Jungen und Schule

von Katrin

Eine neue Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) sorgt für Wirbel: Männliche Lehrkräfte benachteiligen Jungen in der Schule genauso, wie weibliche – manche sogar mehr als diese. Das widerspricht eklatant dem Weltbild, mit dem Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann seit einigen Jahren hausieren geht.

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über die KFN-Studie:

„“Mehr Männer in die Grundschulen zu holen, wird nichts helfen“, warnt dagegen Christian Pfeiffer. [KFN-Leiter / Anm. der Autorin] Nach seinen Ergebnissen müsse man sogar befürchten, dass dann das Bildungssystem noch mehr Ungerechtigkeiten für Jungen produziere. Pfeiffer hält es für notwendig, dass alle Pädagogen, egal welchen Geschlechts, mehr Sensibilität für Jungen entwickeln und stärker auf sie zugehen. Offenbar würden Jungen von Frauen wie Männern vernachlässigt: in der Annahme, sie hätten als das „starke“ und lange dominierende Geschlecht keine besondere Aufmerksamkeit nötig und würden sich schon durchsetzen.“

Es ist seit gut zehn Jahren auf dem Tableau der wissenschaftlichen Erkenntnisse angekommen, dass Jungen in der Schule schlechter sind, als Mädchen. Seitdem ereigneten sich eine Menge Panik-Artikel und unterirdische Berichterstattungen. Nicht selten mit dem Ziel, das weibliche Personal der Schulen einseitig für diese Tatsachen verantwortlich zu machen. Die „harten Jungs“ kämen mit den „weichen Lehrerinnen“ und deren Pädagogik halt nicht zurecht, so propagierte auch Bergmann stets und stetig. Die Feminisierung der Schulen hielt als Erklärung für die Ursache allen Übels her.

Kritische Stimmen gingen in diesem Paniksumpf völlig unter, wenn sie anmerkten: Dass Jungen schlechter in der Schule seien als Mädchen, sei kein neues, sondern nur ein neu aufgebauschtes Phänomen, das es aber schon seit den Sechzigern gibt – nämlich seit Mädchen tatsächlich genauso selbstverständlich die Schule besuchen, wie Jungen und nicht mehr strikt von ihnen getrennt werden.

Feminisierung des Lehrerberufes, zu wenig „männliche Härte“ in den Schulen, (aktive) Benachteiligung von Jungen durch weibliche Lehrkräfte – der Empörungssturm war enorm. Viel mühsame Arbeit wurde durch VertreterInnen aus Wissenschaft und Forschung investiert, um in Büchern wie „Jungen – die neuen Verlierer“* oder auch in „Doing Gender im heutigen Schulalltag“** eine differenzierte Betrachtung dieses Phänomens „Schwache Jungen“ zu ermöglichen***. Mit der KFN-Studie könnte ein weiterer Schritt für einen sachlicheren und wirklich lösungsorientierten Dialog geschafft worden sein.

Literatur:

* Schmauch,Ulrike/Rose, Lotte (Hg.): „Jungen – die neuen Verlierer? : auf den Spuren eines öffentlichen Stimmungswechsels“- Königstein/Taunus: Helmer, 2005.

** Faulstich-Wieland, Hannelore: „Doing Gender im heutigen Schulalltag – empirische Studien zur sozialen Konstruktion von Geschlecht in schulischen Interaktionen“; Weinheim 2004

*** Siehe hierzu: Tagungsbericht zur Veranstaltung „Jungen: Die starken Schwachen?“ der Heinrich-Böll-Stiftung, 2008




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 12. Februar 2009 um 15:07 Uhr unter Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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26 Kommentare

  1. jj sagt:

    Mein Eindruck war eigentlich nicht, daß es darum geht, das den Lehrerinnen in die Schuhe zu schieben, sondern, daß eine allgemeine Verschiebung dessen, was als „normal“ oder „problematisch“ angesehen wird – vor allem mit Bezug auf das Ausleben von Aggression von pubertierenden Jungs – stattgefunden hat. Die Frage ist halt, ob der Begriff „Feminisierung“ dafür angemessen ist – aber es scheint ja schon so zu sein, daß (im Gegensatz zum Leben) Aggressivität in der Schule bestraft wird. Vielleicht auch ein Grund, warum Frauen in der Schule so erfolgreich sind, sich dieser Erfolg aber nicht so im Berufsleben wiederspiegelt (oder noch nicht).

  2. Katrin sagt:

    direkte Anmerkung dazu: Bei kleinen Jungen ist „Aggression ausleben“ normal. Und bei Mädchen?
    Also im grunde geht es da ja schon los.
    a) Man befeuert die Aggressivität von Jungen als normal; man erwartet sie regelrecht; Stichwort Selffulfilling Prophecy;
    b) Mädchen und Aggression = no go; Ist das wirklich ein Gewinn für sie? Ich habe Aggressivität erst in den vergangenen Jahren gelernt und sie ist (verdammt nochmal!!) hilfreich.

  3. jj sagt:

    Katrin,

    ich denke, daß a) eben nicht mehr so ist. Im Gegenteil – trotz aller Sonntagsbekenntnisse dazu, wie gesund und notwendig das Ausleben von Aggression ist, ist die Realität doch die, daß körperliche Aggression in der Praxis in keiner Weise mehr als normal angesehen wird. Und andere – Ballerspiele werden doch durchegehend als Ausdruck einer kranken Psyche und als Vorläufer eines Amoklaufs angesehen. Jedenfalls ist das meine Erfahrung.

    Frauen sind meines Erachtens nicht weniger aggressiv, sie sind nur weniger physisch aggressiv und deswegen fällt ihre Aggression im sozialen Umfeld nicht so auf – ihre Aggressivität scheint dem gegenwärtigen Umfeld besser angepasst.

  4. Katrin sagt:

    das nennt man dann auch „passiv aggressiv“ ;)

    das absurde ist, dass man a) in Kindergärten und Kitas eben wohl betreibt und auch sieht (geschweige denn in Familien). Schule hingegen „bestraft“ dieses Verhalten. Das sind doppelte Botschaften an Jungen, Botschaften, die sich mit dem Schuleintritt plötzlich radikal in das Gegenteil verkehren.

    Gleichzeitig finden in der Schule eben trotzdem „Selffulfilling Prophecies“ statt. Das ist empirisch belegt.

  5. Judith sagt:

    hallo ihr!

    ich will ja mal keine spielverderberin sein, aber..
    .., dass lehrer und lehrerinnen *körperliche*(!) aggression ab einem gewissen schüleralter nicht mehr so doll finden, macht doch irgendwie auch sinn.
    in der erwachsenenwelt gibt es ja auch eher strafrechtliche sanktionen bei körperlicher aggression (siehe rihannas lover usw.) als bei aggression, die sich auf eine etwas sublimiertere art und weise präsentiert.
    sich „hochboxen“ im ganz wörtlichen sinn bringt einem im berufsleben ja auch nur in wenigen branchen etwas (karriereziel bandenchefin, yeah..)

    (jetzt mal ganz davon ab, ob das eine oder das andere oder beides mehr in der „natur“ von dem einen oder der anderen liegt)

  6. Katrin sagt:

    es geht ja nicht um Gewalt. aber einfach mal laut schreien. Oder wütend sein dürfen, also offen, nicht unterdrückt… das sind schon Tabus

  7. access denied sagt:

    Tja, die Schule ist nunmal nicht darauf eingestellt, mit Aggression zurecht zu kommen. Wie sollten sie auch. In die Schule gehen die wenigsten gerne, denn diese Orte sind furchtbar und eine siebte Klasse ist ein in sich geschlossenes, faschistisches System.
    In der Schule ist nicht der geringste Platz für Kreativität. Musikunterricht beschäftigt sich mit Notenschreibweise, Kunstunterricht mit sinnlosen Maltechniken, alles vorgegeben, da hat man keine Lust dazu! Faust lesen gilt als Muss, obwohl es eine stinklangweilige Quälerei ist, wie neunzig Prozent der gelobten deutschen Literatur.
    Kampfsport statt Fussball wäre eventuell eine Lösung, die etwas egalitärer ist, aber da schreien ja alle gleich „Gewalt“ und finden’s ganz böse, denn der Schein will ja aufrecht erhalten werden. Auf der anderen Seite werden sich die Sportmuffel (wie ich auch einer war) auch dafür genausowenig interessieren wie für den Fussballterror.

    Das Problem sind nicht weibliche und männliche Lehrer, dass Problem ist das brutale Unterdrücken jeglicher Kreativität und Individualität in den sog. Bildungseinrichtungen.
    Im Übrigen schlagen Mädchen auch immer öfter zu, sogar mit Schlagstock usw., alles eine Frage der Erziehung und besser eine Tochter die mal ein bischen austeilt als eine, die alles in sich reinfrisst und magersüchtig wird oder sowas.

  8. access denied sagt:

    „in der erwachsenenwelt gibt es ja auch eher strafrechtliche sanktionen bei körperlicher aggression“

    Solange beide Parteien freiwillig zustimmen, sich zu prügeln und das nicht in der Öffentlichkeit stattfindet (höheres Rechtsgut öffentlicher Frieden usw.) gibts auch keine Anzeige

  9. Susanne sagt:

    @ access denied:

    In die Schule gehen die wenigsten gerne, denn diese Orte sind furchtbar und eine siebte Klasse ist ein in sich geschlossenes, faschistisches System.

    Na na na, deine schlechten Erfahrungen in allen Ehren, aber deinem Kommentar würde etwas mehr Differenzierung gut tun.

  10. access denied sagt:

    Du täuschst Dich, wenn Du meinst, dass das meine primären Erfahrungen sind. Ich war in der Siebten genauso ein kleines A******** wie andere meiner Kumpels und hab so manchen Hieb ausgeteilt. Das brutale Ausgrenzung und Terrorisierung von „Sonderlingen“, also Strebern, Dicken und Stillen der Normalalltag an der Schule sind, ist schlicht eine Tatsache. Das die Schulen dagegen nichts tun, ebenso. Was sollten sie auch tun?
    Ich verweise hier einfach mal auf die Minima Moralia, Seite 219, Kapitel 123:
    „Im Faschismus ist der Alptraum der Kindheit zu sich gekommen“.

  11. SoE sagt:

    Also der Herr Pfeiffer ist mir bisher vor allem durch unqualifizierte Kommentare zu sog. „Killerspielen“ aufgefallen die er pauschal verteufelt und abgeschafft sehen will. Und er hat sich im Fall um den ertrunkenen Joseph eingemischt… Seine Forschung scheint mir häufig tendenziell zu sein. Deswegen bin ich hier auch lieber vorsichtig.

    Was mich weiter an allen Artikeln zum Thema „die armen Jungs werden total benachteiligt“ aufstößt, ist wie dauernd Äpfel mit Birnen verglichen werden, obwohl das Problem mit dem Kuchen nicht die Frucht sondern der Zuckeranteil ist (um es metaphorisch auszudrücken).

    Wer einmal seine Eltern und Großeltern fragt, stellt fest, dass es früher tatsächlich noch die Prügelstrafe gab, mit der unruhige Kinder „beruhigt“ wurden. Das traf bereits überpropotional viele Jungs, aber ist in der Retrospektive keine Diskrimination, so scheint es. Seitdem hat man die Schule aber in keiner Form überarbeitet, um kindlichem Bewegungsdrang und der Ausbildung sozialer Kompetenzen IM Unterricht gerecht zu werden.

    Wer glaubt denn noch ernsthaft, es würde ausreichen, Grundschülern nach 45 Minuten still sitzen und Klappe halten 5 Minuten zu geben, wenn ihre Eltern sie morgens zum selber duschen vor dem Fernseher und abends während des Abwaschens vor der Spielkonsole parken?

    Das Mädchen weniger rumhüpfen und rumschreien, liegt sicher auch daran, dass man ihnen das konsequenter abgewöhnt („Och Jacqueline, Du hast die guten Schuhe an, nich in Matsch damit und jetzt blök mich nich so an“). Massives Mobbing unter Mädchen ist später leider auch ein Problem, dass aber gerne von Schulen ignoriert und unter den Teppich gekehrt wird.

    Insgesamt denke ich, dass aufmüpfige Schüler und (!) Schülerinnen diskriminiert werden, einfach weil sie den Unterricht für Lehrer erschweren, während die diejenigen, die alles über sich ergehen lassen, es wenigstens erlauben, den Stoff in der Stunde durchzuziehen.

  12. jj sagt:

    Judith,

    „in der erwachsenenwelt gibt es ja auch eher strafrechtliche sanktionen bei körperlicher aggression (siehe rihannas lover usw.) als bei aggression, die sich auf eine etwas sublimiertere art und weise präsentiert.“

    Das mit Rihannas lover ist natürlich ein problematisches Beispiel. Aber – abstrakt – könnte und sollte man vielleicht auch gesamtgesellschaftlich mal darüber definieren, was eigentlich „Gewalt“ ausmacht, und ob es fair ist körperliche so oft anders als psychische Gewalt zu werten. Das ist alles ziemlich komplex und ich will ganz sicher die „Jungenschwäche“ nicht auf das Thema alleine begrenzen.

    Es gibt wenig männliche Vorbilder, auch weil niemand mehr weiß, was Männlichkeit eigentlich sein soll – sein darf – und Männer die Definitionshoheit über „Männlichkeit“ schon lange abgegeben haben. Das ist gar nicht konfrontativ gemeint – Identitätspolitik das war einfach bis vor kurzem kein relevantes Thema außer für Frauenpolitikerinnen/Feministinnen, die in dem Bereich daher heute schlicht die Fäden in der Hand halten, institutionell und auch ideologisch-konzeptionell. Damit fällt ihnen jetzt auch eine größere Verantwortung im gesellschaftlichen Diskurs um Männlichkeit zu auch wenn das weh tun mag und nicht einfach ist.

    Ich meine, wir arbeiten uns hier schon länger an dem Thema ab und sind nicht wirklich weiter – und viele der Jungs sind noch dazu mit unterschiedlichen Männlichkeitskonzeptionen konfrontiert – die aus ihren Ursprungskulturen und die (fehlende) in Deutschland (im Westen). Und das in der Pubertät, wo alles noch unklarer ist und sich das sozialstatusbezogene Partnerwahlverhalten in der eigenen Umgebung beobachten lässt. Das ist sicher extrem verwirrend, wenn dazu noch eine oft fehlende ökonomische Perspektive kommt. Und das ist dann Verwirrung, die sich wohl schon in ungesunder Gewalt ausdrücken kann.

    Ich meine, das ist die andere Seite der dummen Sprüche über Rihanna auf gmx (siehe anderer Thread). Männer fühlen sich (als Mann) ständig kritisiert und angegriffen – angehende Männer nehmen das wahr und wissen erst recht nicht, wie sie damit umgehen sollen.

  13. Judith sagt:

    jj,
    was ist daran so schlimm, wenn einem keiner mehr präzise vordefiniert, wie mann als mann zu sein hat?
    ich find’s super, dass die konzeption von „weiblichkeit“ heute breiter und durchlässiger ist, als noch vor fünfzig jahren.

  14. access denied sagt:

    Identität ist ein Konstrukt, wie sollte es auch anders sein. Einerseits, weil jeder an sich „arbeitet“, im weiten Sinne also konstruiert. Andererseits aber, weil Identität verlangt wird und zwar nicht irgendeine, sondern vorgegebene. Sei es die männliche und weibliche, die Arbeiter- oder was Dackelvereinsidentität. Die zunehmende Vielfalt schafft aber nicht das Grundprinzip ab, nach dem die bürgerliche Gesellschaft nach Verallgemeinerung strebt und dies in der Feindschaft zum besonderen vollzieht. Die Anpassung an dieses Prinzip ist nur durch Selbstaufgabe des Individuellen möglich, sofern dieses individuelle dem Prinzip zuwiederläuft, was nicht unbedingt der Fall sein muss. Wenn aber all dies zwingend vorgegebenen ist, ist die Chance hoch, dass Jugendliche verunsichert werden und blindlings um sich schlagen. Als Angehöriger der ersten „Null-Bock-Generation“ erfahre ich das täglich an mir selbst, denn mir sind all die bürgerlichen Identitätsangebote fremd und verhasst. Für dieses Dilemma gibt es meines Erachtens momentan keinen Ausweg, der allen offen steht
    Und solange wird in der Schule geprügelt und gemobbt, Existenzen zerstört werden

  15. access denied sagt:

    Nachtrag: deswegen kann die Schule auch nichts dagegen tun, sofern überhaupt willig. Das ewige Mantra des „Gewalt ist keine Lösung“ war schon immer falsch und schwachsinnig. Letztendlich verlangt es vom gequälten Schüler oder der gequälten Schülerin, sich seinen KLassenkameraden asuzuliefern, denn sie hassen ihn, egal ob er freundlich ist oder nicht, ob er offen oder verschlossen ist und er/sie kann höchstens auf Ruhe hoffen. Wehrt er/sie sich aber und bringt die Peiniger mit ein paar gezielten Schlägen zum schweigen, wird ihm oder ihr dies auch noch zum Vorwurf gemacht (wobei ich damit nicht sagen will, dass jede Schulhofschlägerei deswegen passiert, wohl eher die Minderheit, will nur dieses idiotische und verblendete Mantra darstellen als der Unfug, welches es ist)

  16. jj sagt:

    Judith,

    kann ich mir vorstellen… ;). Nicht falsch verstehen – ich bin sehr gegen restriktive Rollenbilder. Aber Freiheit ist eben nicht immer einfach – the paradox of choice von Barry Schwartz ist ein gutes Buch in dem Zusammenhang, auch wenn er sich mehr mit Marmeladesorten beschäftigt. Das Problem ist, daß es im Falle von Männlichkeit genau zwei Modelle gibt: das „klassische“ (zu dem ich auch die aus anderen Kulturen rechne) und – „gar keins“. „Gar keins“ ist aber selten mit Freiheit konnotiert – und wird schon gar nicht so verkauft – , sondern mit Dekonstruktion und Vorwürfen an die vermeintlich hegemoniale Männlichkeit verbunden. Zu den individuellen Problemen mit dem Leben und dem Lernen kommt auch noch eine Art gesamtgesellschaftlicher Vorwurf zum tendenziell soziopathischen Geschlecht zu gehören.

    Natürlich wird kein Mann öffentlich zugeben, mit sich selbst als Mann nicht im Reinen zu sein – denn Frauen wollen ja starke, selbstbewußte Männer – aber gleichzeitig haben wir alle eigentlich keine Vision mehr davon, was uns eigentlich ausmacht. Und die Identifikation als Person erfolgt ja nicht zuletzt über die Identifikation als Mann.

    Ist alles nicht so einfach…

  17. Jacob sagt:

    „Also der Herr Pfeiffer ist mir bisher vor allem durch unqualifizierte Kommentare zu sog. “Killerspielen” aufgefallen“ Genau! Ich würde mir gerne mal die Studie anschauen, die er gemacht hat..

    Ich finde euere Diskussion zum Thema „Aggression“ interessant, würde die Ursache für das Problem, aber eher banaler annehmen: unbewusst werden Mädchen besser benotet, etc. weil die LehrerInnen nach Jahrtausenden von Unterdrückung der Frauen einfach ein schlechtes Gewissen haben bzw. vielleicht Angst vor der „Feminismus-Keule“ wenn sie Mädchen schlechter benoten..
    Mir erscheint die Begründung etwas billig :), die Ursachen sind wahrscheinlich einfach vielschichtiger..

  18. Jacob sagt:

    Nachtrag: mit „die Begründung“, meine ich meine eigene.. :)

  19. Katharina sagt:

    jj,

    ich glaube nicht, dass es nur ‚klassisch‘ oder nichts gibt. Ich bin z.B. mit einem Mann zusammen, der alles andere als klassisch ist, Gewalt überhaupt nicht mag (obwohl er in einer Prügelei beste Chancen hätte, mal rein körperlich gesehen), der gerne kocht, mich versteht und sich verstehen lässt, aber trotzdem kein Weichei ist, und sondern durchaus stark und selbstbewußt. Wir stützen uns gegenseitig: Immer der, der sich gerade stark fühlt, übernimmt die größere Last. Und er hat kein Problem damit, sich auch mal von mir helfen zu lassen. Andersrum habe ich kein Problem, wenn er mir hilft. Und da draußen sind ganz sicher noch mehr, die den Spagat geschafft haben und sich ein eigenes Selbstbild gebaut haben!

    Es ist ja gut und schön zu sagen, dass Frauen sich in den letzten Jahrzehnten zu den Experten des Geschlechterbilds entwickelt haben und deshalb die Fäden in der Hand haben. Aber das nützt doch euch Männern nichts! Ihr müsst schon selbst entscheiden, wer ihr sein wollt, und dann damit in die Öffentlichkeit gehen. Im Moment sehe ich aber in der Öffentlichkeit (nicht privat!) nur Männer auf dem Defensivtrip, die versuchen, die alten Posten zu verteidigen. Die haben aber schon verloren, auch wenn sie es noch nicht wissen. Die andere Sorte, die für sich selbst einen Weg gefunden haben, müssten jetzt nur ein bisschen solidarischer werden und den anderen (z.B. den Jungen) helfen, ein neues Selbstbild zu bauen. Solange hier keine Diskussion (von Männern für Männer!) stattfindet, können euch auch die weiblichen Experten nicht helfen.

    Nicht hilfreich ist allerdings, da hast du recht, den Mann als den Bösen per default einzusetzen. Andererseits, auch das musst du uns zugestehen, entspricht das Klischee nur zu oft der Wirklichkeit… auch da müssten die Männer mit aktiv werden und ZEIGEN, dass sie nicht ihr altes Gewaltmonopol erhalten wollen. Öffentlich. Vielleicht auch mal auf einer Party den Mund aufmachen. Das wäre mal ein Schritt in die richtige Richtung.

  20. jj sagt:

    Katharina,

    „ich glaube nicht, dass es nur ‘klassisch’ oder nichts gibt.“

    Nicht falsch verstehen – ich glaube nicht, daß es neben klassisch nur „nichts“ geben kann, aber eben schon daß im Moment neben klassisch nur „nichts“ gibt – einzelne Männer kommen damit eben besser zurecht als andere und bauen sich dann ihre eigene Identität. Ich hoffe ja auch, daß ich das hinbekommen habe. Aber das löst nicht das gesellschaftliche Problem.

    „Solange hier keine Diskussion (von Männern für Männer!) stattfindet, können euch auch die weiblichen Experten nicht helfen.“

    Das Problem ist, es wird aus meiner Sicht keine männliche Diskussion geben können, solange – gerade in der Schule (dem wie access denied meint „geschlossenen faschistischen System einer Klasse), gerade in der Pubertät – nicht klassisch maskulines Verhalten keinen nachhaltigen Erfolg bei Mädchen/Frauen hat (und sich damit in der männlichen Status Hierarchie etablieren oder das Selbstbewußtsein entwickeln kann, sich daraus auszuklinken). Auch später ist das ja durchaus ein Problem. Ich will da wirklich nicht monokausal argumentieren, aber durchaus ein Bewußtsein dafür schaffen, wie abhängig das männliche Selbstbewußtsein (und damit die Möglichkeit sich über klare Rollenbilder hinaus zu entwickeln) von weiblicher Anerkennung abhängig ist. Den meisten Frauen scheint das nicht klar zu sein, weil Männer darüber nicht so öffentlich reden – denn Schwäche ist ja eben *kein* Aphrodisiakum. Aber eine starke Persönlichkeit, die über klassische Rollenbilder hinaus denkt und handelt, muß fast notwendiger eine Phase der Introspektion und Schwäche durchgemacht haben, was aber niemand freiwillig tut, insbesondere nicht, wenn das eigentlich von (einzelnen) Frauen (und insbesondere pubertierenden Mädchen) nicht im geringsten honoriert wird.

    „Die andere Sorte, die für sich selbst einen Weg gefunden haben, müssten jetzt nur ein bisschen solidarischer werden und den anderen (z.B. den Jungen) helfen, ein neues Selbstbild zu bauen.“

    Ja, aber ich glaube nicht, daß Sozialarbeiter oder Männerbewegte dafür die richtigen Ansprechpartner sind, was wiederum bedeutet, daß das erst passieren kann, wenn sich zufällig ein neues Bild verbreitet hat und Väter das ihren Söhnen vermitteln können. Und wie kann das wiederum passieren: Sexuelle Selektion – Frauen, die dieses männliche Selbstbild durch Partnerwahl honorieren.

    „Nicht hilfreich ist allerdings, da hast du recht, den Mann als den Bösen per default einzusetzen. Andererseits, auch das musst du uns zugestehen, entspricht das Klischee nur zu oft der Wirklichkeit…“

    Dann wäre es ja kein Klischee. Ich bin mir auch nicht sicher, ob wir über das Gleiche reden (wegen der Sache mit dem Gewaltmonopol und der Party, die Du danach erwähnst). Ich denke, daß es generell eine Verschiebung der Wahrnehmung von „Mann“ und „Männlichkeit“ von neutral bis „eher positiv“ zu „eher negativ“ gegeben hat, ohne daß sich an zugrundeliegenden Grundgesamtheit an Verhalten irgendwas geändert hat, während sich die Wahrnehmung von „Frau“ und „Weiblichkeit“ von „eher negativ“ zu „eher positiv“ entwickelt hat. Und erstaunlicherweise hat sich der sonst so dekonstruierence feministische Diskurs überhaupt nicht über die Zunahme essentieller positiver Eigenschaften von „Weiblichkeit“ beschwert (Empathie, EQ, Kommunikationsfähigkeit, Netzwerkdenken, etc…). Frauen sind die besseren Männer, können Kinder bekommen und was Männer können, können Frauen ganz sicher auch (vielleicht mal abgesehen vom Spinnen im Schlafzimmer einfangen). Ehemals als positiv gewertete Eigenschaften wie nüchternes, rationales Denken (eine vermeintlich männliche Eigenschaft) gelten jetzt als problematisch. Über Testosteron wurde vermutlich seit seiner Entdeckung noch nichts Positives geschrieben, es wird abwechselnd für Vergewaltigungen und die Wirtschaftskrise verantwortlich gemacht. Vor allem im Bewußtsein, der Tatsache, daß man im feministischen Diskurs bei aller selbst wahrgenommenen Schwäche als Teil der Unterdrückerklasse definiert ist. Bleibt einem immer noch die Hoffnung, durch Bindung an eine Frau ein wenig von den positiven Eigenschaften mitzubekommen ;)

    Ok – überspitzt. Aber Du siehst, was ich meine. Was das mit dem „Gewaltmonopol“ zu tun hat und damit auf einer Party den Mund aufzumachen, müßtest Du mir noch mal erklären…

  21. Es kommt vielleicht auch darauf an, was für eine Art Männer den Beruf Lehrer ergreifen. Vielleicht durchschnittlich eher der feminine Typ Mann („Frauenversteher“), der auch von den weniger femininen Jungs in der Klasse ein Verhalten erwartet, wie er es aufgrund seiner eher feminin-empathischen Anlage von sich kennt.
    Zudem ist ein Lehrer ja auch ein Geschlechtswesen, der sicher manches Mädel in der Klasse (als Mann) attraktiv und nett findet.

  22. Thomas sagt:

    „Mit anderen Worten, 100 Jahre bevor der Feminismus zum Massenphänomen wurde, hinkten die Jungen den Mädchen in ihren schulischen Leistungen hinterher, und 40 Jahre danach tun sie es immer noch“ (Susan Pinker).

    Auswertungen von Dearys Tabellen einer Studie an schottischen Kindern zeigten bereits 1921, daß es an der Spitze sowie am unteren Ende der IQ-Verteilungskurve überdurchschnittlich viele Jungen gibt.

    In USA wurden Tests und Unterrichtsbeobachtungen durchgeführt um abzusichern, daß Mädchen durch vorlaute Jungs benachteiligt werden :
    „Damals wussten wir nicht, daß man die Studie in Auftrag gegeben hatte, damit sie Beweise für die Benachteiligung von Mädchen lieferte, was genau das war was sie tat.“ (Quelle : Susan Pinker bzw. Quellennachweis : Christina Hoff Summers, The War against boys, 2000).

    Das durch unser Kulturverständnis bedingte härtere Anfassen von Jungen scheint es im männlichen Bereich überdurchschnittlich viele Totalversager – aber auch Hochbegabte zu geben. Und daß Männer mit Männern/Jungen teilweise wesentlich ruppiger umgehen als Frauen – ich denke diese Erfahrung können einige sicherlich bestätigen.

    Widerstände scheinen manche Menschen wohl auch immer wieder zu Höchstleistungen angespornt zu haben. Ein vielleicht schönes Beispiel : Um 1812 wurde in Wien ein Mann auf offener Straße verspottet und von seinen Kollegen nicht ernst genommen, ausgelacht. Heute steht in Ljubljana sein Denkmal : Für den Erfinder der Schiffschraube.

    „Mit der KFN-Studie könnte ein weiterer Schritt für einen sachlicheren und wirklich lösungsorientierten Dialog geschafft worden sein.“

    Das ist wirklich sehr wünschenswert, damit Einige von aufgebauschten Emotionalitäten herunterkommen und das gesellschaftliche Klima und Zusammenleben mit sachlicher oder auch wissenschaftlicher Disziplin ohne prägende „Brillen“ weiterentwickelt werden kann.

    @Access Denied : Kampfsport in den Schulen habe ich vor nächstes Jahr vorzuschlagen. Der „Fußballterror“ ist mir damals auch ganz gehörig auf den Nerv gegangen. Außerdem lernen Kampfsportler diszipliniert mit Agressionen umzugehen und leben eher nach der Devise „Nur ein verhinderter Kampf ist ein gewonnener Kampf“.

    @JJ: Daß seit der industriellen Revolution männliche Vorbilder verloren gingen muss wohl mit der Verstädterung zu tun gehabt haben und daß Männer bevorzugt in die Fabriken gingen. So blieb das Erziehungsfeld automatisch Frauen überlassen und es gingen eben zwangläufig männliche Vorbilder und Orientierungen verloren. Man kann auch hier „Frauen“ keinen Vorwurf machen aber eine Frau kann eben kein männliches Vorbild stellen genausowenig wie umgekehrt. Das Thema der männlichen Identität ist wirklich etwas was verstärkt Männer für Männer solidarisch erarbeiten sollten, so wie Katharina das angeregt hat. Liberale Männerbewegte im Sinne von Robert Bly oder Steve Biddulph halte ich für die erfolgversprechendsten Ansätze, weil sie m.E. neue Möglichkeiten und Erweiterungen – ohne revanchistischen Gedanken – aufzeigen. Es werden beispielsweise gleichberechtigte Beziehungen und emotionale Selbständigkeit favorisiert. Die Definitionshoheit wurde seinerzeit in der Tat „abgegeben“ und aufgrund der Tatsache daß der Feminismus nicht für die Männer dasein kann, kann man nur verstärktes männliches Engagement, überhaupt erstmal das Bewusstsein dafür zu wecken, Abhilfe schaffen. M.E. rührt im Hinblick auf fehlende Orientierungen auch der Effekt des Geschlechtsopportunismus her, wo manche Männer ihre eigene Geschlechtszugehörigkeit niedermachen, sich damit ihre „Männlichkeit“ erhalten und das Gesamtbild erheblich verschlimmern.

  23. Katharina sagt:

    jj,

    was meinst du denn mit
    „Ja, aber ich glaube nicht, daß Sozialarbeiter oder Männerbewegte dafür die richtigen Ansprechpartner sind“

    Männerbewegte? Ich rede von Menschen wie dir (und meinem Mann), die es ganz privat und persönlich geschafft haben, sich über starre Männlichkeitsvorstellungen hinwegzusetzen. Und davon gibt es meiner Meinung nach eine ganze Menge. Man hört und sieht nur leider nicht so viel von ihnen, wie es nötig wäre (wird allerdings besser, nach meiner Beobachtung). Genau dieses naserümpfende ‚Männerbewegte‘ als Bezeichnung für Männer, die in der Lage sind, sich über Geschlechterrollen Gedanken zu machen, ist meiner Ansicht nach ein Teil des Problems.

    Die Frauenbewegung ist im übrigen auch keine ‚Bewegung‘ in dem Sinne, dass man da einfach mitschwimmen kann. Wir sind alle einzelne Frauen, die sich ihre einzelnen Gedanken machen und dann damit an die Öffentlichkeit gehen. Das könnt ihr auch.

    Dass rationales Denken als ‚eher negativ‘ angesehen wird, ist mir bisher noch nicht aufgefallen. Eher die Zuschreibung rational = männlich, die wird zunehmend negativ bewertet.

    Übrigens: Ich hänge mich natürlich immer an den Punkten auf, die mich an deinen Postings stören. Prinzipiell finde ich es super, dass du dir diese Gedanken machst.

    Was Party mit Gewalt zu tun hat, weiß ich jetzt nicht mehr…. war wahrscheinlich unglücklich ausgedrückt. Ich meinte, dass die Klischees vom ‚bösen Mann‘ ihre reale Grundlage haben. Und dass die nicht-bösen Männer öfter mal den Mund aufmachen und eindeutig sagen sollten, dass Gewalt gegen Frauen, und Belästigung, und Antatschen, und frauenfeindliche Werbung, usw., nicht ok sind. Das wird nämlich normalerweise nur von Frauen gesagt, und die Männer stehen dahinter und halten schön den Mund und denken, dass sie das nichts angeht, weil sie ja nicht die Bösen sind. Geht sie aber doch an! Weil es uns alle angeht, wenn bestimmte Gruppen diskriminiert werden!

  24. […] einzelnen Gedanken machen und dann damit an die Öffentlichkeit gehen. Das könnt ihr auch.” (hier […]

  25. Kathi sagt:

    Buben beklagen sich oft bitter, dass die Mädchen ihnen gegenüber bevorzugt wer-den, weil sie „braver“ sind. Tatsächlich scheint unser Schulsystem in seiner momentanen Ausprägung traditionell weiblich konnotierte Tugenden wie etwa Anpassungsfähigkeit, Passivität, Gehorsamkeit und Unauffälligkeit zu begünstigten. Mädchen, so lautet die Argumentation, sind ruhig, fleißig, sauber, ordentlich, lieb und nett und bekommen daher die besseren Noten. Da all diese Qualitäten nichts mit intellektuellen Fähigkeiten zu tun haben, die doch eigentlich in Noten zum Ausdruck kommen sollten, wird dies als grobe Ungerechtigkeit gegenüber den Burschen gesehen. Burschen, so wird impliziert, könnten in dieser Hinsicht ohnehin nicht mit den Mädchen mithalten, denen all diese Eigenschaften ja in die Wiege gelegt würden; sie müssten sich, um diesen Ansprüchen zu genügen im Gegensatz zu Mädchen zu sehr verbiegen und würden dadurch schwer benachteiligt. Dass nun diese Anforderungen im Hinblick auf angenehmes und gefälliges Verhalten auch an Burschen gestellt werden, stellt somit eine grobe Einschränkung ihrer Entfaltungsmöglichkeiten dar .

    Diese Argumentation ist entlarvend in verschiedener Hinsicht: Den Mädchen wird dadurch beispielsweise pauschal unterstellt, ihre schulischen Erfolge allein aufgrund ihres Fleißes, ihres freundlichen Wesens und anderer nicht-intellektuelle Qualitäten zu erzielen. Die Fähigkeit geistige Leistungen zu erbringen wird ihnen dadurch automatisch abgesprochen .

    Das führt dazu, dass Mädchen mit guten Noten sich nicht zwangsläufig für klug halten und das entsprechende Selbstvertrauen entwickeln. Stattdessen wird so ein Mädchen vielleicht gelegentlich seufzen: „Ich bin nur so gut, weil halt so eine Streberin bin. Ich kann ja eigentlich auch nur auswendig lernen und die Lehrerin bevorzugt mich, weil ich so brav bin.“ Das ist nämlich der Eindruck, der ihr von ihren Mitschülern (und schlimmstenfalls auch von den Lehrkräften) vermittelt wird. So kommt es zu der paradoxen Situation, dass so manches Mädchen, das Jahr für Jahr ein Sehr Gut in Mathematik hatte, niemals auf die Idee kommen würde, für ein Mathematik-Studium geeignet zu sein, während so mancher Junge, der selten etwas besseres als Genügend in diesem Fach zustande brachte, diesbezüglich nicht die geringsten Bedenken hat. Für das Bisschen, das er immer für Mathematik gelernt hat, ist ein Vierer schließlich eine tolle Leistung! Es wäre also durchaus etwas simpel gedacht, anzunehmen, dass unser Schulsystem den Mädchen bessere Chancen eröffnen würde, weil es ihnen in der Regel bessere Noten beschert.

    Das Argument, dass die Forderung unseres Schulsystems nach Anpassung und Gehorsam eine unerhörte Benachteiligung der Burschen darstellt, ist überdies höchst demaskierend, weil es die Wirkung dieser Forderung auf die Mädchen völlig ignoriert. So, Burschen werden also eingeschränkt, wenn sie sich anpassen müssen…. – und Mädchen blühen dabei etwa auf? Den Mädchen scheint Anpassung tatsächlich oft leichter zu fallen, aber das liegt wohl eher daran, dass sie bei einer traditionellen Sozialisation von klein an Gelegenheit haben, sich darin zu üben, weniger daran, dass es in ihrer Natur läge. Tatsächlich wäre ein Schulsystem, das Intelligenz und Originalität, Auffassungsgabe und kritischen Geist stärker honoriert als Anpassung und Gehorsam nicht nur für Burschen, sondern auch für Mädchen wünschenswert.

    Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass auch eine Annäherung der Burschen an die klassisch weiblichen Tugenden in gewissem Ausmaß in mancher Hinsicht durchaus wünschenswert sein könnte. In den letzten Jahren haben viele Aspekte dieser Tugenden eine Aufwertung erfahren, in dem sie unter dem Begriff „soziale Kompetenz“ neu definiert wurden. Eine der Voraussetzungen für Anpassungsfähigkeit ist beispielsweise Empathie: Damit ich mich an die Bedürfnisse meiner Mitmenschen anpassen kann, muss ich erst in der Lage sein, diese Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen – eine Fähigkeit, die es auszubilden gilt, da sie das menschliche Zusammenleben enorm erleichtert, ja möglicherweise sogar erst echte Kommunikation ermöglicht.

    Eine weitere wesentliche Fähigkeit in diesem Zusammenhang besteht allerdings darin, darüber meine eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen, abzugrenzen, im Konfliktfall gegenüber fremden Interessen abzuwägen und gegebenenfalls trotzdem durchzusetzen. Sobald Anpassungsfähigkeit aber kein erwartetes Rollenverhalten mehr ist, und sich somit vom Zwang zur Option wandelt, handelt es sich dabei um eine durchaus erstrebenswerte Eigenschaft.

    Auch Kompromissbereitschaft und das Bestreben nach Konsensfindung – Qualitäten, die bei Mädchen gerne als Passivität und Mangel an Durchsetzungskraft interpretiert wurden – werden neuerdings überwiegend positiv besetzt, weil wichtige Faktoren sind, um Team-Work zu ermöglichen. Nun, da sich soziale Kompetenz auch in Einkommen, Prestige und besseren Karriereaussichten niederschlägt, ist sie plötzlich auch für Männer erstrebenswert.

    Diese Entwicklung ist großteils positiv zu sehen. Dennoch täten Frauen nach wie vor gut daran, eine automatische Zuschreibung „weiblich = sozial kompetent“ abzulehnen. Auch wenn Sozialkompetenz mittlerweile zumindest auf dem Papier gebührende Würdigung erfährt, besteht doch eine gewisse Gefahr, dass Männer diesen Bereich nur zu gerne den Frauen überlassen, um sich vor den Mühen und der Verantwortung, die mit dieser Gabe verbunden sind, zu drücken. Wer sozial kompetent ist, dem wird gerne die Hauptverantwortung für das Gelingen der Zusammenarbeit zugeschrieben. Von sozial kompetenten Menschen wird erwarten, die soziale Inkompetenz ihrer Kollegen zu kompensieren. Dies ist eine Belastung, die sich sozial-kompetente Frauen nicht unnötig aufladen sollten.

    Burschen mit schlechten Noten werden oft in die Schublade „klug aber faul“ gesteckt. Obwohl diese Kategorisierung durchaus schmerzhaft sein kann – wenn sich zum Beispiel ein Junge bemüht, dennoch scheitert und nicht einmal seine Bemühung anerkannt wird – so lässt sich doch in vielen Fällen leichter damit leben als mit dem Etikett „lieb aber dumm“, das Mädchen mit ähnlichen Leistungen gerne angehängt wird. Tatsächlich gelingt es Burschen oft, es sich in der „klug aber faul“-Schublade recht gemütlich einzurichten. Niemand kann schließlich scheitern, wenn er es nicht einmal versucht. „Ich habe also nie ein Sehr Gut, na und? Das liegt nicht daran, dass ich das nicht könnte, sondern daran, dass ich das gar nicht will!“ Es ist einfacher, das Versprechen eines großen Potentials aufrechtzuerhalten, wenn man vornherein klar stellt, dass man kein Interesse daran hat, es demnächst unter Beweis zu stellen. Dass diese Strategie niemals dauerhaft zum Erfolg führen kann, ist offensichtlich.

    Kurzfristig verschafft sie einem aber bitter benötigte Verschnaufpausen in einer Welt der allgegenwärtigen Konkurrenz, die ständig von einem verlangen würde, sich zu beweisen, wenn man nicht versteht, sich zur Wehr zu setzen. Und oft genug bewahrheitet sich später auch dieses Versprechen eines großen Potentials in letzter Minute bei der Nachprüfung oder der Matura, in Studium oder Beruf – wenn der junge Mann selbst sich bereit fühlt (oder ernsthaft gezwungen sieht), sich dem Leistungsdruck zu stellen. Auch wenn die „Klug-aber-faul“-Strategie daher beträchtliche Gefahren in sich birgt, wenn sie überstrapaziert wird und der Leistungsbeweis nicht mehr rechtzeitig erbracht wird, so eröffnet sie doch gewisse Vorteile.

    Mädchen steht diese Strategie seltener zur Verfügung, weil ihnen dieser Vertrauensvorschuss in ihr Potential seltener zugestanden wird. Mädchen lernen also rascher, dass sie auch durch tatsächliche Leistungen überzeugen müssen, was in unserer leistungsorientierten Gesellschaft zwar einerseits von Vorteil sein kann, andererseits aber auch in einem gesteigerten Leistungsdruck und größeren Selbstzweifeln resultiert. Dieser enorme Leistungsdruck äußert sich beispielsweise in einer stärkeren Gefährdung für Essstörungen oder Selbstverletzung. Es wäre wünschenswert, wenn Mädchen ebenfalls lernen würden, dass sie sich gelegentlich auch auf eine „Ich könnte schon, wenn ich wollte, aber ich will ja gar nicht“ – Position zurückziehen dürfen.

  26. […] allein schon ausreichen, um einen guten Erzieher oder Grundschullehrer abzugeben (s. aber z.B.  >>Mädchenmannschaft oder die Expertise von >>Neue Wege für Jungs für ein bunteres differenzierteres Bild; und […]