… oder: wie man auf sexistische Bemerkungen meiner Meinung nach nicht reagieren sollte.
In einem kürzlich veröffentlichten Interview über seinen neuen Film spricht Bushido darüber, warum er keine Lust hat, mit Alice Schwarzer in den Dialog zu treten. Er vermutet, dass Schwarzer gezielt seinen wunden Punkt treffen könnte, in dem sie ihn auf seine Mutter anspricht. In einem fiktiven Gespräch liefe dies Bushido nach so ab: Schwarzer würde ihn fragen „Hey, Bushido, wie waren denn die Titten damals von deiner Mutter, als du als kleiner Junge daran gesaugt hast?“, worauf Bushido antworten würde: „Ey, F***! Fick dich ins Knie!“
Auf diese offensichtlich sexistische Äußerung reagierte Alice Schwarzer dann mit einem öffentlichen Brief „Antwort an den deutschen Rapper Nr. 1!„, in dem sie betont, dass Sie Bushido eigentlich nicht den Gefallen tun möchte, ihm Aufmerksamtkeit zu bescheren. Mit ihrer öffentlichen Antwort hat sie aber genau das erreicht. Im Folgenden lest ihr einige Ausschnitte aus dem Brief, welche ich neben ihrer legitimen Kritik an Bushido sexistischen Aussprüchen problematisch finde. Nichts neues: Alice Schwarzer Kritik-Style eben.
Hey Bushido (…)
Du bist irgendwie zerrissen. Zwischen dieser deutschen, ergebenen Mutter und diesem tunesischen, abwesenden Vater. Der war schwach – aber stark genug, deine Mutter regelmäßig zu verprügeln.
Indem sie die geprügelte Mutter mit dem Zusatz „ergeben“ versieht, konstruiert Schwarzer sie gekonnt einseitig als passives Opfer. Frauen, die bei ihren prügelnden Ehemännern bleiben, sind aber häufig nicht einfach nur demütig der Gewalt „ergeben“, sondern haben bei Androhung von Trennung mitunter Angst vor schlimmer Rache oder fühlen sich auf Grund von Kindern verpflichtet, beim Partner zu bleiben. So ist die Abwägung, vorerst den Partner nicht zu verlassen, nicht einfach so leichtfertig als passive Handlung zu interpretieren.
Indem Schwarzer die Herkunft der Eltern betont, schafft sie es auch implizit, Gewalt zu kulturalisieren. Gewagte Lesart? Dann bedenke folgendes: Würde Schwarzer beispielsweise folgenden Satz schreiben: „Zwischen dieser deutschen, ergebenen Mutter und diesem schweizerischen, abwesenden Vater.“? Ich glaube nicht.
Und welche Lehren hast du Muttersohn daraus gezogen? Die, gewalttätige Männer zu verachten? Nein, im Gegenteil: Du identifizierst dich mit dem Täter! Auch du verachtest die Frauen. Wir sind für dich nur Fotzen, die man von hinten fickt. Deine Idole sind gewalttätige, „echte“ Männer. Männer, wie Arafat Abou Chaker, nach deiner eigenen Aussage „einer der mächtigsten und berüchtigtsten Männer Berlins“. Das sieht die Polizei genauso. Dieser libanesische Clanchef hat dich vor sechs Jahren auf deine Bitte hin aus dem Knebel-Vertrag mit deiner alten Plattenfirma Aggro rausgehauen. Vermutlich auf seine Art. Jetzt bist du in seinem Label ersguterjunge GmbH sein Goldesel. Humor scheint er zu haben, dein Arafat.
Ich finde es absolut legitim, Bushido direkt mit seinem Sexismus und seiner Gewaltverherrlichung zu konfrontieren. Dennoch missfällt mir die Art und Weise, in der Schwarzer dies tut: „Muttersohn“ wird immer dann verwendet, wenn man auf die angebliche Schwäche eines Mannes hinweisen will, der sich offensichtlich eher an seiner Mutter orientiert und/oder sich gerne von ihr verhätscheln lässt. Ihn damit beleidigen zu wollen, zeigt nur, dass Schwarzer Bushido keine „unmännlichen“ Schwächen zugesteht. Ziemlich sexistisch irgendwie.
Und auch hier wieder ist die Wortwahl zu beachten, wenn Schwarzer Personen beschreibt: „Der libanesische Clanchef“. Menschen aus islamischen Ländern werden bei Schwarzer in diesem Text nur im Kontext von Gewalt und Illegalität zitiert. Kann Zufall sein… oder zeigt Schwarzer’s unreflektierte Vorurteile auf.
Mit [Arafat] bewohnst du jetzt samt Mama und vielen, vielen stiernackigen Bodyguards anscheinend eine Villa im biederen Lichterfelde. So heißt es in den Medien. Da grillst du, schneidest die Hecken und hörst Depeche Mode. Okay. Ich gönn es dir. Nur erzähl uns nichts vom Ghetto, von Verzweiflung und Ehre.
Wieso nicht? Bushido hat Gewalt in der Familie erlebt, Drogen konsumiert und ist nicht den von Schwarzer so beschworenen „gut-bürgerlichen“ Weg gegangen, in dem er das Gymnasium verließ und eine Ausbildung zum Maler und Lackierer machte. Darf er, obwohl es ihm jetzt finanziell besser geht, nicht darüber rappen?
Da bist du auf den Trichter mit dem Gangsta-Rap gekommen. Aber der Punkt ist: Du siehst nur so aus. Du spielst nur. Der einzige echte Gangsta in deiner Nähe ist vermutlich dein Beschützer Arafat.
Bushido „sieht nur so aus“ wie ein Gangsta-Rapper? Halb-Tunesier sehen also aus wie Gangsta-Rapper? Und wieder eine unglücklich gewählte Aussage.
Schwarzer sollte wissen, dass Worte nicht nur Bilder kreieren, sondern auch unhinterfragte Stereotype reproduzieren. Als eine der bekanntesten deutschen VertreterInnen des Feminismus, die Machtverhältnisse und dessen Produktion analysieren (sollte), müsste sie sich der Macht der Sprache bewusst sein. Auf sexistische Äußerungen mit derart problematischen Aussagen zu reagieren, nimmt der Kritik einfach die nötige Kraft und Glaubwürdigkeit.

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