In der aktuellen Ausgabe der Zeit stellt sich die Literaturkritikern Susanne Meyer in einem sehr lesenswerten Essay eine interessante Frage: Warum gibt es in Deutschland keine weiblichen intellektuellen Ikonen wie es Susan Sontag für Amerika war – oder auch die Publizistin Joan Didion?
Bei der Lektüre des Essays wird klar: Es gibt eine ganze Menge Gründe dafür. Gründe, die sich gegenseitig bedingen und reproduzieren:
Ein deutsches Phänomen, findet die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun, die in Italien aufwuchs, in Frankreich und Amerika gelehrt hat und zum Wintersemester an der Humboldt-Universität zu Berlin als Graduiertenkolleg »Geschlecht als Wissenskategorie« anbietet. Fragt man Braun, warum sich in Deutschland Frauen immer wieder zurücknähmen, sagt sie, das Problem sei eine Abwehr des Mutterbildes, und zwar weniger das der Nazis als das des Weiblichkeitsideals der fünfziger Jahre.
Sie beschreibt es die Hausfrau, die Gattin, die aufopferungsvolle Weiblichkeit. Die gewählte Abstinenz von einer öffentlichen Rolle. Der dezidierte Nichtintellektualismus, der in dieser Rolle liegt. Die Rolle der intellektuellen Frau ist nicht deutlich vorgezeichnet. »Ich bitte Sie, wenn bei uns eine Alice Schwarzer als große Emanzipationsfigur gilt«, sagt Braun. »Alice Schwarzer!«, sagt Bovenschen. Und erinnert sich, wie die Debatte um den Paragrafen 218 in alle Diskussionen »hineingegrätscht« sei, alle anderen Themen aus dem Feld geschlagen habe. Das hielt die Mädchen beschäftigt. Frauen verpassten es, sich in jene Zeitdebatten einzumischen, in denen Didion und Sontag prominente Rollen spielten. In differenzierten Essays, nicht als Stichwortgeberinnen in Talkshows.
(…)
Bei uns, sagt Braun, traue die Öffentlichkeit dem Denken der Frauen nicht. Mehr noch trauten sich Frauen etwas zu, werde das nicht gerne gesehen. So ist es: Frauen, die eine starke Meinung haben, werden vor allen Dingen als Frauen gesehen. Man schaut auf ihre Frisur, die Schuhe, siehe oben.
»Schriftsteller sollten uns mit dem, was sie tun, frei machen, lockern, aufrütteln. Sie sollten dem Mitgefühl und neuen Interessen neue Wege bahnen«, sagte Susan Sontag, als sie im Mai 2001 den Jerusalem-Preis entgegennahm, in einer Rede, die auch der neue Band enthält, und definiert für sich eine grandiose Rolle, ohne Bescheidenheit. (…) Es fällt schwer, sich in der deutschen Landschaft eine Frau zu denken, die sich so zu produzieren wagte.
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So liest man also mit ein wenig Neid die Essays von Didion und Sontag, eine Gattung übrigens, die dem deutschen Geist natürlich zuwiderläuft. Der Essay sei bei uns ja eine Kümmerform, sagt Bovenschen, der erst vor zwei Jahren gelang, mit aphoristischen Betrachtungen, Älter werden, einen Publikumserfolg zu erringen. »Sontag und Didion schreiben journalistisch!«, sagt Braun, »und das ist bei uns ein Totschlagargument unseriös!«
Liebe Ladys, wie sind eure Zukunftspläne? Kommen darin auch laute Auftritte und klare Ansagen in der Öffentlichkeit drin vor? Oder wäre das tatsächlich un-vor-stell-bar?

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