Frauen im Porno: Was wirklich nervt

Virginie Despentes könnte meine neue beste Freundin werden! Zwar habe ich weder ihr Buch Baise-Moi gelesen noch die Verfilmung gesehen, aber was sie in ihrem aktuellen Werk „King Kong Theorie“ schreibt, gefällt mir. Alternet veröffentlicht einen Auszug, in dem Despentes nach der Motivation öffentlicher Ächtung von Pornodarstellerinnen fragt. Im Grunde sind sie Schauspielerinnen wie alle anderen. Nur, dass sie eben statt der unsicher Verliebten mit den großen Augen die Sexwillige mit dem offenen Mund spielen. Ob Romantik oder Orgasmus – die Leinwand verkauft Fiktion.

Despentes wünscht sich unabhängige und selbstbewusste Pornoakteurinnen – nur leider verhindere das sowohl die Gesellschaft als auch die Industrie. Ein Porno ist nicht zwingend wie der andere. Es gibt sowohl die historische Entwicklung, als auch nationale Unterschiede – von den zig Sub-Kategorien mal abgesehen. Was Pornografie auf den gemeinsamen Nenner bringe sei die Zensur. Mit dem Totschlag-Argument „die Würde der Frau“ muss geachtet werden, werden sexuelle Handlungen, die Gewalt und Zwang beinhalten genauso in die Schmuddelecke verbannt wie gewisse Spielzeuge und Spielarten. Als ob wir nicht wüssten, dass das bloß gespielt ist. Und nein, wir wollen nicht, dass uns gegen unseren Willen Gewalt angetan wird und ja, wir können unterscheiden zwischen der unterwürfigen Haltung, die wir mal zugunsten unseres Liebesspiels einnehmen und unserer Position im Job. By the way: Wie Despentes ganz richtig bemerkt, so oder so brauchen wir nur den Fernseher anzuschalten, um Frauen in erniedrigenden Positionen zu finden.

Ach, Pornostars können auch andere Rollen vor der Kamera spielen: Michaela Schaffrath, ehemals Gina Wild - Foto via Wikipedia

Was die Zensoren vernachlässigen: Wie Frauen am Set behandelt werden. Die Bedingungen und Verträge, unter denen den Darstellerinnen kaum Rechte oder Selbstbestimmung eingeräumt werden, das interessiert den Staat nicht sonderlich. Lieber den Porno an sich als Teufelszeug verurteilen und die Frau, die damit ihren Lebensunterhalt bestreitet, am besten gleich mit. Denn als Pornodarstellerin hast du verschissen. Für Pornodarstellerinnen kommen kein anderen Rollen in Frage. Wenn sie einmal die willige Sklavin oder die unerbittliche Domina gegeben hat, wie bitte sollte sie dann die Rolle der fürsorglichen Mutter spielen? Erinnert sich noch jemand an den aufgeplusterten Skandal um Sibel Kekilli? Oder Michaela Schaffrath, die ihr Gina Wild Image einfach nicht los wird.

Aber genauso wie die Zensoren nur Augen für den vermeintlichen Objekt-Status der Frau im Porno haben, reduzieren auch die Männer, die das Porno-Biz kontrollieren, die Darstellerinnen auf dieses Niveau. Bitte, bitte mach mich geil, aber erwarte keine andere Belohnung als den Cumshot. Dass die Darstellerinnen außerhalb des „Drehbuchs“ eine Persönlichkeit haben, scheint hier niemandem in den Sinn zu kommen. Wer vor der Kamera das Sex-Objekt mimt, der kann in der Realität doch unmöglich ein handelndes Subjekt sein.

Dass Frauen, die mit Sex Geld verdienen, doppelt abgestraft werden, weil sie weder von dem Gewerbe noch von der Gesellschaft ernst genommen werden, ärgert Despentes. Zu Recht, denn nicht allein die Zensur beeinträchtigt die Selbstbestimmung von Pornoakteurinnen, die Doppelmoral schneidet noch schärfer.

21 Kommentare zu „Frauen im Porno: Was wirklich nervt

  1. Volle Zustimmung. Ich bezweifele jedoch, daß es den männlichen Darstellern außerhalb ihrer Rolle als nimmermüder „Fickroboter“ anders ergeht.

  2. Ich möchte mal anmerken, dass Schauspieler meist (wenn sie was taugen) ein mehrjähriges Studium hinter sich haben. Nur weil auf eine Pornodarstellerin mal eine Kamera gehalten wurde, ist sie deshalb keine Schauspielerin. Eine Michaela Schaffrath zeigt uns, was dabei raus kommt. Als Schauspielerin ist sie qualitativ eben nicht ernst zu nehmen. Und zwar nicht wegen ihrer Pornovergangenheit sondern wegen mangelnder Leistung.

    Und die Tatsache, dass Darstellerinnen wie sie mal im Tatort spielen, hängt damit zusammen, dass man damit noch ein anderes Publikum erreicht. Die Leute schauen sie dann an, weil sie eben von der Pornoqueen Gina Wild was sehen wollen und nicht wegen ihrer schauspielerischen Qualitäten als Michaela Schaffrath.

    Ich finde es auch nicht gut, dass diese Frauen geächtet werden, aber sich als Schauspieler zu verstehen finde ich genauso anmaßend, als wenn ich sagen würde, ich sei Maler und Lackierer, nur weil ich meine Küche gestrichen habe.

    Andererseits frage ich mich, über was sich Despentes aufregt. Vielleicht sollten wir den Akteurinnen so viel Eigenständigkeit zutrauen, dass sie vielleicht vorher schon wissen, worauf sie sich einlassen? Diese Industrie ist, wie viele andere, am Profit interessiert und nicht daran, ob die Mitarbeiter persönlich wachsen können und ernst genommen werden.

  3. „Vielleicht sollten wir den Akteurinnen so viel Eigenständigkeit zutrauen, dass sie vielleicht vorher schon wissen, worauf sie sich einlassen?“

    Ja genau, schön weiter Kaffee trinken und wegschauen. Muss ja jeder selber wissen was er tut.
    In den meisten Pornos gilt immer noch die Devise je jünger desto besser und dass junge Menschen leichter zu manipulieren sind und sich leichter ihr Selbstbewusstein nehmen lassen ist doch jetzt auch ncht neu.

  4. Danke, Ju, für deinen Kommentar!

    Der Vergleich ist wirklich ein bisschen unüberlegt. Dennoch finde ich den Artikel toll und stimme vollstens zu.

  5. Guter Artikel.
    Finde es auch ziemlich erstaunlich, dass bei Pornodarstellerinnen so wenig zwischen Rolle und Person differenziert wird. Einer „normalen“ Schauspielerin unterstellt man doch auch nicht dauernd romantische Absichten, wenn sie häufig Rollen in Liebeskomödien bekommt.

  6. Gerade auf den letzten Absatz möchte ich noch einmal die Aufmerksamkeit lenken. Ich bin keine Pornodarstellerin, sondern Escortbegleiterin; ich verdiene also mein Geld auch mit Sex. Das hat aber nichts mit „Willigkeit“ oder gar „Willenlosigkeit“ zu tun. Das ist ein Klischee/Vorurteil, das von Prostitutions- und Pornographie-Gegnern gezielt geschürt wird. Es ist nicht so, dass man von Kunden oder Kollegen respektlos behandelt würde und sich alles gefallen lassen müßte, im Gegenteil. Respektlosigkeit und Erniedrigung erlebe ich als selbstbewußte und unabhängige Hure eigentlich eher von „der Gesellschaft“, die verklemmt ihrer Doppelmoral fröhnt. Ich führe dies immer wieder als Grund dafür an, warum das Gewerbe eben kein Job wie jeder andere ist und warum man hier berechtigterweise weitaus mehr verdient als mit „seriöser“ Erwerbstätigkeit (übrigens der einzige Bereich, in dem Frauen mehr verdienen als Männer). Berechtigt ist das deshalb, weil man einem enormen gesellschaftlichen Druck ausgesetzt ist, ein hohes Risiko gesellschaftlicher Ächtung besteht und dies eine besondere psychische Belastung für den Menschen bedeutet. Dass eine wie ich daherher kommt und sich einfach nicht schämt für das, was sie tut, sondern erhobenen Hauptes sagt: „Ja, ich habe mich für die Prostitution entschieden, weil ich glaube, dass das mein Ding ist und ich das machen möchte“, das ist sehr selten. Ich weiß nicht, wie es unter Pornodarstellerin ist, aber viele meiner Kolleginnen schämen sich für das, was sie tun und finden nur und ausschließlich unter Gleichgesinnten überhaupt ein gewisses Maß an Anerkennung.

    @Ju: Entschuldige, aber dein Kommentar ist ein gutes Beispiel für das oben von mir Geäußerte. Zum einen sollte man das, was Pornodarstellerinnen leisten, nicht unterschätzen. Man muß (und kann) vielleicht kein Hochschulstudium absolvieren. Aber ich wette, dass du auch eine Weile trainieren müßtest, bevor du es schaffst, bspw. einen Baseballschläger in deinem Anus zu versenken. Das machst du nicht mal eben nebenbei. Abgesehen davon, sollte man daraus, dass eine Frau Pornos dreht, nicht schließen, dass sie automatisch dumm, untalentiert und zu „nichts Besseresm als dreckigem Sex“ zu gebrauchen ist. Das wäre wieder genau dieses gesellschaftliche „in die Ecke Stellen“, abwerten, erniedrigen. Frauen, die Pornos drehen oder sonstig Sex verkaufen können auch studiert, talentiert, intelligent und gebildet sein, ebenso wie Pornos auch von Emanzipation, sexueller Selbstbestimmung und der weiblichen Lust erzählen können. Da gibt es durchaus Namen und Titel zu nennen.

    Nicht dumm liest sich bspw. das Interview mit Tyra Misoux http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/374465/1/1#texttitel

  7. Wer vor der Kamera das Sex-Objekt mimt, der kann in der Realität doch unmöglich ein handelndes Subjekt sein.

    oder wer z.b. vor der kamera ein kaufhausdieb ist oder schlimmeres. und bei mutter beimer im haus ist ne wohnung frei.

  8. Heute Abend startet der feminist porn award in Toronto. Preisgekrönt werden die Filme, die von Frauen gemacht werden, sich nicht in Stereotypen kreiseln und authentische weibliche Lust darstellen. Davon wollen wir mehr!

  9. ich fänd authentische männliche lust, also die darstellung, zur abwechslung mal ganz nett (beyond erection).
    aber das schrub ich ja schon öfter.^^

  10. Das liest sich irgendwie wie, „Propaganda, Rassimus, Sexismus usw. sind boese, laestig, oder affig und gehoert mindestens nach ‚Geschmacklosigkeiten aktuell‘, ausser *ich* habe einen Orgasmus dabei.“

  11. Ich finde auch die Aussage, „Das ist ganz normal Filmindustrie und Schauspielerei“ etwas eigenartig – bei nicht-pornographischen Filmen mache ich mir irgendwie weniger Gedanken ueber trafficking, STDs, coercion, usw. YMMV.

  12. @ Carmen
    freut mich das dein Job dir gefällt, aber ehrlich gesagt ist Escortservice doch was anders als wenn eine Frau auf dem Straßenstrich steht.

    Du kannst Kunden ablehnen und im großen und ganzen sind es keine versifften Typen sondern normale gepflegte Männer im Anzug mit denen du aus gehst. Das ist schon ein Unterschied.

  13. @ip
    Sorry, aber DAS genau bedeutet, dass „die Ärmesten“ da reinrutschen. Wenn das „die Armen“ sind, nehme ich sie wohl kaum ernst. Wenn du sie retten willst, diskriminierst du sie. (imo)
    Nimm ihre Entscheidung ernst. Die sind nicht alle jung und blöde und werden gezwungen. Das mag es auch geben, aber dieser Zwang wäre sicherlich gesetzeswidrig, ich glaube auch nicht, dass das das Thema war. Es ging nicht um Zwangsprostitution, sondern um Pornos.

    @Carmen
    ich verstehe deine Aufregung nicht: Was soll das: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass?“ Auf der einen Seite sagst du, dass das freie Entscheidungen für die Prostitution oder Pornografie sind, die man akzeptieren soll, auf der anderen Seite monierst du, wenn man bei dieser Entscheidung die Konsequenzen (schlechter Ruf) tragen muss. Ja, der Job hat einen schlechten Ruf. Es gibt noch andere Jobs mit schlechtem Ruf. Frag mal nen Telekommitarbeiter.

    Sicherlich hast du überlesen, dass ich mit keinem Satz behauptet habe, Pornodarstellerinnen seien dumm o.ä. Sie sind aber keine Schauspielerinnen. Ich bin auch kein Anwalt, nur weil ich mal einen Mahnbescheid selber ausgefüllt habe.

    Dein Beispiel mit dem Baseballschläger sagt etwas über das Handwerk einer Pornodarstellerin, dass sie üben muss. Okay. Das hat aber nichts mit Schauspiel zu tun. Schauspieler üben eben andere Dinge.

    Ich werte das nicht ab. Ich selber habe jahrelang Pornos synchronisiert (und entsprechend viele gesehen). Aber es ist ein Job, von dem selbst 16jährige wissen, dass er keinen guten Ruf hat. Und das er auch sonst ein paar Gefahren aufweist (gesellschaftlich ausgeschlossen zu werden ect).

    Also nochmal: wer sich dafür entscheidet, hat sicherlich seine Gründe. Aber er (oder sie) wird deshalb nicht das Denken der Gesellschaft verändern. Oder wenn, dann leider nicht auf die gewünschte Art.

    Denn heute denken 16jährige Jungs schon, dass es jedes Mädchen toll finden müsste, einen Dreier zu machen. DAS sind nämlich leider die Ergebnisse der Pornoindustrie. Das sich Frauen viel mehr sexuellen Vergleichen unterziehen müssen.

  14. @ Azundris reden wir hier über Pornografie oder Zwangsprostitution? Bin ich hier vielleicht im falsch (Porno)film? Wie albern ist das denn!

  15. Hallo zusammen,
    ich bin mir sicher, dass ihr alle es auch schafft, eure Argumente auszutauschen, ohne Mitdiskutant_innen zu beleidigen oder deren Meinung abzuwerten.
    Gruß
    Anna

Kommentare sind geschlossen.

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