Eine neue Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) sorgt für Wirbel: Männliche Lehrkräfte benachteiligen Jungen in der Schule genauso, wie weibliche – manche sogar mehr als diese. Das widerspricht eklatant dem Weltbild, mit dem Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann seit einigen Jahren hausieren geht.
Die Süddeutsche Zeitung berichtet über die KFN-Studie:
„“Mehr Männer in die Grundschulen zu holen, wird nichts helfen“, warnt dagegen Christian Pfeiffer. [KFN-Leiter / Anm. der Autorin] Nach seinen Ergebnissen müsse man sogar befürchten, dass dann das Bildungssystem noch mehr Ungerechtigkeiten für Jungen produziere. Pfeiffer hält es für notwendig, dass alle Pädagogen, egal welchen Geschlechts, mehr Sensibilität für Jungen entwickeln und stärker auf sie zugehen. Offenbar würden Jungen von Frauen wie Männern vernachlässigt: in der Annahme, sie hätten als das „starke“ und lange dominierende Geschlecht keine besondere Aufmerksamkeit nötig und würden sich schon durchsetzen.“
Es ist seit gut zehn Jahren auf dem Tableau der wissenschaftlichen Erkenntnisse angekommen, dass Jungen in der Schule schlechter sind, als Mädchen. Seitdem ereigneten sich eine Menge Panik-Artikel und unterirdische Berichterstattungen. Nicht selten mit dem Ziel, das weibliche Personal der Schulen einseitig für diese Tatsachen verantwortlich zu machen. Die „harten Jungs“ kämen mit den „weichen Lehrerinnen“ und deren Pädagogik halt nicht zurecht, so propagierte auch Bergmann stets und stetig. Die Feminisierung der Schulen hielt als Erklärung für die Ursache allen Übels her.
Kritische Stimmen gingen in diesem Paniksumpf völlig unter, wenn sie anmerkten: Dass Jungen schlechter in der Schule seien als Mädchen, sei kein neues, sondern nur ein neu aufgebauschtes Phänomen, das es aber schon seit den Sechzigern gibt – nämlich seit Mädchen tatsächlich genauso selbstverständlich die Schule besuchen, wie Jungen und nicht mehr strikt von ihnen getrennt werden.
Feminisierung des Lehrerberufes, zu wenig „männliche Härte“ in den Schulen, (aktive) Benachteiligung von Jungen durch weibliche Lehrkräfte – der Empörungssturm war enorm. Viel mühsame Arbeit wurde durch VertreterInnen aus Wissenschaft und Forschung investiert, um in Büchern wie „Jungen – die neuen Verlierer“* oder auch in „Doing Gender im heutigen Schulalltag“** eine differenzierte Betrachtung dieses Phänomens „Schwache Jungen“ zu ermöglichen***. Mit der KFN-Studie könnte ein weiterer Schritt für einen sachlicheren und wirklich lösungsorientierten Dialog geschafft worden sein.
Literatur:
* Schmauch,Ulrike/Rose, Lotte (Hg.): „Jungen – die neuen Verlierer? : auf den Spuren eines öffentlichen Stimmungswechsels“- Königstein/Taunus: Helmer, 2005.
** Faulstich-Wieland, Hannelore: „Doing Gender im heutigen Schulalltag – empirische Studien zur sozialen Konstruktion von Geschlecht in schulischen Interaktionen“; Weinheim 2004
*** Siehe hierzu: Tagungsbericht zur Veranstaltung „Jungen: Die starken Schwachen?“ der Heinrich-Böll-Stiftung, 2008

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