Es gibt sie, diese Zeitungsartikel, nach deren Lektüre man sich am liebsten gleich wieder im Bett verkriechen und die Decke über den Kopf ziehen würde. Einer von dieser Sorte fand sich heute im Tagesspiegel: „…weil ich im stehen Pinkeln kann“
Gleichzeitig ist es auch einer der Artikel, für die ich am liebsten einen Lesebefehl aussprechen würde. Den ich gerne als Flyer auf der Straße verteilen und auf Spielplätzen antackern würde. Weil ich ihn für ungemein lesens- und nachdenkswert erachte.
Worum geht es? Der Berliner Tagesspiegel hat Grundschullehrkräfte gebeten, Kinder im Alter von ungefähr zehn Jahren einen Text zum Thema „Warum ich gerne eine Mädchen/Junge bin“ schreiben zu lassen. Diese 100 Aufsätze wurden mit 181 Aufsätzen aus dem Jahr 1980 verglichen und so versucht, Veränderungen in den 30 Jahren dazwischen zu beschreiben.
Die Ergebnisse bergen einiges an „Grusel-Gefahr“ (wie Alba im Selbermach-Sonntag meint):
Die Annahme, die Kinder seien heute weit weniger von alten Stereotypen beeinflusst, erwies sich als falsch. Im Gegenteil sind ihre Aussagen stark von Rollenklischees geprägt. So schreibt David, er sei gerne ein Junge, „weil Jungen sterker sind. weil ich beser mit Holtz bauen kann. ich kann beser schwimmen. dann kann ich beser mit Jungen spielen. und weil ich beser auf Bäume kletern kann. weil ich schneler rennen kann, weil ich weiter springen kann“. Immer wieder betonen die Jungen körperliche Eigenschaften.
[…]
Stereotyp sind auch die Antworten der Mädchen: „Als Mädchen bekommt man Kinder. Mädchen können sich um Kinder kümmern. Mädchen sind meistens ordentlicher als Jungs. Als Mädchen kann man schöne Sachen anziehen. Als Mädchen kann man sich schminken. Als Mädchen kann man die Haar schön frisieren. Mädchen sind nicht so brutal wie Jungs. Manchmal möchte ich ein Junge sein. Jungs sind manchmal sportlicher als Mädchen. Jungs haben später keine Regeln.“
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Mit deprimierender Regelmäßigkeit liest man: „Ich bin gern ein Mädchen, weil ich lange Haare habe“, „weil ich mich schminken kann“, „weil ich schöne Sachen anziehen kann“. Praktische, auf Hausarbeit bezogene Tätigkeiten werden 2010 nicht mehr genannt. Dafür gibt es nun einen neuen Aspekt: „weil Mädchen besser als Jungen schoppen gehen“ können. Seltener geworden sind auch Äußerungen, die auf das angepasstere Verhalten von Mädchen zielen: „weil die Mädchen vernünftiger sind“, „Mädchen haben ein besseres Benehmen“, „Wir brechen uns nicht so viel wie Jungs, zum Beispiel beim Boxen oder Fußball“. Mädchen halten es also nicht mehr für so wichtig für ihre Rolle, angepasst zu sein und Fähigkeiten im Haushalt zu beherrschen. Attraktiv zu sein hat für sie hingegen deutlich gewonnen.
[…]
Die Jungen empfinden, dass sie zum bevorzugten Geschlecht gehören. Sie unterliegen weniger Zwängen: „immer schön aussehen müssen“, „sich immer waschen müssen“, „sich schminken und Röcke oder Kleider tragen müssen“. Und sie haben größere Freiheiten: „weil Jungen wilder spielen und toben dürfen“, „Jungen dürfen mehr Faulheit zeigen“, „für Jungen gibt es coole Spiele, die es für Mädchen nicht gibt“.
Aber warum ist das alles so? Die Autorin Renate Valtin, Professorin für Grundschulpädagogik an der Humbold Universität, gibt folgende Antwort:
[…] In allen Kulturen gilt das Geschlecht als wichtige Kategorie für die soziale Differenzierung. Mit ihr verbindet sich eine Vielzahl geschlechtsbezogener Erwartungen und Vorschriften. Kinder lernen schon sehr früh, welche Merkmale in ihrer Kultur als „männlich“ und welche als „weiblich“ angesehen werden – und welches Verhalten vor diesem Hintergrund als abweichend gilt.
Da fiel mir die das Abschusspanel „Mode und Feminismus“ des Barcamp wieder ein, die Diskussion um rosa Mädchenkleider, blaue Jungsklamotten und Glitzeroberteile für erwachsene Frauen und leicht naiv anmutende Frage eines Diskussionsteilnehmers, was denn daran „so schlimm“ wäre, sich „weiblich“ zu kleiden.
Eine von vielen Antworten auf diese Frage könnte folgender Absatz des Artikels sein:
Allerdings – so zeigt unsere von der DFG geförderte Längsschnittstudie „Aida“ an über 3000 Berliner Jugendlichen – wirken die Stereotype des Selbstbildes nach: Weibliche Jugendliche sind unzufriedener mit ihrem Äußeren, weil sie offenbar von dem zunehmenden Schönheitswahn der Erwachsenenwelt beeinflusst werden. Sie entwickeln weniger Ich-Stärke als männliche Jugendliche, das heißt, sie verfügen über ein weniger positives Selbstbild und eine geringere psychische Stabilität, auch ihr Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit und ihre Erfolgszuversicht sind im Schnitt geringer ausgeprägt. Und: Obwohl sie in stärkerem Maße für die Gleichberechtigung von Frau und Mann in Familie und Beruf eintreten als die männlichen Jugendlichen, wählen sie in der großen Mehrheit geschlechterstereotype Berufe mit geringen Aufstiegschancen.
Leider endet der Artikel kurz danach und lässt uns Lesende so zwar aufgewühlt aber gleichzeitig recht hilflos zurück. Deswegen die Frage an euch: Was tun?

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