Wenn innerhalb einer Gesellschaft eine neue Geisteshaltung entsteht, ist das zunächst ein Problem für die Gemeinschaft, denn es weiß ja keiner, ob man dieser „Bewegung“ überhaupt trauen kann. Wenn man ganz ehrlich ist, so ist man auch meistens nicht wirklich im Stande diese Frage selber zu beantworten. Die Realität ist komplex und vor allem in der heutigen medialen Zeit kaum noch zu überschauen. Konsequenterweise bleibt einem nur die Unsicherheit, die aus den verschiedensten persönlichen Motiven entsteht, und der erste intuitive Versuch diese Unsicherheit wieder los zu werden ist oftmals die Ablehung des Neuen. Das Festhalten an dem bisherigen Weltbild gibt einem Sicherheit. Der Grad der Unsicherheit entscheidet dann darüber, ob man der neuen Geisteshaltung einfach nur skeptisch gegenüber tritt oder sie aktiv bekämpft.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Diejenigen, die bei der Frauenbewegung in den 70er Jahren dabei waren haben diese aktive Ablehung ja nur all zu gut erfahren dürfen. Mittlerweile hat sich die Situation entschärft und jedermann weiß heute, dass es emanzipierte/feministische Frauen gibt. Das gilt allerdings noch nicht für feministische Männer. Irgendwie ist unsere Anwesenheit noch unbemerkt geblieben. Wenn ich einem Komillitonen erzähle, dass ich Feminist bin, so blickt mich dieser oft nur total verwundert an – nach fünfminutiger Wartezeit, in der er sich wieder fängt, werde ich dann gefragt: „wie…. Feminist…. Hä?“. „Mann“ und „Feminismus“ – wenn diese Wörter heutzutage in einem Satz zusammen auftauchen stiftet das nicht selten größere Verwirrung, hat man doch bisher nur von „Emanzen“ und „Feministinnen“ gehört. Die Reaktionen sind mannigfaltig. Zu der gerade erwähnten Variante, einfach ins Wachkoma zu fallen, gibt es natürlich noch viele Alternativen.
Fängt man bei den Männern an, so habe ich bisher drei Varianten erlebt. Die wenigen Gleichgesinnten finden es toll, Unentschiedene gucken einen wie oben beschrieben verwirrt an. Und die Nicht-Gleichgesinnten klären einen darüber auf, dass man Feminismus nicht mehr brauche, noch nie gebraucht habe („Warum soll man Frauen noch mehr bevorzugen, als sie es sowieso schon werden?“) oder behandeln uns oftmals wie „Verräter“ – an was genau ist mir auch nicht ganz klar. Das Strafmaß für diesen Verrat ist vielseitig und der Phantasie sind hierbei keine Grenzen gesetzt: Feministen seien Weicheier, keine richtigen Männer und natürlich Typen, so wird uns prophezeit, die niemals ein erfülltes Sexualleben haben werden. Das ist schon ziemlich hart und offenbar das Pendant zu der Phrase, „dass Frauen ja nur zu Feministinnen werden, weil sie hässlich sind und keinen richtigen Mann abbekommen haben“. Es ist eigentlich beeindruckend, wieviele Hassgefühle man mit einer frauenfreundlichen Geisteshaltung hervorzurufen vermag. Wir tun doch keinem weh! Ich denke, dass bei der letzten Variante die Unsicherheit eben am größten ist und folglich auch der Grad der Ablehnung, schließlich kann man sich von feministischen Männern nicht mehr so einfach distanzieren, wie von Frauen. Das Wort „Deserteur“ passt also ganz gut.
Bei den Frauen herrscht unterdessen noch eine gewisse Unentschlossenheit. Manche finden Feminismus auch in der heutigen Zeit etwas übertrieben und blicken einen ebenfalls verwundert an. Diese Reaktion habe ich z.B. während meiner Schulzeit sehr oft erlebt – ist ja auch irgendwie verständlich – denn in der Schule gibt es keine gläserne Decke mehr, die eine vom Abitur abhält. Wozu hier noch Feminismus? Andere Frauen sind total begeistert und loben unseren Werdegang. Ferner gibt es noch diejenigen, die es garnicht einsehen, warum man Männer jetzt auch noch dafür loben soll, dass sie sich endlich auch so benehmen, wie es für Frauen seit langem selbstverständlich ist.
Und irgendwie ist es schon verzwickt – wie soll denn eine Frau, die, und das setze ich jetzt einfach mal voraus, mit feministischen Männern etwas anfangen kann, mit ihnen umgehen? Sicherlich ist positives Feedback wichtig – das gilt in der Kindererziehung genau wie bei Erwachsenen. Aber andererseits führt dies ja wieder zu einer Polarisierung in der Beziehung. Wenn er den Müll rausbringt, den Abwasch macht und den Kinderwagen im Stadtpark herumschiebt bekommt er dafür Anerkennung und Lob. Für seine Frau gilt das nicht. Sie kann noch so viel im Park herumirren, ein „Schatz ich finde es klasse, dass du dich so viel um unser Kind kümmerst!“ wird sie sicher seltener zu hören bekommen. Und eigentlich sollte doch solches Lob für ihn auch garnicht nötig sein – schließlich kann es doch keinen anderen Grund für eine feministische Einstellung (bei Männern) geben, als die schlichte Einsicht, dass das einfach richtig ist. Wozu dann noch Lob? Es ist irgendwie nicht einzusehen, warum ein männlicher Feminist gleich zur heiligen Kuh erklärt werden sollte.
Aber andererseits bedeutet es auch viel Widerstand und Spott, wenn man sich als Mann zum Feminismus bekennt – ist das kein Lob wert? Dann muss man sich aber auch fragen: „Lobe ich z.B. (m)eine Frau dafür, dass sie Feministin ist und sich emanzipiert hat?“ Die Situation ist wieder einmal unübersichtlich und der goldene Mittelweg kaum zu erkennen. Die Lösung muss also wieder jeder selber herausfinden. Ich glaube, dass es sich lohnt, den goldenen Mittelweg zu suchen: Lob fürs Müllrausbringen ist überflüssig und verfehlt, Anerkennung dafür, seine Karriere einzuschränken, um ein Kind großzuziehen ist angebracht – und zwar auf beiden Seiten!

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