Als ich letzte Woche vom Büro Richtung Bushaltestelle lief, fiel mir ein kleiner Junge auf, ungefähr im Grundschulalter. Dieser stand mit Ranzen auf dem Rücken ein wenig seltsam in der Gegend herum und ich brauchte eine Weile, bis ich kapierte, was er da machte: Der Junge pinkelte in die Grünanlagen und das sehr öffentlich an einer Kreuzung von zwei mehrspurigen Straßen.
Den ganzen Weg nach Hause und noch ein wenig länger grübelte ich immer wieder über dieses Geschehen. Ich gestehe es einem Kind in diesem Alter wirklich zu, dass es sich mit seiner Blase einfach mal vertut und auf dem Weg von der Schule merkt, dass es kein Halten mehr gibt. Das kann passieren und in diesem Fall war der Kleine wohl einfach nur froh, sich so einfach Erleichterung verschaffen zu können.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Trotzdem blieb und bleibt ein fader Beigeschmack. Für den kann der Junge in erster Linie nichts, für den können aber all die erwachsenen Männer etwas, denen ich schon beim Pinkeln zusehen durfte. Um es vorweg zu nehmen: Nein, das ist nicht der Neid der Besitzlosen!
Den kenne ich auch, ganz klar. Den kenne ich von Festivals mit dreckigen Dixies, den kenne ich von Campingausflügen, von verschmutzen Autobahnraststätten oder Feten in irgendwelchen Holzhütten mitten im Wald. Unvergessen z.B. die Geschichte, als sich meine Freundin Doro bei einer dieser Feiern in Brennnesseln hockte. Heute lachen wir darüber, damals hat sie ganz schön geflucht und natürlich, als Mann wäre das nicht passiert.
Aber wenn ich samstagabends auf dem Heimweg dem dritten strullernden Mann begegnet bin, nein, dann bin ich nicht neidisch, dann bin ich, ja, angepisst. Mich nervt das, verdammt! Ich frage mich, warum ich an einem durchschnittlichen Wochenende eben nicht dauernd auf den Gehweg pinkelnden Frauen begegne, wohl aber Männern! Ja, auch ich weiß, wie sich eine volle Bierblase anfühlt. Komischerweise schaffe ich es trotzdem immer noch zur nächsten Toilette, genauso wie meine Freundinnen. Und wenn es mich wirklich mal überkommen sollte und absolut keine Toilette in der Nähe wäre, dann gehe ich doch hinter einen Busch, suche mir eine versteckte Ecke im nächsten Park, wasweißich. Aber ich pinkel doch nicht einfach an den erstbesten Baum?! Wobei man ja schon Glück haben kann, wenn es ein Baum und nicht das eigene Auto ist, das dann unter dem Gejohle der besoffenen Kumpels im Namen des heiligen Urinus getauft wird.
Jungs, Männer, was soll das? Bekommt ihr von klein auf beigebracht, dass es total okay ist für einen Mann, wo er gerade muss die Hose herunterzulassen? Wurde das vielleicht auch dem kleinen Jungen gelehrt, den ich beobachtet habe? Ist es einfach cool und frei, gar ausgesprochen männlich, überall wo man Lust hat, mal zu machen? Und wie findet Ihr das überhaupt, wenn Ihr an den Pinklern wobei kommt? Seid Ihr unangenehm berührt? Neidisch? Emotionslos? Ich kenne einige Geschichten von prüfenden Vergleichsblicken an Pissoirs – gibt’s die auch bei den Freilandpinklern?
Ist Euch das denn gar nicht peinlich? Nicht mal ein bisschen?
Uns Mädels bleibt wohl nur ausdauerndes Stehpinkeltraining. Und hoffentlich werden wir uns dann dieses neue Können für die dreckigen Klos aufheben und uns nicht mit den Männern an den Bäumen aufreihen!

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