Von der #rp12: How to make your activist space a safe space

von Helga

Im gedruckten Programm wurde es leider nicht ganz klar, aber hier handelte es sich bei der re:publica 12 nicht um einen Vortrag, sondern einen Workshop für Erfahrungsaustausch. Nach anfänglichem Zögern, sich auch selbst zu beteiligen, brachten sich schließlich viele Teilnehmer_innen ein. Es ging um die Frage, wie mensch Aktivismus möglichst sicher und barrierefrei für sich und andere gestalten kann. Eine Frage, die auch hier nicht abschließend beantwortet werden konnte – was aber auch nicht das Ziel war. Aber was eigentlich ist ein safe space?

Symboldbild. Bunte Monoblocstühle der rp12

CC BY-SA 2.0 Rerun van Pelt

A place where anyone can relax and be fully self-expressed, without fear of being made to feel uncomfortable, unwelcome, or unsafe on account of biological sex, race/ethnicity, sexual orientation, gender identity or expression, cultural background, age, or physical or mental ability; a place where the rules guard each person’s self-respect and dignity and strongly encourage everyone to respect others. —Advocates for Youth

Ein Platz, wo alle sich entspannen und sie selbst sein können, ohne Angst, sich unkomfortabel, unwillkommen oder bedroht zu fühlen, aufgrund ihres biologischen Geschlechts, race/Ethnizität, sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität, kulturellem Hintergrund, Alters oder physischer oder geistigen Fähigkeiten; ein Platz wo die die Regeln den Selbstrespekt und Würde einer jeden Person schützen und alle ermuten, sich gegenseitig zu respektieren.

Warum sollte man seine aktivistische Gruppe zu einem sicheren und barrierefreien Ort machen? Je mehr Leute mitmachen, umso mehr Ideen gibt, umso mehr kann geschafft werden, umso mehr kann geändert werden. Natürlich: Sich aktiv dafür zu bemühen, bedeutet auch wieder Arbeit. Doch wenn man nicht einmal bei sich selbst anfangen kann, wie kann man dann die Welt ändern? (Wie ich im Workshop anmerkte, werde ich niemanden zwingen, seine Gruppe so zu gestalten. Aber wer Frauen nur zum Anschauen dabei haben will oder Lesben aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ausschließt, darf sich nicht beschweren, wenn Frauen diese Gruppe nicht unterstützen oder sie sich Homophobie-Vorwürfen ausgesetzt sieht.)

Klar, wer keine Glaskugel hat, kann leider nicht alle Probleme voraussehen, die andere Aktivist_innen haben – oder die sie davon abhalten, sich zu engagieren. Umso wichtiger ist es aber, jederzeit ein offenes Ohr zu haben. Zum einen für Vorschläge, zum anderen für Beschwerden. Am besten ist es dabei, klar zu kommunizieren, wo dies geschehen kann und was danach passiert. Die erste Regel: Ernst nehmen. Ob schwerer Übergriff oder „kleines“ Problem, wer dies anbringt, verdient Respekt und darf nicht als das Problem an sich behandelt werden.

Rp12-Tickt, auf der unteren Hälfte klebt ein schwarzer Aufkleber: space invaders against homophobia

By @autofocus

Einer der grundlegenden Punkte beim Bemühen, einen Ort zu schaffen, an dem sich mit Menschen mit verschiedenen Hintergründen willkommen fühlen, ist Sprache. Wie spreche ich potentielle Aktivist_innen an? Wie sprechen wir untereinander? Und wie beschreiben wir uns nach außen? Der bereits erwähnte Satz „Wikipedia ist kein Mädchen­pensionat“ zeigt als Negativ­beispiel, dass sich Mädchen hier nicht blicken lassen müssen – egal wieviel Wissen, Zeit oder Engagement sie mitbringen. Gruppen, die „schwul“ oder „behindert“ als Schimpf­wörter verwenden, zeigen ebenfalls deut­lich, wem hier weniger Wert zu­ge­messen wird.

Ebenfalls schnell einleuchtende Punkte sind der Ort eines Treffens, möglichst barrierefrei und ohne rassistische Deko, die Zeit und damit immer wieder Kinderbetreuung. Dabei stellen sich diese Fragen sowohl im Offline, wie auch im Onlineleben. Skype oder Chats können Menschen überfordern, andererseits bieten sie bei guter Internetverbindung eine Alternative zu womöglich langen Anfahrtswegen. Eine Patentlösung gibt es hier leider nicht, sondern muss stets neu gefunden werden. Wie das aussehen kann, darum ging es anschließend.

In der Diskussion fanden sich noch weitere Techniken und Fragen. So hat es sich z.B. auf einer Mailingliste bewährt, klare Moderationsregeln einzuführen und nach einer Ermahnung Konsequenzen zu ziehen. Weiter zeigte es sich mehrfach, dass es vielen schon helfen würde, einmal Rückendeckung zu bekommen und sich nicht alleine zu fühlen. Wer hitzige Debatten vermeiden möchte, so ein Rat, kann Nachfragen oder die Klärung eines Zwischenfalls auch an eine_n Mitaktivst_in abgeben, der oder die gerade einen ruhigen Kopf hat.

Eine Technik, die eigentlich zur Seminargestaltung dient, ist der Themenspeicher. Er ermöglicht es normalerweise, ablenkende Themen zu erfassen und abzuarbeiten, nachdem das eigentliche Seminarthema behandelt wurde. Er könnte aber genauso gut verwendet werden, um z.B. die Teilnahmehürden zu einer Gruppe zu erfassen. Doch nicht für alles gibt es bisher eine elegante Lösung. So ist das Termin­ab­sprache­tool Doodle nicht barrierefrei, Blinde können es nicht nutzen. In einer Gruppe gibt die blinde Person die Termine vor, in einer anderen steht ihr dafür ein_e Helfer_in zur Seite.

Wie barrierefrei eine Webseite ist, lässt sich z.B. mit WAVE überprüfen. Eine Teil­nehmerin merkte jedoch an, dass die Erklärung eines Bildes durch Al­ter­na­tiv­texte auch störend sein kann – wenn diese etwa dauernd den Text unterbrechen und keinen Mehrwert zum Text liefern. Schließlich kam noch eine ganz andere Hürde auf. Auch in Deutschland möchte nicht jede_r unter seinem richtigen Namen (in Inter­net­de­batten gerne auch: Klarnamen) bloggen – etwa aus Angst vor Gewalt­an­droh­ungen oder vor beruflichen Kon­se­quenzen. Leider hat nicht jede_r so eine ver­ständnis­volle Chefin wie Kristina Schröder. Eine Anlaufstelle, sich über die technischen Möglichkeiten zu informieren, ist da das Tactical Technology Collective.

Doch kann es überhaupt einen wirklich sicheren Ort geben? Auch diese Frage wurde diskutiert und ein anderer Begriff eingebracht: Caring Space. Ein mitfühlender und vorsorglicher Ort, nicht so absolut wie ein safe space – aber dafür den Prozess beschreibend, der dort vollzogen wird. In diesem Sinne: Mehr über safe spaces lernen und mehr darauf hin wirken.

Linktipps
Frauen*räume und die Diskussion um Trans*offenheit (PDF)
auf englisch:
Ausführliche Anleitungen und Erklärungen zu safe spaces
Eintrag im GeekFeminism Wiki
Safe Space Kit (PDF)
When is a safe space a safe space?

Weitere Links gerne in die Kommentare, ein Videomitschnitt vom Ein­führungs­vortrag wird demnächst hochgeladen.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 8. Mai 2012 um 9:32 Uhr unter Aktivismus, Netz(kultur). RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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5 Kommentare

  1. Zeichenlese sagt:

    […] Von der #rp12: How to make your activist space a safe space (Helga Hansen) auf maedchenmannschaft.de […]

  2. […] Helga dokumentiert ihren republica-Workshop How to make your activist space a safe space Mai 8th, 2012 in Fundstücke | tags: Aktivismus, Barrierefreiheit, Diskriminierung, Gender, republica, rp12 […]

  3. Kati Karati sagt:

    Liebe Helga,
    Danke nochmal für den WS und besonders hier für die Dokumentation der Ergebnisse in diesem Blogeintrag!

  4. […] wir im Netz Verantwortung füreinander tragen?, die in Helgas re:publica Workshop gesammelten Ideen zum Caring Space und auch Franzsikas Text zum Schmerzensmann. [↩]Share/Save Ich bin hin und her gerissen, was den […]

  5. […] 2012: How to make your activist space a safe space (Helga Hansen bei der […]