Die kurdische Frauenrechtlerin Nebahat Akkoc sagt im Interview mit der Taz, das Massaker im türkischen südosttürkischen Mardin sei ein sogenannter Ehrenmord:
Ein Cousin wollte selbst die junge Frau heiraten. Gemäß der Tradition hätte er das Vorrecht gehabt. Aber die Familie des Mädchens gab sie einem anderen Bewerber. Der Cousin und seine Familien fühlten sich übergangen und in ihrer Ehre verletzt. Es kann aber auch sein, dass weitere Gründe eine Rolle spielten.
Das Mädchen hat bei der Frage, wen sie heiratet, nicht mitzureden?
Gerade in ländlichen Gegenden leben patriarchale Traditionen fort. Viele Mädchen können sich ihre Ehepartner nicht selbst aussuchen, sondern müssen den Mann heiraten, den ihre Familie ausgewählt hat. Und wenn sie sich widersetzen, müssen sie mit Gewalt rechnen.Ist das immer noch so? Immerhin hat die türkische Regierung in den vergangenen Jahren mit einer Reihe von Reformen die Rechte der Frauen gestärkt.
Wir sind in den letzten Jahren wirklich ein gutes Stück vorangekommen: Gesetze haben sich geändert; Frauen, die sich an uns wenden, haben jetzt die Möglichkeit, Polizeischutz zu bekommen, wenn sie es wünschen. Zugleich stoßen wir noch immer auf Widerstände, wenn es gilt, die Gesetzesänderungen in die Tat umzusetzen.
Die Türkei muss – will sie wirklich EU-Mitglied werden – unbedingt einen riesen Schritt nach vorn machen, Richtung Gleichberechtigung. Akkoc sagt, dass immer noch viele Staatsanwälte und Polizeibeamte Gewalt an Frauen nicht ahnden, oder dass es zwar ein Programm gegen die sogenannten Ehrenmorde gibt, gleichzeitig aber kein Geld für deren Umsetzung bereitgestellt wird.
Nebahat Akkoc arbeitet bei der Stiftung Kamer in Diyarbakir.

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