fahren mit Einkaufstaschen und Kindern beladene Lastendreiräder durch die Gegend.
Julia Heilmann und Thomas Lindemann kommen in ihrem Buch „Babybeschiss. Wie Eltern über den Wickeltisch gezogen werden“ daher zu dem Schluss, dass die Väter Grund für den P-Berg-Hass sind. Die kinderreichste Region Deutschlands ist das niedersächsische Cloppenburg, haben sie recherchiert.
„Seltsamerweise haben wir aber noch nie einen Artikel über das krasse Cloppenburg mit seinen fiesen Kinderwagenarmeen gelesen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass in Cloppenburg traditionell gelebt wird. Papa geht zur Arbeit, Mama bleibt zu Hause. Die bürgerliche Welt ist in Ordnung. In Prenzlauer Berg ist sie das nicht. Dort zeigen sich Eltern und wollen Teil der Stadtkultur werden. (…) Es gibt hier auch Väter, die mit ihren Kindern kommen. Sie tragen die gleichen Klamotten, mit denen sie abends noch manchmal Szeneclubs aufsuchen. In dieser Gegend wird neues Elternsein ausprobiert. Das hassen die Journalisten offenbar“, schreiben die Autoren.
Man muss anfügen: Nach den Kommentaren in der Taz zu urteilen, sind es nicht nur Journalisten, die Schaum vorm Mund kriegen, wenn sie einer Mutter begegnen, die ihre Möpse auspackt, um ihr Kind zu stillen.
Frauen sind häufig Ziel des Hasses, wenn gesellschaftliche Veränderungen als bedrohlich empfunden werden. Das kann daran liegen, dass sie für diese Veränderungen verantwortlich gemacht werden oder dass sie sichtbarstes Zeichen dafür sind, wie etwa die Kopftuch tragenden Musliminnen.
Eine besondere Abwehrreaktion rufen Brüste hervor. So gab es in den letzten 50 Jahren nur zwei Kleidungsstücke, die eine aufgebrachte gesellschaftliche Debatte hervorgerufen haben: Das Kopftuch und der Bikini.
Eine Studie der Montana State University fand heraus, dass Frauen, die ihre Kinder stillen, als weniger kompetent angesehen werden. Eine Gruppe Testpersonen sollte die Schauspielerin Brooke Shields beurteilen, nachdem sie erfahren hatten, dass sie ein Buch über ihre Erfahrungen mit Stillen, Baden und Umgang mit einem Neugeborenen geschrieben hatte. Bei einer zweiten Gruppe wurde im Text das Wort „Stillen“ durch „Flaschenernährung“ ersetzt. Die erste Gruppe schätzte Shields als wärmer und freundlicher ein, aber als generell dümmer und schlecht in Mathe.
In einem weiteren Experiment wurden Entschuldigungen für die spätere Ankunft bei einem Abendessen verglichen. Eine Frau entschuldigte sich damit, dass sie nach Hause musste, um ihr Kind zu stillen. Eine weitere damit, dass sie ihr Kind baden musste. Eine dritte schaute noch mal Hause vorbei, um ihren halterlosen BH anzuziehen.
Am intelligentesten schien den Testpersonen die Frau, die ihr Kind baden wollte. Die Forscher zogen daraus den Schluss, dass Brüste generell mit Dummheit assoziiert werden. Allerdings hätten viele der Testpersonen, die Frau mit dem halterlosen BH eingestellt, der Mutter, die ihr Kind stillte, wollte fast niemand einen Job geben.
Im P-Berg treffen wir auf ein Phänomen, das viele als unnatürlich empfinden: Die Mütter stillen, sind gebildet, arbeiten und sind womöglich auch noch gut in Mathe.
Man kann Anja Maier und ihrer Wirtin schlecht vorwerfen, sie wollten Frauen ins Haus verbannen. Schließlich wollen sie, dass Mütter arbeiten gehen. Sie haben auch nichts gegen Kinder: Sie haben selber welche. Sie wollen aber die Trennung von Öffentlichkeit und Privatsphäre, von Kultur und Natur aufrechterhalten. In dieser Weltsicht darf die Frau Mann sein, wenn sie hinaus in die Welt geht. Sofern sie aber Mutter ist, ist sie ganz Natur und soll sich bitte schön verstecken.


Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.