Gerade die vermeintlich harmlosen Fragen sind die, hinter denen sich die fiese Heteronormativität versteckt und erst sichtbar wird, wenn mensch ein wenig um die Ecke denkt. Paradebeispiel dafür ist die Frage: „Wann wusstest du, dass du lesbisch oder schwul bist?“ oder wahlweise „Wann hast du dich dafür entschieden, homosexuell zu sein?“ – Fragen, die all diejenigen ziemlich oft hören, die nicht (mehr) in Hetero-Beziehungen leben.
Zugegeben: Oberflächlich betrachtet wirken die Fragen erst einmal wenig verdächtig, aber es verbirgt sich eine ganze Menge in ihnen: Zum einen wird Heterosexualität als das „Normale“ gekennzeichnet und so als Norm bestätigt. Homosexualität hingegen wird implizit als Abweichung markiert, für die mensch sich angeblich entscheidet. Auch der Fakt, dass hier immer eine Wahl stattgefunden haben soll, lässt aufhorchen: Wählen Menschen, wen sie begehren? Und: Trifft das dann nur auf Lesben, Schwule und Bisexuelle zu?
Ein tolles Video von Chris Baker und Travis Nuckolls, das im US-amerikanischen Colorado Springs aufgenommen wurde, dreht den Spieß um. Die Interviewer fragen erst, ob die Befragten glauben, dass Homosexualität eine Wahl sei und stellen dann die alles entscheidende Frage: „Wann haben Sie sich eigentlich dazu entschieden hetero zu sein?“
Neben vielen biologistischen Erklärungsversuchen oder solchen, die Homosexualität als „life style“ verorten, kommt beim Thema Heterosexualität eher größere Verwirrung auf: Es wirkt so, als mussten sich die Befragten noch nie Gedanken um ihre eigene Sexualität machen. Der Fokus liegt zur Abwechslung mal nicht auf „der Homosexualität“ und „den Homosexuellen“, sondern auf heterosexuellem Begehren. Die Verwirrung wundert nicht: Heterosexualität wird ja auch nicht ständig mit Theorien belegt. Das Video stellt da einen interessanten Perspektivwechsel dar.

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