Ich will nicht mehr applaudieren!

Dieser Text ist Teil 45 von 60 der Serie Meine Meinung

Heute ist mal wieder so ein Tag. Wir schreiben das Jahr 2012, seit Jahrhunderten kämpfen Frauen für ihre Rechte und ihre Annerkennung als Menschen und trotzdem gibt es mehr Baustellen, als alleine dieses Blog aufzeigen kann. Aber ich darf nicht unzufrieden sein, „es geht doch voran“ heißt es. Wenn ich das nicht anerkenne, wenn ich trotzdem meckere und mich beschwere, dann bin ich wieder die ewig unzufriedene Emanze.

Endlich Kampagnen in Clubs, dass sexualisierte Übergriffe ernst genommen werden? Applaus! Männer, die auf ihre Podien und ihre Radiosendungen auch Frauen einladen? Applaus! Gesetzesvorlagen für 40 Prozent Frauenquote in Auf­sicht­sräten und Vorständen? Applaus!

Verdammt ich will nicht mehr applaudieren! Warum ist das alles noch nicht Selbstverständlichkeit? Warum soll ich mich denn freuen, dass ich Po-Grapscher melden kann und ernst genommen werde? Wie sehr haben wir uns eigentlich verarschen lassen, wenn wir derartig grundlegende Anerkennung noch als Fortschritt bejubeln, wenn wir diejenigen sind, die Anerkennung zollen müssen?

Die perfide Botschaft ist klar: Klatschen und freuen wir uns nicht genug, dann kriegen wir davon nichts mehr. Denn, so heißt es, die Einhaltung unserer Grundrechte hängt davon ab, ob wir nett genug sind. Davon haben wir uns einlullen lassen! Aber ob Wahlrecht oder Abtreibungsparagraph – alles was wir uns erkämpft haben, haben wir erkämpft! Indem wir unbequem waren, auf die Straße gingen und Radau gemacht haben!

Nein, ich werde nicht mehr applaudieren für Selbstverständlichkeiten. Denn ja, ich bin unzufrieden. Beschimpft mich ruhig, das zeigt nur, dass es dringend notwendig ist, wieder zu kämpfen. Meinen Applaus hebe ich mir auf für alle, die mit mir unbequem sind und die Welt ändern – über das Selbstverständliche hinaus!

11 Kommentare zu „Ich will nicht mehr applaudieren!

  1. Das ist ein Thema, zu dem ich mir auch immer wieder Fragen stelle als männlicher Feminist: Sollte es nicht eigentlich selbstverständlich sein, kein sexistisches, chauvinistisches Arschloch zu sein?

  2. Ich stimme dem Text vollkommen zu. Auf der anderen Seite müssen wir doch Zustimmung zu guten Maßnahmen laut machen, damit nicht (z.B. in irgendwelchen Kommentaren zu entsprechenden Zeitungsartikeln) die Chauvi- Fraktion diese als „Genderwahnsinn“ betitelt oder versucht, sie als unwichtig abzutun.

    Also, wie kriegen wir das hin, uns über Fortschritte zu freuen, ohne, dass es aussieht, als würden wir Almosen annehmen?

  3. @Nat: Ob Beleidigungen wie „Genderwahnsinn“ kommen, hat meines Erachtens gar nichts mit Zustimmung zu tun, sowas kommt so oder so. Ob es um Frauenquoten oder das Achten auf diverse Stimmen bei Podien geht – ich weiß langsam ehrlich nicht mehr, warum ich/wir da jedes Mal noch signalisieren müssen, was in die richtige Richtung geht. Da diskutiert Deutschland doch seit Jahrzehnten drüber und trotzdem passiert so wenig. Über „Fortschritte“ kann ich mich langsam nur noch wenig freuen, denn echter Fortschritt geht viel weiter und ich finde, den sollten wir einfordern!

  4. genau ! auch/mein applaus ;)

    (btw, mE ist die rückständigkeit dlds. in allem, was gleichberechtigung betrifft, doch ganz klar politisch gewollt)

  5. Ich würde ja eigentlich mal sagen, dass die letzten 20 Jahre vor allem Rückschritte gebracht haben. Es gibt nicht nur keinen Grund zu applaudieren, es ist eher so, dass Feministinnen Rückzugsgefechte führen oder sich gewonnenes Terrain zurückerobern müssen. Solche öffentlich inszenierten Debatten wie die um Kachelmann wäre in den frühen 90ern nicht denkbar gewesen.

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