Wir freuen uns über einen Gastbeitrag von Salomé! Die Autorin ist vegane Katzenliebhaberin, derzeit wohnhaft in NRW, Person of Color, und führt nach eigenen Angaben kein allzu bemerkenswertes Leben…
CN: Rassismus
Die Naturkosmetikmarke Alverde hat vor einigen Tagen eine neue Limited Edition für ihre dekorative Kosmetik in die Läden gebracht. Der Name der Produktlinie ist „African Soul“.

Pressetext:
“Wie wäre es mit einem Ausflug in die Savanne? Entdecke die faszinierenden Farben und die Magie des fernen Kontinents. Die neue Limited Edition African Soul von alverde NATURKOSMETIK zaubert einen Hauch von Afrika in dein Schminktäschchen und nimmt dich mit auf eine Reise durch die Weiten des Landes. Lass dich von den warmen Erdtönen und leuchtenden Farben mitreißen und verleihe deinem Aussehen einen Look wie von der Sonne geküsst.”
Ich fasse zusammen:
1. Weißes Model mit „Afro“-Perücke auf dem Kampagnenfoto
Denn es hätte so wehgetan, einfach ein Schwarzes Model zu nehmen.
Wir wissen hoffentlich alle, dass auf dem afrikanischen Kontinent auch Weiße heimisch sind und es hellhäutige Schwarze gibt – die Perücke gibt aber darüber Aufschluss, dass man hier zweifelsfrei versucht hat, eine Schwarze Person zu repräsentieren, ohne eine Schwarze Person zu repräsentieren.
Eines der Bronzingprodukte nennt sich African Powder. Ich weiß schon, womit sie das Model für die nächste Kampagne blackfacen.
2. Geographische Verwirrung
Im Text bezieht man sich bei Afrika zunächst auf den „fernen Kontinent“ (sic), spricht dann aber von einer „Reise durch die Weiten des Landes“ (sic), was nahelegt, dass die Presseleute weder über geographischen Durchblick, noch das Minimum an Respekt zu verfügen, um sich selbigen kurz zu verschaffen, was dank Google die unzumutbare Zeitintensität von etwa zehn Sekunden beansprucht.
3. Geographische Wahrnehmungsstörung
Wer Afrika als Land sieht, kann die Exotisierung desselben natürlich auch nicht sein lassen…? Afrika ist Europas Nachbarkontinent. Nordamerika ist bedeutend weiter entfernt – wie oft wird von den Vereinigten Staaten (wohlgemerkt heute, lange nach 1892) als „fernes Land“ gesprochen?
4. Fragwürdige Zielgruppeneingrenzung
Als wäre es nicht schon peinlich genug, hat natürlich niemand daran gedacht, in dieser von einem Kontinent mit mehrheitlich Schwarzer Bevölkerung „inspirierten“ Linie Abdeckkosmetik (Concealer/Puder/Foundation) für Leute zu berücksichtigen, die nicht weiß sind. Die Zielgruppe Alverdes lässt sich also weiterhin in etwa zwei Hauttöne und eine Ethnizität einteilen.
Die Stellungnahme der Firma – in Form eines Kommentares unter/in der Diskussion bei Facebook – liest sich folgendermaßen:
„Hallo Ihr Lieben, danke für Euer zahlreiches Feedback zu unserer neuen LE African Soul. Wir können Euch versichern, dass es niemals unserer Absicht entspricht, Frauen jeglicher Hautfarbe zu diskriminieren. alverde geht es hier um die Darstellung und Vermittlung eines Beauty-Trends, den sowohl hell- wie auch dunkelhäutige Frauen umsetzen können. Aber wir nehmen Eure Anregung gerne auf beim nächsten Shooting mehr Alternativen zu zeigen, liebe Grüße aus dem alverde-Team, Helena“ (eigene Hervorhebungen)
Unter einem anderen Beitrag fand folgender Dialog statt:


Mit anderen Worten: Die Alverde-Repräsentantin ist der Meinung, dass die Marke ausreichend dekorative Kosmetika für Schwarze (mit dunklem Teint) anbietet, muss aber nach einigen gewohnt ausweichenden Antworten zugeben, dass sie keine Abdeckprodukte für eben jene führen.
(Eine Liste an Alternativen zu Alverde für People of Color findet ihr unten.)
Gemessen daran, dass wir das Jahr 2013 schreiben, ist respektvolle Repräsentation nichtweißer Kulturen in an eine weiße Käufer_innenschaft gerichtete Werbung relativ selten. Dieser Zwischenfall ist nicht der erste seiner Art und die begleitende Diskussion ist alles andere als neu.
Es ist nicht „nur“ ein Foto. Es ist die renitente, kontuinierliche, systematische Aufrechterhaltung der bestehenden Machtverhältnisse, die tausende solcher Fotos sowie eine Gesellschaft produziert, die mehrheitlich der Meinung ist, diese Fotos seien akzeptabel.
Wer bei Google „cultural appropriation“ in die Suchleiste tippt, bekommt einen Eindruck davon, wie gut People of Color es finden, dass die Devotionalien ihrer jeweiligen Kultur von weißen Leuten getragen werden, die es nicht interessiert, was sie damit tun und wen sie damit beleidigen.
Spoiler alert:
Japaner_innen sind NICHT hellauf begeistert davon, dass Polyesterkimono als Karnevals- oder Halloweenkostüme verkauft werden.
Inder_innen sind NICHT erfreut von Hipstern, die sich Bindis auf die Stirn kleben.
Cherokee, Sioux, Choctaw und andere Ureinwohner_innen Amerikas finden es NICHT großartig, dass die gleichen Hipsterkids sich Warbonnets über den Kopf ziehen.
Und Schwarze auf allen Kontinenten sind NICHT total glücklich darüber, dass man Schwarze Models prinzipiell nur mit geglätteten Haaren sieht, aber blonde/brünette Weiße bedenkenlos Dreadlocks (und anscheinend auch „Afro“-Perücken) spazieren tragen können, ohne um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu bangen.
Ich habe selten eine Diskussion mitverfolgt, in der sich nicht früher oder später jemand mit dem Einwand zu Wort meldete, man kenne eine Person of Color, der das ganze nichts ausmache. Manchmal ist es auch eine PoC selbst, die kommentiert, sie fände den diskutierten Vorfall nicht rassistisch. Als eine Person of Color, der es nicht egal ist, habe ich schockierende Neuigkeiten für euch:
Liebe Weiße,
wenn ihr ein paar Uncle Toms [Ergänzung, März 2015: Auf Wunsch der Autorin nun gestrichen, da es sich um einen „African American Vernacular English“-spezifischen Begriff handelt] Leute kennt, die in etwa so ignorant sind wie ihr, gleichzeitig aber einer anderen Ethnizität angehören, könnt ihr daraus keine Legitimation für euer menschenverachtendes Verhalten ableiten.
Wenn euch eine weiße Person sagt, dass ihr sie „dummes Stück“ nennen dürft, weil ihr so gute Freunde seid, lautet eure Schlussfolgerung wahrscheinlich (/hoffentlich) auch nicht, dass jede andere weiße Person es gleichermaßen geschwisterlich auffassen wird.
Hört auf, euch am kulturellen Erbe nichtweißer Ethnizitäten zu bereichern. Ihr dürft unseren Kram nicht tragen.
Warum?
Weil wir ihn selber nicht tragen dürfen, ohne von euch stereotypisiert und exkludiert zu werden. Ihr habt eine Situation geschaffen, in der People of Color in ihren Nationaltrachten oder mit ihrer Naturhaarstruktur mehrheitlich mit rassistischen Klischees konnotiert werden. (Nicht, dass uns das ansonsten nicht passieren würde – wir sind konstant einem Rassismus ausgesetzt, dessen Allgegenwärtigkeit vehement geleugnet wird.)
Ihr habt die Privilegienolympiade gewonnen. Zeigt ein bisschen Anstand, indem ihr eure Medaillen/Warbonnets/Bindi/Kimono/Afroperücken nicht zur Schau stellt.
Freundliche (?) Grüße
Angepisste PoC
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Eine Liste von Naturkosmetikmarken, die auch Abdeckprodukte für Schwarze und andere People of Color anbieten und darüber hinaus nicht nur teilweise, sondern komplett vegan sind (wie gewohnt leider alle nicht direkt in Deutschland erhältlich):
http://www.theallnaturalface.com (alle Abdeckprodukte auch in dunklen Nuancen erhältlich)
http://www.allnaturalmineralmakeup.com (Dead Sea Mineral Foundation, Natural Mineral Foundation)
http://www.alythea.com.au (Liquid Mineral Foundation)
http://www.aunaturaleglow.com (Powder Foundation, Powder Concealer, Creme Concealer)
http://cheekycosmetics.ca (Foundation)
http://www.cosmictree.ca (Foundation)
http://www.gabrielcosmeticsinc.com (ZuZu Luxe Oil-Free Liquid Foundation + ZuZu Luxe Dual Powder Foundation)
http://gourmetbodytreats.com (Raw Mineral Foundation)
http://modernmineralsmakeup.com (Foundation)
Unverbindliche Empfehlungen, ich übernehme keine Haftung für diese Seiten.
Bitte um Hinweis, wenn eines der aufgeführten Unternehmen wider meiner Recherchen doch Dreck am Stecken haben sollte.

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