Vor einigen Tagen war ich mit meiner Mutter mit dem Zug unterwegs, irgendwo in der Grenzregion zu Tschechien. Als wir der Grenze näher kamen, betraten plötzlich zwei Polizeibeamte unseren Wagen. Ich erschrecke mich eigentlich immer, wenn Uniformierte in einen Raum reinkommen, weil Einschüchterungstaktiken anscheinend zur Ausbildung dazugehören. Da ich mich von den meisten Polizei-Kontrollen aber in solchen Situation nicht angesprochen fühle(n muss), kann ich mich generell schnell wieder in mein Buch vertiefen. Ein Privileg, wie mir in den Folgeminuten wieder einmal bewusst wurde.
Die Beamten verlangten laut nach den Pässen. Einige der Reisenden zückten ihre Pässe, in Erwartung, dass sie gleich kontrolliert würden. Der eine Beamte war damit beschäftigt, den Pass einer Person of Color¹ eingängig zu studieren, der andere Beamte lief gleich zum Ende des Wagens und fing dort an, Kontrollen durchzuführen. Als der erste Beamte mit der Kontrolle des Passes fertig war, lief er schnurstracks an den weißen Reisenden vorbei, die ebenfalls ihre Pässe in der Hand hatten. Stark irritiert stand ich auf und sah, wie der Beamte zu seinem Kollegen zum Ende des Zugabteils ging, um zwei weitere People of Color zu kontrollieren. Mehr als ein ungläubiges „Was ist denn hier los?“ brachte ich nicht heraus – und schon waren die Beamten im nächsten Wagen.
Zum ersten Mal bekam ich „Racial Profiling“ (bewusst) mit, also eine verdachtsunabhängige Fahndung oder Kontrolle nach rassistischen Kriterien. Wenn in einem Zug nur jene Menschen nach ihren Pässen gefragt werden, die nicht weiß sind und die weißen Passagiere (trotz Passes in der Hand!) nicht als Ausländer_innen gelesen werden (oder nicht ‚interessant‘ genug sind, um kontrolliert zu werden), ist eins klar: In den Augen der Polizei-Beamten werden People of Color per se als Nicht-EU-Bürger_innen kategorisiert und in der Konsequenz kontrolliert.
Dass ich das bisher nicht mitbekommen habe, hat nichts damit zu tun, dass solche Kontrollen traurige „Einzelfälle“ sind, sondern dass ich von rassistischer Diskriminierung einfach nicht betroffen bin. Dass Racial Profiling gängige Praxis ist, zeigt sich an der Entscheidung des Koblenzer Verwaltungsgerichts im Februar: Dieses wies die Klage eines von der Polizei unrechtmäßig kontrollierten Schwarzen Deutschen ab, obwohl die Beamten zu Protokoll gaben, den Mann aufgrund seiner Hautfarbe gezielt kontrolliert zu haben.
Der Arbeitskreis Panafrikanismus e.V., die ISD (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland) und ADEFRA e.V. (Schwarze Frauen in Deutschland) haben daraufhin eine Petition gegen Racial Profiling initiiert, die noch viel zu wenige Unterschriften zählt. Bitte teilt diese auf euren Netzwerken und im Freund_innenkreis.
Die Petition fordert nicht nur die Revision des Urteils, sondern u.a. auch „die Einführung eines verpflichtenden Anti-Rassismus Trainings (…) für ALLE Polizist_innen und Polizeischüler_innen“ und die „Überarbeitung des AGG anhand der europäischen Antirassismus Richtlinien, da dieses derzeit zu viele Ausnahmereglungen beinhaltet und daher in vielen Diskriminierungsfällen nicht greift“.
Als ich die Petition auf meiner privaten Facebook-Seite verlinkte und von dem rassistischen Zugerlebnis erzählte, kommentierte eine Freundin:
Was machst du/ ihr alle, wenn ihr Racial Profiling in Aktion beobachtet? – z.B. bei ’ner Ausweiskontrolle im öffentlichen Raum? Vor allem, was können die Weißen tun/lieber nicht tun?
Da ich manchmal in diskriminierenden Situationen unsicher bin (auch welche, die mich persönlich betreffen), fand ich es ziemlich gut, mal zu überlegen, was mensch in solchen Situationen tun kann, um für das nächste Mal vorbereitet zu sein. Mir fiel im Nachhinein ein, dass ich die Beamten hätte fragen können:
„Möchten sie meinen Pass auch sehen oder kontrollieren sie hier nur bestimmte Menschen? Wenn ja: Warum?“
Dazu gehört sehr viel Mut, aber vielleicht kann mensch sich diesen Mut ein wenig antrainieren, um auf solche Kontrollen in Zukunft reagieren können. Accalmie von Stop! Talking. schrieb folgendes:
Ich persönlich hätte mich schon oft darüber gefreut, in solchen Situationen nicht allein gelassen zu werden [und] würde mir wünschen, dass jemand, der_die weiß ist und racial profiling mitbekommt, aufsteht, mir Hallo sagt, die Polizist_innen fragt, warum sie genau mich ansprechen, und dann ruhig aber eindeutig Stellung dazu bezieht. (…) Im Zweifelsfall: nachfragen. Aber nicht rumsitzen und entweder nichts sagen oder aus drei Reihen Entfernung rummotzen – finde ich.
Eins ist klar: Es gibt kein Patentrezept. Nicht alle können selbstbewusst mit der Polizei reden (vor allen Dingen, wenn sie daraufhin selbst mit Sanktionen rechnen müssen). Was wir aber tun können, ist aufmerksamer zu werden, nach unseren Möglichkeiten zu intervenieren und solidarisch mit jenen zu sein, für die Rassismus zum Alltag gehört.
Das Mindeste ist, die Petition gegen Racial Profiling zu unterschreiben.
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