Wenn Browser Frauen wären – Sexismus im Informatikunterricht

von Gastautor_in

Emma ist Informatikstudentin im dritten Semester und hat ihr eigenes feministisches Blog (das sie an dieser Stelle lieber unerwähnt lässt) und schaut gerne Filme und Fernsehen, auch wenn sie sich die ganze Zeit nur über deren Inhalte aufregen kann. Emma erlebte eine ekelhaft sexistische Informatikstunde und schrieb für die Mädchenmannschaft ihre Geschichte auf. Falls du auch gerne mal etwas von der Seele schreiben möchtest, sag‘ bescheid!

Englisch-Modul… oder wie ich es gerne nenne: Desaster.

Aufgrund meines Studienplans muss ich 150 Stunden in einem Nebenfach belegen und es bietet sich an, Englisch zu wählen, da ich im weiteren Verlauf meines Informatik-Studiums einen Sprachnachweis benötigen werde – und weil Englisch weniger Arbeit bedeutet, als fast jedes andere Fach.

Erste Stunde, 33 Leute, davon vier Frauen (inklusive mir). Gut, das ist nicht ungewöhnlich. In einer meiner Übungen bin ich die einzige Frau unter 30 Leuten. Weniger als der geringe Frauenanteil störte mich mit fortschreitender Zeit jedoch das Gebaren meines Kursleiters, genauer, wie er die ganze Zeit betonte, dass Apple-Produkte derart überlegen seien und ich bei mir dachte: „Klar, wenn man es sich denn leisten kann, kann man sicher toll damit angeben.“ Denn, seien wir ehrlich – die Software von Apple ist auch nicht besser als Linux. Nur ungleich teurer. Im Laufe der Stunde wurden dann einige Fragen vorgegeben, die reihum von allen Anwesenden beantwortet werden sollten. Darunter: Welcher war der erste Computer, an dem ihr gearbeitet/gespielt habt? Wie immer zählten einige Teilnehmer die MHz-Zahl auf (und andere Werte, die mich nicht weniger interessieren könnten), aber was meine Nerven mehr zu beanspruchen drohte, war die Antwort der Mehrheit der männlichen Studierenden: „Der Computer meines Vaters.“ Diese Antwort wurde nach kurzer Zeit nur noch mit einem gedämpften „Natürlich“ quittiert.

Und ich dachte mir: „Schön für euch, bei mir war’s der Computer meiner Mutter“, aber da ich mir nicht suggerieren lassen wollte, dass ich nur aus diesem Grund dieses ‚ungewöhnliche‘ Studium gewählt hatte, beschränkte ich mich auf „Eltern“. Vor dieser meiner Antwort lag aber schon ein kleines Sahnehäubchen, das mich nichts Gutes ahnen ließ. Ein Student (einer dieser Typen, der die Bestätigung der Gruppe aufsaugt und dem kein Witz dafür zu dumm ist), sagt:

„Der erste Computer, an dem ich arbeitete, war der meiner Großmutter.“ (Gelächter im Raum)

Meine Gedanken: „Was ist daran so abwegig?“ Meine Großmutter hat sich in die Bedienung von Computern eingearbeitet, mein Opa weiß immer noch nicht, wie’s geht und will es auch nicht lernen.‘ Der Student sagte dann:

„Nee Scherz, der meines Vaters.“ (Noch mehr Gelächter)

Ich: *arg*. Weiterhin war die Frage zu beantworten, welchen Computer man zur Zeit besitzt und welchen Browser man benutzt. Immer wenn (sehr selten) jemand ‚Linux‘ sagte oder (noch seltener) „Opera“, zeigte der Kursleiter eine begeisterte Reaktion. Als ich dran war, sagt ich:

„I’ve got a laptop and a netbook with ArchLinux, my favourite browser is Opera.“ [zu deutsch: Ich besitze einen Laptop und ein Netbook, auf denen ArchLinux läuft. Mein Lieblingsbrowser ist Opera.] (Vom Leiter: keine Reaktion)

Ich stellte mir vor, wie der Leite dachte: „Oooh, der Junge benutzt Linux! … Moment, der sieht aus wie ‘ne Frau – die Linux benutzt? Auf dem Computer? Mit so Fingernägeln und ihrem Ladybrain?“ Does … not …. compute. [Kann das nicht …verarbeiten.]

Gut, bereits an dem Punkt wäre ich am liebsten weit weit weg gewesen. Da kam Mr. „Ich-bin-der-Größte-denn-ich-nutze-einen-Mac“ (=Kursleiter) auf die total lustige Idee, uns einen Text zu zeigen: If Browsers Were Women [zu deutsch: „Wenn Browser Frauen wären“].

Das erste, was bei diesem ‚Artikel‘ die Blicke auf sich zog, war das Bild einer Frau mit großen Brüsten und einem weiten Ausschnitt, bekleidet mit einem Tanktop, das das Firefox-Logo zeigte. Dass beim Öffnen der Seite unten eine Werbebanner voller halbnackter Frauen zu sehen war, beeinflusste meine Meinung zur Seite und ihrem möglichen Inhalt allerdings auch nicht positiv. Ich las mir nichts von dem Text durch, war währenddessen eher damit beschäftigt, einen Fuss zu malen, der in ein Hinterteil tritt. Wollte ja schließlich meine Fähigkeiten beim Zeichnen ausbauen. Der Kurs lachte agitiert, wenn auch mit einem leicht schuldigen Unterton. Ich sah mir die anderen Teilnehmer und wenigen Teilnehmerinnen dabei nicht an, da ich sonst vor Frustration wahrscheinlich aus dem Raum gestürmt wäre.

Der Leiter sagt mehrmals: „Ja, der Text ist ja auch sehr interessant von einem sprachlichen Standpunkt aus betrachtet, sehr gut geschrieben.“ GENAU. SEHR GUT GESCHRIEBEN?! Er sagt auch so etwas wie: „Opera würde’s mit jedem tun“.

Ihr denkt, das war’s? Nein, natürlich hatte die Stunde einen, ihrem restlichen Verlauf entsprechenden, krönenden Abschluss: Zum Ende hin meinte er noch, er benutze kein Lehrbuch als Lehrmaterial, sondern Kopien und würde daher einen Euro von jeder Person einsammeln. Dann sagte er zur blonden Nadja: „You are going to be my secretary for today.“ [zu deutsch: Du wirst für heute meine Sekretärin sein.]

An der Stelle konnte ich kaum mehr an mich halten… „SEKRETÄRIN“? Zu einer Frau, die hier ist, um Englisch zu lernen für ihr IN-FOR-MA-TIK-STU-DI-UM??? (Sorry, ich habe das Gefühl, ich muss es buchstabieren, weil es ja anscheinend nicht in sein Hirn hineinging, was er für eine sexistische Show abgezogen hat, eine von vier Frauen in einem Raum voller Männer, die das Geld ebenfalls hätten einsammeln können, als seine Sekretärin für einen Tag zu engagieren.)

Der Nachmittag war scheiße. Der Abend war scheiße. Ich dachte darüber nach, wie es sein würde, diesen Kurs noch drei Semester zu besuchen (pro Semester werden nie genügend Kurse angeboten, um wirklich das gesamte Pensum auf einmal ableisten zu können). Ich war wütend, sehr wütend.

Am Tag danach saß in der zweiten Doppelstunde zufälligerweise Iren, ein dritte Frau aus dem Englischkurs, zwei Reihen vor mir. Ich fragte sie nach der Vorlesung, wie ihr die Stunde gefallen hätte. Sie meinte: schlecht. Sie meinte, sie hätte sich mehr erwartet, als auf allen Betriebssystemen und Firmen, die nicht „Apple“ im Namen tragen, herumzuhacken. Und sie sagte, sie ziehe in Betracht, den Kurs zu wechseln. An der Stelle ging mir auf, dass das ein gangbarer Weg ist. Wieder zu Hause rief ich bei der Sprachschule an. Die Dame am anderen Ende half mir sehr entgegenkommend weiter und schlug mir Unmengen an Kursen vor, die ich stattdessen besuchen könnte.

Jetzt bin ich in einem neuen Kurs, bei einer Kursleiterin. Und erleichtert.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 4. November 2011 um 9:13 Uhr unter Gewalt, Netz(kultur). RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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29 Kommentare

  1. salsiccetta sagt:

    Vielen Dank für diesen Text. Ja, manchmal kommen derartige Situationen in einem Technikerumfeld leider immer noch vor, ich kenne das auch (bin selber an der Uni in einer eher mathematisch geprägten Disziplin tätig).
    Ehrlich gesagt habe ich mich aber gefragt, warum die Autorin sich zurückzieht und nicht laut wird nach den ersten sexistischen Bemerkungen. So etwas kann sich doch ein Dozent nicht erlauben. Ist nicht der einzig gangbare Weg, Verursacher solcher unangenehmer und sexistischer Bemerkungen darauf aufmerksam zu machen, auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen? Schweigen und weglaufen ist vielleicht bequemer für einen selber, aber letztlich ändert sich dadurch wohl wenig am grundsätzlichen Problem, dass gewisse Männer meinen, solches wie im Text beschrieben sei lustig. Die eigene Wut über solchen „Unterricht“ kann man doch durch gezieltes, sachliches Stören am ehesten wegbringen.

  2. Magda sagt:

    @salsiccetta

    Ich kann deine Gedanken irgendwie nachvollziehen, aber denke dann auch immer: Ist eigentlich schade, dass Frauen oder Feminist_innen immer darauf aufmerksam machen müssen, wenn etwas sexistisches passiert.

    In dem konkreten Fall hätte das ja geheißen, dass die Studentin vor der ganzen Klasse den sexistischen Lehrer maßregelt, was ja gar nicht so einfach ist. Da wird frau vielleicht sofort als „Buh-Emanze“ verschrieen. Wenn der Lehrer schon so sexistisch ist, warum sollte er der Studentin zuhören? Vielleicht folgen dann sogar ein paar noch schlechtere Witze… Soll heißen: Nicht in jeder Situation kann frau sachlich und gezielt intervenieren, kommt ja auf den Kontext an. Es ist eher die Aufgabe des Lehrers, nicht sexistisch zu sein, als die Aufgabe der Studentin, dieses Verhalten zu sanktionieren.

  3. salsiccetta sagt:

    Vielen Dank für die Antwort. Ja, der Blödmann ist natürlich der Lehrer. Was hier wessen Aufgabe ist, ist mir klar, aber die betreffende Person ist offenbar nicht imstande, sie richtig zu erfüllen, und das sollte doch ein paar Konsequenzen nach sich ziehen, wenn man an einem guten Unterricht an der Uni interessiert ist.
    Vielleicht böte sich auch ein Gang zu den Vorgesetzten an. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass solches Verhalten an einer Universität heute noch erlaubt sein sollte, bzw. nicht bei allen Vorgesetzten auf Zustimmung stossen könnte, und würde alles daran setzen, dass es peinlich würde für den Dozenten.
    Der Post hier auf Mädchenmannschaft ist sicherlich ein guter Schritt. Dennoch bin ich tendenziell immer noch der Meinung, dass es ganz gut ist, weiteres zu unternehmen. Wie wäre es mit Aushängen am schwarzen Brett oder einer anderen Form des kreativen Protests?
    Das Thema beschäftigt mich, mir ist selbst auch nicht immer klar, wie man in einem solchen Fall intervenieren sollte und der Post bringt mich sehr zum denken. Vielleicht ist diese Online-Diskussion ein Weg, gute Möglichkeiten zu finden, wie man mit solchem Sexismus umgeht.
    Sicherlich ist es auch ein Unterschied, wie alt man ist, bzw. in welcher Position man an einer Uni ist. Als Wissenschaflterin, die sich nach ein paar Jahren eine eigene Meinung und Position im Fach erarbeitet hat, ist es sicherlich einfacher, einmal laut zu werden, wie als Studentin im dritten Semester, wenn man auch noch mit einigen Unsicherheiten zu kämpfen hat (Mir ging es jedenfalls so).

  4. Laura sagt:

    So traurig es klingt: Man muss als Frau leider auch lernen, mit solchen Situationen anders umzugehen – und nicht weg zu laufen – denn das kann man nicht immer.

    Vielleicht ist es von einem Mädchen des dritten Semesters ein wenig viel verlangt, das gebe ich gerne zu – aber spätestens wenn man im Berufsleben steht, kann man nicht mehr so einfach gehen, wenn man einen sexistischen Chef hat…

    Ich habe Technische Infromatik studiert – und mir glaube ich während meines Studium ein dickes Fell zu gelegt.. ich glaube, sonst wäre ich bei meiner ersten Arbeitstelle wirklich verzweifelt.

    Mein Teamleiter erzählte mir in der ersten Woche, das Frauen seiner Meinung nach eh nix können – und ich eh meine Stelle nur aufgrund der „Quote“ bekommen habe (war die einzige Frau in der Abteilung – zu dem Zeitpunkt) – sogar seine Großmutter wäre genommen worden.

    In den nächsten Wochen folgten Spüche, die man selbst mit sehr viel Toleranz nur noch als sexitisch bezeichnen kann – meine Oberweite und mein weiteres Aussehen betreffend – ich will das hier nicht wiedergeben.

    Was tut man da also? Weg gehen, sich einen neuen Job suchen – obwohl es inhaltich mein Traumjob war?

    Ich habe sehr viel geredet – mit anderen Kollegen (waren ja nicht alles Arschlöcher) – mit unserem Chef, der auch versucht hat, mit dem Typen reden – aber mich erst mal gebeten hat, es nicht „offiziell“ zu machen … das wollte ich auch nicht, weil ich als neuste im Team einfach nicht gleich damit für Aufruhr sorgen wollte… außerdem war ich in einegr gewissen Form auch abhängig.

    Ich habe versucht, mich von den Sprüchen nicht einschüchtern lassen (ich weiß, dass ich gut bin) – und nach einiger Zeit es auch geschafft, Wiederworte zu geben (ich gebe zu – am Anfang war ich zu geschockt .. und wußte nicht, was ich sagen soll) .. es war echt ein Kampf.

    Heute werde ich Respektiert und Ernst genommen – Sprüche kommen selten – und wenn hagelt es gleich zurrück. Inzwischen sind auch weitere Frauen da.

    Ich glaube aber ehrlich gesagt nicht, dass man das einer Frau im 3. Semester zumuten kann – aber, so traurig es ist – so lange nicht mehr Frauen in dem Bereich sind, müssen die, die es schaffen, einfach noch härter kämpfen.
    Und wenn es für die nächste Generation an Informatikerinnen ist.

  5. Miriam sagt:

    Natürlich nervt es, wenn man als eine der wenigen Frauen dann auch noch immer wieder die einzige ist, die auf Sexismus hinweist. Klar würde ich mir wünschen, dass auch Männer mal das Maul aufmachen, wenn solche Dinge passieren wie hier geschildert. Aber wie sollen die denn bitte sensibilisiert werden für solche Sachen, wenn man denen das nicht erklärt? Magda, wenn sich diese Gesellschaft verändern soll, dann bringt es uns nicht weiter, wenn sich Feministinnen in Räume zurückziehen, wo sie auf höchstem akademischen Niveau über Privilegien, Dominant, Herrschaftsstrukturen etc. philosophieren. Die alltäglichen Sexismen gilt es zu bekämpfen, will man eine Veränderung auf breiter gesellschaftlicher Ebene!
    Ja, es ist verdammt schwer, in so einem Kurs aufzustehen und vor versammelter Mannschaft das Maul aufzureißen. Aber man hat ja auch noch andere Möglichkeiten. Die Männer, die in dem Kurs sitzen, sind ja wahrscheinlich nicht alles sexistische Arschlöcher, aber eben genauso im 3. Semester wie Emma, und dementsprechend eben auch noch unsicher, unreif,… Ich bin mir sicher, da wird es den einen oder anderen geben, der sich auch unwohl fühlt mit der Atmopshäre in dem Kurs. Warum sich nicht mit denen verbünden, zuerst einmal diese Männer sensibiliseren. Wenn ich will, dass auch mal die Männer die Klappe aufmachen, wenn es frauenfeindlich/sexistisch zugeht, müssen diese den Sexismus aber auch erstmal erkennen und vor allem wissen, dass sie nicht alleine damit sind, dass sie sich unwohl fühlen. Privilegiert zu sein heißt ja nicht zwangsläufig, dass man sich des Privilegs bewusst ist und dass man glücklich mit dem Zustand ist. Deshalb halte ich es für ungeschickt, den Männern in solchen Situationen pauschal zu unterstellen, dass sie kein Interesse am Abschaffen ihres privilegierten Statuses haben. Wenn man sich also nicht direkt exponieren will, kann es durchaus hilfreich sein, sich Verbündete zu suchen.

  6. Magda sagt:

    @Miriam

    Versucht du gerade eine „akademisch“ vs. „Praxis“ Debatte aufzumachen? Verstehe nicht, warum. Es gibt noch tausend Dinge, die dazwischen liegen Die künstliche Trennung ist absolut unhaltbar. Das lehrt uns die Praxis jeden Tag. Aber zurück zum Thema:

    Privilegiert zu sein heißt ja nicht zwangsläufig, dass man sich des Privilegs bewusst ist und dass man glücklich mit dem Zustand ist. Deshalb halte ich es für ungeschickt, den Männern in solchen Situationen pauschal zu unterstellen, dass sie kein Interesse am Abschaffen ihres privilegierten Statuses haben.

    Wo schreibe ich das? Mein Beitrag sollte lediglich aussagen, dass nicht unbedingt Emma diejenige sein muss, die Sexismus anprangert. Hätte ja auch ein Mitstudent sein können. Das Maulaufreißen ist total gut, d’accord. Aber gerade Frauen werden ja noch mal doppelt bestraft, wenn sie ihr Maul aufreißen und dann auch noch Sexismus ahnden.

    Ich bin übrigens größte Befürworterin davon, wenn Leute öffentlich Sexismen anprangen: Das mache ich z.B. fast jeden Tag. Aus dieser Praxis kann ich dir aber berichten: Nein, es bringt manchmal nicht so viel und ja, am Ende war häufig ich die Düpierte. Dieser erste Impuls also, Emma doch erst mal zu sagen, dass sie doch dies und jenes hätte machen können. verlagert die Bringschuld auf ihre Schultern. Und das finde ich nicht so toll. Das ist das einzige, was ich sagen wollte.

    Kurz und knapp: Maul aufreißen ist toll, Verbündete suchen ist toll, Strategien überlegen, wie mensch dem Sexismus ist toll, aber es ist wie gesagt kein MUSS. Kann einfach nicht von jeder und jedem einfach so verlangt werden.

    Magda, wenn sich diese Gesellschaft verändern soll, dann bringt es uns nicht weiter, wenn sich Feministinnen in Räume zurückziehen, wo sie auf höchstem akademischen Niveau über Privilegien, Dominant, Herrschaftsstrukturen etc. philosophieren. Die alltäglichen Sexismen gilt es zu bekämpfen, will man eine Veränderung auf breiter gesellschaftlicher Ebene!

    Ich verstehe deine „entweder-oder“ Haltung einfach nicht. Es kann sehr wohl *eine* feministische Strategie sein, sich auch mal in bestimmte Räume zurückzuziehen. Das schließt doch nicht aus, dass mensch auch Alltagssexismen bekämpft. Ich bin z.B. in FrauenLesbenTrans* Räumen (wo es auch Alltagssexismen gibt!!) als auch in der Uni als auch in meinem Job sowie in sehr männlich dominierten (Rock-)Musikszene(n) unterwegs. Da habe ich unterschiedliche Strategien entwickelt, Sexismen anzugreifen. Ich will über Herrschaftsstrukturen mit meinen besten Freundinnen philosophieren UND ich kann meinen sexistischen Physiklehrer auf seine Sexismen aufmerksam machen.

    Aber ich muss nicht. Und ich muss mich auch mal da rausziehen dürfen!

  7. Miriam sagt:

    Danke für die Erläuterung. Dein erstes Posting las sich für mich sehr in die Richtung „Es ist nicht meine Aufgabe, den Lehrer in Sachen Antisexismus weiterzubilden“. Und das sehe ich anders. Das muss nicht zwangsläufig durch direktes Exponieren meiner Person geschehen, aber diese unangenehme Situation einfach auf sich beruhen lassen hat ja ganz offensichtlich zu großem Unmut bei Emma geführt.

    meinen sexistischen Physiklehrer

    was ist das denn für ein übles Klischee? Mal ganz davon abgesehe, dass es sich im hier beschriebenen Fall um einen Englischlehrer handelte, finde ich es schon echt ärgerlich, dass Physiklehrer ungefähr genauso oft als Synonym für Sexisten herhalten müssen wie Mütter als Synonym für Computeranalphabetinnen.

  8. Emma sagt:

    Ich sehe es ganz und gar nicht als meine Aufgabe, diesen Menschen zu erziehen und ziehe es auch vor, wenn niemand mit mir victim blaming betreibt, vielen Dank.
    Ich erlebe genug Scheiße jeden Tag, weswegen ich es vorziehe, dass man es mir überlasst, zu entscheiden, wofür ich meine Spoons letztendlich aufwende.
    Wer am Ende entschieden hätte, ob ich den Kurs bestanden habe, ist der Leiter. Unter solchen Umständen bin ich sehr vorsichtig, was ich wo sage. Allerdings ziehe ich in Betracht, ihm eine persönliche Mail zu schreiben und meinen Grund für den Wechsel darzulegen.
    Allerdings finde ich es auch völlig unangebracht, mir vorzuwerfen, dass ich mich einer Situation entziehe, die bei mir körperliches Unwohlsein hervorruft.
    Ich tue meine Arbeit gegen Sexismus und den ganzen Rest, aber ich lasse mich sicherlich nicht vorschreiben, an welcher Stelle und auf welche Art.

    Bei öffentlichen Protesten in Form von Aushängen (falls angedacht war, sich konkret auf diese Person zu beziehen) denke ich, dass man die Willigkeit zur Kommunikation bei der „Gegenseite“ sofort untergräbt, deswegen ist das meiner Meinung nach kein sinnvoller Weg.

  9. Anna sagt:

    Miriam, auf twitter hatte @puzzlestuecke im Zusammenhang mit diesem Text von ihrem sexistischen Physiklehrer erzählt. Daher war dieses Beispiel gerade sehr präsent.

  10. Magda sagt:

    @Miriam

    Ich meinte eigentlich den sexistischen Englischlehrer aus dem Beitrag oben, hab vorhin aber auf Twitter über einen sexistischen Physiklehrer gelesen und muss das dann verwechselt haben.

    Kann deinen Unmut über mein Beispiel aber nur bedingt verstehen, ich habe ja nun auch sehr persönlich und beispielhaft auf deinen Kommentar geantwortet und Erfahrungen mit einem echt sexistischen Physiklehrern hatte ich übrigens wirklich mal, aber das nur als Anekdote. Wollte jetzt keinen Klischees über Physiklehrer wälzen.

    PS: Ich finde wirklich nicht, dass es Emmas Aufgabe ist, den Lehrer in Sachen Antisexismus weiterzubilden. Sie kann es tun, muss aber nicht. Sie war ja in diesem Kontext die Studentin und wollte Englisch und Informatik lernen und wurde nicht z.B. als antisexistische Aktivistin eingeladen, wo mensch dann selbstverständlich davon ausgehen kann, dass diese Erklärungsarbeit leistet (und hoffentlich auch nicht allzu schlecht bezahlt)

  11. Emma sagt:

    @Magda
    Ich finde, dass es nichtmal dann ihre/meine Aufgabe wäre, siehe Noah Sow. Aber danke generell für das eintreten für mehr oder weniger meinen Standpunkt.

  12. Magda sagt:

    @Emma

    Hast recht. Ich finde es ziemlich wichtig, dass die Aufklärungsarbeit nicht in Selbstaufgabe gipfelt, so dass mensch jeden Sexismus, jeden Rassismus ertragen muss und immer die Erklärbärin spielt. Sich auch mal rauszuziehen, ist enorm wichtig. Mein Beispiel war also unglücklich, denn es gibt ja Gründe, warum eine sagt: Bis hier und nicht weiter!

  13. boxi sagt:

    schon bekloppt mal wieder. da hilft wohl nur drüberstehen ( was mit der zeit nicht unbedingt leichter wird) oder „zeit abwarten“ und hoffen, dass in 50jahren es sowas nicht mehr gibt.
    denn vermutlich dauert es so lange, erst recht in den bereichen wo gruppen derart selten sind. vielleicht kann man den professor ja auch verstehen, wenn man jahre lang mit entsprechendem verhalten eher „positive rückmeldungen“ bekommen hat,sowas bekommt man nicht mehr einfach raus, je nach alter vielleicht sogar gar nicht mehr.
    dazu bestärke ja gegebenen abhängigkeiten auch eine gewisse „zurückhaltung“.

    bezüglich mac-linux muss ich aber sagen… aufdem mac gibt es schon die tendenziell bessere software, vorallem die bei der sich entwickler nicht nur auf die funktion beschränkt haben, sondern auch auf details achten, usability, blabla… -selber mac,archlinux und ubuntu user.

    gruß,das boxi

  14. Laura sagt:

    @Emma
    Ich wollte mit meinem Beitrag nicht sagen, dass es deien Aufgabe gewesen wäre, gegen den Sexismus einzutreten.

    Das Problem ist einfach nur, dass es nicht immer so einfach ist, sich dem ganzen zu entziehen. Du konntest den Kurs wechseln – das ist leider nicht immer so einfach möglich – wenn man z.B. Pflichtveranstaltungen hat.

    und spätestens im Job kann man nicht mal eben Kurz den Arbeitgeber wechseln oder eine Konferenz verlassen, weil man mit Sexismus in Berührung kommt und persönlich angegriffen wird.

    Denn spätestens dann wird man leider zum doppelten Opfer – erst durch die Sexitischen Angrife – und dann dadurch, dass man einen gut Bezahlten Job verliert oder Konferenzen verpasst.

  15. somlu sagt:

    Ich hätte nicht nur kommentarlos den Kurs gewechselt, der Sprachschule wäre ich mächtig auf die Füße getreten, das geht gar nicht.

    Der Typ muss wissen, dass auch Frauen in seinem Unterricht anwesend sein können, dem muss bewußt sein, dass er da sexistischen Kackscheiß abliefert und das ist für eine Lehrkraft absolut daneben.

    Ich hätte ein Protokoll geschrieben und mich bei denen beschwert, die für die Einstellung von dem Typen veranwortlich sind, zur Not hätte ich das eskaliert.

    Außerdem hätte ich alle anderen Frauen gefragt, ob es ihnen auch so gegangen ist. Vielleicht ist es einer der anderen auch so gegangen und hat genauso wenig dazu gesagt.

    Was ich aber absolut verstehen, dass Emma das nicht im Kurs angesprochen hat, wie schon gesagt, das ist nicht ihre Aufgabe. Wenn Sexismus (gilt auch für andere -ismen) so plaziert ist, hat sie oder wer auch immer kaum ein Chance.

    Ich würde diesem Typen überhaupt keine E-Mail schreiben, weil ich keine Lust auf die Antwort hätte, die mich sehr wahrscheinlich erwartet. Denn wenn er schon so offensichtlich sexistisch vorgeht, ist das für mich eine Variante des Versuchs Frauen aus solchen Bereichen, in dem sie nichts zu suchen haben (nach bewußter oder unbewußter Ansichts des Sexisten da vorne vor dem Seminar).

  16. GwenDragon sagt:

    Gruselig, aber solche Männer mit niedriger Sozialkompetenz als Lernende und Lehrende gibt es an Bildungseinrichtungen öfters.

    Aber dass es Opera-Nutzerinnen gern mit allen treiben würden, halte ich für eine überdrehte Sexualphantasie eines alten sozial-impotenten Mannes. Davon mal abgeshen, dass ein Browser keine Frau ist. Aber manche Männer müssen ja alles auf Frauen projezieren, um ihre geistreichen Witze an Studenten in der Pubertät zu bringen.

    Da hilft es nur, den Mund aufzumachen, sich zu wehren, den Kurs zu wechseln, sich mit anderen zu organisieren oder den Mist runter zu schlucken wenn das eigene Fortkommen wichtiger ist.

  17. Anna sagt:

    Guten Abend zusammen,

    wir können sehr gerne allgemein darüber diskutieren, wo die jeweils persönlichen Grenzen beim täglichen Kampf gegen Sexismus sind. Das wäre vielleicht auch mal wieder eine Grundsatzfrage wert?

    Was wir hier aber nicht lesen möchten sind irgendwelche Angriffe in Richtung Emma, sie hätte sich mal so und so verhalten _müssen_ oder gar den Vorwurf, dass sie Sexismen weiter aufrecht erhalten würde durch ihr Verhalten.

    JedeR hat andere Grenzen und auch andere Kräfte, gute und schlechte Tage. An guten Tagen stellen wir uns vor die versammelte Klasse und prangern das was da passiert lautstark an und an anderen verlassen wir wortlos den Raum. Beides hat seine Berechtigung und niemand von euch bzw uns hat das Recht von außen zu beurteilen, was „die richtige“ Reaktion wäre.

  18. kiturak sagt:

    Ok, @Kommentator_innen: Geht’s noch, ernsthaft? Ich meine, keine Ahnung, müssen wir mit dieser Feminismus-Sache echt nochmal GANZ VON VORN anfangen? Emma erlebt Sexismus, kotzt sich in einem feministischen Blog aus. Unser Job: Beistand, Rückendeckung, (geek-)feministische Soli. NICHT unser Job: Auf die Idee kommen, Leuten vorzuschreiben (ich hätte ja gesagt, zu mansplainen, aber der Dreck kommt ja von Leuten, die sich hier als Frauen vorstellen?), wie sie sich verhalten sollen.

    Um es vielleicht nochmal für die letzten, die echt aus dem Festival du Racisme-thread NICHTS mitgenommen haben, klar auszudrücken:

    Sexismus.Ist. Gewalt.

    Wir schreiben nicht denen, die Gewalt erleben, vor, wie sie sich hätten verhalten müssen. Richtig? Kein victim blaming. Keeeeein victim blaming.

    Wir können über den Scheißtypen reden mit seiner sexistischen Präsentation, die, NEIN, NICHT zufällig in einem MINT-Kurs vorkommt (re: Physiklehrer-Ding). Wir können über die feigen/bequemen/mitlachenden Typen reden, von denen kein einziger den Mund aufbekommen hat, weil sie kein verdammtes Problem damit haben. Obwohl es für sie ein VIEL geringeres Risiko gewesen wäre als für eine isolierte Frau, in dem Moment etwas zu sagen. Diese Typen, die sich vermutlich jetzt ok fühlen damit, dass sie ja schließlich nicht selbst die Witze gerissen haben, die profitiert haben von diesem Dreck, die Emma ausgeschlossen haben, die sich über ihr beschissenes Schweigen und ihr beschissenes Lachen mit dem sexistischen Arsch solidarisiert haben, Boy’s Club, 3. Semester. Wir können über den sexistischen Gesamtkontext reden, darüber, wie die ganze Informatik-Kultur immer noch weiße Typen privilegiert.

    Wir können NICHT darüber reden, dass die Frau, die diese Gewalt erfahren hat, irgendwas hätte anders machen müssen, und jetzt noch bitte schuld daran sein soll, dass es a) ihr scheiße geht und b) das Ganze SO natürlich niemals besser wird.

    KEIN. VICTIM. BLAMING.

    @Moderator_innen: Ganz ehrlich, wenn ich davon ausgehen muss, dass in den Kommentaren bei Gastposts sowas durchgewunken wird, weiß ich zumindest, dass ich nicht mal ansatzweise daran denken werde, was einzuschicken.

  19. John Dean sagt:

    Ich frag mich, was ich in der Situation gesagt hätte. Vermutlich garnichts, wäre aber leicht angefressen gewesen, um den Vorgang dann am nächsten Tag schon vergessen zu haben. Und dann frag ich mich, was ein männlicher Student in so einer Situation am besten sagt. Möglicherweise so etwas:

    „Sind denn hier alle so notgeil bzw. altersdement, dass hier ständig irgendwelche frauenfeindliche Witze gerissen werden müssen? Ich würde mich freuen, wenn jetzt anschließend sachlich gerarbeitet wird.“

    Keine Ahnung, erneut – ob das jetzt einigermaßen optimal wäre. Ich erinnere mich aber an eines Situation in der Uni, wo in etwa so eine Bemerkung aus meinem Mund kam. Die Reaktion war zunächst erschrockenes, dann peinliches Schweigen. Das war schon einmal gut. Und wie gewünscht, ging es dann auf vernünftige Weise weiter. Im Ergebnis war ich bei einigen Teilnehmern unten durch, und vielleicht ist so ein absehbarer Effekt auch ein Grund dafür, dass Männer in solchen Kursen, die solche Witzeleien auch nicht toll finden, dann eher den Mund halten.

    Andere Variante, keine Ahnung ob die gut ist: Mensch richtet in so einer Situation eine Frage/Aufforderung an alle Kursteilnehmer: „Ich bitte um Handzeichen von denjenigen, die die frauenfeindlichen Witzeleien hier superklasse finden und gerne fortsetzen möchten! Na?“

    Ich finde es, das mag jetzt an mir liegen, eine solche Situation aber nicht einfach, auch nicht als Mann. Da spielen Sorgen in Bezug auf den sexistischen Kursleiter hinein, gruppendynamische Effekte, die Albernheit eines jungen Menschen, aber schlicht auch, über kein passendes Verhaltensmodell in solchen Momenten zu verfügen.

    (der Weg ist noch lang)

    Die andere Frage ist vielleicht, ob es nicht auch eine Idee gewesen wäre, im Anschluss an die Veranstaltung ein Vieraugengespräch mit dem Kursleiter zu suchen. Mitunter sind solche Leute ja durchaus einsichtig, und weniger bösartig oder sexistisch, als es zunächst den Eindruck machte.

  20. kiturak sagt:


    Nein, John Dean, ableistische/ageistische Sprüche würden es nicht besser machen, „geil“ hat nichts mit frauenfeindlich zu tun, auch Du kannst gern davon ausgehen, dass Emma selbst beurteilen kann, wie sie mit der Sache umgeht (z.B., indem sie einen Blogpost in einem politischen Blog schreibt).

    Und, Verzeihung, aber mein Mitleid für die wehrlosen Typen in so einer Situation hält sich bei mir in EXTREM engen Grenzen.

    WATM, wirklich.

  21. Anna sagt:

    kiturak, bitte, ich verstehe, warum du dich aufregst, aber die Netiquette gilt auch für dich (und alle anderen, die sich ärgern).

  22. kiturak sagt:

    @Anna: Du lässt hier ganz ernsthaft reihenweise victim blaming durch und zuletzt noch einen Kommentar wie den von John Dean, und der von mir stößt unangenehm auf?

  23. Anna sagt:

    Ich/wir habe(n) eine ganze Reihe andere Kommentare _nicht_ durchgelassen und mir sind auch andere Kommentare außer deinem unangenehm aufgestoßen. Wie du sicher gesehen hast, war mein Posting eben auch nicht das erste hier von uns Moderatorinnen.

  24. Stefanie sagt:

    Ich finde es super, wenn sich Männer oder ganz allgemein Nicht-Betroffene Gedanken darüber machen, wie SIE SELBST in so einer Situation reagieren könnten, um auf den Sexismus oder die Diskiminierung aufmerksam zu machen. Keine Ahnung, ob die konkreten Vorschläge funktionieren, aber manchmal kann ja schon ein räuspern an der richtigen Stelle ausreichen.

  25. alex sagt:

    @john dean

    das schöne ist ja, am nächsten tag wärst du wieder daran erinnert worden, im nächsten kurs, täglich grüßt das sexistische murmeltier.

  26. delilah sagt:

    Anna, könntest du mal präzisieren, gegen welchen Punkt der Netiquette kiturak womit verstoßen haben soll?
    Ich habe, ähnlich wie kiturak, fassungslos die Diskussion hier verfolgt. k.s Kommentar empfand ich als erleichternd und total wichtig. k. hat in meinen Augen zu einer erträglicheren Diskussionskultur beigetragen und sie nicht etwa verschlechtert.

  27. Anna sagt:

    delilah, mir geht es weniger um die Inhalte als um den Tonfall, das Rumschreien (sprich die Großbuchstaben) und auch den generellen Rundumschlag gegen _alle_, die hier kommentiert haben. Das ist einfach unnötig und trägt zwar sicher zur persönlichen Erleichterung nicht aber zu einem besseren Klima bei.

    @all: Wir werden die Kommentare jetzt erstmal schließen, für Freitagabend (und eventuell auch das Wochenende) ist uns das zu moderationsintensiv. Danke für euer Verständnis.

  28. […] Sexismus im Informatikstudium […]

  29. […] Sexism in computer science studies [German] […]