Am kommenden Freitag erscheint unser Buch „Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht“ bei Hoffmann & Campe. Hier könnt ihr das leicht gekürzte Einstiegskapitel des Buches schon vorab lesen:
Darum ist Feminismus toll
Alle jungen Frauen wollen heute das Gleiche, nämlich: genauso viel verdienen wie Männer, die gleichen Aufstiegschancen, einen gleich großen Anteil an der Macht in unserem Land und nicht vor die Entscheidung »Kind oder Karriere« gestellt werden. Wir wollen uns in keiner Lebenssituation mehr einreden lassen: »Das gehört sich nicht für eine Frau« oder »Mädchen können das nicht«. All das sollte eigentlich selbstverständlich sein, und doch ist es das nicht. Wenn die Gleichberechtigung der Geschlechter in unserem Land schon Realität wäre müssten wir nicht darüber reden. Realität aber ist, dass wir weiter um Emanzipation kämpfen müssen, in fast allen Bereichen des Lebens. Je weiter diese Erkenntnis wächst, desto absurder klingen die oft strapazierten Worte »Ich bin keine Feministin, aber …« Schluss mit dem Quatsch! Wir sind Feministinnen. Alle. Weil wir doch alle genau das wollen, was auch der Feminismus will: gleiche Verhältnisse für Frau und Mann. Also sollten wir auch etwas dafür tun!
Das Problem: Viele halten Feministinnen für hässlich, spaß- und männerfeindlich, ironiefrei und unsexy. Das alles wollen wir uns natürlich nicht nachsagen lassen, und deswegen streiten die meisten von uns lieber ab, irgendetwas mit »den Emanzen« zu tun zu haben. Dabei ist der Feminismus laut Definition der Encyclopedia Britannica nur: »the belief in the social, economic, and political equality of the sexes«, also »der Glaube an die soziale, ökonomische und politische Gleichheit der Geschlechter«. Alles, was über diese Definition hinausgeht, ist oftmals Vorurteil, Klischee. Also etwas, das kluge Menschen kritisch hinterfragen sollten.
Die Frauenbewegung hat uns ermöglicht, ein leichteres, angenehmeres Leben zu führen als die Generationen vor uns. Aber weil der Feminismus selbst nichts Leichtes an sich zu haben scheint, interessiert er viele Frauen nicht länger. Wir hören häufig, der Feminismus versage auch und vor allem deshalb, weil er die Probleme junger Frauen von heute nicht lösen könne. Diese Kritik kommt nicht nur aus der zu erwartenden konservativen Ecke, sondern auch von postfeministischen Publizistinnen, die behaupten, der Feminismus sei tot. Auf die Idee, dass der Feminismus einfach nur mal auf den neuesten Stand gebracht werden muss, ist bislang offenbar niemand gekommen.
Dabei haben wir freie Hand: Wir können uns den Feminismus doch zurechtzimmern, wie wir es für die heutigen Umstände als angemessen und sinnvoll erachten. Der alte Feminismus hat keine Lösung für das Dilemma »Beruf oder Familie«? Dann muss der neue Feminismus eine finden! Der alte Feminismus will die Frauen stärken, indem er die Männer erst einmal ausschließt? Dann muss ein neuer Feminismus den Männern erklären, warum es auch für sie super ist, wenn wir uns weiterentwickeln.
Manche Frauen möchten sich am liebsten ganz von dem Begriff verabschieden, zum Beispiel die Autorin Thea Dorn: Das Wort »Feminismus« schleppe einen unerwünschten Überbau mit sich herum, weswegen dringend ein neuer Begriff gefunden werden müsse. Sie schlägt dann auch gleich mal den Titel ihres Buches, »F-Klasse«, als Alternative vor.
Sag nicht, der Feminismus sei tot
So voreilig wollen wir den Feminismus aber nicht aufgeben. Es stimmt nicht, dass wir nichts erreichen können, wenn wir mit so einem vorbelasteten Begriff ankommen. Wir sind viel zu verliebt in den Feminismus. Feministinnen sind nicht die männerhassenden, schlechtgekleideten alten Frauen aus dem Klischee. Die Leserin muss nur einmal in den Spiegel schauen und sich fragen, ob sie für Gleichberechtigung ist – und wenn ihre Antwort »Ja!« ist, weiß sie, wie Feministinnen heute aussehen.
Die Vorurteile Feministinnen gegenüber sind genauso bequem wie die Annahme, es sei doch alles in schönster Ordnung. Der Klassiker: »Immerhin gibt es jetzt eine Bundeskanzlerin!« Dieser Satz nervt, ist er doch in den seltensten Fällen als Ansporn gemeint; öfter hat er einen Vorwurf im Schlepptau – dass unsere Bundeskanzlerin der Beweis dafür sei, wir wären bereits gleichberechtigt: »Was wollt ihr denn? Jetzt muss aber mal Schluss sein mit dem Klagen.«
Wir wollen gar nicht klagen, das haben wir hinter uns, gegenüber unseren Freunden, Eltern, Kollegen. Als der männliche Kollege wieder einmal bevorzugt wurde. Als sich der Idiot an der Bar nicht verkneifen konnte, uns an die Brust zu fassen. Als die dritte Freundin wegen der Kinder zu Hause blieb und sagte, dass sie und ihr Freund es eben so beschlossen hätten. Uns jungen Frauen reicht es nicht mehr, immer und immer wieder nur festzustellen, dass etwas falschläuft, aber absolut orientierungslos zu sein bei der Frage, wo wir anfangen sollen, etwas zu ändern. Die Frauengeneration vor uns, Katja Kullmanns »Generation Ally«, erlaubte es sich noch, sich nur verwundert die Augen zu reiben und zu fragen, was denn mit ihrer Welt los sei. Sie waren doch gleichberechtigt erzogen worden und standen nun in einem überhaupt nicht gleichberechtigten Leben. Katja Kullmann erklärte das »feministische Versagen« ihrer Generation später einmal damit, dass sie viel zu überwältigt von den vielen kleinen Ungerechtigkeiten gewesen sei, als dass sie hopplahopp konkrete Forderungen daraus hätte ableiten können.
Wir können. Wir haben uns das jetzt einige Jahre angeschaut, und es ist eher schlechter als besser geworden. Es gibt sogar wieder echte Kampfzonen: Seit 2004 fordern konservative Feuilletonisten von uns, endlich mehr oder überhaupt mal Kinder zu kriegen. Man wirft uns Hedonismus, Egoismus und Karrierismus vor. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Junge Frauen ziehen sich massenweise ins Privatleben zurück, weil der Druck in der Berufswelt steigt und sie stattdessen wieder ihre sogenannte biologische Rolle als Mutter leben wollen. Plötzlich, mit dem ersten Kind, kommt Frauen unseres Alters der Gedanke abhanden, dass man Haushalt und Geldverdienen mit dem Partner auch fiftyfifty teilen könnte. Das Baby wird zum neuen Trend-Accessoire für die Frau, nur um sich wenigstens noch ein bisschen am Leben zu fühlen. Ein Leben, das nur noch aus der Beschaffung der geeigneten Ernährung für das Kind, den besten Windeln, der Bereitstellung der angesagtesten pädagogischen Anregung und dem Austausch und Streit mit anderen Müttern über all das besteht.
Die meisten von uns wollen auch Kinder, sogar ganz freiwillig und ohne finanzielle Anreize aus der Politik. Viele Männer unseres Alters haben den gleichen Wunsch. Gemeinsam mit ihnen wollen wir unser Leben gleichberechtigt managen – jeder verdient die Hälfte des Geldes, jeder kümmert sich zur Hälfte um die Kinder und um den Haushalt. Zwischen uns und diesem Plan stehen nur eine ganze Menge Hindernisse: ungleiche Löhne, fehlende Krippenplätze, gesellschaftliche Rollenmuster und nicht zuletzt wir selbst, wenn wir nichts gegen rückständige Verhältnisse unternehmen, sondern sich jede für sich mit allem arrangiert; wenn wir denken, der Feminismus sei doch was von vorgestern und wir könnten uns auf den Errungenschaften aus vergangenen Zeiten ausruhen.
Sehnsucht nach den Fünfzigern
Nach ein paar Jahren »Och, passt schon alles« stehen wir da, und es zeigt sich – besonders krass an der Demografiedebatte, die seit 2004 an allen Fronten leidenschaftlich geführt wird –, dass Mann-Frau-Rollen heute wieder ungestraft ganz traditionell und rückständig gedacht werden können. Und das nicht nur von Feuilleton-Machos und im konservativen Altherren- und -damenlager. Auch unter jüngeren Menschen taucht plötzlich eine Sehnsucht nach Fünfziger-Jahre-Idylle auf. Zum Beispiel schreibt die 1973 geborene Autorin Alexa Hennig von Lange in der Süddeutschen Zeitung über die Rollenverteilung in ihrer Beziehung: »Meinem Mann liegt es eben mehr, die Kekse zu essen, als sie zu backen. Während ich sie lieber für ihn backe, als sie zu essen.« Bei solch einem Bekenntnis ist uns eher nach Weinen als nach Lachen zumute.
Offenbar ist die Freiheit, die wir heute in unserer Lebensplanung genießen, nicht so leicht zu handhaben. Deswegen können wir eben sagen: »Alles erledigt. Wir können alles machen, was wir wollen. Also Schluss mit diesem anstrengenden Feminismus-Ding.« Scheinbar automatisch werden wir in alte Rollenmuster gedrängt, vor allem, wenn Kinder kommen. Weil wir in den meisten Fällen weniger verdienen als die Männer, bleiben wir zu Hause. Natürlich verteidigen wir ganz im Sinne der neoliberal-individualistischen Stimmung in unserer Gesellschaft diese Entscheidung: dass wir sie gemeinsam mit dem Partner getroffen hätten und wir das selbst auch wollten. Wir könnten auch auf den Tisch hauen, eben weil wir weniger verdienen und deshalb immer wieder in die Familienrolle gedrängt werden. Doch davor schrecken die meisten unserer Generation zurück – huch, bloß nicht auffallen! Also ignorieren wir, dass wir so frei eben doch noch nicht sind und dass es immer noch Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern gibt. Der Rückschritt ist ein schwer zu bekämpfender Gegner, wenn alle so tun, als gehöre die Welt schon zur Hälfte den Frauen, aber in Wirklichkeit eben nicht alles frei wählbar ist. Der Postfeminismus ist eine hinterhältige Sau.
Feministen gesucht
Weil sich der neue Feminismus grundsätzlich gegen jedes Geschlechtervorurteil richtet, kämpft er automatisch für die Männer mit. Und die lassen sich leicht dafür begeistern, dem dumpfen, rülpsenden, sexgierigen Klischee des Mannes etwas entgegenzusetzen. In der aktuellen Debatte darum, wie Frauen und Männer heute sein sollen, kämpfen moderne Männer dafür, dass auch sie verständnisvolle, engagiert ihre Kinder umsorgende Partner sein dürfen. Ihrer Haltung steht die Behauptung gegenüber, das liege nicht in der Natur des Mannes, vielmehr in der der Frau. Von der Angst getrieben, »wahre Männlichkeit« könnte es bald nicht mehr geben, beschwört die Altherrenriege der Journalisten, Henryk M. Broder, Frank Schirrmacher und Matthias Matussek, leidenschaftlich den Untergang der Männer – an dem die Emanzipation schuld sei. Da schreibt Broder im Spiegel unter der Überschrift »Endstation: Apartheid«, dass Frauen und Männer sich zueinander verhielten wie zwei nicht kompatible Betriebssysteme, und Schirrmacher behauptet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Frauen würden die Bewusstseinsindustrie übernehmen, ohne dass die Männer es mitbekämen. Das alles liest sich so heulsusig, dass wir Feministinnen uns geradezu genötigt sehen, für den modernen Mann mitzukämpfen. So wie der für uns moderne Frauen kämpft, indem er unsere Sorgen ernst nimmt und sich dafür einsetzt, dass wir gleichberechtigt leben können.
Die Anziehungskraft zwischen Mann und Frau geht nicht verloren, wenn sich die Geschlechterrollen einander annähern, wenn Männer auch mütterlich sein dürfen und Frauen auch kerlig. Im Gegenteil: Männer, die selbstbewusst neue Rollen ausprobieren, sind sehr sexy. Der moderne Mann, der althergebrachte »Männlichkeitsrituale« kritisch hinterfragt, hat sich nur noch nicht als Role Model durchgesetzt. Zu verlockend finden es manche Menschen noch – nicht nur Männer, auch Frauen –, fortschrittliche Männer als »Weichei«, »Warmduscher« oder »Lusche« abzuqualifizieren. Aber wir mögen diese Männer, und wir wissen, dass neue Frauen neue Männer brauchen, um ihren Plan von wirklicher Gleichberechtigung umsetzen zu können. Die Typen, die jetzt noch jammern, weil sie sich von den Frauen bedroht fühlen, werden sich ändern müssen. Oder eben leer ausgehen.
Frauen und Männer sollten weniger gegeneinander, sondern mehr miteinander gegen biologisch begründete Geschlechterklischees kämpfen, gegen all den »Frauen können nicht einparken und Männer nicht zuhören«-Mist, der trotz aller entgegengesetzten wissenschaftlichen Erkenntnisse so beliebt ist. Die britische Soziologin Dianne Hales hat etwas ausgesprochen, das uns Maxime sein sollte: »Die Unterschiede zwischen Frauen und Männern sind genau das: Unterschiede. Keine Zeichen für irgendwelche Defekte, Schäden oder Krankheit.«
Wir sollten Unterschiede zwischen Frauen und Männern einfach als natürliche Vielfalt sehen und nicht gegeneinander ausspielen. Die meisten Studien über spezifisch weibliches und männliches Verhalten zeigen, dass die Unterschiede zwischen Frauen untereinander und die unter Männern größer sind als die zwischen den Geschlechtern.
Feministinnen haben mehr Spaß
Es gibt also sehr viele und sehr gute Gründe für den Feminismus. Er muss offen für alle sein, nicht nur für Frauen und Männer, sondern auch für Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zu einzelnen Fragen in Sachen Feminismus. Der alte Feminismus hat sich oft schwer getan damit, abweichende Meinungen zu tolerieren oder auf Frauen zuzugehen, die in einzelnen Punkten anderer Auffassung waren. Sicherlich musste eine Bewegung damals ein ganzes Stück weit autoritär sein, um sich durchsetzen zu können. Doch damit hat es uns der Feminismus auch schwer gemacht, ihn auf diese Art wirklich zu mögen.
Wir gehen jetzt die ersten Schritte, ohne dabei den Anspruch zu erheben, den Weg der Wahrheit von Anfang an zu kennen. Wir werden sogar immer mal wieder nachjustieren müssen. Diese Flexibilität ist keine Schwäche, sondern wird zur Stärke, wenn sich wieder mehr junge Frauen mit dem Ding »Feminismus« identifizieren können. Die Floskel »Ich bin ja keine Feministin, aber …« wird es dann bald nicht mehr geben – weil sich jede Frau gut fühlen kann bei den Worten »Ich bin Feministin«. Es schwingt darin mit, dass sie ein mündiger Mensch ist, sich mag, was im Kopf hat, über sich selbst lachen kann. Dass sie Spaß am Leben hat.
Meredith Haaf, Susanne Klingner, Barbara Streidl: Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht. Hoffmann & Campe, 250 Seiten, 19,95 Euro, ab Freitag im Buchhandel.
Nachtrag Juli 2009:
„Wir Alphamädchen“ gibt es jetzt auch als Taschenbuch, erschienen bei Blanvalet, 250 Seiten, 7 Euro 95.
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