„Die Öffentlichkeit traut dem Denken der Frauen nicht“

von Susanne

In der aktuellen Ausgabe der Zeit stellt sich die Literaturkritikern Susanne Meyer in einem sehr lesenswerten Essay eine interessante Frage: Warum gibt es in Deutschland keine weiblichen intellektuellen Ikonen wie es Susan Sontag für Amerika war – oder auch die Publizistin Joan Didion?

Bei der Lektüre des Essays wird klar: Es gibt eine ganze Menge Gründe dafür. Gründe, die sich gegenseitig bedingen und reproduzieren:

Ein deutsches Phänomen, findet die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun, die in Italien aufwuchs, in Frankreich und Amerika gelehrt hat und zum Wintersemester an der Humboldt-Universität zu Berlin als Graduiertenkolleg »Geschlecht als Wissenskategorie« anbietet. Fragt man Braun, warum sich in Deutschland Frauen immer wieder zurücknähmen, sagt sie, das Problem sei eine Abwehr des Mutterbildes, und zwar weniger das der Nazis als das des Weiblichkeitsideals der fünfziger Jahre.

Sie beschreibt es die Hausfrau, die Gattin, die aufopferungsvolle Weiblichkeit. Die gewählte Abstinenz von einer öffentlichen Rolle. Der dezidierte Nichtintellektualismus, der in dieser Rolle liegt. Die Rolle der intellektuellen Frau ist nicht deutlich vorgezeichnet. »Ich bitte Sie, wenn bei uns eine Alice Schwarzer als große Emanzipationsfigur gilt«, sagt Braun. »Alice Schwarzer!«, sagt Bovenschen. Und erinnert sich, wie die Debatte um den Paragrafen 218 in alle Diskussionen »hineingegrätscht« sei, alle anderen Themen aus dem Feld geschlagen habe. Das hielt die Mädchen beschäftigt. Frauen verpassten es, sich in jene Zeitdebatten einzumischen, in denen Didion und Sontag prominente Rollen spielten. In differenzierten Essays, nicht als Stichwortgeberinnen in Talkshows.

(…)

Bei uns, sagt Braun, traue die Öffentlichkeit dem Denken der Frauen nicht. Mehr noch trauten sich Frauen etwas zu, werde das nicht gerne gesehen. So ist es: Frauen, die eine starke Meinung haben, werden vor allen Dingen als Frauen gesehen. Man schaut auf ihre Frisur, die Schuhe, siehe oben.

»Schriftsteller sollten uns mit dem, was sie tun, frei machen, lockern, aufrütteln. Sie sollten dem Mitgefühl und neuen Interessen neue Wege bahnen«, sagte Susan Sontag, als sie im Mai 2001 den Jerusalem-Preis entgegennahm, in einer Rede, die auch der neue Band enthält, und definiert für sich eine grandiose Rolle, ohne Bescheidenheit. (…) Es fällt schwer, sich in der deutschen Landschaft eine Frau zu denken, die sich so zu produzieren wagte.

(…)

So liest man also mit ein wenig Neid die Essays von Didion und Sontag, eine Gattung übrigens, die dem deutschen Geist natürlich zuwiderläuft. Der Essay sei bei uns ja eine Kümmerform, sagt Bovenschen, der erst vor zwei Jahren gelang, mit aphoristischen Betrachtungen, Älter werden, einen Publikumserfolg zu erringen. »Sontag und Didion schreiben journalistisch!«, sagt Braun, »und das ist bei uns ein Totschlagargument unseriös!«

Liebe Ladys, wie sind eure Zukunftspläne? Kommen darin auch laute Auftritte und klare Ansagen in der Öffentlichkeit drin vor? Oder wäre das tatsächlich un-vor-stell-bar?




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Eintrag geschrieben: Freitag, 5. September 2008 um 11:46 Uhr unter Inspiration, Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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27 Kommentare

  1. Schnatterinchen sagt:

    Der Mangel an weiblichen public intellectuals in der Nachfolge einer Susan Sontag wird allerdings auch innerhalb der USA beklagt. Vor drei Jahren fragte Charlotte Allen in einem Artikel „Where are the great women thinkers?“ und schickte gleich böse hinterher: „Thinking so much about women has shrunk their minds.“

    http://www.papillonsartpalace.com/whWereare.htm

    Vor dem Hintergrund von Allens Analyse ist es logisch, dass beispielsweise Alice Schwarzer keine deutsche Chef-Intellektuelle sein kann (und zum Glück auch von der Zeit nicht in diese Position gehoben wird):

    „But she [Sontag] refused to embrace ideological feminism, though she came to fame at a time when she could have remade herself into a Kate Millett or a Greer. She eschewed turning the personal into the political, preferring subjects of universal interest: aesthetics, the role of writers and critics, the meaning of photography, the place of art in a totalitarian society.
    Ideological feminism has failed to produce successors to Sontag not only because of its thin range of interest-group concerns but also because it has tried to systematically shut out — and shout out — dissent. This is why, when I think of female intellectuals today, only Camille Paglia comes to mind. Like Sontag, she writes boldly and forcefully on art, literature and politics. Trailing her is Gertrude Himmelfarb on the right and maybe Greer on the left. The vast majority of women who might otherwise qualify as public intellectuals would rather recite the feminist catechism or articulate some new twists and refinements on it than carve out a place for themselves in the larger public world.“

    Deine Frage bezüglich unserer Zukunftspläne, Susanne, ist demnach am falschen Ort gestellt: great women thinkers gehen offenbar nicht aus feministischen Kreisen hervor. Solltet Ihr selber entsprechende Ambitionen haben, kann man nur raten: Take the money and run! ;-)

  2. Cassandra sagt:

    Ich habe mit einem Bekannten (mittleres Managment) gesprochen. Er sagte, ich hätte keine Chance. Klarer Fall von Kindchenschema, schlank, blond und unter 1,70. Junge Frauen wie mich brächte man doch „während der Mittagspause zu Bett…“.
    Ich denke nicht so. Menschen die klein gedacht werden müssen laut sprechen um gehört zu werden – deutlich, klar und nachhaltig müssen die Botschaften zu sein. Ich persönlich studiere nicht um mich später zu beugen (bzw. anknüpfend an das Kommentar meines Bekannten zu bücken).
    Die Defensivhaltung der Gesellschaft gegenüber denkenden Frauen ist eine ermüdende Herausforderung, aber ich bin es nicht müde, die Möglichkeit zu haben, mich dessen immer und immer wieder zu erwehren.

  3. Tolup sagt:

    „Er sagte, ich hätte keine Chance. Klarer Fall von Kindchenschema, schlank, blond und unter 1,70. Junge Frauen wie mich brächte man doch “während der Mittagspause zu Bett…”.“

    Aber denkt man so nicht auch von einem kleinen, schmächtigen Mann?

  4. Cassandra sagt:

    Mhh.. Ich denke Männer mit der Statur nimmt man ebenfalls weniger Ernst, da stimme ich dir zu. Aber ich glaube auch, dass man ihnen weniger eine sexualisierte Rolle zuspielt als einer Frau vergleichbarer Statur. [Scherz; (Von vielen habe ich gehört kleineren Männern spricht man eine ziemliche Biestigkeit zu ^^.)]

  5. Miriam sagt:

    @Schnatterinchen: Aber kann man nicht feministisch sein und sich trotzdem nicht auf dieses Thema reduzieren lassen? Nur weil die Maedchenmannschaft einen feministischen Blog betreibt, heisst das ja noch lange nicht, dass die Betreiberinnen nicht auch zu anderen Themen Relevantes zu sagen haben. Wie Allen schon sagt, man sollte sich nicht auf ein Thema reduzieren, was nur einen kleinen Teil der Gesellschaft interessiert (nicht alle Frauen interessieren sich fuer femministische Themen), sondern sich breit gefaechert aeussern.
    Warum dies deutsche Journalistinnen nicht tun bzw. warum sie so wenig Relevanz haben, das habe ich mich auch schon haeufiger gefragt. In meinem Umfeld begegne ich Frauen, die in ihren intellektuellen Analysen so manchem hochgelobten Intellektuellen ueberlegen sind, aber sie veroeffentlichen diese lieber in Fachzeitschriften denn in „Massenmedien“

  6. felix sagt:

    Ich glaube Susanne Meyer hat sehr recht mit ihrer Einschätzung bezüglich weiblicher Meinungen und starker Persönlichkeiten in der Öffentlichkeit, leider.

    Ich kann immer nur kotzen wenn z. B. in Zusammenhang mit Politikerinnen nur ihr Outfit oder vielleicht noch vermeintliche Persönlichkeitsmerkmale diskutiert werden und nicht ihre Statements, Meinungen, Strategien usw.

    Am geilsten ist das Argument: Wie die schon aussieht..!? (Auch in diesem Forum schon aufgetaucht) traurig, traurig..

    Aber nicht resignieren sondern streiten und diskutieren !!!

  7. profin sagt:

    Mir fällt spontan Ruth Klüger ein, Autorin und Wissenschaftlerin

  8. Lea sagt:

    Ich kann nur aus eigener Erfahrung berichten, dass es absolut nicht gewünscht ist, dass Frauen eine eigene Meinung deutlich vertreten. Ich hatte vor kurzem ein Vorstellungstermin, wir waren 4 Kandidatinnen und ein Kandidat. Nachdem ich bei einer Aufgabe klar und deutlich gesagt hatte, wie ich sie lösen wurde, bin ich rausgeflogen. Klar, kann an meiner Lösungsstrategie liegen. Kann aber auch daran liegen, dass ich am wenigsten niedlich/weiblich/defensiv war – denn die Mitbewerberin, die in engem Kostüm, hohen Hacken, mit hochgesteckten Haaren da war und sehr naiv auftrat (vielleicht war sie´s sogar), die kam weiter. Schade.

  9. Schnatterinchen sagt:

    Gesine Schwan, die im Artikel erwähnt wird, hat mE auf jeden Fall das geistige Format, auch das nötige Selbstbewusstsein, um den Posten einer public intellectual zu besetzen, aber das Exzentrische, Extreme, auch mal kräftig Draufhauende verkörpert sie nicht so. Dazu lächelt sie zu viel und ist zu verbindlich, zu… patent. Was überhaupt nicht abwertend gemeint ist, nur abgenzend zu anderen Frauenfiguren. Sie wäre eine prima Präsidentin. Das ja.

    Elke Heidenreich, hm. Da hör ich immer nur die Else Stratmann, die sie anno dunnemals bei SWF3 verkörperte. Metzgersgattin war die, oder? ‚Ich steh hier inne Zelle mit de Schlüffkes und mich is die Tür zu‘, oder so ähnlich. Das war lustig, auch ihre Lesesendung ist sicher für manche Leute unterhaltsam, aber: public intellectual?! „Extravaganz des Geistes“?! Eher Mutterwitz.

    Silvia Bovenschen. Eine klasse Frau. Ganz großartig. Eine singuläre Erscheinung.

  10. Susanne sagt:

    @ vincen: Ah, dann haben sie ihn jetzt online gestellt, danke für den Link!!

  11. jj sagt:

    Um ehrlich zu sein, glaube ich, daß das im wesentlichen ein Generationenproblem ist. Wo sind denn die jungen männlichen Intellektuellen in Deutschland? Vor zwei Jahren gab es mal einen Artikel im Cicero, der dezidiert beschrieb, wie sich der Naturkonservative deutsche Intellektuellenzirkus die Feuilletonseiten zuschiebt und eine wirkliche Debatte so verhindert. Wer sind denn neue öffentliche Intellektuelle in Deutschland?

    Wo sind denn überhaupt junge intellektuelle Beiträge? Ideen, Weiterentwicklungen? Das fehlt doch komplett. Selbst beim Feminismus ist das doch so, auch wenn sich Alice beschwert, daß jetzt nicht mehr jeder seinen Terminplan mit ihr abstimmt. Thea Dorn ist doch die einzige, die bereit war, mit der Orthodoxie konzeptionell und auch begrifflich zu brechen.

    Die Öffentlichkeit traut JUNGEN Menschen in Deutschland nicht weil sie nicht darum kämpfen, ernst genommen zu werden. Stand ja auch letzte Woche in der Zeit. Unsere Generation müßte sich gegen den backlash wehren, für Freiheit und Redefreiheit kämpfen. Hier gilt das insbesondere für die Versuche von A.S. mit abschätzigen Bemerkungen indirekt mehr Aggressivität und Orthodoxie in den „neuen“ Feminismus zu pumpen.

  12. Susanne sagt:

    @ jj: Aber dann bitte auch die Antwort auf den Zeit-Artikel in der Zeit von dieser Woche lesen! Mit hat die Antwort sehr viel besser gefallen als Jens Jessens Genörgel „Die Jugend von heute …“. Da schreiben Manuel J. Hartung und Cosima Schmitt u.a.

    (…) Hinter dem selbstgerechten »Jetzt rebelliert doch mal!« steckt derselbe Paternalismus wie hinter dem altbekannten »Jetzt benehmt euch endlich!«: Mal soll die Jugend brav sein, mal wild. Dabei ist Aufmüpfigkeit, wie Jessen sie fordert, kein Wert an sich, geschweige denn ein Ausdruck für Charakter.
    (…)
    Die Jungen aber erstarren nicht in Furcht vor Heuschrecken und Haifischen, Verflechtung und Vernetzung. Anders als Jessen behauptet, sind sie randvoll mit Zuversicht: So glauben neun von zehn Studenten, dass sie in fünf Jahren zufrieden leben werden. Wer optimistisch ist, hält sich nicht auf mit Geflenne über den Wirtschaftsdarwinismus; lieber tüftelt er daran, wie er in einer globalisierten Welt glücklich werden kann.
    (…)
    Was für eine Jugend aber entsteht daraus? Eine, die eben nicht karrierehörig und egozentrisch ist, wie Jessen meint. Sie entzieht sich einem Wertekanon, der noch vor Kurzem als sakrosankt galt. Zum Beispiel glaubt sie nicht mehr dran, dass die Arbeit zentraler Sinnstifter der menschlichen Existenz sei. (…)

    Das alles würde ich genau so unterschreiben.

  13. Schnatterinchen sagt:

    Miriam: „Aber kann man nicht feministisch sein und sich trotzdem nicht auf dieses Thema reduzieren lassen?“

    Klar kann man. Aber wenn man mit dieser Kombination den Posten einer weiblichen Chef-Intellektuellen anstrebt, sollte man mindestens so ausgeschlafen sein wie Camille Paglia:

    http://www.youtube.com/watch?v=h4_0TGGuc70

    (This is what a female public intellectual looks like.)

  14. Susanne sagt:

    Es ist doch aber auch etwas sehr deutsches, davon auszugehen, dass jede Feministin immer auch BERUFSfeministin sein muss. Nur weil Deutschlands Feministin Nr. 1 genau das ist.

    Obwohl Susan Sontag Feministin war, wurde sie eben nicht hauptsächlich / ausschließlich als solche wahrgenommen. Oder Naomi Klein: nennt sich selber Feministin, ist aber vor allem für Kapitalismuskritik bekannt.

    Feminismus ist eine Haltung und kein Berufszweig.

  15. jj sagt:

    Susanne, ist ja schön und gut. Unterschreibe ich auch. Aber das Problem ist eben, daß das ein profund unintellektueller Ansatz ist. Kann man ja machen, ist ja auch lebensnäher und zufriedenstellender als das sich ständig in abstrakten ideologischen Systemen aufzureiben, die am Ende mit der eigenen Realität wenig zu tun haben. Aber das ist eben der Punkt: Wenn man den Systementwürfen nur ein „nein danke“ entgegensetzt bleiben sie dennoch der Referenzpunkt der Debatte. Das ist so die Eigenart von solchen Ansätzen. Keynes hat das mal sehr schön formuliert –

    “The ideas of economists and political philosophers, both when they are right and when they are wrong, are more powerful than is commonly understood. Indeed the world is ruled by little else. Practical men, who believe themselves to be quite exempt from any intellectual influence, are usually the slaves of some defunct economist.”

    Um das mal themenbezogen zu machen: So undefinierbar Feminismus in praktischer Hinsicht ist, so sehr stammt das gesamte Bezugssystem des heutigen Feminismus aus der zweiten Welle mit ihrer vom Marxismus abgeleiteten Widerspruchstheorie („Sex class“) und dem so definierten Gruppenbegriff und der soziologischen „Gewaltbereitschaft“ zur Umerziehung des Menschen. Begrifflichkeiten und Interpretationsschemata wurden zwar immer noch erweitert, in den Feminist Sex Wars und dann von einer logischen Dekonstruktion des Analyseobjekts durch Judith Butler und die Postmoderne, aber die Grundschemata stehen immer noch. Und sie sind, wie man ja auch hier immer wieder sieht, immer wieder die Basis für – dann auch im Einzelnen abweichende – Meinungen.

    Ohne ein neues Bezugssystem wird sich daran nichts ändern, und wenn ein solches von einer Generation nicht gedanklich entwickelt und
    politisch durchgesetzt wird, dann bleibt die private Weiterentwicklung eben doch ein zutiefst öffentlich-unintellektuelles Unterfangen.

  16. jj sagt:

    „Feminismus ist eine Haltung und kein Berufszweig.“

    Ja und nein. Jeder kann sich nennen wie und was er/sie will und jeder kann seinen Feminismus definieren wie er/sie will. Aber die meisten Menschen werden darunter verstehen, daß für eine solchermaßen identifizierende Person die Geschlechterdynamik (eine spezielle Sichtweise davon) die bestimmende soziale Problematik ist.

  17. felix sagt:

    Stimmt schon, aber:
    Beruf ungleich Berufung, oder!?

  18. Melanie sagt:

    Liebe Ladys, wie sind eure Zukunftspläne? Kommen darin auch laute Auftritte und klare Ansagen in der Öffentlichkeit drin vor? Oder wäre das tatsächlich un-vor-stell-bar?

    Bringt unsere Generation überhaupt Menschen für laute Auftritte hervor?
    Der Aufruf dieses blogs erwartet, trotz meiner Unverständnis von Rollenklischees, eine weibliche Perspektive und ein Urteil über junge Frauen mit dem Aufruf: laut zu sein, laut zu werden und laut zu bleiben. Das Bild, das wir jungen Frauen in der Öffentlichkeit, vor allem auch die intellektuelle Öffentlichkeit, in Büchern, Zeitungen etc. vermitteln, spiegelt sich in diesem blog wieder. Mit Namen wie „schnatterinchen“ (Sorry, aber bist du wirklich eine kleine süße Labbertasche? Nein, dein Beitrag sagt etwas anderes) oder Mitteilungen wie „klein, blond und chancenlos“ oder auch „groß, großspurig, Mann“ reproduzieren wir doch genau das wieder, was angeprangert werden soll.
    Die Frage nach lauten Auftritten ist berechtigt, denn mein Eindruck der jungen Frauen, die ich berufsbedingt auf Konferenzen oder Tagungen im Themenfeld Arbeitsmarkt und Migration treffe, zeigen kein Bild von aktiven, selbständigen oder selbstdenkende Frauen. Vielmehr wird nach einem „typisch weiblichen Schema“ weiterhin gekichert und geschäkert und auf „kleines Weibchen“ gemacht. Gestandene Wissenschaftlerinnen lassen sich das Wort abnehmen oder als Vorzeigemäuschen darstellen, deren Lorbeeren irgendein „alter tradierter von-sich-selbstüberzeugter Langeweiler“ einheimst. Allerdings besteht hier auch ein großer Unterschied zwischen den Generationen: Während die jungen Frauen zwar unerfahren sind, wirken sie dennoch souverän und fachlich kompetent in ihren Themen. Hingegen wirkt die Generation der Frauen „im Mittelalter“ (die mit den Klamotten: weit und kurz, Alice-sozialisiert), die mit Sicherheit fachlich kompetent sind, viel publizieren und in der Lehre tätig sind, zu großen Teilen absolut fehl am Platz. Ein lautes Wort, ein Gegenargument und schon werden sie unsicher und schwächen ihren Vortrag ab. Das bekommen doch die Männer genauso mit und dieses Bild wird dann auf uns junge Frauen übertragen. Mit der Folge, dass das Durchbrechen der gläsernen Decke für uns nicht einfacher wird.
    Natürlich ist mein Aufruf, Mädels seid laut, sagt was ihr denkt, sagt was ihr wollt. Sprecht die Dinge an wie sie sind (siehe Roches Feuchtgebiete). Leider fehlen hier nicht nur weitere Vorbilder in der Literatur sondern es fehlen vor allem die Vorbilder in der Öffentlichkeit. Auch meine Vorbilder!
    Leider finde ich keine Frauen, die diese Rolle übernehmen können. Die wenigen die aus ihren Löchern krabbeln und laut sind, bleiben nicht, sondern verschwinden viel zu schnell wieder. Woran liegt das?
    Wo sind weibliche Vorbilder, die jung sind, aktiv sind, bei der Arbeit und in der Wissenschaft aktiv sind und… die kleine Kinder haben. Dieses leidige Kinderthema kommt überall auf, deshalb möchte ich es aufgreifen um aufzuzeigen, dass für laute Ansagen in der Öffentlichkeit, ein Schritt darin besteht das Private zu entpolitisieren. Das Gegenargument hierzu ist selbstverständlich, dass das Private immer politisch ist, die Politik ins Private wirkt. Diese Debatte ist ein alter Hut. Und… diese Debatte gilt immer noch nur für Frauen! Hier muss deutlicher werden, dass zwischen Beruf und Familie kein ODER passt. Die privaten Wünsche nicht aufgeschoben werden müssen um sich beruflich zu verwirklichen. Von diesem Bewusstsein ist unsere Generation der „gebärfähigen, noch nicht gebärbereiten“ Frauen noch weit entfernt. Auch entfernt von dem Gedanken, von tradierten Rollenbildern abzuweichen und eigene Wege zu finden. Hier zeigen sich bereits gute Ansätze politisch das Private zu ermöglichen, beispielsweise durch Elterngeld, Teilzeitregelungen, Ausbau von Kindertagesstätten. Nur müssen wir junge Frauen unsere Wünsche stärker einfordern und nicht freiwillig an den Herd zurückkehren, sobald Kinder da sind.
    Wie geht das? Ein weiterer Schritt besteht doch darin, sich selber zu reflektieren um zu fragen, wo stehen wir in der Öffentlichkeit, wie sehen wir uns selber, was wollen wir erreichen? Und dann nehmen wir unsere sehr gute Ausbildung, unsere individuellen Kompetenzen (PISA hat es doch gezeigt) und gehen endlich hinaus in die Welt oder an unseren Arbeitsplatz und provozieren… nicht nur dass, sondern produzieren auch Produkte um unsere Provokationen mit stichhaltigen Argumenten zu unterfüttern. Und… bitte, lasst uns Netzwerke bilden, Kontakte knüpfen um im Chor laut zu sein.

  19. Schnatterinchen sagt:

    Melanie: lustig, dass mal jemand Bezug auf meinen Nick nimmt! :-)

    Meine weiblichen Vorbilder sind nicht unbedingt laut (bin ich selber nicht, zumindest nicht im akustischen Sinne). Laut sein ist keine Qualität an sich, wenn man nicht gerade in einer Heavy-Metal-Band spielt.

    Viel umwerfender finde ich Frauen wie zum Beispiel Juliane Kokott
    http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,409854,00.html
    oder Johanna Hey, http://de.wikipedia.org/wiki/Johanna_Hey die schnurstracks nach oben durchmarschieren, während andere noch mit Lautsein oder sonstwie Am-Selbstbewusstsein-feilen beschäftigt sind.

  20. Goofos sagt:

    Eigentlich habe ich mich schon gefragt ob jeder diese Meinung „laut sein = einen Inhalt haben“ hat. Ich verstehe nicht ganz wieso unbedingt gefragt wird „wollt ihr laut sein?“. Meiner Meinung nach geht es um Inhalte und nicht um hauptsache man hat geschrien auch wenn es nichts zu sagen gab.

  21. Susanne sagt:

    @ Goofos: Ich dachte, das wäre zu verstehen, dass ich mit „laut“ Mund aufmachen und (kluge) Sachen sagen meine. Ich meine nicht, sinnlose Laute von sich zu geben. Andererseits haben wir ja auch nicht über Biertrinkwettbewerbe gesprochen, wo „laut“ tatsächlich eine andere Bedeutung haben könnte.

    Falls das auch für Andere hier missverständlich war, noch mal neu formuliert: Habt ihr vor, in eurem Leben für Sachen öffentlich einzustehen, eure Meinung klar und deutlich zu formulieren und quasi eine öffentliche, intellektuelle Person zu sein?

    (Oder so. Das „laut“ sollte alles mit einbeziehen, was dieser Satz jetzt nicht mehr im Vagen lässt.)

  22. Melanie sagt:

    Genau das ist es doch, was Susanne meint: Inhalte. Wenn man die nur leise vor sich hinflüstert oder mit Hihihi-Hand-vor-Mund-halt-Habitus verbreitet passiert Nüscht!Nix!Nada!

    Und in diesem Blog wird ebenfalls nur Drum-herum geredet. Dabei besteht ein Forum um Inhalte zu transportieren.

    Laute Vorbilder, Meine Frage an euch:
    Können Powerfrauen, mit 5-10 Kindern, hohe Einkommensklasse, hohes Bildungsniveau, Flexible berufliche Zeiteinteilung, Kinderfrau, 3 Std- Schlaf, tollen Publikationen, etc. wirklich Vorbilder sein? Das sind doch Ausnahmeerscheinungen. Natürlich braucht es die, aber das sind so abstrakte Beispiele, dass eine Vorbildfunktion ausbleibt. Zwischen diesen und (dieses Bsp. kommt immer) der „Uschi“ aus der Bäckeria, die halbtags arbeitet und ihre Kinder vormittags zu Oma bringt, liegt doch die Mehrzahl der gutausgebildeteten Frauen. Was ist mit denen? Wo sind die laut? Was haben sie zu sagen?

  23. Schnatterinchen sagt:

    Melanie: „Können Powerfrauen, mit 5-10 Kindern, hohe Einkommensklasse, hohes Bildungsniveau, Flexible berufliche Zeiteinteilung, Kinderfrau, 3 Std- Schlaf, tollen Publikationen, etc. wirklich Vorbilder sein?“

    Sich jemanden zum Vorbild nehmen ist doch eine subjektive Angelegenheit. Bei den einen funktioniert das mit dieser Person, bei den anderen mit jener. Bei wieder anderen mit keiner. Ich finde halt sog. Powerfrauen manchmal ganz inspirierend. Und kein bisschen abstrakt. Wieso eigentlich abstrakt?

    Frauen der beschriebenen Art zeigen völlig unabstrakt, dass es möglich ist, ganz nach oben zu kommen und trotzdem einen Stall voll Kinder zu haben. Und all das ohne zu jammern und ohne Quote. Und ohne Männer- oder Hausfrauen-Bashing.

    Noch mal kurz zur Frage nach den öffentlichen Intellektuellen. Ganz klar in diese Kategorie fallen die Leute, um die es in diesem Spiegel -Artikel geht. Sind auch Frauen dabei. ;-)

  24. Der Artikel in der ZEIT über Susan Sontag und Joan Didion tut weh, weil es wirklich stimmt: das Denken von Frauen wird wenig geschätzt. Und das empfinde ich als schwerwiegend. Ob es nun in Deutschland schlimmer ist als anderswo, weiß ich nicht. Aber ich sehe nach einigen Diskussionen im letzten Jahr, daß sich vor allem folgende Dinge verflochten haben:

    1. Die Frauenbewegung der 70iger Jahre, die eine sehr umfassende gesellschaftliche Kritik hatte (und z.T. auch praktische Alternativmodelle, wie z.B. in Deutschland die Kinderläden) wurde im Laufe der Jahre immer mehr auf eine Fraueninteressenspolitik reduziert. Und so konnte die große verändernde Kraft dieser Bewegung sich wenig auf das gesellschaftliche Ansehen des Denkens von Frauen auswirken.

    2. Im Zusammenhang mit der wichtigen Erkenntnis, daß das Private politisch ist, haben Frauen erreicht, daß Männer sich an vielen Punkten anders ihnen gegenüber verhalten. Es gibt so etwas wie political correctness in vielen Bereichen. Aber das ist nicht identisch mit politischer Wertschätzung. Die Frauenbewegung hat es nicht geschafft, den Männern die dahinterliegenden Denkweisen zu vermitteln und damit auch, daß Frauen auf unterschiedliche Art mit ihrem Denken die Gesellschaft verändern und weiterbringen. Daß es also wichtig wäre, darauf zu hören, was Frauen zu sagen haben.

    3. Eine Zeitlang Ende der 70iger/Anfang der 80iger Jahre war in der Frauenbewegung die Ansicht verbreitet, daß Frauen sich weigern sollten, Gedanken für ein gutes Zusammenleben von Frauen und Männern und überhaupt gesamtgesellschafte Gedanken und Visionen zu entwickeln, da dies nur zu einer Fortsetzung männlicher Sich-Bedien-und Sich-Versorgenslassens-Kultur führen würde. Stattdessen sollten Frauen gute Beziehungen in ihrer eigenen Parallelgesellschaft entwickeln. Ob es ein Fehler war oder damals einfach nötig – der Preis dafür war jedenfalls, daß auch nicht mehr viele gesamtgesellschaftliche Gedanken und Visionen von und aus der Frauenbewegung erwartet wurden. (Daß Frauen auch Räume für sich haben, finde ich immer noch gut, aber nicht aus Männerabwehr, sondern einfach so, gilt für die Männer auch).

    4. Vermutlich wirkt sich noch etwas sehr Altes in unserer Denkkultur aus: die Abwertung von Frauen war seit Jahrhunderten eingebettet in eine dualistische Einteilung aller Sphären: Frau gleich Natur gleich Körper gleich Emotion gleich dunkel usw.usw. Mann gleich Kultur gleich GEIST gleich DENKEN gleich hell usw.usw. Dieser Dualismus wird zwar langsam aufgebrochen, weil sich viele Frauen nicht mehr auf eine Seite oder überhaupt etwas Bestimmtes reduzieren lassen und auch Männer beginnen, sich da zu bewegen, aber: auf der allgemeinen Ebene scheinen Männer (und zwar mehr als Frauen) Denken immer noch mit ihrem Geschlecht zu identifizieren. Nicht bewußt, mehr so: wir sind identisch mit dem Denken, und dann gibt es noch die Anderen (Simone de Beauvoir). Das bedeutet, daß auch noch eine Weiterentwicklung nötig ist, in der Männer Frauen, ABER AUCH SICH SELBST als eigene Größe wahrnehmen und nicht sich als die Gesellschaft und ihr Denken und dann gibt es noch die Frauen.

    5. Und auch Frauen geben oft hauptsächlich männlichem Denken Autorität, weil sich noch zu wenig eine Kultur der Autoritätsvergabe unter Frauen entwickelt hat. Meiner Meinung nach wächst in einer solchen Kultur weibliches Selbstbewußtsein natürlicher als im Training forschen Auftretens.

    Hier noch einige Links zu den Diskussionen im letzten Jahr:

    Political correctness: http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-15-118.htm
    Parallelgesellschaft: http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-10-59.htm
    Dualismus: http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-3-102.htm

    Gruß an Euch alle!

  25. jj sagt:

    Cornelia Roth,

    „2. Im Zusammenhang mit der wichtigen Erkenntnis, daß das Private politisch ist, haben Frauen erreicht, daß Männer sich an vielen Punkten anders ihnen gegenüber verhalten. Es gibt so etwas wie political correctness in vielen Bereichen. Aber das ist nicht identisch mit politischer Wertschätzung. Die Frauenbewegung hat es nicht geschafft, den Männern die dahinterliegenden Denkweisen zu vermitteln und damit auch, daß Frauen auf unterschiedliche Art mit ihrem Denken die Gesellschaft verändern und weiterbringen. Daß es also wichtig wäre, darauf zu hören, was Frauen zu sagen haben.“

    Das Problem mit der Theorie der zweiten Welle ist doch eher, daß sie mit der Standpunktepistemologie ein System gebaut hat, daß explizit die Unmöglichkeit des gedanklichen Verständnisses durch nicht-Gruppenangehörige postuliert – vor allem natürlich, um sich der fundamental berechtigten epistemologischen Kritik zu entziehen und das eigene theoretische Süppchen vor sich hin zu kochen. Wenn man also schon mit Anspruch auftritt, nicht allgemein zugängliche Erkenntnisse zu schaffen, wenn so der Begriff von „Wahrheit“ und Erkenntnis im intersubjektiven Bereich so verwässert wird, dann muß man sich ja auch nicht wirklich wundern, wenn das in der Öffentlichkeit nicht so wirklich ernst genommen wird. Denn letztlich ist das System ja eine intellektuelle Qutenregelung für Frauen.

    Aber politisch war es natürlich höchst nützlich für die „Frauenpolitik“ – insofern kann man eigentlich nicht sagen, daß die Öffentlichkeit diese Art des weiblichen Denkens nicht geschätzt hat – zumindest sofern man die politische Realisierung von Forderungen als Maßstab nimmt.

  26. jj,

    das mit dem Standpunkt ist eine interessante Sache.

    Ich habe es nicht so in Erinnerung, daß durchgängig Männern die Fähigkeit abgesprochen wurde, feministisches Denken zu verstehen. Aber es wurde oft verlangt, sich auf den „Standpunkt der Frauen“ zu stellen, damit wird es zur Glaubenssache, zur politischen Korrektheit. Ein Nichteinnehmen dieser Standpunkte wurde zeitenweise als mangelnder guter Willen interpretiert und das weckt natürlich nicht das inhaltliche Interesse an feministischen Gedanken.

    Ich glaube aber nicht, daß auf diesen Punkt alles zurückzuführen ist, wie es in Deinem Beitrag anklingt. Ebenso wichtig scheint mir, daß Feminismus so sehr mit Interessenspolitik identifiziert wird, als ob es da um eine Frauengewerkschaft ginge.Damit können sich Männer vielleicht solidarisieren, aber eine wirkliche Relevanz für ihr Leben und für die Gestaltung der Gesellschaft bekommt feministisches Denken so nicht.