1976 eröffnete das erste Frauenhaus in Deutschland, welches von häuslicher Gewalt und ähnlich schlimmen Krisen betroffenen Frauen Zuflucht bot. Mittlerweile sind es schon mehr als 400 bundesweit. Was es allerdings bisher nur einmal gibt, ist ein Männerhaus. Es wurde 1995 von Horst Schmeil in Berlin-Spandau gegründet und steht mittlerweile im brandenburgischen Ketzin, wo es neben seinem Gründer noch von Dietmar Gettner betreut wird. So ähnlich wie bei Frauenhäusern dient es als Zufluchtsort für Männer, die Opfer häuslicher Gewalt oder anderer Krisen geworden sind.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Auch Frauen können zuschlagen, wobei die Wahrscheinlichkeit dafür besonders in Trennungsphasen und extremen Streitsituationen am größten ist. Allerdings scheint das niemanden besonders zu stören, denn oft passiert auch nichts – die Verletzungsgefahr ist für den Mann in der Regel gering und er bräuchte sich meist nicht mal besonders anzustrengen, um den Angriff abzuwehren oder die Angreiferin an einem Weiteren zu hindern. Wenn man nun auch noch zu denjenigen Männern gehört, die ihr Selbstbewusstsein in Emotionslosigkeit begründen, was durch Rollenklischees und Erwartungshaltungen unserer Gesellschaft durchaus gefördert wird, ist die Sache auch nicht weiter tragisch, oder etwa doch? Der aktuelle Gender Datenreport des Bundesfamilienministeriums berichtet sogar, dass in heterosexuellen Partnerschaften angeblich ähnlich viele Männer von häuslicher Gewalt betroffen sind wie Frauen (wobei aber nach wie vor der Großteil der anderen Körperverletzungen von Männern begangen werden). Zu beachten ist hierbei auch, dass Frauen in der Regel zu leichteren Formen der physischen Aggression neigen, etwa Schubsen und dergleichen. Dennoch gibt es nur ein Männerhaus in Deutschland, das zudem noch schlecht besucht ist. Auch wenn die Folgen häuslicher Gewalt gegen Männer nicht so verheerend sind wie bei Frauen – ich glaube kaum, dass die Gefühlswelten von dermaßen vielen Männern in Deutschland einen physischen Angriff der Partnerinnen unverletzt überstehen, vor allem wenn es öfter vorkommen sollte.
Verständlicherweise ist im Zuge der Frauenbewegung und der Emanzipation zunächst das Augenmerk auf die Frauen gerichtet worden. Häusliche Gewalt ist für sie oftmals ein viel größeres Problem – zum einen, weil der Gegner in der Regel wesentlich stärker ist, und zum anderen, wenn sie z.B. in einer Ehe von ihrem Partner finanziell abhängig sind, was vor nicht allzu langer Zeit noch der Regelfall war. Von Natur aus mit mehr Körperkraft und den entsprechenden Hormonen ausgestattet, kann nicht jeder Mann immer genau abschätzen, wie viel Schaden sein Schlag anrichten wird – und das ist der betroffenen Frau auch bewusst. Trifft er zu hart und an der falschen Stelle kann das schlimme Verletzungen zur Folge haben. Diese größere Verantwortung für seine Muskeln schlägt sich daher auch in der Gesetzgebung nieder. Aber selbst wenn keine bleibenden physischen Verletzungen bleiben sollten, ist die psychische Verfassung von Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind meist alles andere als stabil. Die Erfahrung von Wehr- und Hilflosigkeit ist nichts, was man so einfach wegstecken kann. Die meisten Männer hätten sich in einer umgekehrten Situation recht einfach zur Wehr setzten können, ohne die Frau dabei zu verletzten, wobei einmal vorausgesetzt sei, dass keine Waffen benutzt wurden.
Auch wenn bei Männern eher selten Verletzungen durch die Angreiferinnen entstehen – die Belastung ihrer Gefühlswelt ist trotzdem präsent und nichts, was sie einfach unberührt lässt, außer sie erzwingen oder verdrängen das Problem. Und scheinbar passiert letzteres auch im Regelfall. Eingangs wurde ja bereits erwähnt, dass Gewalt gegen Männer keine Seltenheit ist – aber die Opfer dieser Gewalt, die über derartige Erfahrung sprechen oder Hilfe suchen, sind hingegen eine Rarität. Es fällt den meisten Männern viel schwerer als Frauen, emotionale Probleme bei sich selbst anzuerkennen und diese richtig zu verarbeiten – gerade falls diese Probleme darin bestehen, dass sie von einer Frau physisch angegriffen oder gar misshandelt worden sind. Das passt so gar nicht zu dem verbreiteten Männerbild in unserer Gesellschaft, welches neben dem „richtigen Mann“ nicht besonders viel Spielraum bereitstellt.
Wann ist man denn ein „richtiger“ Mann? Ist man es, wenn möglichst wenige der als weiblich angesehen Gefühle zugelassen werden und man selbst den schwersten emotionalen Rückschlägen wie ein Fels in der Brandung trotz, ohne mit der Wimper zu zucken? Schaut man sich um, so scheint sich dieser Eindruck, zumindest bis zu einem gewissen Ausmaß, zu erhärten. „Öffentlich“ weinende Männer stempelt man gerne als wenig selbstbewusste Weicheier ab und solche, die zuviel Acht aufs Äußere geben, sind nicht mehr heterosexuell, sondern metrosexuell. Das gängige Rollenklischee für männliches Selbstwertgefühl manifestiert sich bisweilen eher in einer emotionalen Eintönig- und Bedürfnislosigkeit. Unsere Bandbreite verbleibt bis heute eingeschränkt: Stolz, Aggression und Selbstsicherheit sind willkommene, eben typisch männliche Gäste; Liebe, Zuneigung, (emotionale) Verletzlichkeit und Sensibilität hingegen nicht. Solche Eigenschaften kennzeichnen unter Männern eher Schwächen, weshalb sich auch viele bevorzugt an Frauen wenden, wenn hinsichtlich solcher Themen Gesprächsbedarf besteht. Das sind zumindest meine Erfahrungen mit diesem Thema.
Derweil wir nun unsere Gefühlswelt rigoros in dieses Schema pressen, ist auch das öffentliche Interesse an derselben recht gering. Wir erachten sie schließlich selbst als eher unwichtig oder wollen sie nicht nach außen dringen lassen. Ob wir diese Eigenart durch unsere Erziehung mitbekommen haben oder eher durch das gesellschaftliche Umfeld geprägt worden ist – ins Männerhaus gehen würden die wenigsten, ich wahrscheinlich auch nicht. Kein Wunder also, dass es nur eines in ganz Deutschland gibt.
Dennoch empfinde ich die Botschaft als sehr positiv, da durch die schiere Existenz dieser Einrichtung die männliche Gefühlswelt auch als etwas Wichtiges und Relevantes anerkannt wird – vor allem, da die Betreuer dort selber Männer sind. Bedauerlich ist nur, dass solche Projekte nicht staatlich gefördert werden können, weil die (öffentliche) Nachfrage zu gering ist. Für eine modernere Einrichtung, sowie geschultes Fachpersonal, fehlen konsequenterweise die finanziellen Mittel.
Im Moment gelten die Besucher des Männerhauses den meisten noch als wenig selbstbewusste Schlaffies, aber vielleicht wird sich das ja auch in Zukunft einmal ändern.

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