Das Feministische Lexikon
Hier könnt ihr
– nachlesen was wir unter bestimmten Begriffen verstehen und
– mehr erfahren, wenn ihr manche Hintergründe noch nicht kennt.
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Abtreibung
Der gewollte Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft. Ist in Deutschland illegal, wie § 218 des Strafgesetzbuches zeigt: „Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Dennoch geduldet über die „Beratungsregel“ und eine medizinische bzw. kriminologische Indikation. Bei Abbruch per Beratungsregel braucht es einen Schein, dem ein Gespräch mit Psychologen (z. B. von kirchlichen oder sozialen Organisationen) vorangegangen ist. Frühestens vier Tage nach der Beratung darf die Schwangerschaft ärztlich beendet werden. In den ersten fünf Wochen mit einem Hormonpräparat, sonst wird bis zur zwölften Woche unter Betäubung abgesaugt. Bei „medizinischer“ Indikation, wenn also der Embryo behindert oder die Mutter durch die Schwangerschaft stark gesundheitlich gefährdet ist, darf bis kurz vor dem Entbindungstermin abgetrieben werden. „Kriminologische“ Indikation heißt: Die Schwangerschaft entstand bei einer Vergewaltigung.
Binnen-I
Ein Versuch, sprachliche Gleichberechtigung herbeizuführen. 1981 erfand ihn der Autor Christoph Busch als „Geschlechtsreifung des ‚i’ und sein Auswachsen zum ‚I’ infolge häufigen Kontakts zum langen ‚Schrägstrich’“, womit er die damals allgültige Sprachvariante „Hörer/innen“ meinte. Bald gehörte es zum guten Ton der eher linksorientierten Presse, seit Ende der Neunziger verschwindet es aber immer mehr aus den Medien und anderen Publikationen. Vielmehr gibt es jetzt eine deutliche Tendenz zu geschlechtsneutralen Formulierungen, z. B. „Studierende“.
Blaustrümpfe
Im 19. Jh. galten Intelligenz und Bildung bei Frauen als unweiblich. Die Bezeichnung „Blaustrumpf“ verspottete die durch Bildung emanzipierten und oft auch berufstätigen Frauen. Ähnlich wie die →„Lila Latzhose“ die Frauenbewegung der 70er Jahre symbolisiert, steht der „Blaustrumpf“ für die erste Frauenbewegung. Mit dem Unterschied, dass die Frauen der ersten Bewegung gar keine blauen Strümpfe trugen: Der Botaniker Benjamin Stillingfleet besuchte in den 1750er Jahren den Salon der Londoner Literatin Elisabeth Montagu. Auf ihren „schöngeistigen Partys“ diskutierten die Gäste über literarische Themen. Stillingfleet fiel dort mit seinen blauen Socken auf, ein modischer Fehlgriff in der damals üblichen schwarzen Abendgarderobe der Männer. Daraus ergab sich in der Öffentlichkeit der allgmeingültige Begriff „Blaustrümpfe“ für die Besucher der intellektuellen Salons und später als Spottversion gegenüber Frauen.
Feminismus
Wir definieren ihn nach der Encyclopedia Britannica als “the belief in the social, economic, and political equality of the sexes” – also den Glauben an die soziale, ökonomische und politische Gleichheit der Geschlechter. Alles andere, was dem Feminismus darüber hinaus nachgesagt wird – sei es, dass er eine Bewegung sei, die die Männer unterjochen will oder dass im Feminismus nie gelacht wird – ist Klischee und dummes Vorurteil. Der Definition der E.B. folgt in der Diskussion gerne der Hinweis, dass dann ja jeder Mensch auf dieser unserer Erde Feministin oder Feminist sei. Doch es gibt genug Menschen, die nicht der Meinung sind, dass Frauen z.B. ebenso wie Männer am Haushaltseinkommen beteiligt sein sollten oder dass Frauen sich in der Politik in gleichem Maße einbringen sollten wie Männer oder oder oder. Genug Menschen, Männer und Frauen (siehe Schirrmacher und Herman) sind noch der Meinung, dass Frauen und Männern jeweils ganz spezifische Rollen zugedacht sind, von Gott oder ihren Genen oder sonstewas. Das hat dann so gar nichts mit Feminismus zu tun.
Frauenwahlrecht
Die Finninnen waren in Europa die Schnellsten. Seit 1906 gilt dort das Frauenwahlrecht. Erst 1971 durften die Frauen in der Schweiz wählen (im Kanton Appenzell Innerrhoden sogar erst ab 1990). Und in Deutschland? Am 12. November 1918, mit Beginn der Weimarer Republik, wurde hierzulande das Frauenwahlrecht eingeführt. Die Französin Olympe de Gouges war 1791 weltweit die Erste, dich sich für die bürgerlichen Rechte der Frauen einsetzte. Trotz „Freiheit, Gleichheit und und Brüderlichkeit“ der Französischen Revolution musste de Gouges mit ihrer öffentlichen Verlesung der „Erkärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ an die Schwesterlichkeit erinnern. In Deutschland führte Louise Otto-Peters (1819 – 1895) eine bürgerliche Bewegung an, die das weibliche Recht auf Bildung und Arbeit, sowie Mündigkeit und Selbständigkeit forderte. In der Arbeiterklasse mobilisierten Clara Zetkins (1857 – 1933) und Rosa Luxemburg (1870 – 1919) die Frauen. Die setzten auf die Abschaffung der Klassenverhältnisse, der automatisch die Gleichberechtigung der Geschlechter folgen würde. Als erste Partei forderte die SPD das Frauenwahlrecht in ihrem Parteiprogramm von 1891. 1916 kam es dann zum Bündnis zwischen der bürgerlichen und der sozialistischen Frauenbewegung, am 12. November 1918 garantierte die neue Verfassung Männern und Frauen ab 20 Jahren das Stimmrecht. Am ersten Wahltag, dem 19. Januar 1919 stimmten mehr als 82 Prozent der Frauen ab, 37 Frauen zogen ins Parlament ein.
Gleichstellungspolitik
Erst Ende des letzten Jahres wieder trafen sich die Gleichstellungsbeauftragten der Länder zur Beratung und Bestandsaufnahme. Ergebnis: Es herrscht Stillstand. Von wahrer Chancengleichheit könne auch nach über 40 Jahren nicht die Rede sein. So mag zwar der Eindruck bei manchen Menschen ein anderer sein, denn allerorts gibt es Initiativen, Programme, Fördermaßnahmen für Frauen. Doch bewegen will sich unsere Gesellschaft deswegen noch lange nicht. In Deutschland ist Gleichstellungspolitik leider vor allem Symbolpolitik. Hier ein Initiativchen, dort ein Aktiönchen – anstatt verbindlicher Quoten und wirklich bemerkbarer Änderungen bei der Erziehung in Kindergarten und Schule. Die Folgen: Viele Männer haben kein Verständnis mehr dafür, dass immer nur Frauen gefördert werden; diese sollen doch jetzt endlich mal aufhören, sich zu beschweren. Viele Frauen führen berufliches oder privates Scheitern nur auf ihr eigenes Unvermögen zurück – denn die Umstände können es ja nicht sein; die sind ja durch all die Initiativen schon so, dass es doch eigentlich jede Frau schaffen müsste.
Gleichberechtigung
Oft als gegeben gesehen mit dem Hinweis, in der deutschen Gesetzgebung gäbe es kein Gesetz, dass Frauen aufgrund ihres Geschlechtes benachteiligt. Allerdings ist “Recht” keine Kategorie, die bei juristischen Fragen endet, sondern auch eine gesellschaftliche Größe. Wenn wir also davon sprechen, dass noch lange keine Gleichberechtigung erreicht ist, dann meinen wir damit mehr als die Gesetzgebung. Rechte werden immer auch durch die Gesellschaft ge- oder verwehrt.
Internationaler Frauentag
Wird auch Weltfrauentag genannt und findet jährlich wetweit am 8. März statt. Im August 1920 beschlossen etwa 100 Frauen aus 17 Nationen einen alljährlichen Frauentag, “um die Einführung des politischen Frauenwahlrechts zu beschleunigen”. Der Ursprung dieser Idee und des Datums ist nicht ganz geklärt, zweifellos steht der Internationale Weltfrauentag jedoch in der Tradition gewerkschaftlicher Frauenkämpfe. Während der 8. März nach 1945 in westlichen Ländern immer mehr in Vergessenheit geriet, entwickelte er sich in den östlichen Gesellschaften zu einer Art “sozialistischem Muttertag”. Im Westen fand der Weltfrauentag in den 60ern wieder mehr Beachtung. 1977 wurde der 8. März von der Generalversammlung der UN als Internationaler Frauentag anerkannt. Heutzutage wird dieser Tag meist genutzt, um den Fokus auf ein bestimmtes Problem der Frauen weltweit zu lenken, wie Gewalt gegen Frauen oder Chancengleichheit in Bildung und Politik.
Lila Latzhose
Die „Lila Latzhose“ ist heute ein negativ besetztes Symbol der Frauenbewegung der 60er und 70er Jahre. Ein Symbol war sie von Anfang an. Über das Kleidungsstück gab ihre Trägerin das politische Statement: Seht her, ich bin Feministin, ich gehöre dazu. Nach dem modischen Trend und dem Abflauen der 2. Welle der Frauenbewegung wird die „Lila Latzhose“ heute vor allem als Klischee benutzt. Zum Beispiel im Bonner Haus der Geschichte: Hier dokumentiert die „Lila Latzhose“ als Ausstellungsstück die Frauenbewegung. Die Filmemacherin Helke Sander sieht darin eine „unglaubliche Reduzierung“ und kritisiert: „Das ist tatsächlich das, was den Historikern zur Frauenbewegung eingefallen ist.”
Misogynie
Kommt vom griechischen misogynia, was “Frauenhass” bedeutet. Eine misogyne Haltung Frauen gegenüber ist nicht zwangsläufig sexuell motiviert, sie durchzieht allerdings sämtliche (männlichen) Urteile gegenüber Frauen in allen Lebensbereichen, sei es Wissenschaft, Privatleben oder das Internet.
Mütterfeminismus
Der Begriff Mütterfeminismus entstand mit dem Entwurf des „Müttermanifests“ im Jahr 1987. Darin forderten Frauen und Mütter eine Grundsicherung ohne Anbindung an eine Erwerbstätigkeit und eine ideelle Aufwertung der Haus- und Erziehungsarbeit. Die Unterzeichnerinnen dieses Manifests waren Anhängerinnen des Differenzfeminismus und gingen von einer natürlichen Verschiedenheit der Geschlechter aus und sahen Mutterschaft als einen natürlichen Bestandteil weiblicher Selbstverwirklichung und Lebensplanung. Die Mütterfeministinnen wurden von vielen linken und progressiven FeministInnen kritisiert. Eine modernere Form des Mütterfeminismus‘ geht nicht mehr von der differenzfeministischen Annahme der Verschiedenheit der Geschlechter aus, sondern stellt die Geschlechterdemokratie als Ziel in ihr Zentrum: So wird die Selbstbestimmung einer Frau, ihre Unabhängigkeit, ihre Selbstverwirklichung und – letztendlich auch – ihre Karriere nicht mehr als Gegensatz zur Mutterschaft angesehen, sondern das Ziel ist es: Beides vereinbar zu machen.
Manche Feministinnen sehen in der Geburt eines Kindes auch die Chance der „Geburt eines feministisches Bewusstseins“: So kann die Annahme, bereits gleichberechtigt zu sein, durch die Mutterschaft und damit einhergehende Beschränkungen infrage gestellt werden.
Neoliberalismus
Unter Neoliberalismus (siehe auch Wikipedia) wird die Idee verstanden, dass der Markt so gut wie alles von alleine richten kann. Adam Smith sprach in diesem Zusammenhang von der „Invisible Hand“ – der unsichtbaren Hand. Eingriffe des Staates in den Marktmechanismus werden als generell unerwünscht oder sogar schädlich betrachtet, da sie das Gleichgewicht des Marktes – die „Invisible Hand“ eben – störten. Relevant für den Feminismus ist dieser Denkansatz, weil Feministinnen der „Dritten Welle“ oft mit dem Vorwurf konfrontiert sind, sie seien ‚neoliberal‘. Hinter diesem Vorwurf steckt die Annahme, der ‚Neue Feminismus‘ setze sich nur für ökonomischen Erfolg ein, reproduziere damit neoliberale Ideologien und passe sich ihnen an. Leistung als Maxime zu Erreichung von Wohlstand und die eigene Vermarktung des „Humankapitals“ seien an der Tagesordnung. Er vernachlässige traditionelle feministische Anliegen wie die Befreiung von patriarchaler Kontrolle, Überwindung der Ungleichheit produzierenden Marktstrukturen, eine Kritik von als ungerecht empfunden Hierarchien und eine Solidarisierung mit den Ärmsten. Die indische Feministin Devaki Jain sagte: “Wir wollen kein größeres Stück vom vergifteten Kuchen” – und bringt damit die Kritik am angeblich neoliberalen Feminismus auf den Punkt.
Quote
Geht es um das Thema “Quote” kommt im spätestens zweiten Kommentar der Satz: “Frauen sollen nicht wegen ihres Geschlechts eingestellt werden, sondern weil sie gut sind.” Oder: “Eine Frauenquote ist frauenfeindlich, weil sie unterstellt, dass Frauen es nicht alleine schaffen können.” So dachten viele Feministinnen in ihren jungen Jahren auch. Doch wer sich mal eine Weile mit dem Thema beschäftigt, wird erkennen: Es gibt jetzt eine unsichtbare “Männer bevorzugt”-Quote. Zahlreiche Studien, z. B. von Forsa (Download, 3MB) belegen, dass Entscheidungsträger am liebsten ihnen ähnliche Menschen (be-)fördern. Und weil sie selbst in den meisten Fällen weiße Männer aus dem Bildungsbürgertum sind, fördern sie auch am liebsten weiße Männer aus dem Bildungsbürgertum. Weil diese ähnlich funktionieren wie sie. Barbara Bierach und Heiner Thorborg beschreiben das in ihrem Buch “Oben ohne” ganz schön: “Frauen gelten ihnen als Unternehmensrisiko”. Einfach, weil sie anders ticken. Und dieses “Risiko” wollen viele Personalentscheider nun mal nicht eingehen. Es ist eine menschliche Regung, die aber zu sehr viel Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern führt – nicht nur für Frauen in der Industrie, auch für Männer im Sozialwesen. Eine Quote kann diese Ungerechtigkeit verringern. Wir finden sie ein sinnvolles Instrument und finden eine 40-Prozent-Quote, und zwar sowohl für Frauen als auch Männer, eine sehr gute Idee. So lange, bis sich etwas getan hat und Frauen bzw. Männer in den jeweiligen Bereichen “normal” sind. Und, um das noch kurz zu klären: Eine Quote bedeutet “Bevorzugung einer Frau bei GLEICHER Qualifikation.” Es wird keine Frau eingestellt, die es nicht drauf hat. Es wird nur das Moment der Geschlechterbevorzugung durch die Vorgesetzten ausgeschaltet. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.
Suffragetten
Kommt von suffrage, was (Wahl-)stimme bedeutet. 1903 gründete Emmeline Pankhurst (1858-1928) in Großbritannien, die “Women’s Social and Political Union”, sie sich zum radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung entwickelte. Die “suffragets” traten mit Protesten, Hungerstreiks und Störungen öffentlicher Veranstaltungen für das →Frauenwahlrecht ein. Dabei scheuten sie auch die Konfrontation mit der Polizei nicht, allein Pankhurst war acht Mal im Gefängnis. Bis heute gilt das Wort Suffragette oft (ähnlich wie Blaustrumpf) als Herabsetzung und hat einen spöttischen Beigeschmack.
Trümmerfrauen
Damit sind nicht die Frauen gemeint, die nach dem 2. Weltkrieg viele zuvor als rein “männlich” gesehene Aufgaben übernahmen. Redet man von “Trümmerfrauen” im Berufsleben, dann ist damit der Mechanismus gemeint, Frauen vor allem dann in Spitzenpositionen vorzulassen, wenn ein Unternehmen in eine Krise geraten ist. Dann erwartet man von einer Frau, sie möge das angekratzte Image des Unternehmens retten oder auch verkrustete, korrupte Strukturen beseitigen. Ähnliche Hoffnungen lagen im Jahr 2000 auf Angela Merkel, als sie nach der CDU-Spendenaffäre doch recht überraschend zur Parteivorsitzenden gewählt wurde.






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