Vor einiger Zeit berichteten wir über das Glamour Foto eines so genannten Plus Size Models, welches ja irgendwie gar nicht so Plus Size war, es sei denn, man bezeichnet alle Frauen jenseits von Größe 36/38 als potentielle Übergrößen-Models.
Hey, dann wäre Übergröße doch eigentlich die Normalität und man müsste jene Größen nicht mit extra Kollektionen à la Big Is Beautiful (H&M) kennzeichnen. Aber aufgepasst: Eine Dame mit Größe L darf noch in den „normalen“ Abteilungen shoppen. Eine XL-Dame hingegen – too bad – qualifiziert sich für jene Abteilungen, die mit großen Leuchtschildern gekennzeichnet „Mode für Mollige“, „Happy Size“ oder „Plus Size Clothing“ anbieten.
Mensch, eine ganze Kollektion nur für mich und meine dicken Schwestern.
Und dann noch so sichtbar gemacht, als wäre eine dicke Frau eine exotische Erscheinung. Dies kann nur in einer Gesellschaft passieren, in der ultra-dünn akzeptabel und ultra-dick annormal und irgendwie ausstellungswürdig ist.
Dank Web 2.0 wurden insbesondere in den USA in den letzten Jahren eine Vielzahl an Blogs gegründet, die sich für Toleranz und gegen das Diskriminieren von dicken Menschen – insbesondere Frauen – einsetzt. Viele der BloggerInnen zählen sich zu den VertreterInnen des so genannten fat acceptance movement, eine relativ neue soziale Bewegung, die sich laut der National Association to Advance Fat Acceptance für das Bekämpfen von Stigmatisierungen und Voruteilen und für die Einbeziehung eines Gesetzes gegen Gewichtsdiskriminierung in geltende Anti-Diskriminierungsgesetze einsetzt, um gesellschaftliche Vorstellungen von Schönheit und Gesundheit zu verändern.
Einen etwas anderen und durchaus provokativeren Weg wählen die zahlreichen US-amerikanischen Mode-Bloggerinnen von Blogs wie fatshionista, hey, fat chick oder young fat and fabulous (heute: Gaby Fresh), die sich selbstbewusst als fett, schön und fabelhaft beschreiben und dies in Form von Modetagebüchern mit zahlreichen Fashion-Tipps für dicke Frauen auch kundtun. „Fett“ wird hier völlig neu definiert und avanciert von einer Beleidigung zu einem Statement.
Auf hey, fat chick! schreibt die Autorin etwa:
I think what people are really taking issue with are the negative associations with the word. Fat no longer just means the jiggly bits under the skin; it now involves whole lot of negative attributes: lazy, dirty, gluttonous, disgusting.
Fuck that. We are reclaiming the word.
Fat is a celebration (…) And it is amazing.
(Zu deutsch: „Ich denke, dass viele Leute mit den negativen Assoziationen mit dem Wort „fett“ Probleme haben. Fett bedeutet nicht mehr nur die schwabbeligen Stellen unter deiner Haut; es hat eine Menge negative Konnotationen: faul, dreckig, gefraessig, ekelhaft. Scheiss drauf! Wir holen uns das Wort zurueck und besetzen es neu. Fett ist eine Zelebration. Und es ist fantastisch.“)

Meine erste Reaktion: Symphatisch, wie sich so einige US-amerikanische Frauen nicht für ihre Größe schämen, selbstbewusst den Mainstream der Mode trotzen und sehr dicke Frauen auf die Laufstege schicken oder in ihren Blogs bewerben. Diese nun positiv besetzten Labels fett&schön tragen wohl in der Tat dazu bei, dass pfundige Frauen sich nicht mehr so marginalisiert fühlen (zumindest modisch). Auf der anderen Seite: Teil des modischen Mainstreams werden sie damit wohl nicht. Und dick/fett bleibt etwas Anormales, denn jene Attribute bleiben in der Modewelt wie auch im Alltag eng verknüpft mit unattraktiv. Es ist demnach fraglich, ob eine dicke Frau jemals wie selbstverständlich auf den Laufstegen der dünnen und hochbezahlten Top Models mitlaufen wird.
Und ist das überhaupt erstrebenswert? Das ist sicherlich streitbar.
Dicke Frauen werden wohl weiterhin in extra Abteilungen shoppen. Die oben gezeigte Kollektion findet man da leider selten. Und wenn, dann hell bestrahlt und ausgewiesen als „XXL Kollektion!“, „Big Is Beautiful!“, „Mollige Mode!“.
Oder wie ich es lese: „Du bist zu dick für unseren Laden. Aber großzügig wie wir sind, haben wir eine kleine Kollektion für dich vorbereitet. Da hinten: Fat-Ass-Fashion.“
Für mich stellt dies ein Dilemma dar: Zwischen Sichtbarmachung von Ungerechtigkeiten und der Reproduktion dieser Ungerechtigkeiten ist oft ein schmaler Grad.

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